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2. Chronologische Auszüge aus dem Leben von Dr. Adolf Weidmann

Der Artikel zum "Leben und Laufen" des Dr. Adolf Weidmann (erscheint in leicht gekürzter Form in Ultramarathon 4/2001) versucht einen Einblick in den sportlichen Werdegang des Alterklassenrekordhalters zu geben. Und damit bei dem vielen Text die wesentlichen sportlichen Erfolge nicht untergehen, habe ich eine Übersicht seiner 100-km-Läufe in Biel angehängt.

2.1 Leben und Laufen

Dr. Adolf Weidmann in Biel Sein Lebenslauf ist vielleicht nicht so ganz untypisch für die Generation: Geboren am 8. Oktober 1901 als erster von fünf Söhnen von Adolf und Karolina Weidmann zog es die Familie zunächst in den Osten (Riga, Warschau, Kiew, Rowno), wo der Vater als Braumeister tätig war. Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges erfolgten die Ausweisung und der spätere Umzug nach Lothringen, welches sie nach der Niederlage wieder verlassen mussten - über Umwege gelangten sie so nach Glan-Münchweiler in der Pfalz. Der Sport gehörte - schon in dieser Zeit - nicht zu seinen schwachen Seiten: "Bereits in den Elementarschulen beteiligte ich mich erfolgreich am Sportunterricht. Turnen (Reck und Barren), Gymnastik, Ballspiele (Fußball), Leichtathletik (50 m, 100 m, bis hin zum 400-m-Lauf, Weitsprung, Hochsprung, etc.)."

1922 zählte er - mittlerweile Buchhalter von Beruf - mit seinem Vater zu den Mitbegründern des Turn- und Sportvereins Glan-Münchweiler. Seine erst viel später entdeckte Leidenschaft für den Langstreckenlauf ließ sich aber jetzt schon erahnen, zeigte er doch Ausdauer und Leistungswillen im Nachholen des Abiturs, anschließendem Studium der Wirtschaftswissenschaften mit Promotion (Übrigens zur Problematik der Bierbesteuerung!) - ohne in dieser Zeit den Sport zu vernachlässigen: "Während meines Studiums spezialisierte ich mich auf den Mittelstreckenlauf 800 m, 1500 m, 3000 m bis hin zu 5000 m sowie Waldlauf. Meine Teilnahme an Hochschulmeisterschaften in Südwestdeutschland und auch an Deutschen Hochschulmeisterschaften war üblich und erfolgreich."

Als Hauptpersonalratsvorsitzender der Deutschen Bank initiierte er die Sportabteilung derselben und so kam es im Januar 1966 zum Dämmerschoppen nach absolviertem Waldlauftraining, bei dem er - 64jährig - erstmalig von den 100 km von Biel hörte: "Ohne viel zu überlegen meinte ich, daß diese Strecke 'zu schaffen' sei." 17 Std. und 8 Min. benötigte er, um als 276ter von 794 Startern ins Ziel zu kommen und eigentlich sollte das sein einziger 100er bleiben - "Dann aber beeindruckte mich die Art der Versorgung und Betreuung rund um die Uhr so sehr, daß ich dazu neigte, auch im folgenden Jahre nach Biel zu reisen."

Dr. Adolf Weidmann 1983 1974 lief er seine Bestzeit mit 14 Std. 50 min. und nach insgesamt 13 Bieler 100ern (3mal war er auch in Unna und einmal in Kusel gelaufen!), von denen er nur 2 wegen Beschwerden abbrechen mußte, fuhr er 1982 - mittlerweile 80jährig - wieder nach Biel: "Ich habe ein Bett in der 'oberen Etage' belegt und lasse die Beine baumeln. Mir gilt mancher zweifelnde Blick. Ich kann es an ihren Mienen ablesen: Will der Alte da oben auch mitmachen? Ein verständlicher Gedanke. Schließlich kommt die Frage, "Warst Du schon einmal dabei?" Wenn ich nicke und sage, daß ich schon die große Goldmedaille für 10malige erfolgreiche Teilnahme besitze, ändert sich das Bild schlagartig. Natürlich baumeln meine Beine dann noch lässiger von der Bettkante herab." Mit 20 Std. 40 min erreichte er in diesem Jahr die Weltbestleistung in der M80!

In den Folgejahren war er immer am Start, lief 1986 mit 21 Std. Deutschen AK-Rekord M85, mußte 1987 noch einmal aufgeben, um in 1988 mit 21 Std. 32 Min. 21 Sek. die Weltbestleistung in der M85 nachzulegen. Roland Paul und Dr. med. Peter Kiderle hatten in diesem Jahr erstmals die persönliche, fürsorgliche Betreuung an den Verpflegungsstellen übernommen - wie in den Folgejahren 1989/90 auch.

