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Transeuropalauf

  TransEuropalauf - Das ganz besondere Abenteuer

Mail an die Transeuropäer

   "Wer spricht von Siegen? Überstehen ist alles." - Rainer Maria Rilke

   Bereits 64 Tage vergangen - noch 0 Tage bis Moskau
Offizielle Web-Seite unter http://www.transeuropalauf.de/
Das Bayer-Team läuft unter http://www.team-bayerpolymers.de/
Günters SMS bei Passtschon98 unter http://www.passtschon98.de/Transeuropa.htm

Übersicht - Etappen - TeilnehmerInnen - Transkontinentale Geschichte - Tempo - Wertung - Eindrücke (4)

Es folgt Stefan Schletts Bericht zum TransEuropa, vorweg allerdings noch seine zugehörige Email:

Hallo Stephan,
in der Anlage findest Du meine bereits in Spiridon 8/03 publizierte Reportage über den Trans Europa Lauf.. Allerdings VOLLSTÄNDIG und UNGEKÜRZT.
Dies als mein Beitrag zum Trans Europa Forum.
Ich möchte unmissverständlich betonen, daß ich in dieser Reportage niemanden "in die Pfanne hauen" oder denunzieren will. Im Gegenteil, Manfred Leismann und Ingo Schulze sind mir als Menschen und als Läufer sehr sympathisch. Aber als Organisatoren haben sie leider nicht nur versagt, sondern sich übernommen und dadurch 60 - 70 hochklassige Läufer und Betreuer unnötigen Gefahren ausgesetzt. Und genau dieser Fakt soll in meinem Report dargestellt werden.
Es fiel mir übrigens nicht leicht, einen solch kritischen Bericht zu verfassen. Aber ich bin in meiner Eigenschaft als Fachjournalist dafür bekannt, die Wahrheit zu schreiben bzw. zumindest zu versuchen, diese darzustellen. Und mehr als das habe ich hier nicht getan. Auch konnte ich viele Punkte nur sehr oberflächlich ansprechen. Detaills würden ins uferlose ausarten und wären Stoff für ein Buch (und dafür habe ich weder Zeit noch Geld).
Diese Zeilen darfst Du gerne mit veröffentlichen.
Herzliche Grüße
Stefan Schlett


Stefan Schlett, Juli 2003

Von Lissabon nach Moskau, 5046 km in 64 Tagen

Trans Amerika war der SCHÖNSTE
Trans Australien war der BRUTALSTE
Trans Europa war der BESCHEUERTSTE
(Ein Überlebender zieht Bilanz)
Stefan wartet auf die Weserfähre

Ich hatte einmal einen Traum. Eine Kontinentaldurchquerung, die vernünftig und intelligent, mit einem gesunden Menschenverstand organisiert ist. Ein Tagespensum von 67-72 km (da können sich die Körperstrukturen noch einigermaßen über Nacht erholen), vernünftiges Essen und Unterkünfte, korrekte Streckenvermessung und gegebenenfalls auch mal einen Ruhetag (gibt es ja bei der Tour de France auch). Aus all den schlechten Erfahrungen bei vorhergehenden Veranstaltungen hätte man beim Trans Europa Lauf, dem 9. Transkontinentalrennen in der Geschichte der Menschheit, lernen können. Es hätte zu einem Festival der Ultra-Elite werden können.

Die Realität ist leider viel brutaler. Ingo Schulze und Manfred Leismann –beide zusammengenommen schon eine "hochexplosive Mischung"- hatten keinen Traum, sondern einen Wahn: Die Strapazen einer Kontinentaldurchquerung zu Fuß, auf dem am dicht besiedelsten Kontinent, mit den meist befahrenen und gefährlichsten Straßen der Welt, war ihnen noch nicht genug. Nein, es mußte –maßgeschneidert für die Rekordgeile Presse- der "Längste, Schwerste und Härteste Lauf der Welt" sein, mit dem höchsten Tagespensum (durchschnittlich 80 km/Tag) das bei solch einem Ereignis jemals gelaufen worden ist. Und natürlich nonstop, ohne Ruhetag, sonst wäre das ja etwas für Weicheier, eine Veranstaltung die jede Hausfrau mit der Aldi-Tüte unterm Arm hätte machen können. Die Argumentation "Nach dem Vorbild von Amerika (= 300 km kürzer, Anm. des Autors) und Australien (= 700 km kürzer, Anm. des Autors) soll der Lauf 64 Tage dauern" war derart schwachsinnig, daß dies alleine schon Grund genug gewesen wäre, dieser Veranstaltung fern zu bleiben. Dazu kam noch, daß Leismann als Organisator, der für Streckenplanung und –vermessung, sowie für die Beschaffung der Unterkünfte verantwortlich zeichnete, selbst mitlaufen wollte, was berechtigte Zweifel an der Seriosität des Unternehmens aufkommen lies.

