Zufälliges Zitat

"Ohne viel zu überlegen meinte ich, daß diese Strecke 'zu schaffen' sei."

Dr. Adolf Weidmann vor seinem ersten Lauf in Biel

Nächster Ultramarathon

Alle zeigen - Bericht von Jörg Hafner zum Sächsischer Treppenmarathon oder Treppenlauf als Doppeldecker:
Jörg Hafner , 11.05.2007

84,4 km, 17.700 Höhenmeter, 80.000 Stufen: Der Mount Everest Treppenmarathon in Radebeul: Zwei Monate Vorbereitung im Hamburger Holmes Place haben mich gerettet.

Ich wusste nicht, was mich erwartet, als ich mich Anfang dieses Jahres zum 3. Sächsischer Mount Everest Treppenmarathon am 21. April 2007 in Radebeul (bei Dresden / Sachsen) angemeldet hatte: Eine schier endlose Treppe an einem Weinhang. Über 18 Stunden Dauerlauf. Eine Woche danach kein Treppensteigen. Ausgepowert ohne Ende. Aber ein einzigartiges Erlebnis.

Wie fing alles an: Am Anfang des Jahres werden diverse Wettkämpfe für das laufende Jahr geplant. Straßenläufe sind längst nicht mehr so interessant und haben auch nicht mehr den Reiz, wie es einmal vor Jahren war. Durch Straßenschluchten laufen. Neben Autos und Bussen herlaufen. Asphalt fressen. Nein. Dieses Jahr musste noch etwas Außergewöhnliches her. Also habe ich mich an meine Planung gemacht und habe mich im Internet umgeschaut. Und siehe da: Auf speziellen Seiten für Ultraläufer werde ich auch relativ schnell fündig: Der Treppenlauf in Radebeul. Das hörte sich doch gut an.

Die Internetseite ist zwar sehr spartanisch aufgebaut aber man findet alle wesentlichen Informationen über den Lauf. Nicht lange überlegt, Anmeldung losgeschickt und das Startgeld von verhältnismäßig geringen 50 EUR gleich überwiesen. Okay Planung abgeschlossen. Das war Anfang des Jahres. Lauf im April. Anfang Februar dachte ich, ich müsste langsam anfangen, mich auf den Wettkampf vorzubereiten. Ich dachte: 84,4km: Kein Problem. 80.000 Stufen: Das wird schon. 17.700 Höhenmeter: Bin ich doch auch schon gelaufen auf La Reunion. Allerdings hatte ich dafür mehr als das doppelte an Zeit und die Höhenmeter verteilten sich auf eine weitaus größere Strecke. Und da ich dachte auch noch, dass das vielleicht nicht anstrengend genug sein könnte, und wollte zusätzlich die Strecke aus Hamburg nach Radebeul mit dem Fahrrad zurücklegen. Aber das täuschte.

Meine Vorbereitungszeit für diesen Wettkampf begann dann ca. zwei Monate vor dem Start. Ich hatte bereits Anfang dieses Jahres längere Trainingsläufe hinter mir und was mir fehlte waren die Höhenmeter. Da bot sich der Stairmaster im Holmes Place in Hamburg nahezu perfekt als Trainingsmittel im flachen Hamburg an. Als ich die ersten 1.200 Stufen auf dem Stairmaster zurückgelegt habe, wusste ich worauf ich mich eingelassen habe. Ich konnte mich danach kaum noch bewegen. Der erste Gedanke, der mir durch den Kopf schoss: Jetzt muss ich noch 78.800 Stufen zurücklegen. Wie soll das funktionieren? Tag um Tag folgte auf dem Stairmaster. Und die Personaltrainer im Holmes Place, die sich in großer Anzahl um das Wohlbefinden der Sportler kümmern und fleißig die Trainingspläne von Ihren Schützlingen einfordern, schauten mich immer verwunderter an. Vier Mal die Woche mindestens habe ich meinen Schweiß hier vergossen. Stunde um Stunde.

