Zufälliges Zitat

"Ein 10.000-Meter Lauf ist ein Wettkampf, ein Marathon ist eine Erfahrung, ein Ultra ist ein Abenteuer."

Bryan Hacker

Nächster Ultramarathon

Alle zeigen - Bericht von Elisabeth Herms-Lübbe zum RosieAroundTheWorld:
Elisabeth Herms-Lübbe , 06.09.2006

Rosiearoundtheworld - zu Fuß um die Welt

Dies ist ein Bericht über Rosie Swale Pope, die um die Welt läuft und schon Zweidrittel geschafft hat. Die Route mit dem meisten Land unter den Füßen hat sie gewählt, mehr oder weniger entlang des 55. Breitengrades durch Europa, Sibirien, Alaska, Kanada, andere US-Staaten, Grönland, Island, Irland und zurück nach Wales, wo ihr Haus steht, das sie währenddessen vermietet hat. Sie läuft fortwährend, im Sommer und auch im bitteren nordischen Winter, und übernachtet so gut wie immer im Zelt. Selbst wenn sie von hilfsbereiten Leuten eingeladen wird, im Haus zu schlafen, zieht sie ihr Zelt vor, um die Gewohnheit nicht zu verlieren.

Bescheiden ist Rosie, denn sie verzichtet weitgehend auf Helfer, sodass sie unverstellt und verletzlich der Welt gegenüber tritt. Sie hat einige wenige Sponsoren wie das englischsprachige Magazin "Runners´ World" und Ausrüstungsfirmen. Auch hat sie zwei ständige Helfer im Hintergrund, in der Heimat, die im Notfall eingreifen können. Einer davon ist ihr Sohn. Der andere Helfer schreibt einmal: Wenn er dann in London aus der U-Bahn käme und Rosie am Satellitentelefon höre, könnte er gleichsam die Sterne am sibirischen Nachthimmel funkeln sehen. Denn Rosie ist immer strahlend, voller Energie, Freude und Zuversicht.

Zunächst die Vorgeschichte. Rosie kennt die Welt. Früher ist sie über die Ozeane gesegelt, sowohl mit ihrer jungen Familie als auch später allein. Dann hatte ihr Mann Krebs. Sie pflegte ihn lange, bis zu seinem Tod. Sie lebte, und ihr Leben erschien ihr danach so ungeheuer kostbar, dass sie überlegte, wie sie die ihr verbliebene Zeit am besten nutzen könne. Da Rosie mittlerweile den Laufsport zu schätzen gelernt hatte, entschied sich für eine Weltumrundung zu Fuß. Sie bereitete sich vor und trainierte lange Strecken mit Gewicht auf dem Rücken, ihren Rucksack mit Kartoffeln beschwert.

An ihrem 57. Geburtstag, dem 2. Oktober 2003, lief sie los, allein, und der Rucksack wog fast 20 kg. Ihr Sohn betreibt eine Homepage für sie (http://www.rosiearoundtheworld.co.uk/). Darauf sind Positionsangaben, Bilder, kleine Zwischenberichte sowohl von ihr selbst als auch von ihrem Sohn und Leuten, die Rosie unterwegs getroffen haben. Die Nachrichten von Rosie sind als SMS, als Wiedergabe von Telefongesprächen oder als E-Mails darauf, also in einer recht unbearbeiteten Form, sodass es manchmal nicht ganz einfach ist, ihre Reise nachzuvollziehen. Was ja vielleicht auch so gewollt ist, denn Spenden und Erlöse, die aus der Reise entspringen, sollen für wohltätige Zwecke eingesetzt werden, wie zum Beispiel für ein bestimmtes Kinderdorf in Russland. Vielleicht soll einmal ein Buch geschrieben werden über Rosies Abenteuer, oder Rosie geht auf Vortragsreise, und ich hoffe, dass ich ihr bei der Vermarktung ein wenig helfen kann, indem ich schon jetzt auf ihr überaus mutiges und ungewöhnliches Unternehmen aufmerksam mache.