Natürlich kann ein erfahrener Ultraläufer über Wochen hinweg 80 km täglich laufen, auch 100 km sind kein Problem und Wolfgang Schwerk aus Solingen, einer der Topfavoriten beim Trans Europa Lauf, hat beim 3100-Meilen-Rennen in New York bewiesen, daß man auch 42 Tage lang einen Schnitt von 117 km laufen kann. Aber dafür müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Bei einem gut organisierten Multi-Day-Rennen, auf vermessenem Rundkurs in einem Park oder Stadion, und durchdachter Logistik stellt dies kein Problem dar. Aber bei einem Transkontinentalrennen mit täglichem Straßenkampf (schlechte Straßen, Massenverkehr, rücksichtslose Fahrer, Hundeattacken, Orientierungsschwierigkeiten, Horrorwetter und Logistikproblemen) und chaotischer Organisation ist das eine unnötige Vergewaltigung des Körpers. Zumal, wenn man unter derart assozialen Bedingungen hausen muß, wie das bei solchen Veranstaltungen nun mal üblich ist. Da Leismann selbst schon durch Amerika gelaufen ist und Schulze zwei mal durch Deutschland, hätte man von ihnen als erfahrene Ultraläufer ein gewisses Einfühlungsvermögen erwarten dürfen. Allein rechnerisch ergibt sich bei einem geforderten Zeitlimit von 6 km/h bei 80 km/Tag eine völlig unzumutbare durchschnittliche Tagesbelastung von über 13 Stunden für Läufer und Betreuer – und das 64 Tage lang! Ein auf 72 Tage ausgerichtetes Rennen hätte eine um 10 km geringere Laufbelastung pro Tag bedeutet und somit 100% mehr Spaß für alle Beteiligten. So jedoch wurde es zu einer Irrfahrt in den Grenzbereich des Wahnsinns.

Da ich bereits die Premieren des Trans-Amerika-Laufes (1992) und des Trans-Australia-Footrace (2001), die damit verbundenen Desaster und die Stümpereien der Organisatoren überlebt hatte, entschied ich mich letztendlich doch für eine Teilnahme. Ich tröstete mich mit der Tatsache, daß wir Läufer uns "nur" 2 Monate quälen müssen, die Organisatoren aber für den Mist den sie produzieren viel länger leiden und jahrelang Schulden tilgen müssen, wie in Amerika und Australien geschehen. Die meisten der 48 Angemeldeten hatten allerdings nicht die geringste Ahnung, auf was und vor allem wen sie sich da einließen.

Alleine die nackten Zahlen des Trans Europa Laufes waren schon schwindelerregend: Vom 19.04.-21.06.03 sollten 5046 km von Lissabon nach Moskau in 64 Tagesetappen gelaufen werden. Ein Lauf durch 8 Länder, 4 Zeitzonen, 47 Längen- und 18 Breitengrade. Für ein bescheidenes Startgeld von Euro 45.- pro Tag sollte Frühstück, Wettkampfverpflegung, Abendessen, Gepäcktransport und ein Dach über dem Kopf gewährt werden. 36 Männer, 7 Frauen und ein Rollstuhlfahrer aus 12 Nationen, Durchschnittsalter 48,5 Jahre, fanden sich Ostersamstag am Torre de Belem am Rio Tejo in Lissabon ein. Von hier aus starteten in früheren Zeiten die großen Seefahrer zu ihren historischen Entdeckungsreisen. Gewiss ein würdiger Platz für den Start eines Transkontinentallaufes, der wie eine Reise zu einem anderen Stern ist und eine Expedition in die tiefsten Abgründe des Bewußtseins darstellt. Hitler und Napoleon kamen nicht nach Moskau, denn sie hatten kriegerische Motive. Aber wir Ultraläufer wollten beweisen, daß es mit friedlichen Mitteln geht..............

Schon nach 2 Tagen hatten wir das erste Land und die erste Zeitzone hinter uns. Die wunderschöne, einsame Landschaft der spanischen Extremadura nahm uns auf. Die wenigen Ortschaften die wir passierten waren ärmlich, hatten meistens eine riesige, halb verfallene Kirche und boten keine Versorgungsmöglichkeiten. Am 6. Tag wurde im 839 m hoch gelegenen und von den schneebedeckten Bergen der Sierra de Gredos umgebenen Bejar der höchste Zielort des Rennens erreicht. Erst am 9. Tag, bei der Durchquerung von Valladolid, gelang es mir erstmals, während des Rennens in einer Bäckerei Zusatzverpflegung zu besorgen. In der ersten Woche herrschte Mangelwirtschaft an den im Abstand von 10 km aufgebauten Versorgungsstationen. Nachdem man kapiert hatte, daß wir mit Zwieback, Keksen und Schokolade keine 80 km am Tag laufen können, fingen die Helfer an zu improvisieren und zu organisieren. Von da an hatten wir an unseren Boxenstops eine reichhaltige und Abwechslungsreiche Verpflegung.