Aber ich konnte mein Trainingspensum relativ schnell steigern und war schon nach einer Woche bei 2.000 Stufen. Aber immer noch fehlten mir 78.000 Stufen. Also weiter. Die nächste Woche folgte und wieder und immer wieder kletterte ich auf dem Stairmaster die Stufen hinauf. Am Ende war ich dann bei einer Trainingseinheit von 5.000 Stufen pro Stunde. Und da war ich fertig mit der Welt. 75.000 Stufen. Okay. Was hilft noch an zusätzlichem Training: Fahrradtouren? Ja. Also setzte ich mich aufs Fahrrad und bin einige Einheiten mit dem Fahrrad gefahren 3-4 Stunden. 90-110km. So das müsste reichen. Das muss reichen.

Fast zwei Monate Vorbereitungszeit waren vorbei und die Woche vor dem Wettkampf wollte ich mich ausruhen. Zumindest was das Laufen betrifft: Ich hatte mir ja noch das ehrgeizige Ziel gesetzt, mit dem Fahrrad nach Radebeul zu fahren. Am Dienstagabend vor dem Wettkampf habe ich die letzten Routen festgelegt, auf denen ich die 480km zu Ziel zurücklegen möchte. Mittwoch Nachmittag fiel dann der Startschuss. 170km legte ich bis zum ersten Etappenziel bis kurz hinter Salzwedel zurück. Donnerstag kam die größere Einheit mit 203km bis 30km hinter Wittenberg-Lutherstadt und am Freitag mussten dann die letzten 110km bis nach Radebeul bewältigt werden, welches ich dann mittags erreichte. Jetzt hieß es ausruhen, ausruhen und nochmals ausruhen. Meine Beine waren schon ganz schön schwer, so dass ich mich entschloss noch an diesem Nachmittag einen Physiotherapeuten aufzusuchen, der mich noch ein wenig massiert. Die letzte Nacht in einem festen Bett.

Samstag: Ich wache auf, schaute aus dem Fenster und freute mich über das schöne Wetter. Da hatte ich aber noch kein Bein aus dem Bett gestellt. Als ich aufstand, traf mich der Schlag. Ich konnte zwar auftreten, aber meine Beine waren bedeutend schwerer, als ich erwartet hatte. Wie wäre es bloß gewesen, wenn ich keine Massage bekommen hätte. Also quälte ich mich aus dem Bett und machte mich fertig. Nach einer kurzen Stärkung ging es dann zum Parkhotel Steigenberger, in dem ich meine Eltern untergebrachte habe. Ich musste ja schließlich wieder zurück. Ich war endlos glücklich, als ich meine Eltern am Hotel eintreffen sah. Ich habe mich schon auf dieses Wochenende gefreut.

Um 16:00 Uhr ging es los. Da bleibt einschließlich Vorbereitungszeit auf den Wettkampf und Briefing durch den Organisator nicht mehr viel Zeit. So dass meine Eltern und ich uns relativ schnell auf den Weg zum Ort des Geschehens gemacht haben: Die Spitzhaustreppe in Radebeul, wo das Desaster seinen Anfang und sein Ende nehmen sollte. Das Briefing und die Startnummernausgabe folgten vor der Vorbereitung auf den Lauf. Der Rucksack mit den Utensilien für den Wettkampf wie Wechselsachen, Handschuhe, Mütze, zusätzliche Verpflegung usw. wurde gepackt und griffbereit in der Nähe der Wettkampfstrecke abgelegt.

Was mich auch sehr gefreut hat, ist, dass Till vorbeigekommen ist und sich die Mühe kosten ließ, 250km mit dem Rad zurückzulegen, um bei diesem großartigen Event dabei zu sein.

16:00 Uhr Startschuss. Das Wetter war angenehm nicht zu Kalt und nicht zu warm. Sonnig. Windstill. Beste Voraussetzungen, und der Wahnsinn beginnt. Ich beschloss, die ersten Runden relativ entspannt zu laufen, um zu schauen, wie ich vorwärts komme und wie sich die 480km Radfahren auf die Runden auswirken. Was brauche ich wohl für eine Runde? 5min? 6min? 397 Stufen und ein Stück Straße führen durch die Weinberge der Lößnitz auf die Höhen am Spitzhaus. 88,48 m Höhenunterschied und eine Strecke von 421, 95 m sind bis zum Wendepunkt an der Ecke Am Goldenen Wagen / Hoflößnitzstraße, bevor es zurück zum Start 50 m hinter dem Ende der Treppe geht. Hier ist der obere Wendepunkt und danach wird die gleiche Strecke wieder durchlaufen. Eine Runde sind also 88,48 m Abstieg und 88,48 m Aufstieg, sowie eine Strecke von 843,90 m. 100 mal durchlaufen ergibt das einen kompletten Aufstieg von NN bis zum Gipfel des Mount Everest und zurück. Gleichzeitig ist es ein Doppelmarathon, denn Auf- und Abstieg zusammen ergeben 2 x 42,125 km.

