Günter Böhnke, Juli 2003
Eins werden mit dem Schritt - Impressionen vom Transeuropalauf
TransEurope-FootRace
von Lissabon nach Moskau
in 64 Tagen über 5.035 km
19.April - 21. Juni 2003
Prolog
Viele
Menschen interessieren sich nicht für Selbsterfahrung. Die
Vorstellung, daß man Anstrengungen und Willenskraft aus reiner
Lebensfreude auf sich nimmt, aus Lust die Welt und sich selbst zu
erfahren, dieser Gedanke kommt ihnen nicht. Nein. Es muß immer
praktische Arbeit sein, sofort anwendbar, sofort von Nutzen (nach Messner, Alleingang Nanga Parbat,
S.128).
Der Lauf zwingt wie jede andere Ausdauerleistung auch, etwa die Tour
de France im Radsport oder die Rennen um die Welt beim Segeln, zum
Nachdenken über sich selbst. Von dort ist es nur ein kleiner
Schritt zur beliebten Sinnfrage im speziellen: "Wozu dieser
Lauf?", als auch im allgemeinen: "Wozu lebe ich?".
Dabei stammt das Wort Sinn ursprünglich vom Verb sinnen ab, das
"gehen, reisen" bedeutete. Noch weiter zurück
verfolgt hat es seine Wurzel wohl in der Bedeutung "eine
Richtung nehmen, eine Fährte suchen". "Wo gehe ich
hin? Immer nach Hause." beschreibt es Novalis.
Vor
dem Lauf
Wenn
ich den anderen zuhöre merke ich, was für ein Anfänger
im Ultralauf ich bin, welch geringe Erfahrung ich besitze (nur ein
Etappenlauf über 4 Tage, 2 x 100 km, ein paar kürzere
Ultraläufe). So wenige Kilometer unter dem Gürtel, so wenig
Härte und Durchhaltevermögen bisher gezeigt. Es kommt der
Gedanke hoch: Bin ich hier richtig? Werde ich für voll
genommen?. Aber ich bin ruhig, spüre innere Ruhe, Frieden, bin
bereit zu gehen, sehne den Start herbei.
Seit November 2001
ist dieser Lauf in meinem Kopf, erst tastend, abwägend, mit dem
Gedanken nur spielend. Aber eigentlich wußte ich von Anbeginn,
daß ich wollte, der Lauf auch ein Stück mich gefunden hat.
Der Lauf hat somit lange vor dem Start in meinem Kopf begonnen und
muß, wie ich während des Laufes erfahre, auch im Kopf
bewältigt werden. Mein zentraler Vorsatz, den ich vorab tief in
mir verankert habe, lautet: Wir schaffen es: Körper, Seele,
Geist - Moskau. Immer vorwärts, Schritt für Schritt möchte
ich dieses einzigartige Abenteuer, diesen Lauf in mich aufnehmen,
werde nicht aufgeben, habe Moskau vor Augen. Der Weg dahin wird die
nächsten 64 Tage mein Lebensinhalt sein, voller Erfahrungen und
Bereicherungen, so hoffe ich.
Der
Lauf - Impressionen
64
Tage sind eine lange Zeit, die für die einzelnen Läufer/innen
mehr oder weniger in einzelne Phasen unterteilt werden kann. Die
Aufteilung in Phasen erfolgte rückblickend auf Basis der
SMSe,
die ich tägliche während des Laufes an Gunter Scheurich von
Passtschon98
versandt habe. Sie können unter
www.passtschon98.de/Transeuropa.htm eingesehen oder vom
Autor als Word-Dokument angefordert werden.
Phase 1: Euphorie
des Beginns (Tag 1 – 4)
Jeder
der an der Startlinie steht kann sich bereits als Sieger fühlen.