Ein Tagespensum von 80 km bedeutet, daß jede 60 km "Erholungsetappe" mit zwei 90 km Etappen "gebüsst" werden müssen, um wieder auf den Schnitt zu kommen. Dies forderte schon bald seinen Tribut. Ab der 3. Etappe gab es tägliche Ausfälle und die Schar der "Straßenkämpfer" wurde immer kleiner. Sollte es in diesem Rhythmus weitergehen, wäre bis Warschau kein einziger Teilnehmer mehr übrig! Es war grausam, mit ansehen zu müssen, wie 3 ½ Dutzend der talentiertesten Ultraläufer aus aller Welt mit Monsteretappen bis 100 km und organisatorischen Mißständen regelrecht verheizt wurden. Zwar ist es normal, daß bei derartigen Belastungen physische und psychische Zerfallserscheinungen auftreten, aber in einem solchen Ausmaß hatte selbst ich das noch nicht erlebt! Die Streckenbeschreibung war oftmals ein völliger Murks, gespickt mit Druckfehlern, falschen und manchmal überflüssigen Angaben, jede dritte Ortschaft war falsch ausgeschrieben. Dazu kam, daß an den Zielorten fast täglich etliche Kilometer mehr gelaufen werden mußten, als in der Streckenbeschreibung angegeben war. Es gibt nichts grausameres für die Psyche eines Ultraläufers! Vor allem wenn man nach einem 10-12-stündigen Arbeitstag auf der Straße noch eine kräftezehrende "Sightseeingtour" durch belebte Straßen machen muß, ohne daß man den Namen des Ziels überhaupt kennt. Es blieb nur, den Pfeilen der Streckenmarkierer zu folgen, in der Hoffnung, daß diese noch vorhanden waren (sie wurden leider oft von Kindern abgerissen) bzw. das man diese nicht übersah (was bei dem Grad der Erschöpfung ebenfalls oft vorkam). So gestaltete sich der Zieleinlauf oftmals zu einem nervenaufreibenden Spießrutenlauf. Joachim und Brigitte Barthelmann machten dabei als Streckenmarkierer einen phantastischen Job und versuchten aus den oftmals wirren Angaben in Leismann’s Streckenbeschreibung, die richtige Route herauszufinden. Ohne diese beiden wäre der Lauf niemals nach Moskau gekommen, sondern hätte irgendwo in Rom geendet..................

Es gab bei diesem Rennen keine Informationspolitik, weder über Zusatzkilometer, Namen der Hallen, Essenszeiten usw. Statt dessen mußte man aus einem Wust von "Scheißhausgerüchten" die verwertbaren Informationen herausfiltern. Es ist nachvollziehbar, daß bei der Streckenerkundung, ein Jahr vor dem Rennen, in den meisten Zielorten noch keine Zusagen von den örtlichen Behörden gemacht werden konnten, über Hallen oder Schulen, die als Unterkünfte dienen sollten. Aber einen Tag vorher weis man das, und ein Vorkommando hätte die fehlenden Kilometer vermessen können. Als weitere Alternative hätte es auch gereicht, dem letzten Versorgungsstand des Tages die aktuellen Änderungen mitzuteilen, der diese dann an die Läufer weitergibt. Hier sind einfach die Hausaufgaben nicht gemacht worden! Ein Ultraläufer flucht zwar, wenn er erfährt, daß im Ziel 5 oder 7 km mehr zu laufen sind, aber er kann es dann zumindest im Kopf verarbeiten. Exemplarisch sei hier die 5. Etappe von Caceres nach Plasenica genannt. Die bergige Etappe war mit 95 km ausgeschildert, jedoch mußten im Zielort Plasenica noch 5 km bergauf gelaufen werden, so daß daraus ein glatter 100er wurde. Die Halle war ein Rattenloch und bot weder genügend Platz noch ausreichend sanitäre Anlagen, um ca. 60-70 Personen aufzunehmen, die Duschen waren kalt. Bei solchen Zuständen kann man eigentlich nicht von Wettkampf sprechen, sondern eher von einer verschärften Durchschlageübung mit Survivalcharakter. Deshalb stand meine Strategie von Anfang an fest: Da sich der halbe Tag auf der Straße abspielte, versuchte ich mir diesen so angenehm wie möglich zu gestalten. Extrem langsames Tempo, um keine Verletzungen zu provozieren. Einen Rennarzt gab es nicht, was bei einer derartigen Veranstaltung eigentlich schon fahrlässig ist. Zur Selbstbehandlung gab es bei diesem Tagesablauf so gut wie keine Zeit. Ich machte ausgedehnte Pausen an den Verpflegungsstellen, um den enormen Kalorienverbrauch einigermaßen abzufangen. Dazu regelmäßige Zusatzversorgung in Bäckereien und Imbissbuden entlang der Laufstrecke. Zeit und Platzierung waren völlig "Wurscht", einzig das Fernziel Moskau, irgendwann in absehbarer Zukunft zählte. Und im Ziel ging das Gerödel ja erst richtig los: Gepäck suchen und schleppen, Biwak aufbauen, Körperpflege, Klamotten waschen, Essen fassen, Schlafen. Organisator Schulze argumentierte zwar, daß dies ein Abenteuer sei. Aber dieser Murks war kein Abenteuer, sondern systematische Gesundheitszerstörung!