Bis sie Sibirien erreichte, verlief Rosies Reise noch vergleichsweise unspektakulär. In Hamburg war sie auf eine Scherbe getreten und bekam nach deutscher ärztlicher Gewohnheit einer Verband, dick genug für einen Elefanten, und den Rat, zwei Wochen nicht zu laufen. In Vilnius, Litauen, feierte sie das Weihnachtsfest mit Einladung zum Essen und Gottesdienst. Zu dem Weihnachten schenkte ihr "Runners´ World" ein Satellitentelefon, das sie wegen des Gewichts gleich nach Moskau vorausgeschickt hat. Dann, in gerade in Russland, musste sie einmal ihre gewählte Strecke verlassen, um sich nach St. Petersburg zur Zahnbehandlung zu begeben. Auch später machten ihr die Zähne wieder Kummer. Ein Stück brach ab, und Rosie stand dann vor der Wahl, vier Tage und 1400 km mit dem Zug zurück zum einem Ort mit Zahnarzt oder die Schmerzen auszuhalten bis zum nächsten Ort. Sie entschloss sich für das Durchhalten. Noch einige Male mehr verließ sie gezwungenermaßen die Strecke, ebenfalls später. Einmal fuhr sie in die Mongolei, um von dort erneut nach Russland einzureisen und ein neues Visum zu bekommen, ein anderes Mal wurde sie wegen Erfrierungen mit einem Hubschrauber in ein Krankenhaus geflogen. Aber das war schon in Alaska. Ich vermute, demnächst wird Rosie wieder ihre Strecke verlassen, um nach Chicago zu kommen, wo sie Ende Oktober den Marathon laufen möchte. Denn ihr nächstes Ziel ist Grönland, und Chicago liegt nicht auf dem direkten Weg dorthin. Einzelheiten gehen aus ihrer Homepage noch nicht hervor.

Nun jedoch zurück zum Anfang der Reise, zum europäischen Teil Russlands. Nach ihrem Motto "Slow but steady", langsam aber beharrlich, lief Rosie weiter gen Osten. Tiefer Schnee lag mittlerweile, und ihre Tagesleistung betrug häufig nur 20 km. Irgendwann zum Frühjahr hin wurde der Rucksack abgelegt und es gab für den Gepäcktransport zuerst einen Babybuggy, dann einen Karren namens Hercules. Der war wie das Telefon und das GPS-Gerät auch von "Runner´s World" gesponsert. Hercules hatte eine Metallwanne und konnte auch als Schlitten benutzt werden, wenn man die Räder durch Kufen ersetzte. Schwimmen konnte er auch, was später beim Durchqueren zahlreicher Flussfurten in Sibirien sehr vorteilhaft war. Hercules war Rosie so ans Herz gewachsen und so wichtig für sie, dass sie ihm, obwohl eine Sache, ein grammatisches Geschlecht verlieh, wie man es im Englischen zum Beispiel mit einem Schiff macht. Aber auch er ging mal kaputt. Einmal, aber das war später und schon wieder im Sommer, brach mitten in der Einsamkeit eine Deichsel, Rosie musste ihn mühsam auf einer Seite mit einem Strick ziehen und konnte nur noch unrund laufen. Jedoch ereignen sich wunderbare Dinge, wenn es richtig schwierig wird: Aus dem Nichts kam ein Lastwagen mit sieben jungen Männern, die alle wie James Bond aussahen. Das waren Altmetallsammler, die Schrott vom Wegrand aufsammelten und nach China verkauften. Die hatten auch Schweißgerät dabei und flugs war alles wieder repariert. Menschliche Magie nennt Rosie das.

Zunächst kam der zweite Winter auf der Reise, und wieder Weihnachten. Rosie war zu dem Zeitpunkt mitten in der Einsamkeit. Sie hat nun mal ein strahlendes Wesen und findet überall schnell Freunde. So auch in Sibirien. Zwei Freunde sagten sich, man kann die Frau doch nicht allein Weihnachten feiern lassen, und fuhren ihr 500 km mit dem Wohnmobil hinterher. Das hatten sie von innen prächtig dekoriert, und auch einen Weihnachtsbaum befand sich an Bord. Es gab ein Festmahl, eine Abwechslung von Rosies normalem Essen in der Einsamkeit, das in Sibirien meist aus Buchweizen, Schweineschmalz, pulverisierte Kraftkost für Athleten sowie Vitamintabletten bestand.