Hier, am Torre de Belem in Lissabon, dem Punkt an dem Eroberer und
Entdecker zur See aufgebrochen sind, ist nicht der eigentliche Start
des Transeuropalaufes. Er hat bereits vor Monaten begonnen, als es
galt zu trainieren, sich auf diesen Lauf vorzubereiten. Bereits
während dieses Zeit war ein hohes Maß an Disziplin, Geduld
und Zielorientierung aufzubringen, der Wille zu schulen. Freudiger
Lohn ist nun an der Startlinie zu stehen, dabei zu sein, nach vorn zu
blicken, einem Abenteuer entgegen. Unsicherheit und Anspannung der
letzten Tage verfliegt, ich genieße das Leben auf der Straße,
das Leben im Augenblick. In der Euphorie des Beginns darf ich jedoch
nicht vergessen, den Grundstein für einen erfolgreichen Lauf zu
legen, muß ich lernen, sehr schnell lernen, meine Kräfte
einzuteilen.
Phase 2: Die
extreme tägliche Belastung wird spürbar (Tag 5 – 18)
Nach
nur wenigen Tagen verfliegt die Euphorie, beginnt die extreme
tägliche Belastung Körper und Geist herauszufordern. Die
physiologische Vorbereitung war wichtig, ist jetzt aber zweitrangig.
Die Umstände anzunehmen, zu akzeptieren wie sie sind, wird
unabdingbar. Stefan Schlett, ein erfahrener Ultra- und
Transkontinentalläufer, meint dazu: "Dies ist ein großes
Abenteuer, ein Überlebenstrip. Jeden Tag ist mit vielerlei
Problemen umzugehen. Ärgern nützt nichts, kostet nur
Energie, die zum Laufen benötigt wird. Wenn jemand schnarcht, du
kannst es nicht ändern. Wenn es dich stört, Ohrstöpsel
rein. Fehlt Toilettenpapier, nimm, wenn genug vorhanden ist, genügend
mit. Ist die einzige Toilette am Morgen nicht mehr benutzbar, geh
hinter das Haus. Wenn die Verpflegung nicht ausreichend ist,
verschaffe dir unterwegs Zusatznahrung."
Zeit habe ich nur
beim Laufen, ansonsten: 4:30 Uhr wecken, vorbereiten, packen,
frühstücken, Start um 6:00, je nach Etappe zwischen 18 und
20 Uhr im Ziel, duschen, essen, Fußpflege. Ich schlafe zu
wenig, im entspannten Zustand schmerzen zudem die Muskeln.
In der Anfangsphase
muß sich auch der Magen-/Darmtrakt an die ungewohnte Belastung
in Verbindung mit der gesteigerten Nahrungsaufnahme anpassen.
Magenprobleme, Durchfall gehören zu den zu bewältigenden
Hindernissen. Die Substanz des Körpers wird angegriffen, die
Leistungsfähigkeit herabgesetzt, es zählt nur noch das
Ankommen im Etappenziel. Der gesamte Bewegungsapparat wird auf die
Probe gestellt, Überlastungsreaktionen stellen sich ein, bei mir
eine Knochenhautentzündung am rechten Schienbein. Unabdingbar
ist, auf die allerersten Körpersignale zu achten und unmittelbar
zu handeln, die Intensität zurückzunehmen, auch wenn es
bedeuten sollte, 20 km oder mehr bis ins Etappenziel zu wandern.
Ansonsten wird aus einem ersten Schmerz, ein leichtes Ziehen schnell
eine ernsthafte, langwierige Verletzung. In einem Rennen über
diese Distanz ist genug Zeit, Verletzungen abheilen zu lassen, aber
nur, wenn du deinem Körper die Möglichkeit dazu gibst.
Geduld und
Selbstdisziplin, gepaart mit gesundem Optimismus sind mentale
Eigenschaften, die spätestens jetzt zur Blüte gebracht
werden sollten. Der Geist muß in dieser Phase Schwerstarbeit
leisten, gerät schnell in Krisen, die das Vorankommen
erschweren. Belohnungen wie zwei Colas und Donuts in einer Bar oder
ein dickes Zitroneneis am Nachmittag verhelfen zum Schlußspurt
oder beugen einer erneuten Krise vor. Nur nicht über die
Stunden und Minuten bis zum Etappenziel nachdenken, die Tage und
Wochen bis Moskau, ansonsten dehnt sich dieser Lauf, jede Minute,
jeder Kilometer scheint endlos. Was zählt ist die Konzentration,
das Leben im Augenblick: Schritt für Schritt, hunderttausendmal
durch einen heißen Tag. Nur nicht zu weit vorausschauen, den
Geist unter Kontrolle halten, nur der nächste Schritt zählt.