Nach 11 Tagen war Spanien durchquert, die Pyrenäen waren in zwei Tagen genommen. Frankreich empfing uns mit seinen typisch einsamen Landstraßen, die durch beschauliche und ruhige Landschaften führten. Hier und da wurde in den Zielorten vom Bürgermeister ein Empfang organisiert, von dem meistens die Hälfte der Läufer nichts mitbekam, da diese noch unterwegs waren. Die Sportbegeisterung in der Grand Nation ist ja über die Grenzen hinaus bekannt. Hier wurde der Trans Europa-Tross wahrgenommen und erregte Aufmerksamkeit. Die Versorgungsmöglichkeiten waren erheblich besser, als in Nordspanien. Frankreich war das längste zu durchquerende Land bei diesem Trip. 14 Tage bzw. 1153 km waren dafür veranschlagt.

Das Presseecho war das größte, das es je bei einem Kontinentalrennen gegeben hat. Bereits im Vorfeld war der "Trans-Europe" in den Fernseh-, Rundfunk- und Printmedien ein Ereignis. Ein Team vom ARD-Morgenmagazin machte in Spanien und Deutschland sogar Liveschaltungen vom Start, Morgens um 6 Uhr. Besonders in Deutschland wurden wir auf Schritt und Tritt von den Medien verfolgt. Erst im Osten Europas wurde es wieder etwas ruhiger.

Jemand der sich Renndirektor bzw. Organisator schimpft, dem darf man bei einem Rennen mit so vielen Unwägbarkeiten ruhig eine "Lehrzeit" von 1-2 Wochen zugestehen. Aber dann muß er die wichtigsten Probleme erkannt haben und darauf reagieren. Und das oberste Ziel eines Organisators sollte es sein, so viele "Schäfchen" wie möglich in den Stall zu bekommen. Doch konstruktive Kritik oder Verbesserungsvorschläge wischte Ingo Schulze mit zwei Standartphrasen aus dem Weg: "Das ist das härteste Rennen der Welt" und (fast schon erpresserisch) "ich breche das Rennen ab, ich will nicht nach Moskau, ihr wollt nach Moskau". Mit seiner Arroganz verkraulte er damit auch etliche freiwillige Helfer, auf die wir dringend angewiesen waren. Michael Purwins, ein Teilnehmer der ihm zwei Transportfahrzeuge und einen Anhänger kostenfrei zur Verfügung stellte, lies er am Ende des Rennens sogar auf einem Reparaturschaden von Euro 3000.- - 4000.- sitzen. Und Manfred Leismann lehnte jegliche Verantwortung in Bezug auf die Streckenbeschreibung ab, da er jetzt nur als Läufer unterwegs war. Was die beiden mit ihren Stümpereien Läufern und vor allem Betreuern zumuteten war geradezu fahrlässig! Die Leute waren nach 2 Wochen derart erschöpft, übermüdet und gestresst, daß das Rennen ein ganz großes Potential für ein Desaster hatte. Daß letztendlich nichts gravierendes passierte ist der Tatsache zu verdanken, daß die größten Idioten die meisten Schutzengel haben! Dem Lauf fehlte die Menschenwürde. Die Beteiligten dieser Odyssee verrichteten wie Roboter ihr Tageswerk, in der Hoffnung, daß dieser Spuk irgendwann einmal vorbei ist.

