Ingo Schulze, September 2003
Ein kleiner Bericht von Ingo

Nach all den Kritiken, seien sie berechtigt oder unberechtigt und den vielen
aufmunternden Worten die über den TransEurope-FootRace geschrieben wurden,
möchte ich mich noch einmal zu Worte melden.
Als Manfred Leismann im Juni 2001 zu mir kam, um mich für diesen Lauf zu
gewinnen, war ich erst einmal zurückhaltend. Später gab ich mir einen Ruck
und riss all meinen Mut zusammen. Es ist mir von Anfang an klar gewesen,
dass dieses eine Riesenherausforderung ist und sicherlich auch ein paar
Nummern zu groß für mich ist. Dennoch, so wurde ich immer wieder gefragt:
Wer soll es dann machen, wenn nicht Ingo Schulze? Das schmeichelte mich
sehr, sind wir doch alle ein wenig eitel, auch wenn wir es nicht gern
zugeben wollen.
Nach dem Deutschlandlauf "DL98", drei Spreeläufen, zwei Deutschlandläufe im
Alleingang, zwei Partnerstadtläufe nach Frankreich und England, über 10
organisierte Stadt- und Volksläufe, sowie Teilnahme am "Marathon des
Sables", "6 Tagelauf" in Odessa usw., glaubte ich über die nötige Erfahrung
zu verfügen, um so einen Lauf in Angriff zu nehmen.
Mir war aber schon bald klar, das ein Europalauf ganz andere Dimensionen
berührt. Hier konnte man so gut, wie möglich arbeiten, aber niemals wirklich
perfekt. In meiner Informationsmappe, es gab acht Ausgaben, habe ich auf
viele Probleme hingewiesen. Es gab neun Mitgliederversammlungen, wo ich
immer wieder auf Probleme hinwies. Hier bat ich auch um Unterstützung und
Wortmeldungen. Ich erntete nur Zuspruch, man vertrautre mir eben! Alle sechs
Wochen brachte ich einen Monatsbericht, wo ich über den neuesten Stand
berichtete. Punkte die für mich sehr wichtig waren, brachte ich hier immer
wieder hinein. Wegen der Informationsflut wurde ich mehr als einmal gelobt.
Man versicherte mir, das die Art der Vorbereitung bisher einmalig ist.
Es wurde mehr geboten als versprochen wurde. Hier im Einzelnen: Frühstück,
Tagesverpflegung, Abendessen, Dach über dem Kopf. Dieses wurde jeden Tag
gewährleistet. Im Vorfeld aber nicht unbedingt versprochen. Über Qualität
und Quantität der Versorgung konnte ich leider nicht immer garantieren.
Gerade in Spanien und Frankreich führte ich die Leute überwiegend in
Restaurants, was dem Unternehmen eine Stange Geld kostete und so nicht
vorgesehen war. Ich musste daher an anderer Stelle einsparen, denn Sponsoren
die Geld fließen ließen gab es nicht oder zumindest als sehr dünnen Rinnsal.
Ärgerlich für die Teilnehmer und für mich auch nachvollziehbar waren die
Änderungen der Streckenlänge. Wer ist hiefür Schuld? Der Schuldige war
schnell gefunden: Natürlich Manfred Leismann, aber Stopp: Manfred Leismann
hatte die Strecke mit 5.017 km vermessen und machte in der Beschreibung aber
die Einschränkung, dass es da mal mehr und da weniger km sein können. Der
Grund war klar. Als er vor Ort war, gab es Baustellen oder Umleitungen oder
es gab sonstige Gründe. Er hatte zum Beispiel die Strecke von A nach B mit
75 km vermessen und freute sich, dass er bis zur Halle vermessen konnte.
Später nannte man mir eine andere Halle. Diese war dann etwa 1 km weiter.
Vor Ort bekam ich dann eine Halle, die war 4 km weiter und lag absolut nicht
auf unserer Strecke. So ging es immer weiter. Selbst beim Deutschlandlauf
hatte ich dieses Problem. Diese Strecke hatte ich mit 1.225 km vermessen.