Dieser Lauf muß im Kopf bewältigt werden, ansonsten
keine Chance.
In dieser Phase ist der Lauf KEIN Spaß. Lust am Laufen? Kaum.
Eher eine Übung in Konsequenz und Beharrlichkeit, ein Weg der
Läuterung. Körper und Geist erfahren Krisen, müssen
hindurch, die Selektion derer, die ankommen werden, beginnt. Jedoch,
noch einmal, der Körper paßt sich an, sofern man ihm die
Zeit dazu gibt, ihn nicht unnötigerweise überfordert.
Insbesondere zwei Läufergruppen sind dabei zu unterscheiden:
Das Dilemma oder
die Abwärtsspirale der Langsamen:
In den Unterlagen des
Veranstalters finden sich Hinweise zum Tempo. Langsame, d.h.
Marathonläufer über 3:30 h, sollten in der Regel 6,0 km /
h, inklusive aller Pausen und Unterbrechungen, höchstens jedoch
6,5 km / h zurücklegen. Was bedeutet dies bei einer 100 km
Etappe wie am 4 Tag? Über 16 h auf der Strecke, Start um 6:00,
Zielankunft um 22:00. Nun noch Lager bereiten, duschen, essen, Wunden
lecken und dies alles in einer Halle, die bereits dunkel ist, weil
sich die früher Angekommenen um 21:00 zur Ruhe begeben haben.
Glücklich wer einen persönlichen Betreuer/in dabei hat, der
zumindest das Lager vorbereitet hat, Essen bereit hält. Kaum die
Augen zu, wecken um 4:30, mit den Belastungen der Vortage in den
Knochen an den Start um 6:00, die Abwärtsspirale der Langsamen
beginnt. Der Ausweg aus dem Dilemma? Schneller laufen, das Risiko von
Überforderung und Verletzungen eingehen? Es ist ein Grenzgang,
der individuell zu gestalten ist.
Der Ehrgeiz der Schnellen:
Schnelle, gemäß
Veranstalter Marathonläufer unter 3 h, sollten 10 km / h nicht
überschreiten, wiederum inklusive aller Unterbrechungen. Laufen
die Langsamen generell mit dem Ziel anzukommen, geht es bei den
Schnellen zumeist um die Plazierung z.B. mit dem Ziel, unter die
ersten Drei oder Zehn zu kommen, Tagessiege zu erringen. Ein
gegenseitiges Abtasten setzt ein, die Leistungsfähigkeit
möglicher Konkurrenten abgeschätzt. Taktisch wird
versucht, nicht zu viel Zeit auf die / den jeweils Führenden zu
verlieren. Somit besteht kein wesentlicher Mangel an Zeit zur
Regeneration im Vergleich zu den langsamen Läufern, die Gefahr
lauert in Form von Verletzungen, die das Aus oder zumindest das Ende
der eigenen Ambitionen bedeuten können.
Den Charakter
dieser Phase spiegelt auch die Ausfallrate wider. Von den insgesamt
22 ausgeschiedenen Läufer/innen haben 16 im Rahmen dieser Phase
Schluß gemacht.
Phase 3: Der
Körper hat sich teilweise angepaßt (Tag 19 – 24)
Das Laufen beginnt
leichter zu fallen. Dank Ohropax sind die Nächte in den
Turnhallen nun ruhiger, ich schlafe zwar besser, jedoch, der Mangel
an Schlaf summiert sich, wird zum Problem. Auch im Schlaf findet der
Körper nicht die notwendige Ruhe. Des nachts wird das späte,
umfangreiche Essen für die Belastung des nächsten Tages
aufbereitet, begleitet von Schweißausbrüchen. Dennoch wird
der Kalorienverbrauch von ca. 6 - 8.000 kcal / Tag nicht
ausgeglichen. Eine Etappe von "nur" 70 km verschafft die
dringend benötigte, zusätzliche Freizeit zur Erholung. Wie
sich die Relationen durch diesem Lauf verschieben.