Die Verpflegung bei diesem Lauf war hervorragend und meistens ausreichend. Das war 100% mehr, als wir in Amerika und Australien jemals hatten! Doch auf das beste Essen ist gepfiffen, wenn die Leute auf der Straße kaputt gehen! Das was in den ersten drei Wochen dieses Rennens durch einen völlig unnötigen Selektionsprozess an Träumen zerstört und an Kapital vernichtet wurde war unglaublich! Die Opfer welche von den meisten Teilnehmern erbracht worden waren –zwei Jahresurlaube, Kosten von Euro 3500.- - 4000.- und unzählige Trainingskilometer- machten es unmöglich, einfach aus dem Rennen auszusteigen.

Ingo Schulze hatte ein gutes Dutzend "freiwilliger Sklaven" als Helfer um sich gescharrt, bei denen schon bald Ernüchterung einkehrte und vor allem eine Glaubenskrise: sollten sie die Stümpereien von Schulze und Leismann ausbaden, oder dem ganzen Mist den Rücken kehren und die Läufer auf der Straße verrecken lassen? Zum Glück entschieden sich die meisten für Ersteres. Es gab Helfer, die waren die ersten Tage nur am Heulen. Aber es war wie im Krieg: irgendwann fanden sie sich mit dem Irrsinn ab, akzeptierten ihn und machten den fantastischsten Job, den ich in meiner 28-jährigen Laufkarriere erlebt habe. Meckern und Jammern hatte keinen Sinn und kostete nur unnötige Energie. Im Gegenteil, die Leute waren so kaputt, daß sie nach einigen Wochen noch nicht einmal mehr dafür die Kraft hatten. Augen zu und durch, war das einzige Rezept, um diesen Horrortrip zu überstehen. Zudem konnte man sich mit der Tatsache trösten, daß der "Krieg" am 21. Juni vorbei ist. Als Ultima Ratio blieb immer noch der jederzeitige Ausstieg aus dem Rennen. Das Zitat einer Betreuerin brachte die Stimmung die im Trans Europa-Tross herrschte auf den Punkt: "Wir sind zwei Geisteskranken ausgeliefert". Von daher konnte man den beiden nicht einmal böse sein, denn auf sie traf das berühmte Bibelzitat "Denn sie wissen nicht was sie tun", wie die Faust aufs Auge! Und leiden mußten sie auch: Schulze war jeden Tag einem Nervenzusammenbruch nahe und Leismann hatte nach 5 Wochen cirka 13 kg Gewicht verloren und sah aus wie ein Zombie. Das war Selbstzerstörung durch eigene Dummheit!

Ein Renndirektor muß natürlich auch viele unnötige Belastungen ertragen, denn auch in Läuferkreisen gibt es gottverdammte Egoisten und Nörgler, die an allem etwas auszusetzen haben. Ein gesunder Egoismus ist zweifellos notwendig, um einen solchen Trip durchzustehen. Aber bei Extrembelastungen kommt leider fast immer der wahre Charakter eines Menschen zum Vorschein. Da waren Läufer die unnötig Nahrungsmittel horteten, während andere leer ausgingen. Ein Franzose war zu faul, um in den Hallen die Toilette aufzusuchen und hatte eine Pinkelflasche neben seinem Schlafsack stehen. Zwei Läufer flirteten mit einer verheirateten Frau, wieder andere ertränkten ihren Frust im Alkohol und in Russland kam es ein paar mal vor, daß jemand sein Häufchen vor die Klotür setzte...........

Das war Reality Show, wie sie kein TV-Sender hätte produzieren können! Bei diesem Trip hätten ein Dutzend Psychologen ihre Doktorarbeit schreiben können!

