Zufälliges Zitat

"Ich habe in letzter Zeit zuviel gemacht, das war nicht gut, deshalb laufe ich hier nur 24, weil ich habe in nächster Zeit ja noch das und das und das und..."

Dieter Albrecht beim 48er in Köln 2011

Nächster Ultramarathon

Alle zeigen - Bericht von Elisabeth Herms-Lübbe zum Horizontale Rund um Jena:
Elisabeth Herms-Lübbe , 13.06.2006

Berge hier und Berge dort

„Und Berge hier und Berge dort zur Rechten und zur Linken….“

Die Tradition lebt. Jenas Studenten wandern. Sportlich und ohne alte Burschenherrlichkeit. Und nicht nur sie.

Auf der Horizontalen, einem Wanderweg rund um Jena, war für den 9. bis 10. Juni 2006 eine 100-km-Wanderung ausgeschrieben. Diese Langstreckenwanderung, die keine studentische Veranstaltung und für jedermann zugänglich ist, gibt es schon über 20 Jahre, allerdings in einer etwas kürzeren Form. Aus den Ergebnislisten war abzulesen, dass offensichtlich auch Läufer unterwegs gewesen waren, denn mit einem Schnitt von um die 8 km/h kann wohl niemand im Gebirge richtig wandern. Allerdings waren die hohen Geschwindigkeiten Ausnahmen. Also hatte ich mir gedacht, versuchst du es mal mit einer Wanderung, bei der du auch gelegentlich laufen kannst.

Vor dem Start war alles ganz anders als bei den vertrauten Laufveranstaltungen. Schon als ich eintraf, waren die Helfer etwas erstaunt bei meinen Fragen nach Startnummer und Gepäckaufbewahrung. Das war beides nicht vorgesehen. Jeder bekam eine kleine Chipkarte für die Zeitnahme, ein Ding wie beim Skifahren zum Liften, das er irgendwo an seiner Kleidung befestigen musste. Und was ein ordentlicher Wandersmann ist, der trägt sein Gepäck auf dem Rücken. Die Aufbewahrung wurde dann ganz schnell improvisiert, also kein Problem.

800 Startplätze für die Langstreckenwanderung hatte es gegeben, und die waren schon Wochen vorher ausgebucht gewesen. Entsprechend viele Leute standen kurz vor 18.00 Uhr am Start und waren gar nicht aufgeregt. Kein Prickeln, kein Startschuss. Als Startzeit war eine ganze Stunde vorgesehen. Zunächst gab es einige Begrüßungsreden vom Veranstalter und von Offiziellen. Und mitten in eine Rede hinein fing die Menge an zu brodeln und zu zappeln: Das erste Tor für Deutschland im Eröffnungsspiel der Fußball-WM war gefallen.

Ich sah kein bekanntes Gesicht, die Kleidung war so anders, und die vielen jungen Leute waren alle in Gruppen gekommen. Das hat mich sehr erstaunt, dass die Wanderer so jung waren. Hatte ich doch immer gedacht, Wandern sei ein Seniorensport. Später erzählte mir jemand, das Durchschnittsalter der Teilnehmer sei 31 Jahre. Ich fühlte mich etwas einsam und mich beschlich das Gefühl, auf der falschen Veranstaltung zu sein.

Und auf ging es. Erstmal starten, dann sehen, wie es weiter geht. Vielleicht hätte ich mich doch weiter vorn hinstellen sollen. Denn wandernd gleich am Start fühlte ich mich etwas ausgebremst, eigentlich wäre ich gern gejoggt, und ich hatte Hemmungen, all die Leute zu überholen, die nur halb so alt waren wie ich. Aber was soll es, dachte ich, dann wanderst du eben am Anfang mit und nachher, wenn sich das Feld entzerrt hat, läufst du schneller.

In der Menge marschierte ich erst an der Saale entlang und dann bald durch ein grünes Tal bergauf. Ich fand Leute, mit denen ich mich unterhalten konnte, ein klarer Bergbach floss neben dem Weg, Orchideen blühten. Eine Gruppe von Medizinstudenten hatte Karteikarten mitgebracht, auf denen zum Beispiel Armmuskeln abgebildet waren, und man fragte sich gegenseitig die Bezeichnungen dazu ab. Wie befremdlich in dieser Umgebung und bei dieser Tätigkeit! Aber nicht doch, wurde ich aufgeklärt, das ist Multitasking! Muss man heute können! Ich für meinen Teil würde mich nicht so gern von einem Arzt behandeln lassen, der sich das Multitasking zu sehr verinnerlicht hat, nichts Ganzes und nichts Halbes.

Weiter bergan ging es, und wir erreichten die eigentliche Horizontale. Sie ist auf lange Strecken ein sehr schmaler Pfad am Steilhang. Im Gänsemarsch bewegten wir uns voran, überholen war nur möglich, wenn sich der zu Überholende an den Pfadrand stellte. Wald und Kalkfelsen wechselten sich ab. Der Untergrund war mal steinig, mal wurzelig, immer aufpassen. Wenn mal wieder ein Tor fiel, ging ein Jubel oder Gebrummel durch die Reihe, auch Leute ohne Radio erfuhren fortwährend den Spielstand.

In einer Menschenkette eingebunden braucht man sich vor nichts zu fürchten, schon gar nicht vorm Verlaufen. Die Strecke ist zwar als Wanderweg ordentlich markiert und jeder Starter hatte eine Streckenskizze erhalten, aber es gab keine weißen Pfeile auf dem Boden oder ähnliche Orientierungserleichterungen. Streckenkenntnis wurde vorausgesetzt, und da die Mehrheit aus der Umgebung kam, keine absurde Bedingung. Meine Mitwanderer waren darin sehr fit. Auch später nie ganz allein bleiben, nahm ich mir vor, lieber warten als verirren.