Exkurs: Das soziale Gefüge
Die
sozialen Kontakte sind beschränkt, noch ist jeder zu sehr mit
sich selbst beschäftigt. Später wird mir bewußt, daß
ein Gemeinschaftsgefühl unter den Läufern nicht zustande
gekommen ist, die Stimmung von Egoismus (insbesondere Futterneid am
abendlichen Buffet), Desinteresse, Geringschätzung, sogar
Mißgunst und Neid durchsetzt ist. Allerdings kann wohl kaum
jemand bei solch einer extremen Belastung, dem gemeinsamen Nächtigen
auf engstem Raum, über diesen langen Zeitraum seine (soziale)
Maske aufbehalten. Man offenbart sich, lernt sich und die anderen
kennen wie sonst niemals. Die Frage ist, ob diese vorausgesetzte
Gemeinschaft der Läufer nicht einer Wunschvorstellung, einer
sozialen Konvention entspringt oder sich nicht vielmehr Urinstinkte
Bahn brechen, die in früheren Zeiten unserem Überleben
dienten. Zumindest ist bei diesem Lauf eine Zweckgemeinschaft wie bei
einer Seilschaft am Berg nicht zwingend notwendig, bzw. wird auf
einer kleineren Ebene gebildet – Läufer/persönliche
Betreuerin, Läufer/Läufer – in der sich
Partikularinteressen besser einbringen, Sympathie und Antipathie
leichter auspendeln, gegenseitiges Verständnis direkter aufbauen
lassen. Diese Erkenntnis, so meine ich, ist wertvoll genug. Es sage
somit keiner, dieser Lauf, solch eine Ausdauerleistung sei sinnlos,
ohne jeglichen Nutzen.
"Wer sich an
sich und seinem Tun freut, muß seine Gefühle nicht mit
Bosheit, Aggressivität oder Rachsucht füttern, um
(schaden)froh zu sein (Messner, Berge versetzen, S. 173)."
Andererseits stellt Messner selber fest: "Wie befreiend sind
doch Ausdrücke des Ärgers, der Wut, der Verzweiflung über
sich selbst (Messner, Berge versetzen, S. 166)." Somit brauche
ich ein Ventil, um nörgelnd zu gesunden. Wer bietet sich da
besser an als der Veranstalter, die Organisatoren, sind sie doch für
alles, wirklich alles, verantwortlich. Zudem scheinen sie bereit, uns
diesen Gefallen zu tun, wissen sie, was auf sie zukommt. Steht doch
in der Pressemappe und Teilnehmerinformation zum Transeuropalauf "Ihr
reagiert gelegentlich überempfindlich, werdet anderen gegenüber
ungerecht oder laßt euch zu aggressiven Äußerungen
hinreißen. ..... Leute, es ist völlig normal. Denkt doch
mal an hochbezahlte Tennisspieler. Die beißen in ihren
Schläger, weil sie verzweifelt sind, daß der Blödmann
auf der anderen Seite des Netzes auf jeden Ball reagiert. Er sucht
einen Schuldigen und den findet er beim unfähigen
Schiedsrichter, dem zu lauten Publikum, dem lahmen Balljungen usw."
(TransEurope-FootRace, Schulze, S. 10). Mir hat gelegentliches
nörgeln geholfen, nicht alle haben dieses Hilfsmittel benötigt,
insbesondere die japanischen Teilnehmer/innen schienen gegen die
Versuchung gefeit.
Phase 4: Das
Laufen wird zum Automatismus, Freiraum entsteht (Tag 25 – 58)
Die Anpassung des
Körpers ist abgeschlossen, ich habe meinen Laufrhythmus
gefunden, stundenlang im Gleichtakt, Schritt für Schritt, ohne
im Ziel erschöpft zu sein. Das Laufen wird mehr und mehr zum
Automatismus. Für den Geist jedoch dehnt sich die Zeit. So
versuche ich immer wieder ihn in Gleichmut und Geduld zu üben,
ihn für die Schönheit des Augenblicks zu öffnen:
Morgennebel, eine
Allee entlang, schemenhaft die Läufer, direkt vor uns steigt
langsam die Sonne als bleicher Ball im Nebel empor, magische Momente.
Das Konzert der Feldlerchen.
Die von Blütendolden bedeckten Robinien, weiß in der Sonne
strahlend.
Violette Lupinen, in wunderbaren Mengen.