Der Körper braucht gut 2 Wochen bis er sich derartigen Belastungen angepaßt hat. In dieser Zeit muß er vor allem eines: Leiden! Dann hat sich der Stoffwechsel umgestellt und arbeitet ökonomischer, der Laufstil wird wieder flüssiger und die Leistungen besser. Wer diese Zeit übersteht, hat berechtigte Chancen, das Ziel zu erreichen. Beim Trans Europa Lauf war dieser Prozess nach 3 Wochen abgeschlossen, das Läuferfeld auf fast die Hälfte reduziert. Neben der Fähigkeit Unmengen an Nahrung und Flüssigkeit aufzunehmen (täglicher Kalorienverbrauch zwischen 7000 – 10.000 Kcal) und zu verarbeiten, sowie mit wenig Regeneration und Schlaf auszukommen, war vor allem eines wichtig: mentale Stärke. Ein solches Rennen spielt sich zu 90% im Kopf ab! Das Gehirn ist die Schaltzentrale, die Software, der Körper, die Hardware ist nur Befehlsempfänger. Ständiges Krisenmanagement, das Reagieren auf täglich neue Probleme, intelligentes Laufen und die Konzentration auf das Wesentliche sind der Schlüssel zum Erfolg. Das Leben ist während zweier Monate auf vier Tätigkeiten reduziert: Laufen, Essen, Trinken, Schlafen. Das Endziel ist in weiter Ferne. Wer versucht, sich die gesamte Distanz vorzustellen, wird Irre. Man muß sich Zwischenziele setzen und darf höchstens von Etappe zu Etappe denken. Diejenigen, welche bereits zu Beginn herumtönten, was sie in Moskau alles machen werden, waren nach der Hälfte des Rennens bereits ausgeschieden. Es nützt nichts, das Ziel im Kopf zu haben, denn der Körper muß erst dort hin gebracht werden. Wer den Ultraschlappschritt (Laufen ohne sich zu bewegen) beherrschte hatte bessere Chancen, als die schnelleren Frontläufer, die ein höheres Verletzungsrisiko eingingen. Langsam Laufen ist eine Wissenschaft, die nur wenige beherrschen. Die richtige Balance zu finden ist bei einer Reise in den Grenzbereich äußerst schwierig, da es darüber zu wenig Erfahrungswerte gibt. Einen Kontinent zu Fuß haben bisher noch weniger Menschen durchquert, als den Mount Everest bestiegen. Viele Läufer lebten –ohne es wahrzunehmen- die ersten 2-3 Wochen über ihren Verhältnissen und mußten dafür dann grausam leiden.

Ab Belgien (2 Tagesetappen) begann der Mittelgebirgsabschnitt des Rennens. Übergangslos querten wir Ardennen – Eifel – Bergisches Land – Sauerland – Kasseler Berge – Harz. Dann begann die osteuropäische Tiefebene, es lagen nahezu 2000 km langweilige und zermürbende Flachetappen bis Moskau vor uns. Der Lauf durch Deutschland (10 Tage) war ein Triumphzug und gleich zu Beginn wurde in Witzhelden (bei Köln) das Halbzeitfest gefeiert (2494,5 km). Von den 10 übriggebliebenen deutschen Teilnehmern (ehemals 20) wurden fast alle von Freunden, Verwandten und Bekannten besucht, die einmal Trans Europa Atmosphäre schnuppern und ihre "Helden" live erleben wollten. Wobei diejenigen die genauer hinschauten schnell feststellten, daß unter diesem katastrophalen Management die Stimmung ziemlich mies war. Die Medienpräsenz erreichte ihren Höhepunkt und Verpflegungsmäßig wurden wir nahezu gemästet. Waren dies die Henkersmahlzeiten für den "Wilden Osten"?

Die wahren Helden bei solch einem Trip sind die Helfer und Betreuer, die selbstlos Tag für Tag ihre Arbeit leisten, bis das letzte Schäfchen den Stall erreicht hat. Was diese "freiwilligen Sklaven" beim Trans Europa Lauf geleistet haben, egal ob sie ganz oder nur zeitweise dabei waren, war absolut genial! Stellvertretend sei hier Thomas Dornburg genannt, ein Polizist, der seinen Jahresurlaub opferte. Mit Improvisations- und Organisationstalent –mit einem Lagerfeuer am Straßenrand versuchte er sogar regelmäßig, ein warmen Essen zu servieren- sicherte er uns in den ersten 4 Wochen das Überleben. TransEuropa - Ingrid Boehnke und Peter RossowDann war da Ingrid Böhnke, die ihren Ehemann Günter betreute und die zusammen mit Peter Rossow das tollste und harmonischste Versorgungsteam bei dem gesamten Event bildete. Peter mußte nach 14 Tagen wegen mehreren Verletzungen den Lauf beenden und entschied sich dann, als Helfer dabei zu bleiben. Ihr Verpflegungsstand war jedesmal das kullinarische Highlight des Tages.

Auch wenn die erste Nacht in Polen standesgemäß mit einem aufgebrochenen Betreuerfahrzeug eingeweiht wurde, überraschte das Land mit freundlichen Menschen, reichhaltigem und sehr gutem Essen, sowie regelmäßigen Folklorevorführungen im Ziel und adäquaten Unterkünften. Der Direktor des polnischen Leichtathletikverbandes stand uns von nun an als Begleitoffizier zur Seite. Einziges Manko: Der mobile Wahnsinn auf der Transitstraße E 30, auf der nun die Laufstrecke entlang führte, übertraf die größten Alpträume. Verkehrsaufkommen, Lärm und Abgase waren unerträglich! Einzige Abwechslung waren aufreizend gekleidete Prostituierte am Straßenrand, die uns gelegentlich Kusshände zuwarfen und mit einer Wolke aus Parfum betörten.

