Zufälliges Zitat

"Wenn deine Frau dich auf einem Lauf plötzlich öfter besucht als sonst - dann ist Trond da ;-)"

Trond Sjåvik - Man of the 6-day-race Hamm 2008

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Alle zeigen - Bericht von Elisabeth Herms-Lübbe zum STUNT 100:
Elisabeth Herms-Lübbe , 10.08.2006

Grenzgänger unterwegs - 100 Meilen von Sibbesse

Als der Sommer noch so richtig in Fahrt war, fand zum zweiten Mal der STUNT 100 in Sibbesse statt. Sibbesse ist ein Dorf südlich von Hildesheim. Man weiß selbst als gebürtiger Deutscher nicht so recht, wie man den Namen aussprechen soll. Es sei hier verraten: Die schlimmere Variante gilt, Betonung auf der ersten Silbe, Vokale so stimmlos wie möglich, ein dreisilbiges scharfes Zischen. Das Dorf hat den Namen nicht verdient, denn es ist ganz nett dort.

Die "Mutter" des STUNT 100 ist der 100-Meilen-Lauf von Landwehrhagen bei Kassel, an dem Hansi Köhler, der Initiator des STUNT, wiederholt teilgenommen hat. Nach dessen Vorbild gibt es vier Schleifen, die absolviert werden müssen. Die ersten beiden sind je 50 km lang, die dritte ungefähr 40 km und mit der vierten kommt der Rest unter die müden Füße. Hansi hat seine Sportsfreunde in Sibbesse nachhaltig von der Sache begeistern können. Im Zusammenhang mit dem STUNT gab es auch ein großes Fest auf dem Sportplatz, mit Programm für die Kinder wie Übernachten in Zelten und Laufen fürs Laufabzeichen (120 min! Dazu muss man die Kinder erstmal motivieren! Ein Dorf mit hoher Laufkultur).

In der Ausschreibung zum STUNT 100 ist eine so liebevolle Beschreibung der Strecke, dass ich mich hier dazu nicht mehr so viel dazu zu äußern brauche. Ja, sie ist schwer, eine Abenteuerstrecke, für ein Abenteuer mit der Landschaft und mit sich selbst.

Nach einem Prerace Dinner und einer ruhigen Nacht in einem Dorfhotel startete ich am nächsten Morgen schon zwei Stunden früher, um 6 Uhr. Es war noch halbwegs kühl, in der Nacht hatte es geregnet, und im Wald waren Wildschweinaufbrüche, so frisch, dass es noch nach Schwein roch. Es ist erstaunlich, dass trotz Zucht der Körpergeruch der Tiere unverändert geblieben ist. Der Ort unterhalb heißt passend Eberholzen.
Es ging die Berge hoch und herunter, ich lief den Weg zum dritten Mal. Den kleinen Supermarkt von Brunkensen kannte ich schon gut. Dort kaufte ich wieder Schokolade. Ob ich mit dem Fahrrad unterwegs sei?

Und wieder Berge, jetzt mit viel Bewuchs, Unkraut und massig Klettenlabkraut. Bald waren mir so viele Samen davon in die Schuhe gefallen, dass sie drückten und ich die Strümpfe wechseln musste. Auf dem Külf verdeckten frisch gefallene Buchenblätter den steinigen und wurzeligen Pfad. Es raschelte wie im Herbst. Offensichtlich hatten sich die Bäume wegen der anhaltenden Hitze und Trockenheit von einem Teil ihrer Blätter getrennt. Da musste man sehr aufpassen, dass man nicht stolperte und fiel. Brombeerranken ritzten die unbedeckten Körperteile.

Die Sonne stand schon ziemlich niedrig, da fielen im Wald Mücken und Bremsen über mich her. Mein Repellent war verdunstet. Zum Glück gab es an der nächsten Verpflegungsstelle reichlich zum Nachlegen. In Alfeld war ungefähr die Hälfte der Gesamtstrecke geschafft und fast alle steile und holprige Abschnitte. Die Sonne ging gerade unter, und an einer Apotheke zeigte ein Thermometer noch 28 Grad. Wenn man von Landwehrhagen aus läuft, kommt man bei dieser Distanz nicht nur an einer, sondern an drei geöffneten Eisdielen vorbei.
Hier leider nicht.

