Zufälliges Zitat

"This isn't something you die for once. You die eighteen times, every single day"

Trishul Cherns, 1300-Mile-Race

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Alle zeigen - Bericht von Michael Dickel zum Berlin Marathon 2007:
Michael Dickel , 30.10.2007

Real Berlin – wahrlich königlich.

Real Berlin – wahrlich königlich.

Nein – keine Angst liebe Hertha BSC Fans – das spanische Königshaus ist nicht neuer Eigentümer des Berliner Traditionsvereins. In diesem Fall steht der Name für eine große Supermarktkette, die als Hauptsponsor des 34. Berlin-Marathons unauslöschlich und - wie ich finde- viel zu aufdringlich mit ihrem Namen geworben hat. Auch in der Fernsehübertragung war dieses Wort nicht zu übersehen – wenn es jedoch zur Austragung eines solchen Megaereignisses nötig ist, müssen wir wohl oder übel weiter damit laufen.

Doch soll dies nicht eine Kritik über eine Laufveranstaltung, sondern ein Bericht über den Weltrekordmarathon am 30.09.07 in Berlin werden. Und natürlich auch ein bisschen die eigene Geschichte um das Drumherum, sowie die eigenen „Begleitumstände“, soweit diese für die Öffentlichkeit zugelassen werden.

Anreise mit dem Flugzeug am Samstagmorgen um 9.Uhr und Fahrt zum Hotel direkt am Brandenburger Tor, dem Adlon – man gönnt sich ja sonst nichts. Meine Frau und ich sind direkt angetan von diesem ehrwürdigen Gebäude und der freundlichen Begrüßung. Wir geben nur schnell das Gepäck ab und machen uns gleich mit der S-Bahn im Untergrund Richtung Potsdamer Platz und dann weiter mit der U-Bahn oberirdisch Richtung Messegelände.

Meine Güte ist das hier schon voll – dabei ist diese Messe doch schon den 3 Tag geöffnet. Und eigentlich habe ich auch schon genug Laufsachen im Gepäck – man weiß ja nie welches Wetter einen erwartet. Nur die Spike-Schuhe konnten zuhause bleiben. Aber eben nur in den Messehallen kann man die Startunterlagen abholen, was bei alleine über 40.000 Marathonläufern dann auch einige Zeit in Anspruch nimmt. Wiederholtes Anstehen bei der Chip-Kontrolle – nein, ein lauschiger Geländelauf wird das hier nicht. Es ist meine erste Teilnahme an einem so großen Marathon, daher bin ich doch etwas unsicher, ob mir das wirklich gefällt. Bonn bekommt dagegen (sorry Bonn) so was wie Provinzcharakter.

Die Rückfahrt bewältigen wir dann mit dem Taxi – keine Lust mehr zu stehen. Angekommen im Hotel und endlich auf dem Zimmer umgibt uns dann der Luxus. Und so ist das Geschiebe und Gedränge dann auch schnell vergessen. Abends geht es dann mit Schwester, Schwager, Neffe Arne, der ebenfalls als Läufer angemeldet ist und überhaupt seine erste Laufveranstaltung nach dem Schulsportfest absolviert, und seiner Freundin zum In-Restaurant Borchardt, wo es in Berlin ein echtes Wiener Schnitzel zu essen gibt. Wir sind schon komische Menschen, aber gut war es trotzdem. Nach ein paar Absackern, die natürlich leistungs-mindernd auch Alkohol beinhalten geht es wieder ins Hotel zur recht frühen Nachtruhe, nicht ohne jedoch noch das Frühstück aufs Zimmer zu bestellen. Eben Real – echt königlich. Und so haben wir dann auch tief und fest geschlafen. Ich wurde nur einmal wach, schaute auf die Uhr. Es war genau 4.44 Uhr. Eine gute Zeit im Ziel für den Marathon dachte ich noch und schlief wieder ein.