Ich wurde schnell von der Realität eingeholt. 8,5min für die erste Runde und das sollte auch die schnellste geblieben sein. 100mal diese Runde. Das sind, wenn es gut läuft gerade mal 6 Runden pro Stunde. Also wenn ich das Tempo durchhalte, wäre ich aber nach knapp 16:30 Stunden am Ziel. Aber das ist ilosorisch.

Die ersten 10 Runden sind nach knapp unter Stunden absolviert. Also jetzt benötige ich nach einer weiteren Hochrechnung 20 Stunden. Was ich mir anfangs auch zum Ziel gesetzt habe. Als ich vor dem Start höre, dass der Vorjahressieger 17 Stunden benötigt hat, dachte ich mir, dass 20 Stunden doch schon ein ehrgeiziges Ziel wären. 20 Stunden waren in Ordnung.

Runde für Runde wurde zurückgelegt. Auch wenn alle 10 – 11 Minuten eine Verpflegungsstation kam, war es unheimlich wichtig feste Nahrung und Flüssigkeit dem Körper zuzuführen. Wasser, Cola, Tee, Salzstangen, Kuchen, Müsliriegel. Die Verpflegung war super. Und die Helfer und Helferinnen waren immer bemüht, den Stand ausreichend mit Lebensmitteln zu versorgen. Das hat super geklappt.

Mittlerweile waren 40 Runden zurückgelegt und die Nacht brach herein. Die Zuschauer verließen langsam den Ort des Geschehens und jetzt könnte es einsam werden. Aber Dank der Staffeln, die um 22:00 Uhr und um Mitternacht begannen, war immer Action auf der Strecke.

Runde für Runde. Stunde für Stunde. Nachts wurde es kälter. Die Temperaturen sanken auf drei Grad und es war notwendig, die Laufsachen zu tauschen und endlich andere Nahrung zu sich zunehmen. Gott sei Dank hatte ich meinen Rucksack in der Nähe griffbereit mit abwechselungsreicher Nahrung wie Peronin, Schokoladendrops und anderen leckeren Getränken.

Nach 50 Runden und knapp 8,5 Stunden hatte ich den ersten Marathon geschafft. 8,5 Stunden habe ich noch nie gebraucht. Verdammt und jetzt das gleiche noch einmal. Ausruhen? Nein. Ein Hinsetzen geschweige denn ein Hinlegen war unmöglich. Man wäre nicht wieder aufgestanden. Die Muskeln hätten sich sofort verhärtet und die Motivation wäre in den Keller gestürzt. Also hieß es, auf den Beinen bleiben und sich bewegen. Nichthinsetzen. Die Rundenzeiten wurden unwesentlich langsamer und wurden dann doch eher durch kleinere Verpflegungspausen künstlich verlängert.

Nach ca. 75 Runden brach der Morgen an. Herrlich. Die ersten Sonnenstrahlen brachten Wärme und irgendwie hatte der Sonnenaufgang in so einer Atmosphäre etwas besonders. Unglaublich, dass wir zu dieser Zeit schon knapp 13,5 Stunden unterwegs waren.

Zwischen Runde 80 und 85 hatte ich einen körperlichen Einbruch. Die Rundenzeiten wurden schlechter und ich musste eine größere Pause einlegen. Ich suchte nach der Ursache und fand sie auch relativ schnell. Ich hatte eine Runde vergessen, etwas zu trinken und Nahrung zu mir zu nehmen. Der Körper hat dies sofort mit einem Leistungseinbruch heimgezahlt. Erst nach 6 Runden und erneuter Konzentration auf das Laufen, habe ich mich wieder fangen und meine Rundenzeiten steigern können. Gott sei Dank. Schließlich mussten noch mehr als 1,5 Stunden gelaufen werden.

