Zufälliges Zitat

"Jetzt hat die Menschenjagd ein Ende - jetzt gehts auf Kilometerjagd"

Martina Hausmann, Erkrath 2007, gerade Edit überholt

Nächster Ultramarathon

Alle zeigen - Bericht von Günter Dittrich zum 100Km del Passatore:
Günter Dittrich , 03.06.2009

100 km del Passatore 2009, Firenze - Faenza, IT

Vorg´schichtl

Irgendwann, nach dem X-ten Marathon, sucht halt manch einer andere Herausforderungen. Die AK M60 rückt näher und die Zeit der Tempobolzerei gehört der Vergangenheit an. So schaust halt wo Grenzen der Ausdauer liegen.

Über Laufbücher, Werner Sonntag, Dr. Kleinmann, Bernd Heinrich, Klaus Jung, fand ich zu den langen Landschaftsläufen.
Die Bieler Nacht wird schon seinen Reiz haben, denk ich mir. Durchkommen wäre schon fesch, denk ich mir. Wenig darüber reden, dann bin ich nicht blamiert, denk ich mir. Also fahr hin und probier es mal aus, denk ich mir. Solo, eh klar.

2007-der erste 100er in Biel. Die Strecke: eine einzige große Runde in das Umland von Biel. Es war überwältigend. Um 22 Uhr stehen ca. 2.000 Läufer, M+W, im Scheinwerferlicht und warten auf den Start der großen Tour. Die ersten treffen hier wieder in knapp 7 Std., um ca. 5.00 Uhr früh, ein. Viele Teilnehmer kennen einander anscheinend schon längere Zeit und von anderen Veranstaltungen. Gut ist es mir gegangen, die Übung ist gelungen. Der Virus sitzt. Hierher komm ich wieder.

2008 – Biel Nr.2 und 50-Jahr Jubiläum Biel - und 46 Min unter der Vorjahreszeit. Lächerlich, bei knapp 11 Std.Laufzeit, dennoch ist´s eine Droge für´s Ego.

Spätestens jetzt wird jeder normale Laufhosenkracher zur Suchtnudl und beginnt mit „Wünsch dir was-Träumereien“. Ein Gustostückerl im Jahr könnte sich, mit guter Koordination und Disziplin, neben Broterwerb und Familie, ausgehen. Denk ich mir.

Daher Ziel 2009: 100km del Passatore. Ein Straßenlauf, eine Punkt-zu-Punkt-Strecke von Florenz in der Toscana nach Faenza in der Emilia-Romagna. Er zählt ebenfalls zu den Klassikern des 100-km-Laufs. Die Veranstaltung wird in diesem Jahr zum 37.Mal durchgeführt.

Die Nationenwertung der letzten 10 Jahre zeigt die Teilnahme von insgesamt 10 Österreichern (!). Zuletzt waren im Jahr 2005 Heinrich Horvath aus Telfs, und im Jahr 2004 Otto Peischl (ARAB) da.

Trainingsplan? Für mein postvirides Alter ist nichts zu finden.
Also müssen Galloway und Lydiard für meinem DIY-Schlappy-Plan herhalten.
Eine grobe Richtlinie für interessierte mit mehrjähriger Marathonerfahrung:
Trainingsbeginn = ca. 36 Wochen vor dem Lauf. Davon
ca. 20 Wochen Grundlage,
ca. 5 Wochen Hügel,
ca. 7 Wochen Tempo,
ca. 2 Wochen Hügelausdauertempo,
ca. 2 Wochen Kompensation / Koordination.
Dazwischen einige aerobe Testläufe HM / M.
Bei 5 bis 6 Einheiten / Woche kommen in diesem Zeitraum knapp 4.000 km zusammen. Die Intensität bleibt zu 80% im aeroben Bereich, ähnlich wie beim Marathontraining eben auch.
Ein Mal wöchentlich kommt Kraft für Schultergürtel, Bauch- und Rückenmuskulatur dazu. Das geht auch daheim, ohne Studio und Geräte.

Ein Teil des Trainings fällt somit auch in die Wintermonate mit Wind, Eis, Regen, Schnee, Gatsch und Dunkelheit. Na gut, finster ist es am Colla di Casaglia ab 9.00 p.m. auch.

