Zufälliges Zitat

"Wenn deine Frau dich auf einem Lauf plötzlich öfter besucht als sonst - dann ist Trond da ;-)"

Trond Sjåvik - Man of the 6-day-race Hamm 2008

Nächster Ultramarathon

Alle zeigen - Bericht von Elisabeth Herms-Lübbe zum KiLL 50:
Elisabeth Herms-Lübbe , 12.11.2008

Kein Idyllischer Landschaftslauf


Schaurig-schön war die liebevoll gemachte Ausschreibung, eindeutig die Bedingungen: „Du bist doch erwachsen, nimm deinen Kram selber mit“, also wenig Verpflegung unterwegs. Da fühlte sich nicht jeder angesprochen.

Michael Neumann hatte für seinen aufwändig und einfallsreich organisierten nächtlichen Orientierungslauf über 50 Meilen (80,47 km) und 2200 Höhenmeter am 8./9. November 2008 von Hildesheim-Ochtersum aus ein gutes Händchen gehabt bei der Vergabe der Einladungen, denn von 33 Startern kamen 32 ins Ziel, und der Frau, die nicht ankam, hatte es gewiss nicht an Hartnäckigkeit und Entschlossenheit gefehlt.

Der ist hart, der KILL, war die allgemeine Meinung. Aber was ist hart? Hart ist, wenn man weinen muss. Wenn man eine Aufgabe nicht bewältigen kann. Jedoch mit den Herausforderungen des KILL - Dunkelheit, bergiges Gelände, schwieriger Untergrund, keine leichte Orientierung – dazu das Wissen um die eigene Unzulänglichkeit, damit kann man umgehen.

Uns begrüßte ein Skelett aus Plastik. Ihm waren Erkennungsmarken umgehängt, wie sie beim Militär gebräuchlich sind. Jeder Starter bekam so eine Marke, darauf aufgeprägt sein Name und seine Startnummer. Beim Briefing erläuterte Michael, dass die Marke bei Aufgabe durchgebrochen, bei Erreichen des Ziels aber mit der Zielzeit versehen würde, und könnte man sie dann als Medaille mit nach Hause nehmen.

Feldbetten waren aufgebaut, damit man sich nach der Anstrengung ausruhen konnte. Wie sinnvoll und fürsorglich.

Die Ausrüstung wurde kontrolliert. Handy, Trillerpfeife, Kompass und Stirnlampe mit Ersatzbatterien waren Pflicht, dazu eine Warmweste für den ersten Abschnitt der Strecke, auf der gerade eine Treibjagd stattgefunden hatte und Jäger vielleicht noch mit der Nachsuche beschäftigt waren. Es gab eine Landkarte für jeden und auch Startnummern, obgleich wir nur wenige Läufer waren. Ich war froh über die Startnummer, weil man damit nicht ganz so durchgeknallt aussieht, wenn man nachts durch die Gegend läuft, da trägt man sozusagen die Rechtfertigung dafür mit sich herum.

Mit unseren angeschalteten Stirnlampen und den reflektierenden Westen leuchteten wir prächtig, als wir starteten. Schon in Ochtersum im Zickzack durch das Wohngebiet verlor ich die anderen Läufer aus den Augen. Ich musste mir den Weg allein suchen. Der war zwar markiert mit Leuchtpunkten und reflektierender Farbe, das hatte Michael versichert, aber im Streulicht des Ortes strahlten sie nicht so sehr wie später im Wald. Ich fragte Passanten „Sind hier gerade Läufer durchgekommen?“ und fand so halbwegs bequem den richtigen Weg in den Wald. Dort war es leichter mit der Orientierung. Die Punkte leuchteten, sie waren reichlich vorhanden. Später sollten sie nicht mehr so zahlreich sein.

Noch fast 80 km vor mir und schon abgehängt, da war mir einsam. Streulicht in zwei weiteren Ortschaften sorgte dafür, dass ich manchmal zurücklaufen und Markierungen suchen musste. Im Kloster Marienrode seien gar keine gewesen, erfuhr ich später. Weil es noch nicht Nacht war, konnte ich mich auch dort durchfragen.

Abwägen musste ich: Wenn ich länger keine Punkte gesehen hatte, sollte ich weiterlaufen und das Risiko größer werden lassen, oder besser zurückgehen und überprüfen? Eine Überprüfung kostet erfahrungsgemäß weniger Zeit und Nerven als ein stures Weiterrennen. Das Abwägen wurde jedoch erschwert durch Michaels Hinweis, dass wenig zuvor ein Spaßvogel umgegangen sei und auf mehrere Kilometer alle Markierungen entfernt habe. Michael, ganz fleißiger und umsichtiger Organisator, hatte zwar nachmarkiert, aber man wusste ja nicht, vielleicht hatte der Witzbold wieder zugeschlagen?