Die Läufer waren vorher aufgefordert gewesen, ihre Verpflegungswünsche zu äußern. Die waren auch alle verwirklicht worden: Kartoffelbrei für Davor, Milch für mich, das Eis Ed von Schleck für jemanden, schwarzer Tee für alle. Leider taten sich mir erst auf der Strecke meine speziellen Wünsche auf: Zitronentee ("Volkslauftee") normale Schokoriegel, normale Butterbrote, Brühe, anderes Obst als Bananen usw. Da hatte ich meine Chance verpasst. Woher sollten die Helfer das nehmen, wenn Wochenende ist? Da war ich schon bald ziemlich hungrig, denn die spezielle Sport- und Powernahrung und die Isogetränke kann ich nicht vertragen. Hansi hat nämlich gute Beziehungen zu den Herstellern, und die hatten kräftig Verpflegung gesponsert. In der Hinsicht sind die Menschen verschieden. Manches da von schmeckt mir sogar, zum Beispiel die Ultragelchips, diese Powermarshmallows, die man im Mund zergehen lässt und die es an jeder Verpflegungsstelle reichlich gab. Ungefähr acht davon habe ich zu mir genommen, das war zu viel. Sie enthalten Magnesium, und das wirkt auch als Abführmittel. Diese traurige Tatsache und die fehlende Hausmannskost hatten mich irgendwann entkräftet.

Heiner Schütte, der mich zusammen mit Brigitte Koczy überholte, erzählte später, er habe sich schon knapp 100 km vor dem Ziel ausgiebig übergeben. Das muss man sich mal vorstellen. Da ist einem furchtbar übel, und man hat noch fast 100 km vor sich und schafft es trotzdem. Auch Brigitte finishte, sie lief zum ersten Mal 100 Meilen, und dann gleich mit so harten Bedingungen. Heiner schaffte sogar noch mehr. Am Tag nach dem STUNT schloss er sich dem Fuldahöhenlauf an, 215 km in sechs Tagen, den er auch gut bewältigte.

Bei langen Läufen liebe ich besonders die friedliche Stimmung in der Dämmerung und in der Nacht. Musik von einem Fest an Kieskuhlen in der Nähe schallte herüber. Mähdrescher waren mit Licht unterwegs und machten wie besessen Getreide ab, als wäre das am nächsten Tag nicht mehr möglich. Ebenfalls mit Licht unterwegs waren Glühwürmchen, die allerdings meist schon unten im Gras waren. Manchmal gaben Rehe Warnlaute von sich. Aber ich wurde müde, stellte mich ungeschickt an und hatte Orientierungsschwierigkeiten. Eigentlich hätte ich den Weg ja kennen sollen. Ich sah die weißen Markierungspunkte nicht mehr so gut und bin mehrfach zur Vergewisserung zurückgegangen, manchmal war ich falsch, manchmal auch nicht. Einmal musste ich nach meiner Erinnerung und nach der Karte am Waldrand sein, ich war aber mitten im Wald, also zurück. Dabei hatte ich mich aber getäuscht, der Waldrand war so stark belaubt, dass ich ihn als solchen nicht erkannt hatte. Das hat mich Zeit gekostet. Meine Kräfte ließen nach, und ich konnte nur noch gehen.

Schwere Nachtgedanken nahmen bald meinen Kopf ein. Was mache ich hier? So alt und noch so unvernünftig? "Das macht kein Tier", sagt mein Mann immer vorwurfsvoll. Bin ich ein Borderliner? Bin ich komisch und absonderlich? Bin ich meinen Kindern peinlich? Gehöre ich, so kraftlos, noch zur Ultramarathonszene? Soll ich mein Profil beim Steppenhahn löschen, zack und weg? Soll ich mir ein anderes Hobby suchen, zum Beispiel im Kasseler Kunstverein Grenzgängertum anderer Menschen unterstützen? Das hier wird doch alles nichts mehr, schon gar nicht in der vorgegebenen Zeit!