In gelungenen
Momenten verschmelzen Körper und Geist mit Atmung und Schritt,
tragen mich flott ins Ziel, ruht der Geist in sich, schweift nur ein
wenig, nimmt den Horizont in sich auf, lächelt, während die
Zeit verstreicht, einfach so, ohne Belang.
Dazu kommt die
Erkenntnis, immer wieder genährt von Stefan Schlett, daß
das Leben, zumindest für mich und die anderen langsamen Läufer,
zu großen Teilen auf der Straße stattfindet. Bei 64
Tagen muß da Qualität rein. Morgens nach den ersten 2-3 h
nicht an der Bäckerei vorbeilaufen, hinein, zwei Stückchen
mitnehmen, beim Gehen goutieren, toll. An den Verpflegungsstellen
nicht schnell, schnell, sondern setzen, essen, ein Plausch. Für
mich keine verlorene Zeit, Energie tanken, die dringend benötigte,
keinen Raubbau betreiben, dazu ist die Distanz zu lang.
Im Gegensatz dazu
werde ich immer wieder mit folgendem konfrontiert:
Eine Reporterin
fragt mich: Bekämpfen Sie Ihren inneren Schweinehund?
Ich
bekämpfe mich nicht, denn dann bin ich auch Verlierer. Ich
horche in mich hinein, Signale beinhalten wertvolle Informationen,
mit denen positiv umgegangen werden kann. Körper, Seele, Geist,
gemeinsam wollen wir nach Moskau.
Die
Erwartungshaltung (sogar von Werner Sonntag): Von Erschöpfung
zerfurchte Gesichter, ausgemergelte Körper am Rande des
Zusammenbruchs. Erstaunen über freundlich lachende Gesichter,
normalen Gang. Dabei wachsen Körper und Geist im Laufe der
Veranstaltung, werden stärker als jemals zuvor. Das Rezept:
langsam, essen als Dauerbeschäftigung, trinken, schlafen, eine
positive Grundhaltung. Andererseits ein Leichtes, sich kaputt zu
laufen.
Erwartungshaltung: " "Zurzeit läuft keiner
schmerzfrei", sagt Uwe Görtz, der als ARD-Reporter den
Lauf begleitet" (Berliner Zeitung vom 26. Mai 2003). Ich war
zu diesem Zeitpunkt schmerzfrei, andere auch. Es mag sogar Läufer
geben, die glauben, zu so einem Lauf gehöre Schmerz dazu,
ansonsten sei es kein richtiger Transkontinentallauf. Sie werden
finden was sie suchen. Dabei besteht die Kunst gerade darin,
weitgehend schmerzfrei zu bleiben, diesen Lauf zu genießen.
Also keine Quälerei,
kein Selbstmißbrauch , keine Vergewaltigung des Körpers?
Für mich eine konzentrierte Anstrengung gepaart mit viel
Durchhaltevermögen, die mit tiefer Befriedigung verbunden ist,
es wieder geschafft zu haben. Daheim auf der Couch liegend, den
Fernseher eingeschaltet, das Bier in Griffweite, verspüre ich
diese Befriedigung nicht.
Phase 5: Die Luft
ist raus (Tag 59 – 63)
Ich laufe nur noch,
um anzukommen. Vorfreude auf Moskau kommt nicht auf, nur eine gewisse
Erleichterung, daß es demnächst vorbei ist. Die Belastung
der vergangenen Wochen scheint nun als bleierne Müdigkeit auf
mir zu liegen. Manfred Leismann: "Nachdem ich so weit gekommen
bin, warum quält mich dieses letzte Stück so?". Es
ist diese Phase, die ich mir selber am wenigsten erklären kann,
die mir am wenigsten zugänglich ist. Mag sein, daß es
einfach an der Zeit war, diesen Lauf zu beenden, nach Hause zu gehen.
Der Punkt erreicht ist, an dem es genug ist, genug von Höhen und
Tiefen, konzentrierter Anstrengung, Geduld und Beharrlichkeit, Nebel,
Sonne und Regen, Landschaften und Verkehr, genug von Gedanken und
Ruhen im Augenblick, genug, um eine lange Zeit davon zu zehren.