Sonntag, Punkt 7. Uhr schellt der Zimmerservice und fährt den gedeckten Tisch mit unserem gewünschten Frühstück ein. Danach und nach einem prüfenden Blick aus dem Fenster und den letzten Wetterbericht für Berlin im Fernsehen - Wahl der richtigen Laufkleidung. Um halb Neun Gang durch das Brandenburger Tor zur Startaufstellung in den Block H – für alle Läufer ohne oder einer Zeit über 4 Std. 30 Minuten – also eigentlich mehr als die Hälfte aller Teilnehmer. Dort gibt es auch die begehrten gelben Plastiküberzieher der Marke Adidas, die 40000 Läufer und Läuferinnen zur Biene Maja verkleiden. Pünktlich um 9 Uhr Startschuss durch den regierenden Bürgermeister Wowereit, gefilmt alleine mit 5 Helikoptern. Werden die Zigtausend aufsteigenden Luft-ballons einen zur Landung zwingen?
Nein – alles geht gut uns so warten wir auf das Signal, dass auch Block H an die Reihe kommt. Nach genau 28 Minuten geht es dann auch über die Startmatte – ja richtig – geht. Von Laufen kann keine Rede sein. Nachdem Arne und ich schon vorab vereinbart hatten, nicht zusammen zu laufen, schlug sich jeder so seinen Weg durch das Läuferfeld. Es ist schon erstaunlich, dass es immer wieder Menschen gibt, die nicht geradeaus sondern Zickzack durch das Feld laufen müssen und damit natürlich jeden gleichmäßigen Laufschritt der anderen unmöglich machen. Ständiges Abstoppen und kleine Zwischenspurts um in eine Lücke vorzustoßen sind auch nicht gerade der richtige Beginn für die 42 Kilometer.

Das Wetter jedoch hellt die Stimmung mächtig auf. Nach einem verregnetem, stürmigen und kühlen Samstag , zeigt sich an diesem Sonntagmorgen um 10 Uhr plötzlich wieder die Sonne und das bei Kilometer 10 so stark, dass ich schon größte Befürchtungen hatte. Ich hatte mich weder mit Sonnencreme eingeschmiert, noch eine Sonnenbrille oder eine Kappe mitgenommen. Doch so schlimm war es dann doch nicht – es kamen wieder auch Wolken und so blieb die Temperatur angenehm.

4 Stunden, 44 Minuten wäre für mich eine neue Bestzeit und Hunderttausende feuerten mich an. Die ersten 5 Kilometer in 32 Minuten ebenso wie die zweiten – ich bin zufrieden. Die 3. 5 Kilometer und auch die 4. in 34 Minuten, also die ersten 20 Kilometer genau in 2 Stunden 12 Minuten, das könnte klappen. Ich laufe über die Zeitmatte bei Kilometer 20 und fühle mich gut. Keine 250 Meter weiter und mir friert das Lächeln plötzlich ein. Die rechte Wade – nein nicht schon wieder. Völlig verhärtet – ein Krampf aus heiterem Himmel. Bis zur Halbmarathonzeitnahme laufe ich weiter, da durch einen neuen Service diese Zeit per SMS an eine vorher angegebene Handyrufnummer gesendet wird. 2.20.55 – läuft noch…., wird es an meine Frau gesendet. Weiß die wenigstens, dass ich noch lebe. Arne war schon 10 Minuten früher da, na ja, ist ja auch 20 Jahre jünger. So jetzt erst mal um die Wade kümmern. Dehnen, trinken, gehen, langsam anlaufen, wieder trinken, versuchen wieder Fahrt aufzunehmen – jedoch nur gebremst möglich. Und so brauche ich für diese 5 Kilometer dann auch knapp 40 Minuten – egal Hauptsache du läufst noch. Die nächsten 5 werden noch schlimmer. 44 Minuten sind jetzt die 5 Kilometerzeit, also doch was mit 44. Zu diesem Zeitpunkt ahne ich schon, dass ich es wieder nicht unter 5 Stunden schaffen werde und konzentriere mich daher auch rein auf die Umgebung und genieße das Drumherum.

Toll – einfach toll ist diese Stimmung in Berlin. Es war sicher der Lauf, der mit Abstand die meisten Zuschauer hat – eigentlich war nirgends eine Stelle, wo es keine Anfeuerung gab. Und Musik in allen Variationen, aus allen Kulturkreisen und immer in hervorragender Qualität. Am meisten in Erinnerung wird mir die Band bleiben, deren Sängerin mich Dank des Namesaufdrucks auf meiner Startnummer gleich in den Text des Liedes aufgenommen hat. „Keep on running, Michael“ sang Sie und winkte mir zu. Ich winkte zurück und freute mich. „Keep on running“ - das war und ist mein Motto. Laufen, eben laufen – nicht gewinnen, nicht abhetzen, nicht verausgaben, sondern einfach laufen, einfach nur laufen. Danke noch mal für den Song, Danke für die Unterstützung. Die 44 Minuten behalte ich bei, die könnte ich immer weiter laufen und sei es 100 Kilometer.