Die nächsten Runden liefen super. Ich habe mir meinen Walkman aufgesetzt. Die Musik lautstark aufgedreht und mich bis zur Runde 99 nicht mehr aus dem Konzept bringen lassen.

Runde 99. Der Sprecher kündigt meine letzte Runde an. Habe ich es tatsächlich geschafft? Die letzte Runde habe ich genossen und bin sie fast ausschließlich gegangen. Es war einer meiner langsamsten Runden. Ich werde nie wieder herkommen und musste diese herrliche Landschaft noch einmal genießen, die ich mir 18:26 anschauen durfte. Ich habe mir den ganzen Wettkamp noch einem durch den Kopf gehen lassen. Die letzten 100 Stufen. Mit jeder Stufe kam das Ziel näher. Dann war es endlich soweit. Oben angekommen empfang mich der Sprecher mit einem lautstarken Herzlichen Glückwunsch. Und meine Eltern waren auch da. Nach 18 Stunden 26 Minuten und 20 Sekunden durchlief ich das Ziel mit überwältigender Freude. Ich konnte es kaum glauben, dass ich meine Erwartungen bei weitem unterschritten habe und sogar als fünfter von 42 gestarteten Teilnehmern durchs Ziel lief (22 Starter sind im Ziel nach 100 Runden angekommen). Geschafft und überglücklich.

Meine Eltern haben mir gratuliert und ich war froh, dass sie bei diesem einzigartigen Ereignis dabei waren.

Kurt Hess war bereits nach 14 Stunden 48 Minuten und 28 Sekunden mit den 100 Runden fertig und belegte damit den Platz 1. Von meiner Seite aus an dieser Stelle mein Herzlichen Glückwunsch in die Schweiz. Aber nach 100 Runden war für ihn noch nicht Schluss. Er wollte insgesamt 24 Stunden durchlaufen und in dieser Zeit so viele Runden, wie möglich schaffen. Er stellte mit 144 Runden einen neuen Rekord auf. Ich war froh nach 18:26 im Ziel zu sein.

Nach einer kurzen Pause im Gras haben meine Eltern und ich dann die Heimreise angetreten. Mit dem Fahrrad wollte ich jetzt nicht unbedingt wieder fahren. Nur die Motivation hätte gefehlt. ;-))))

Der Montag und Dienstag danach waren am schlimmsten. Mitleid konnte ich nicht gebrauchen. Sondern ein Fahrstuhl. Treppen wurden vermieden. Für kleine Wegstrecken wurde ausreichend Zeit eingeplant. Ich hatte keinen Stress.

Nach einer Woche ging es dann aber schon wieder erstaunlich gut. Denn der Ehrgeiz hat mich dazu bewegt, diese Trainingsform auszunutzen und mich für das nächste große Event gemeinsam mit Holmes Place vorzubereiten: 16. Internationaler Triple-Ultra-Ironman in Lensahn Ende Juli 2007. 11,4km Schwimmen; 540km Radfahren; 126,6km laufen. Es gibt immer noch verrücktere Sachen.

Es war ein toller Wettkampf und für alle Ultraläufer, die etwas Außergewöhnliches machen wollen, ist dieser Wettkampf zu empfehlen. Es herrschte eine tolle familiäre Atmosphäre. Die Organisation war super. Die Verpflegung klasse. Der Wettkampf hat ein eindeutiges 1A verdient. Ein herzliches Dankeschön dafür von mir und auch von meinen Eltern, für die es auch ein tolles Erlebnis war, an Christian Hunn.

Außerdem Danke ich auch dem Holmes Place in Hamburg, welche mir optimale Trainingsbedingungen zur Verfügung gestellt haben und ohne das ich das wahrscheinlich nicht in einer so für mich hervorragenden Zeit geschafft hätte, und meinen Eltern, die einen ausgezeichneten notwendigen Fahrservice gestellt haben.


Wenn Ihr Fragen zu dem Treppenlauf haben solltet, wendet euch gern an mich unter der folgenden E-Mail Adresse: joerg.hafner@gmx.de. Ich helfe Euch gern weiter.


© Jörg Hafner, 11.05.2007

Weitere Info's und Berichte zum Lauf:


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