An der weißrussischen Grenze endet das zivilisierte und beginnt das "afrikanische Europa". Schon die knapp 3-stündige Grenzprozedur (bei km 21 von 72) lies erahnen, daß hier noch die alten kommunistischen Strukturen zu existieren schienen. Zwar wurden wir freundlich aufgenommen, gleich nach der Grenze empfing uns eine Musikkapelle und 3 Mädchen in Trachten überreichten kleine Geschenke. Auch Unterkünfte und Polizeischutz erhielten wir auf Kosten des weißrussischen Staates. Aber die hygienischen und sanitären Zustände waren derart katastrophal, daß schon nach wenigen Tagen die Hälfte der Truppe an Magen-Darm Erkrankungen litt. Aus meinen langjährigen afrikanischen Erfahrungen wußte ich, daß dem am besten mit einer Kombinationstherapie aus Immodium und frischem, rohen Knoblauch (ein natürliches Antibiotikum) beizukommen ist, was auch prompt wirkte. Das Laufen wurde wieder zum Genuß, da wir auf der neu gebauten Autobahn, mit großzügigem Seitenstreifen und geringem Verkehrsaufkommen, auf direktem Wege Richtung Moskau laufen durften. Die Hauptstadt des ehemaligen Sowjetimperiums war in der Grenzstadt Brest das erste mal mit 1050 km ausgeschildert. Das machte kurzzeitig Laune, da hiermit die letzten 20% des Monsterlaufes angebrochen und ab Morgen nur noch 3 Stellen vor dem Komma zu laufen waren.

Mittlerweile waren noch exakt 50% der Läufer im Rennen, die auch das Ziel erreichen sollten. Mariko Sakamoto aus Japan war im zarten Alter von 56 Jahren und einem Kampfgewicht von 37 kg (!) die einzige noch verbliebene Frau. Der Franzose Bernard Grojean sollte der erste Rollstuhlfahrer sein, der ein Kontinentalrennen beendet. Am meisten beeindruckten mich die 3 deutschen Greenhörner Günter Böhnke, Hans-Jürgen Schlotter und Joachim Hauser, die so gut wie keine Erfahrung in Mehrtagesrennen vorweisen konnten und diesen Sport erst seit wenigen Jahren betreiben. Aufgrund ihrer Läuferbiographien hätte ich keinen Pfifferling auf das Trio gesetzt, wohl wissend, daß es bei solchen Unternehmungen natürlich immer wieder Überraschungen gibt. Mit Köpfchen, Talent und Spürsinn überlebten sie den transkontinentalen Crash-Kurs und positionierten sich im Mittelfeld. Beeindruckend auch der Mut des Gesamtsiegers Robert Wimmer aus Nürnberg. 9 Monate vor dem Start des Laufes gab er seinen Job als Filialleiter bei einem Optikunternehmen auf und bereitete sich mit Trainingseinheiten mit bis zu 500 km/Woche auf sein erklärtes Ziel, diesen Lauf zu gewinnen, vor.

Der Grenzübertritt ins größte Land der Welt funktionierte reibungslos. Jetzt durften wir endlich an Moskau denken und die Erlösung aus dem freiwilligen Gefangenenlager Trans Europa Lauf. Aus unverständlichen Gründen liefen in Russland 80% der Läufer auf der rechten Straßenseite. Und das auf der Autobahn, ohne Seitenstreifen – eine Todsünde für Straßenläufer! Anscheinend war das Häufchen Elend der Übriggebliebenen nicht mehr in der Lage, selbständig zu denken. Genau so wenig Ingo Schulze, der diese gefährliche Situation noch nicht einmal erkannte und selbst die Verpflegungsstellen rechts aufbauen lies. Je näher wir der TransEuropa - Moskau!Hauptstadt des Riesenreiches kamen, um so schlimmer wurde der Verkehr. Am Vorletzten Tag wurden wir noch einmal über die abscheulichste Dreckspiste Russlands gejagd: Schlechte Straßen ohne Seitenstreifen, mit Horrorverkehr und uralten Kisten, die dicke schwarze Russwolken ausstiessen. Aus ursprünglich 87 km wurden 91 gemacht und im Ziel waren es dann 95 km. Das Ingo Schulze Management endete so desolat, wie es angefangen hatte! Das "längste und härteste Rennen der Welt" endete mit einem kollektiven 9 km-Lauf an der Siegesstatue auf dem sogenannten Verneigungshügel, am Stadtrand von Moskau. Für mich und Dusan Mravlje aus Slowenien endete somit eine extraterrestrische Mission – sind wir doch die einzigen Menschen auf der Welt, die 3 Kontinente unter Wettkampfbedingungen zu Fuß durchquert haben (siehe gesonderte Information!).