Sie war mindestens 10 km länger. Beim "TransEurope" wurde eine Korrektur,
aufgrund unterschiedlicher Messungen mit dem Fahrrad oder Auto, vorgenommen
und wir kamen zum Schluss auf 5.036 km! Weder Leismann, noch Schulze oder
sonst jemand ist in der Lage die vermessene Strecke als endgültig zu
erklären. Wir mussten Unterwegs einige Korrekturen hinnehmen, die uns von
der Polizei oder Ordnungsämtern auferlegt wurden. Die Geschichte mit dem
Vorauskommando kann man vergessen. das geht vielleicht, wenn ich eine gerade
Strecke habe. Nun komme ich aber in eine Stadt und wenn ich Glück habe, dann
finde ich die Halle auf Anhieb, dann muss ich aber wieder zurück. Ich wollte
unterwegs in mein Lenkrad beißen. Hier Umleitung, da Einbahnstraße. Leute,
Tipps bekam ich viele, wenn ich aber um Umsetzung bat, dann, na ja!
Änderung der Streckenlänge, hier noch einmal eine amüsante Anekdote: Beim
Spreelauf 2001 bekam ich über Handy die Mitteilung, dass die Läufer, gemäß
Streckenbeschreibung, über eine Brücke sollten. Dieses Brücke gab es aber
nicht mehr, weil sie 10 Tage vorher wegen eines Unfalles abgerissen werden
musste. Hektik in der ganzen Mannschaft. Endlich war eine andere Brücke
gefunden. Die ersten Läufer waren an der neuen Brücke aber schon vorbei und
bewegten sich in Richtung der abgerissenen Brücke. Schnell wurde ein
Versorgungspunkt verschoben und mitten auf einem Waldweg wurde die
Spitzengruppe angehalten und zum umdrehen aufgefordert. Es gab Staunen,
Beschimpfungen und Gelächter. Was sollte der Schwachsinn? Wendepunkt mitten
in der Pampa!
Ich will mich nicht herausreden und nichts beschönigen. Fakt ist, dass ein
hoher Anteil der Läufer das Ziel Moskau erreicht hat. Wer die Chronik der
Transkontinentalläufe kennt, der weiß, dass dieser Anteil sehr hoch ist und
es gab bisher kein Lauf dieser Art der perfekt war. Wobei es die Amerikaner
und Australier einfacher hatten. In Europa haben wir bekanntlich
verschiedene Sprachen, Währungen, Grenzen, Mentalitäten und ein sehr dichtes
Straßennetz. Was gibt es hier zu beschönigen? Ich habe mich diesen
Schwierigkeiten gestellt. Soll ich mich heute dafür entschuldigen, was ich
den Leuten angetan habe?
Gewisse Veröffentlichungen haben mir und jedem Nachahmer jede Chance
genommen, so etwas noch einmal in Angriff zu nehmen. Ich würde im
Wiederholungsfalle eine andere Route wählen, aber gewisse Probleme werden
immer bleiben. Ich hätte vieles besser machen können, wenn ich nach
amerikanischen oder australischem Vorbild gehandelt hätte, Daher: Jeder hat
seine eigene Betreuermannschaft mit Auto und zahlt die Unterkunft und
Verpflegung vor Ort selbst. Das Startgeld wäre dadurch weniger gewesen, aber
die Teilnehmer hätten das drei- oder vierfache zahlen müssen. Mit der
Streckenlänge hätte ich dann kein Problem gehabt. Ich hätte gesagt: Hier an
der Tankstelle ist Etappenziel und morgen früh um 06:00 Uhr treffen wir uns
hier wieder. Im Zweifelsfalle wäre ich dann die Strecke zum nächsten
Etappenziel noch einmal abgefahren, denn viele Tätigkeiten würden für mich
wegfallen und ich hätte viel Zeit für solche Dinge.