Bald kam mir ein schwankendes Licht entgegen, darunter Günther aus Bayern, der eine Abzweigung verpasst hatte. Wir liefen eine Weile zusammen, dann aber nicht mehr, weil wir unterschiedliche Geschwindigkeiten hatten. Da war wieder Abwägung gefragt. Lieber allein oder lieber gemeinsam mit nicht optimaler Geschwindigkeit laufen, aber dafür mit der Möglichkeit, sich gegenseitig Fehler zu korrigieren? Erfahrungsgemäß ist man ja als Gruppe bei komplexen Aufgaben erfolgreicher. Und wenn Gruppe, wer bestimmt?

Günther entschwand wieder für lange Zeit, weil ich mich mit Kartenlesen aufgehalten hatte, denn ich war unsicher und die Punkte waren selten. Wenn man immer von einem Punkt den nächsten hätte sehen können, das wäre komfortabel gewesen. Aber wer hatte denn von Komfort gesprochen? Alternativ Kartenlesen war unabdingbar, darüber waren wir uns alle einig gewesen.

In Sibbesse stand das Verpflegungszelt genau da, wo auch das vom STUNT 100 immer steht. Das Skelett grüßte wieder, Günther traf auch bald ein, und es gab reichlich Kaffee und Kuchen.

Einige Abschnitte der nächsten Runde über die Sieben Berge waren identisch mit dem STUNT, aber nur kleine Stücke. Günther und ich liefen nun zusammen. Manchmal machten wir gemeinsam Fehler, aber die aber nicht so schlimm waren. Wegen der Trittsicherheit wanderten wir eigentlich mehr, denn der Untergrund war häufig steinig, matschig oder mit Wurzeln durchsetzt, und überall eine dicke Decke aus frisch gefallenem Laub, also besser aufpassen, Sturzgefahr. Nebel zog auf, gegen den das fahle Licht unserer Stirnlampen schien. Kälter wurde es, und die Lampen beleuchteten auch unseren Atem. Mitternacht war längst vorbei. Dann kam Wind auf, der die allerletzten Blätter von den Bäumen holte, die einem dann manchmal auf die Schultern tippten. Als der Nebel nun weggeblasen war und die Blätter von den Bäumen auch, bot sich ein Blick auf den perfekten Sternenhimmel. Alle Sternbilder waren da, alle leicht auszumachen. Und unter uns lag die Leine mit Alfeld. Ein Fabrikschornstein dampfte, die Straßen waren noch beleuchtet, ein Anblick wie beim Landeanflug eines Flugzeuges, dazu der gleiche wohlige Schauer, auf Reisen, unbehaust und frei zu sein.

Noch eine Weile, Berge hoch und Berge herunter, und wir waren wieder in Sibbesse. Danach begann das vom Gelände schwierigste Stück des KILL mit dem Tosmarberg. Bald graute der Morgen. Der Wind wurde stürmisch, er führte Schneeflocken mit sich. Die Ausschreibung hatte uns so etwas auch versprochen. Wer nun schon im Ziel war und auf seinem Feldbett der Siegerehrung entgegen schlief, dem entging das.

Im ersten Morgenlicht sah man ein Tal mit einem Bach. Die Landschaft war entgegen der Verheißung eigentlich doch idyllisch und ganz hübsch anzusehen. Dieser Anflug von herber Romantik hatte ein Ende, als es noch heller und die Suche nach den Leuchtpunkten immer schwerer wurde. Günther mit seiner starken Stirnlampe sah sie länger als ich. Danach mussten wir angestrengt nach den ziemlich exakt einen Quadratzentimeter großen farblosen Kunststoffplättchen fahnden. Die Zeit zum Kartenlesen war angebrochen. Es ging lange ziemlich geradeaus, alles unproblematisch, bis wir uns dann doch verlaufen hatten, als wir glaubten, das Ziel praktisch schon vor Augen zu haben. Wäre die Karte doch nur etwas detaillierter gewesen! Na ja, ich hätte mir ja rechtzeitig eine besorgen können. Ich hielt meine zweckmäßig gefaltet immer in der Hand. Es hatte angefangen zu regnen und die arme Karte wurde richtig matschig. Aber es waren schon wieder vereinzelt Leute auf der Straße, die uns Auskunft gaben, und mit dem abschließenden kleinen Umweg kamen wir dann kurz vor der Siegerehrung ins Ziel.

Die Duschen waren brühheiß, das war auch gut so, denn ich war ziemlich durchgefroren, weil es während der Nacht eine deutliche Abkühlung gegeben hatte.

Zwei männliche Sieger gab es, Michael Pieper und Hansi Köhler. Sie waren gemeinsam eingelaufen und hatten nur 8:16 gebraucht. Hansi als Veranstalter des STUNT kennt natürlich die Strecke gut. Die erste Frau war Wiebke Drossel mit knapp 12 Stunden. Bei Günther und mir hatte der Abenteuerlauf länger als 15 Stunden gedauert.

Was für ein vielschichtiges Erlebnis war das! Für die Ortskundigen ein anspruchsvolles Rennen, für die Unkundigen so eine Art Super-Speed-Schnitzeljagd. Es gab wohl niemanden, der den KILL mit seinem rauen Charme nicht in sein Herz geschlossen hätte.

Bilder auf http://isasport.spaces.live.com






© Elisabeth Herms-Lübbe, 12.11.2008

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