Weiter ging es, nach Ostsibirien, und dann kam wieder der Sommer. Dann ist das Reisen keinesfalls leichter als im Winter. Die Straßen, gebaut von "Stalins Langzeitgästen", waren in einem so schlechten Zustand, dass Rosie gelegentlich die Auskunft bekam, da, wo sie hin wolle, sei gar keine Straße. Scharfkantige Steine zerschnitten sowohl Hercules´ Räder als auch Rosies Schuhe, die dann alle notdürftig geflickt werden mussten. Besonders die Schuhe waren manchmal völlig abgenutzt. Rosie ersetzte die Dämpfung durch Badeschwäm
me. Die gefürchteten Mücken setzten ihr dank eines kraftvollen Schutzes nicht so sehr zu.

Hin und wieder konnte Rosie ihre Ausrüstung ersetzten und ergänzen. Sie ist voller Lob für die unkomplizierten und flexiblen Dienste der DHL. Die scheinen die Logistik in Sibirien gut im Griff zu haben.

Als Rosie Sibirien verließ, um nach Alaska zu fliegen, und das war knapp zwei Jahre nach ihrem Start von Zuhause, fasste sie zusammen, es sei erstaunlich und überaus ermutigend, dass sie so überwältigend viele gute und so wenig schlechte menschliche Erfahrungen gemacht habe. Jedoch zwei Zwischenfälle gab es in Sibirien, die Rosie allerdings schnell abgehakt hatte. Einmal wollte ihr jemand das Satellitentelefon rauben, was sie jedoch abwenden konnte, und ein anderes Mal bedrohte sie mitten in der Einsamkeit ein nackter Verrückter mit einem Gewehr. Da floh sie erschreckt und überstürzt. Dabei verlor sie ihre Brieftasche und ihr Notizbuch. Jedoch - menschliche Magie - jemand fand alles, brachte es in die nächste Ortschaft und Rosie bekam es wieder.

In Alaska angekommen, suchte sie den Ort auf, der Sibirien am nächsten ist, um dort ihre Reise fortzusetzen. Die Beringstraße zwischen den Kontinenten ist ja nicht breit, aber Grenzposten mit hohen Ansprüchen an Formalitäten machen wohl den Reisenden dort jetzt das Leben schwer. Der Umweg über Anchorage war einfacher.

Weiter lief Rosie, und der dritte Winter kam. Sie hielt sich an Hundeschlittenwege und später an den zugefrorenen Fluss Yukon. Dort ereilte sie ein großes Pech. Sie habe schon etwas gespürt an ihrem Fuß, sei aber zu nachlässig gewesen, nachzusehen und Abhilfe zu schaffen, und später hatte sie Erfrierungen an den Zehen eines Fußes. Der schwoll so stark an, dass sie keinen Stiefel mehr darüber ziehen konnte. Erstmals auf der Reise war sie in wirklicher Gefahr. Aber Alaska ist gut organisiert, und ein Rettungsteam brachte sie mit einem Hubschrauber nach Fairbanks in ein Krankenhaus. Dort kurierte sie alles aus und nahm Anfang April dieses Jahres genau dort ihre Reise wieder auf. So konnte sie die kältesten Wintermonate in der Zivilisation verbringen.

Der Sommer kam und ihr Sohn besuchte Rosie auf der Strecke. Er brachte einen neuen, dreirädrigen Karren mit, wieder eine Sonderanfertigung von "Runners World", der liebevoll Silver genannt wird und auf dem ein Zelt fest installiert werden kann, so dass das ganze ein kleiner Wohnwagen ist.

Jetzt, im September 2006, hat Rosie die Rocky Mountains überquert und ist in Kanada.

Sibirien und Alaska seien manchmal so einsam, wie es auf der See nie sein könnte. Und Rosie weiß, wovon sie spricht. Demnächst erlebt Rosie das krasse Gegenteil. Nachdem sie nun fast drei Jahre unterwegs ist, will sie jetzt am Chicago Marathon teilnehmen, zusammen mit 40 000 Menschen. Chicago liegt nur abseits ihrer Route, wenn ihr nächstes großes geografisches Ziel Grönland ist. Aus den Notizen auf Rosies Homepage kann ich nicht entnehmen, ob sie wirklich ganz bis dorthin laufen will, wie ich zuerst wie selbstverständlich vermutet habe, oder ob sie mit dem Flugzeug einen Abstecher nach Chicago macht. Warten wir es ab. Und verfolgen ihre ungewöhnliche Reise weiterhin.

http://www.rosiearoundtheworld.co.uk

© Elisabeth Herms-Lübbe, 06.09.2006


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