Die
Leere zum Schluß
Kein Siegestaumel,
keine Freude, weder Traurigkeit, noch Tränen der Erleichterung,
der Ergriffenheit. Das vorherrschende Gefühl ist Leere, eine
große Leere.
Den Zieleinlauf, den
letzten Tag hatte ich mir ganz anders vorgestellt. 63 Tage, über
5.000 km liegen hinter mir, der 64. Tag sollte nun Höhepunkt und
Abschlußfest sein. Nach 42,2 km, im Ziel meines ersten Marathon
im Oktober 1997, wurde ich von einem intensiven Gefühlsausbruch
überschwemmt, so vieles fiel in diesem Moment von mir ab, Tränen
flossen, ich war glücklich. Und nun diese Leere, schwer zu
beschreiben, wie abgestumpft, als ob ich mich im Innern verlaufen
hätte, an einem Ort angelangt bin, an dem ich nicht hingehöre,
zu dem ich nicht wollte. Krank scheine ich nicht zu sein, frage bei
anderen nach, stoße auf Ähnliches.
Es mag seine Zeit
brauchen, bis ich den Lauf in seiner Konsequenz begreife. Die
Veränderung spüre, die er bewirkt hat. Eines ist sicher:
Wer kennt schon seine Grenzen, wenn er sich Ziele setzt und sie mit
Hingabe verfolgt.
Nach
dem Lauf
Die Lust am Laufen
habe ich nicht verloren, mich bereits zu neuen Läufen
angemeldet, auch wenn ich die Belastung in den Beinen, den Muskeln
und Gelenken auch nach fast 4 Wochen noch spüre. Hätte man
mich kurz vor dem Ende des Laufes gefragt, ob ich jemals wieder an
einem Transkontinentallauf teilnehmen werden, die Antwort wäre
ein klares Nein gewesen. Kurz nach dem Lauf, bei den ersten
Interviews ist dies Nein bereits zu einem Jein mutiert. Jetzt weiß
ich, Ja, ich möchte mit meiner Erfahrung aus dem Transeuropalauf
noch einmal solch einen Lauf bestreiten. Wäre der Run Across
America 2004 nicht so teuer (ca. 18 –20.000 US $) und eigene
Betreuer notwendig, ich würde es mir ernsthaft überlegen.
Die Entscheidung
ist gefallen, daß ich in meinen ursprünglichen Beruf nicht
zurückkehren werde, es käme mir nach der fast zweijährigen
Auszeit, die vom Fahrtensegeln und Laufen, vom Leben in und mit der
Natur geprägt war, wie ein Rückschritt vor, ein Anknüpfen
an einen Lebensabschnitt, der der Vergangenheit angehört. Erst
einmal will ich mir die Freiheit bewahren, aufzubrechen, wohin ich
will.
Ja
zum Transeuropalauf 200X
Der Transeuropalauf
2003 war ein Erfolg, ein einzigartiges, wunderbares Erlebnis. Mit
etwas Abstand schrumpfen all die Mängel, Querelen,
Enttäuschungen und Auseinandersetzungen, letztendlich sind sie
Teil von uns, prägen sie auch unser Alltagsleben. Aber das
Gefühl an etwas Großem teilgehabt, eine außerordentliche
Leistung vollbracht zu haben, ist nicht nur von Dauer, sondern hat
uns geprägt, Spuren hinterlassen - ich wage es nicht nur von mir
zu sprechen. Mit diesem Lauf haben wir uns auf eine Reise
eingelassen, die nicht zum Ausgangspunkt zurückführt.
Mit einem
kompetenten Sponsor, der es erlaubt mit 1-2 Personen eine
Wiederauflage Vollzeit vorzubereiten, Preisgelder garantiert, was
wäre nicht alles erreichbar. Es muß ja nicht gleich die
Popularität einer Tour de France oder der Rennen um die Welt
beim Segelsport erreicht werden, das Potential jedoch ist vorhanden.