Da überholten mich zum Glück Ruth Jäger und zwei Pacer. Ruths Laufgefährte Heinrich hatte gerade aufgegeben. Einer der beiden Pacer, es war Elke, Hansis Frau, blieb bei mir. Da brauchte ich mir wenigstens keine Sorgen mehr über den richtigen Weg zu machen, und es ging mir schon wieder besser. Wir wanderten unter sternklarem Himmel geradewegs auf das Siebengestirn zu, dem Sportplatz in Sibbesse entgegen. Dort gab ich nach 100 km auf. Erste kleine Blasen hatte ich auch schon wieder an den Füßen. Ich legte mich auf eine der bereitstehenden Liegen und zitterte am ganzen Körper, wie nach einer Niederkunft. Offensichtlich war es anstrengend gewesen.

Außer mir gaben auch einige bewährte Langstreckenhelden wegen Magen- oder Kreislaufproblemen, oder weil sie sich einen Wolf gelaufen hatten, schon früh auf: Franz Häusler, Stephan Hloucal und Heinrich Dahmen. Auch die Läuferhunde hatten ihre Probleme und machten schlapp.

Die Helfer waren zahlreich und begeistert von ihrer Veranstaltung, nur manchmal in ihrer Gesamtheit eine Spur unaufmerksam. Zum Beispiel hatte Andreas Mühlbrandt schon in der Nacht seinen Appetit auf normale belegte Brote mitgeteilt. Als er am nächsten Morgen nach der dritten Runde zur besten Frühstückszeit auf dem Sportplatz eintraf, waren zwar gerade noch Brötchen da, aber Wurst und Butter nicht mehr, nur noch Lätta. Himmel, Halbfettmargarine! Aber Andreas machte das nicht so viel, er finishte trotz Lätta. Und er hatte nur freundliche Worte für die Helfer mit dem guten Appetit. "Wo gibt es das denn sonst, dass sich so viele Leute um dich kümmern?" Ja, da hatte er auch recht, eine Kleinigkeit angesichts des großen Aufwandes und all dessen, was vorzüglich geklappt hat.

Ich hatte gerade etwas in meinem Auto geschlafen, da kam unter großem Beifall mit etwas weniger als 24 Stunden Oliver Arndt als Erster ins Ziel. Er sah gar nicht wie ein Borderliner aus und lief ganz locker. Das sei aber nicht immer so gewesen, erzählte er. Auch er habe seine schwachen Phasen gehabt. Etwas später kam, auch noch ganz ordentlich, wenn auch unrasiert aussehend, Jens Vieler ins Ziel.

Irgendwann traf Russ Kline nach der dritten Runde ein. In Landwehrhagen im vergangenen Jahr hatte er noch ganz vorn mitgemischt. Jetzt sah er so elend aus, wie ich noch nie jemanden beim Laufen gesehen habe: Mit steifen Beinen und der Geschwindigkeit eines leidenden alten Mannes schlurfe er auf den Sportplatz, und der Lauf war für ihn vorbei. Aber er lächelte noch. Er sei völlig dehydriert gewesen, sagten die Helfer später. Das erstaunt, denn Russ kommt aus der Wüste, aus Phoenix/Arizona. Ich nehme an, rund um die Uhr nur lauwarme Getränke, literweise, das schafft kein US-Bürger. Ich habe amerikanische Verwandte, die manchmal Urlaub in der Wildnis machen, und das erste, was sie dafür einpacken, ist eine Eismaschine für die Getränkekühlung. Solche sind ja in Europa nicht verbreitet. Beim diesjährigen STUNT wären sie nützlich gewesen.

Ich konnte mich über meine geschafften 100 km gar nicht freuen. Bei dem Gelände und der schwülen Hitze waren die doch eigentlich auch schon mal was. Aber ich hatte mehr gewollt, und es nicht geschafft, nicht so wie im letzten Jahr. Man kriegt eben nicht immer, was man will. Da muss ich wohl im nächsten Jahr wieder ran. Ich sehe es schon kommen, dann regnet es und das ist auch nicht richtig.

Ich liebe solche Veranstaltungen wie den STUNT, die aus dem Nichts und ohne großen materiellen Aufwand entstehen, die nur mit einer Idee, viel mitreißender Begeisterung, Zielstrebigkeit und Disziplin. Sie sind beispielhaft für vieles. Hansi, seinen zahlreichen und lieben Helfern sowie dem Dorf mit dem tonlosen Namen sei herzlichen Dank!


© Elisabeth Herms-Lübbe, 10.08.2006

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