Liebe Leute, ich habe hier einen Lauf für "arme Leute" auf die Beine
gestellt. Nach obiger Beschreibung bringt man vielleicht 15 Läufer auf die
Strecke. Mein Startgeld von 2.970 Euro ist die absolute Lachpille. Meine
Preise werden mir noch zum Verhängnis. Es ist leider so, was nichts oder
wenig kostet, das taugt nichts. Bin ich jetzt zu ehrlich oder zu dämlich?
Meinetwegen, dann bin ich eben dämlich, aber ich kann morgens in den Spiegel
schauen.
OK, der "TransEurope-FootRace" ist schon wieder Geschichte und es werden
sich noch viele daran hochziehen. Wann wird es den nächsten Europalauf
geben? In 10, in 20 oder erst in 30 Jahren? Wird es überhaupt noch einmal
einen geben? Da mich jemand als bescheuert bezeichnet hat, kann man nur noch
auf Ingo Schulze hoffen. Ich denke aber, ganz so bescheuert bin ich nun
wirklich nicht - oder doch?
Spaß bei Seite. Leute die noch nicht genug von meinen Eskapaden haben, lade
ich zum "4. Internationalen Spreelauf" ein. Dieser findet voraussichtlich
vom 31. August bis 05. September 2004 statt. Es ist ein Lauf über 420 km
(oder auch 420,5 km?) und geht über sechs Tage.
Wie ihr seht bin ich wieder der alte Ingo Schulze und zu neuen Eskapaden
bereit. Wie schrieb so ein netter Schreiber? Schulze bleibt nicht in seinem
Sessel kleben! Leute die mich jetzt noch beschimpfen können mich mal und
sollen erst einmal selbst etwas auf die Beine stellen. Sie können aber
sicher sein. Wenn sie murks bauen, dann bin ich der letzte der sich lustig
macht. Einige Klugscheißer sollten allerdings erst einmal mit der
Organisation eines Kindergeburtstages anfangen. Haben sie hier erfolg, dann
können sie sich hocharbeiten!
Beinahe vergessen: Ich fing an über den "TransEurope-FootRace" einen Bericht
zu schreiben. Nach 140 Seiten habe ich mich dann entschieden, dass es ein
Buch wird. Ich hoffe, dass es im Frühjahr 2004 herauskommt. In diesem Buch
möchte ich mal zum Ausdruck bringen, was es heißt so einen Lauf auf die
Beine zu stellen. Es muss allerdings niemand Angst haben, dass er hier bloß
gestellt wird. Ingo Schulze ist niemand der schmutzige Wäsche heraushängt.
In bestimmten Situationen werden die Namen weggelassen. Ich werde aber auch
niemanden vergöttern und am wenigsten mich. Ich bin nämlich ein Mensch, der
auch über sich selbst lachen kann.
Ingo
Schulze
Abschliessend hier noch ein paar "Stimmen prominenter Sportler", die Ingo mir zugemailt hat (Quelle: "Main - Echo" vom 17./18. April 2003):
- Oliver Kahn:
"Ich habe den größten Respekt vor Sportlern, die mit Ehrgeiz, Leidenschaft
und unbändigem Willen Leistung vollbringen - so wie diese
Ultra-Marathonläufer. Das ist schon Wahnsinn."
- Rudi Völler:
"Hut ab - das ist einfach unglaublich, was diese Athleten leisten. Ich habe
das nicht glauben wollen, dass diese Menschen 64 Tage rund 80 km laufen. Ich
habe angenommen, dass sie sich abwechseln würden, wie in einer Staffel. Aber
alleine - unfassbar."
- Heike Drechsler:
"Als ich das erste Mal davon hörte, dachte ich nicht, dass es so etwas -
erst recht nicht in einer Gruppe - möglich sein kann. Nach wie vor fällt es
mir schwer, zu glauben, dass solch eine Energieleistung realisierbar ist."
- Boris Becker:
"An die eigenen Grenzen zu stoßen, die eigenen Grenzen sogar überwinden -
das ist vielleicht das größte menschliche Abenteuer. Diese Läufer leisten
etwas, das fern jeder Vorstellungskraft liegt."
© Ingo Schulze, September 2003
ischulze@t-online.de