So näherten wir uns wieder Berlin-Mitte. Längst war die Drängelei vorbei – Platz satt für die immer noch zahlreichen Läufer. Ein Blick zurück zeigte mir, dass ich noch lange nicht letzter war – ein Blick in die Zelte des Massageservice zeigte mir, dass auch andere Krämpfe bekommen. Ich lege mich aber nicht auf so eine Liege, da komme ich doch nicht wieder hoch. „Keep on running“.
Alle 2,5 Kilometer kommen Verpflegungsstationen und hier ist auch mein einziger Kritik-punkt. Zumindest verbesserungswürdig halte ich die Organisation dieser Stationen, für die letzten 10000 Läufer waren dann sogar keine Becher mehr für den Tee und das basische Getränk da. Nun, die lagen gehäuft auf dem Boden – zigtausendfach – und waren dazu noch glitschig. Oder sie standen auf den Tischen zu Tausenden, gefüllt mit Wasser, was keiner mehr sehen, geschweige den trinken konnte. Gut waren neben den Bananen die geviertelten Äpfel – die haben mir geholfen. Das 2 Kilometer vor dem Ziel verteilte Traubenzucker kam mir zu spät.

Doch wer Kritik übt, sollte auch Verbesserungen nennen können. Ich würde den Läuferstrom an diesen Stellen kanalisieren. Leider bleiben viele gleich am ersten Tisch stehen, was natürlich bei einer solchen Teilnehmerzahl ein Chaos zur Folge hat. Selbst das Durchlaufen dank eigener, mitgeführter Getränke ist so schon nicht mehr möglich. Und das Wasser darf auf keinen Fall so abgestanden schmecken. Ich habe gelesen, dass über 1 Million Plastikbecher benutzt wurden. Ich nehme an, so ca. 300.000 wurden achtlos stehengelassen, weil ja dieses komische Wasser drin war. Ich fand es nicht erfrischend, sondern eklig. Vielleicht eine zu persönliche Meinung, aber mir kam es eben bisher nur in Berlin so vor, dass das Wasser nicht schmeckt. Aber genug dieser Nebensächlichkeiten.

Mitläufer aller Nationen – einzigartig. Die größte Läuferarmada stellte dieses Jahr Dänemark gefolgt von Spanien. Dem entsprechend auch die Anfeuerung der mitgereisten Fans vielsprachig. Aber alle Hautfarben waren vertreten, einzig bei den Indianern war ich nicht sicher ob der der Kopfschmuck echt war. Natürlich zieht der Name Berlin in der ganzen Welt und so verbinden viele Menschen einen Besuch dieser Stadt mit dem Marathon. Daher wundert es auch nicht, dass die größte Menschenmenge dann an der Straße „Unter den Linden“ vor dem Brandenburger Tor steht und die Läufer und Läuferinnen auf den letzten Metern besondere Unterstützung gibt. Auf den letzten Metern? Viele Teilnehmer glauben, das Ziel sei mit dem Brandenburger Tor erreicht. Welch ein Irrtum. Es sind noch ein paar hundert Meter bis zur Ziellinie und so müssen einige Helfer manchen Teilnehmer doch mal sanft unter die Arme greifen. Wenn ich auf dem Finisher Clip meinen Zieleinlauf sehe, sollte ich in der Zukunft wohl doch eher für die „Defense“ einer Football-Mannschaft trainieren. Mein Gott bin ich, Startnummer 10389 eine Dampfwalze. Wo ist da der gazellenhafte Schritt eines Langstreckenläufers?

Spätestens bei meinem Spurt zurück ins Hotel war er wohl wieder da, wenn ich diesen jemals hatte. Um 15 Uhr hatte ich einen Termin zur Massage. Wer Lust hat nachzurechnen – ich kam 20 Minuten zu spät. Es reichte also nicht mehr zur vollen Stunde wohlempfundenen Schmerz. Aber geholfen hat es trotzdem. Denn am Montag bei der Sightseeing-Tour durch Berlin kann man jeden Teilnehmer wieder erkennen. Nein, nicht an der Medaille, die manche noch um den Hals baumeln haben. Nein, z.B. ein junge Holländerin bezahlte den Aufstieg zur Kuppel des Berliner Doms mit dem schmerzhaften Abstieg, den Sie dann doch lieber rückwärts die Stufen herab durchführte. Und jedes Mal, wenn einer sich aus einer Sitzposition wieder in die aufrechte Lage hochzog, konnte man den Schmerz regelrecht spüren.

Doch sah ich auch an diesem Montag fast ausschließlich zufriedene Gesichter und so ist auch mein Fazit ganz eindeutig: Real Berlin – einfach königlich. Ich komme wieder.Ach ja, fast hätte ich es vergessen. An diesem Tag lief Haile Gebreselassie einen neuen Weltrekord. Mit 2 Stunden 4 Minuten und irgendwas hatte er weit über 3 Stunden Vorsprung vor mir. Ich habe es erst im Hotel erfahren. Mensch Haile – super – Gratulation. Ich habe dich war das ganze Wochenende nicht gesehen, aber irgendwie habe ich dich geschoben.

Michael Dickel / Remscheid, den 3.10.07


© Michael Dickel, 30.10.2007

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