Die Atmosphäre und ein gewisses Gefühl der Zusammengehörigkeit, wie es solch extremen Veranstaltungen eigen ist, konnte sich beim Trans Europa Lauf zu keiner Zeit entwickeln. Das bescheuert hohe Tagespensum und die miserable Administration ließen dafür keinen Spielraum. Zwangsweise war jeder zu sehr mit sich selbst und seinen Problemen beschäftigt. Dementsprechend schnell lief alles auseinander. Schäbig war jedoch die Überstürzte Abreise von Ingo Schulze und dem engsten Kreis seiner Helfer am nächsten Morgen. Denn die Russen hatten im Rahmen eines Olympic Challenge Day eine feierliche Ehrung vorbereitet. Und die Deutsche Botschaft in Moskau lud am Abend zu einem Empfang. Beide Events waren schon lange vorher bekannt und eigentlich ein Pflichttermin für den Renndirektor, der ja diesen Lauf repräsentiert. Aber zumindest die Übriggebliebenen konnten dann einen würdigen Abschluß zelebrieren.

Zusammenfassend ist festzustellen, daß dieses Unternehmen für Ingo Schulze und Manfred Leismann ganz klar 3 Nummern zu groß war. Dennoch gebührt ihnen Dank, den ohne solche naiven Phantasten und Träumer hätte es das erste Transkontinentalrennen auf europäischem Boden nicht gegeben. Dies trifft ebenso auf Trans-Amerika und Trans-Australia zu. Es ist unmöglich, ein Kontinentalrennen perfekt zu organisieren. Eine solche Expedition wird sich immer am Rande des Chaos bewegen. Aber ein verantwortungsvoller Organisator wird seinen Läufern –die sich sowieso schon im menschlichen Grenzbereich befinden- keine unnötigen Hürden in den Weg stellen. Gewiss gibt es fähige Macher, die ein solches Rennen vernünftig und mit Anstand und Würde auf die Beine stellen könnten. Aber die sind zu intelligent, um sich für eine solch große Aufgabe zu verheizen. Für die, die durchgekommen sind, bleibt die Gewissheit, die größte läuferische Herausforderung die es im Ultrasport gibt, bewältigt zu haben. Von den Erinnerungen, Erlebnissen und nicht zuletzt menschlichen Begegnungen kann man ein Leben lang zehren. Und wie heißt es doch so schön: "Überleben ist die einzige Herrlichkeit im Krieg................."

Stefan Schlett

Gladiatoren der Landstraße

Der Autor Stefan Schlett, 41 und Dusan Mravlje, 50 aus Slowenien sind die einzigen Menschen auf der Welt, die 3 Kontinente unter Wettkampfbedingungen zu Fuß durchquert haben. Sie haben dabei 14.000 km, ½ Jahr Zigeunerleben auf der Straße, ein Haufen irrer Autofahrer, etliche Hundeattacken, extremste Klimabedingungen und abartigste organisatorische Mißstände überlebt.

Schlett, der dafür exakt 11 Jahre brauchte (20.06.92 – 21.06.03), ist ein Allrounder, der auf allen Ausdauerhochzeiten dieser Welt tanzt und auch noch Bergsteigen und Triathlon betreibt. Mravlje, der die 3 Kontinente in einem Zeitraum von 8 Jahren schaffte, ist ein Weltklasseläufer, der bereits etliche große Ultrarennen auf der Welt gewinnen konnte. So auch das legendäre Westfield Race, ein nonstop-Rennen über 1000 km von Sydney nach Melbourne.

Nachfolgend alle 3 Kontinente im Vergleich:

Schlett

Mravlje

Trans America Footrace 1992

Trans America Footrace 1995

Los Angeles – New York

Los Angeles – New York

4722 km

4676 km

9. Platz in 619:28 Std.

1. Platz in 427:59 Std.

Trans Australia Footrace 2001

Trans Australia Footrace 2001

Perth – Canberra

Perth - Canberra

4275 km

4275 km

13. Platz in 517:36 Std.

3. Platz in 360:50 Std.

Trans Europa Lauf 2003

Trans Europa Lauf 2003

Lissabon – Moskau

Lissabon Moskau

5046 km

5046 km

17. Platz in 714:49 Std.

7. Platz in 565:42 Std.

© Stefan Schlett, Juli 2003

ultraschlett@gmx.de

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7895 Zugriffe seit dem 25.08.2003, © Stephan Isringhausen

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