Es gibt weit mehr interessierte Läufer/innen als Radfahrer oder
Segler, der Trend ist ungebrochen. Viele der populären
Sportarten, auch wenn sie mehrheitlich als Ausgleich, als Hobby
betrieben oder auch nur konsumiert werden, haben ein Top Event. Mit
einer spannenden Berichterstattung durch Experten, wie sie
ansatzweise bei www.steppenhahn.de, insbesondere durch Markus Müller,
stattgefunden hat, kann eine breite Öffentlichkeit auch über
einen Zeitraum von 64 Tagen gefesselt werden. Es geht im Kern nicht
nur ums Laufen, dem Mitfiebern mit seinen Lieblingen oder Favoriten,
es geht um Sieg und Niederlage, das Überwinden von und Scheitern
an Hindernissen, Teilhabe an Leid, Freude und Verzweiflung, begehrte
Emotionen, die in dieser Intensität im eigenen Alltagsleben
weitgehend verschwunden sind .
Mit dem Beitritt von
Polen, Litauen, Lettland und Estland zur Europäischen Union im
Mai 2004 ist eine alternative Streckenführung denkbar, die
keinerlei Grenzschwierigkeiten mehr beinhaltet. Von Cádiz nach
Tallinn, damit wären Länderdurchquerungen mit eigener
Wertung (Spanien, Frankreich, Deutschland, Polen, baltische Staaten)
in den Lauf integrierbar für Läufer/innen, die sich die
Gesamtdistanz nicht zutrauen. Das Medien- und Publikumsinteresse in
den einzelnen Länder wäre sicherlich ausgeprägter.
Interessant wäre auch Teams zuzulassen. Auf diese Weise könnte
es u.a. Firmen-, Länder- oder Frauenteams geben.
Sponsoren, vor mit
Euren Anforderungen und Ideen, damit sie ins Konzept einfließen
können, der 2. Transeuropalauf Wirklichkeit werden kann, ich
bin dabei.
Epilog
Wiesen voller
Löwenzahn. Ein Hauch und die Samen schweben so leicht, so
schwerelos dahin. Ich stelle mir vor, so laufen zu können.
Dieser
Transeuropalauf an sich war und ist zweitrangig. Und das ist gut so.
Wäre er es nicht, ständig müßte ich unterwegs
sein. Das Ziel war und ist nicht Moskau, denn es hört auf zu
existieren, sobald es erreicht ist. Von Dauer sind Selbsterfahrung
und daraus sich entwickelnde Selbsterkenntnis. "Wo gehe ich
hin? Immer nach Hause." beschreibt es Novalis.
Anmerkung zum 1. Transeuropalauf 2003:
In
Summe wurden 5.035,7 km zurückgelegt. Die km Angabe basiert auf
den nachträglich korrigierten Werten. Davon in der Zeitwertung
sind 5.018,4 km. Die ersten 8 km in Lissabon sowie die 9,3 km am 64.
Tag in Moskau wurden als Gruppe ohne Zeitnahme gelaufen.
Am
Start in Lissabon waren 7 Läuferinnen, 36 Läufer und 1
Rollstuhlfahrer (Bernard Grojean) aus 12 Nationen. Deutschland
stellte mit 20 Startern die meisten Teilnehmer, gefolgt vom
laufbegeisterten Japan mit 10. Mariko Sakamoto aus Japan, als
einzige Frau, 20 Läufer und Bernard Grojean erreichten Moskau.
Schnellster bei den Männern war Robert Wimmer aus Deutschland,
gefolgt von Martin Wagen, Schweiz, und Wolfgang Schwerk, Deutschland.
Für
die 5.018,4 km benötigte ich 666:20:53 h. Dies sind 7:58
Minuten/km bzw. 7,53 km/h, was mir Platz 15 einbrachte. Der
Schnellste, Robert Wimmer, brachte es auf 478:14:51 h.
Literatur:
Alleingang Nanga Parbat, Reinhold Messner, 1979
Mein Weg zum Transeuropalauf, Bericht über Vorbereitung + Training, Günter Böhnke, Januar 2003
Transeuropalauf 2003: Meine täglichen SMSe, Günter Böhnke,
April/Juni 2003
Berge versetzen: das Credo eines Grenzgängers, Reinhold
Messner, 2. Auflage, 1996
TransEurope-FootRace – Pressemappe + Teilnehmerinformation,
Ingo Schulze, 8. Auflage, Februar 2003
© Günter Böhnke, Juli 2003, Vorderwart 2a, 65719 Hofheim
vingilot@t-online.de