Der Lauf 1966 sollte eigentlich eine einmalige Angelegenheit bleiben, 1977 beschloss er, nie wieder anzutreten, da er die Nahrungsaufnahme beim Laufen nicht mehr vertrug (Dies Problem bekam er mit der Teelöffel-Methode in den Griff), 1982 lief er die Weltbestzeit in der M80, danach erst den Deutschen Rekord und dann den Weltrekord in der M85, und 1991? 1991, 25 Jahre (EIN VIERTELJAHRHUNDERT!) waren seit seinem ersten Start in Biel vergangen, wollte er seinen 19 erfolgreichen Teilnahmen noch eine 20. folgen lassen. Er selbst fand das Unternehmen aber so kühn, dass er im Vorfeld den Veranstalter darum bat, im Falle, dass er die Sollzeit nicht erreichen sollte, eine 19 in die Bieler Annalen einzutragen - und zur 20 Schillers Spruch "'Denn mit des Geschickes Mächten ist kein ewger Bund zu flechten', zumal nicht im 90. Lebensjahr!" anzufügen. Aufgrund seiner Bedenken wurde ein Team zusammengestellt, 2 Begleitfahrzeuge, 2 Begleitfahrräder und Prof. Dr. med. Klaus Jung begleitete ihn zu Fuß. Adolf Weidmann stand am Start mit süßsaurem Gesicht, sauer wegen des Regens und "...mir war ein heiterer Gedanke in den Sinn gekommen. Ich fragte mich, wie es denn wäre, wenn Professor Jung nicht mich, vielmehr ich ihn zuguterletzt ins Schlepptau würde nehmen müssen." Mit 22:35:13 blieb er aber fast 1,5 Stunden unter dem Zeitlimit, seine Sorgen erwiesen sich als unbegründet und ganz nebenbei hatte er einen Deutschen AK-Rekord M90 über 100 km Straße aufgestellt!

Am 25. November 1994 ernannte ihn die DUV zum 1. DUV Ehrenmitglied.


Dies insbesondere für
  • die hervorragenden, außergewöhnlichen sportlichen Leistungen bis in das hohe und höchste Lebensalter: Deutsche und Weltrekorde im 100-km-Lauf der Altersklassen M80, M85, M90;
  • die während seines jahrzehntelangen sportlichen Wirkens stets vorbildlich faire kameradschaftliche Grundhaltung und den immer vorbildlichen verantwortungsvollen Umgang mit der Gesundheit;
  • das hohe ideelle und zugleich realistisch-pragmatische Engagement für den Schutz und die Erhaltung der gefährdeten Umwelt und der natürlichen Grundlagen unseres Lebens auf der Erde.
1. DUV Ehrenmitglied

Portrait Dr. Adolf Weidmann Für den August 1995 ist die Teilnahme an der "Ärzte- und Apotheker-Meisterschaft über 10.000 m" verbrieft. Für einen erfahrenen Läufer im 93. Lebensjahr ist da die Bahn-Anreise schon mal anstrengender ("So setzte denn eine Abenteuer-Tour ein, sehr lehrreich und interessant einerseits, nicht minder überraschend und anstrengend aber auch andererseits, zumal ich in Gerlingen zuvor noch nie gewesen bin.") als der Lauf, den er zwar mit Wadenkrämpfen, aber trotzdem gelassen ("...eine Chance übrigens für Dr. Heepe, da und dort Brombeerpflückpausen einzulegen.") in 95 min. absolvierte.

1997, bei der 75-Jahr-Feier des Turn- und Sportvereines Glan-Münchweiler, der von ihm und seinem Vater mitbegründet war (s.o.), hielt er noch eine mit großem Beifall aufgenommene Ansprache. Am 26. Juni des Jahres verstarb Adolf Weidmann im 96. Lebensjahr in seinem Heimatort Matzenbach "nach einem erfüllten Leben." (Roland Paul)


Noch im gleichen Jahr wurde von der Deutschen Ultramarathon Vereinigung der Dr.-Adolf-Weidmann-Preis gestiftet:
"Zum Andenken an das 1. DUV-Ehrenmitglied Dr. Adolf Weidmann und in Würdigung seiner hervorragenden Verdienste um den Ultramarathonlauf in Deutschland stiftet die Deutsche Ultramarathon Vereinigung den Dr.-Adolf-Weidmann-Preis.
Dieser DUV-Ehrenpreis soll als Auszeichnung für besondere sportliche Leistungen bzw. beispielhaftes sportliches oder gesundheitsbewußtes Verhalten im höheren Seniorenalter in der Regel ab der Altersklasse M/W70 verliehen werden."
DUV-Präsidiumssitzung v. 17.10.1997

Die bisherigen Preisträger sind Horst Feiler (1998), Dr. Heinrich Gutbier (2000) und aktuell Manfred Maschke (2001, M80), der bei den widrigen Bedingungen der diesjährigen deutschen Meisterschaften im 24-Stunden-Lauf (Dauerregen und teilweise unter 10 Grad!) 127,927 km zurücklegte.)

Erst 1998 wurde Adolf Weidmanns Altersklassenrekord in der M80/100 km von Helmut Gnosa (Hamburg, 15:32:36, gelaufen ebenfalls in Biel) überboten (mittlerweile Philippe Latulippe, Saint Donat, 1999), seine Rekorde in der M85/M90 bestehen immer noch...

Am 8. Oktober 2001 wäre Dr. Adolf Weidmann 100 Jahre alt geworden.

"...ich versäumte noch zu erwähnen, daß ich bei meinen Märschen, wie ich das nenne, "schlappse", weil ich mir vor Jahren, bei meinem Training, wozu auch Holzhacken gehörte, in den rechten Fuß gehackt hatte. Das hört sich so an: "Tapp" ...(rechter Fuß)..."kurze Pause" (linker Fuß bzw. der mitmarschierende Sportschuh). Also: ..."tapp"..."Stille"..."tapp"..."Stille"... als ob nur der rechte Fuß etwas zu sagen hätte, während der linke Fuß still und bescheiden folgt! Meter um Meter, Kilometer.um Kilometer ..."tapp"..."Stille"... immerfort, 10 km, 20 km, 40 km, 80 km, 99 km dem Ziel in Biel entgegen ..."tapp"..."Stille"...!

Alle Zitate, soweit nicht anders angegeben, von Dr. Adolf Weidmann

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7731 Zugriffe seit dem 30.11.2001, © Stephan Isringhausen-Bley