Es gab vier Verpflegungsstationen auf den 100 km. Das wusste man vorher, und, Trinkflasche eingesteckt, ist das schon in Ordnung. Sie waren anders eingerichtet als die, die man vom Laufen kennt. Sie luden zum Verweilen. Tische und Bänke waren aufgestellt, damit man eine ordentliche Rast einlegen konnte. Üppig war das Angebot: neben Obst Würstchen, Brötchen, Nutella- und Schmalzbrote, ja sogar eine ganze Tafel Schokolade für jeden.

An jeder Station war der Teilnehmerschwund beträchtlich. Nur 44% aller Starter erreichten das Ziel. Die Studenten sind wohl nicht so gut trainiert wie die Läufer in Biel in der Schweiz, die zeitgleich die 100 km unter die Füße nahmen. Es wurde dunkel und ein schon etwas ausgedünnter Zug von Glühwürmchen bewegte sich in einem Bachtal neben der Autobahn voran. Einige Experten auf der Horizontalen bemängelten, früher sei es angenehmer gewesen ohne den Lärm, als die Strecke noch kürzer war und man ohne Umschweife auf den nächsten Berg hinauf konnte. Luxuslandschaftsverwöhntes Gemecker. Wegen der Ausdehnung auf 100 km war das Autobahnstück eingebaut worden, das in Wirklichkeit aber gar nicht so scheußlich war. Am Scheitelpunkt der Verlängerung wartete die ganze Nacht lang ein Kontrolleur, damit niemand mogelte. Der Mond war fast voll, offenbar war der Wandertermin nach dem Mondstand geplant worden. Nur dringt Mondschein nicht durch Wald hindurch, es war manchmal schon sehr dunkel, die Waldwege waren wie Tunnel im Lampenschein. Ich wurde müde und unkonzentriert, und ich war bemüht, nur nicht aus der Lichterkette auszubrechen, damit ich mich nicht verliefe.

Als es dann hell wurde, konnte ich nicht mehr so gut die optischen Wahrnehmungen verarbeiten. Manchmal sah ich Fremdbilder, zum Beispiel eine gitterartige Struktur in Baumkronen, wie Halluzinationen. Nun war es höchste Zeit, das Hirn zu entrümpeln und ein wenig die Augen zu schließen. Ich setze mich auf einen Stamm, um zu ruhen. Gerade in dem Augenblick kam Christian Hottas des Weges. Endlich mal ein alter Bekannter! Es sei eine Stunde später gestartet, erzählte er mir. Leider war ich zu müde ihn zu fragen, wie er es denn geschafft habe, so viele Leute auf den schmalen Pfaden zu überholen. Für eine Weile schlief ich tief und mit vielen Traumbildern, dann machte ich mich wieder auf, war guter Dinge und voller neuer Kräfte. Der Kurzschlaf hatte die Wanderung in gestern und heute unterteilt. Endlich konnte ich joggen, was allerdings nicht mehr sonderlich schnell werden wollte. Schnelligkeit schien mir in dieser Umgebung nicht mehr so wesentlich zu sein.

Denn die Horizontale inszeniert die Gebirgslandschaft um Jena grandios. Die Elemente sind Buchen- und Kiefernwälder, Kalkfelsen mir Aussichten wie aus dem Flugzeug, Burgen, Felder, Dörfer, Plätscherbäche und matschige Täler, alles höchst abwechslungsreich gemischt. An Streckenschönheit ist sie vielleicht mit der Harzquerung zu vergleichen, nur ist die Horizontale alpiner, schroffer und länger. Auf den 100 km hatten wir 2339 Höhenmeter zu überwinden. Gefühlt waren es mehr, wegen der häufig recht steilen und holprigen An- und Abstiege.

Endlich erreichte ich wieder das romantische Tal, durch das wir vor vielen Stunden auf die Horizontale aufgestiegen waren. Das Ziel kam näher, und endlich ging es einmal gleichmäßig bergab. Bald sah man schon das riesige Sportgelände, auf dem wir gestartet waren und auf den auch noch anderes sportliches Treiben stattfand, bei dem sich viele Menschen im Sonnenschein tummelten. Ich hatte das Ziel schon vor Augen, da sprach mich ein Mann mit Interviewunterlagen in der Hand an, ob ich nicht etwas Zeit für ihn habe und ihm einige Fragen zum Nordic Walking beantworten wolle. Nein, wollte ich nicht. Da kann man mal sehen, dass eine Startnummer auch eine Schutzfunktion haben kann.

Im Ziel gibt es einen freundlichen Empfang. Fast 20 Stunden hatte ich gebraucht und lag damit noch ziemlich weit vorn. Noch nach fast 26 Stunden sollte jemand ankommen. Das sind schon liebe und geduldige Helfer in Jena, richtige Schätze. Das Fremdheitsgefühl war mir mittlerweile völlig vergangen. Ich saß dann dort, und nach und nach kamen die Leute an, mit denen ich mich unterwegs unterhalten hatte, ich hatte meinen „Ort zum Schwärmen und zum Trinken“ gefunden: Bier, Kaffee, Laberflash. Da hätte ich noch lange sitzen können. Das ging aber nicht, denn weiterwandern war angesagt, zum Bahnhof, mit dem zwischenzeitlich wohl verwahrten Rucksack auf dem Rücken. Taxi? Nein, da hab ich meinen Stolz, ich bin doch nicht angeschlagen nach 100 km.












© Elisabeth Herms-Lübbe, 13.06.2006

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