Neu für mich: Die italienischen Veranstalter verlangen ausdrücklich eine ärztliche Tauglichkeitsbestätigung entsprechend der FIDAL (ital. Verband…) Lästig und übertrieben scheint mir diese Auflage des Veranstalters. Dann beginnt das große Nachdenken: Gesundenuntersuchungen – hab ich bisher erfolgreich geschwänzt. Die letzte sportärztliche Untersuchung? Auch schon wieder 40 Jahre aus – der Prof. Prokop wird wohl nicht mehr aktiv sein. Na dann, IMSB Maria Enzersdorf, Termin vereinbaren…..und das volle Programm. Macht schon Sinn. Leistungsgrad: 140% Na gut, jetzt weiß ich´s. Und ?

Irgendwo lese ich was über eine online Streckenvermessung. Also neugierig sein, ausprobieren, 3 Std. lang den Streckenverlauf eingeben, vermessen, betrachten + …..fracksausen kriegen.
Auch eine Form der mentalen Vorbereitung. In der Satellitenansicht kann ich mir sogar schon die Pinkelbäume vormerken.

Es geht vom Zentrum in Florenz, von 65m Meereshöhe, über Fiesole auf den Vetto le Croci mit 518m, gefolgt von einem downhill auf 195 m, mit anschließender Hammersteigung auf den Colla di Casaglia mit 913m, um dann auf 34m Meereshöhe im Ziel in Faenza, einzulaufen. Insgesamt 1.900 HM zeigt das Programm.
http://www.gpsies.com/map.do?fileId=jficwhkvqlrlgsmu

Die TV-Stationen werden wieder die Spitzenläufer jagen: RTL, Sky Sports2, RAI SportPIU, RAI3, 7Gold, Cannale11.

Freitag, 19.00 Uhr – es ist soweit, bin reisefertig und verabschiede mich Richtung Bahnhof. 11 Std später wach ich in Florenz auf, kein Vergleich mit 10 Std. selber Autofahren.


Laufg´schichtl

Der Start liegt ca. 900m vom Bahnhof. Genug Zeit für Mini-Sightseeing im Schongang.
Und einem Luxus der Sonderklasse: Ein Kaffeestop am Piazza della Signoria.

1.370 Teilnehmer sind gemeldet. 1.277 stehen am Start: 1.228 Italiener M+W, 48 Nichtsolchene und ein cursoris hatscheracus austriacus.
993 sehen das Ziel (75%).
Bemerkenswert ist die Klasse der Läufer. Insgesamt erreichen 8 Läufer in der <7 Std.-Kategorie, und 5 Damen in der <10 Std-Kat. das Ziel. Gleichzeitig werden auch die ital. Meisterschaften ausgetragen.

Das Wetter ist sonnig und warm bei 28° C, windstill. Die Nacht bleibt weiter windstill und trocken bei 15°C. In den Bergtälern sinkt die Nachttemperatur auf ca. 11° C.
Am Sonntagmorgen werden die 16-h-Läufer mit einem Temperatursturz und einem heftigen Platzregen verwöhnt.

Startunterlagen gibt es ab 10.30 Uhr auf der Piazza Santa Croce.
14:00 Uhr Meine eigene Zeremonie beginnt im Schatten der Uffizien. Hirschtalg, Pflaster, Signalbänder, Stirnlampe, Schwamm, Gel, Startnr, Chip…...Hose sollt ich auch noch anziehen – den Rest in den Kleidersack und zum Shuttle-Bus Nr.1.
Langsam bewegt sich eine lockere Läuferprozession in Richtung Piazza della Signoria, mischt sich mit dem dichten Strom der Touristen.

14:45 Via del Calzaiuoli, im Zentrum von Florenz (65m): Die Straße füllt sich. Für die Touristen sind wir eine willkommene Abwechslung zu den versteinerten Nackerten auf den Plätzen. Der Lautpegel steigt, die obligaten Schwätzchen, in jeder Sprache gleich: wer, wann, wo, wie, nervöses Lachen… das Warum ist ein No-Thema. Dazwischen Lautsprecher-Ansagen und Anweisungen. Die Strecke wird kurzfristig vom Verkehr frei gehalten.
Der lockere Haufen der 1.300 Starter verdichtet sich langsam hinter der Startlinie, ballt sich für kurze Zeit zu einem dichten Knäuel von Menschenleibern, erreicht für wenige Augenblicke den höchsten Grad der kollektiven Anspannung, ….bis das Startsignal die aufgestaute Energie freigibt

15.00 Uhr – der pünktliche Start erlöst das Rudel von seiner Ungeduld – die Reise beginnt.

Stimmung total! Auch hier die üblichen „Hetzer“ und „Blitzstarter“, angetrieben von der Begeisterung am Straßenrand.
Auch hier – vorne die Bleistifte, hinten die Radiergummi, manche mit Rucksack. Ich bleibe im Mittelfeld – Zimmererstift mit Radiergummi eben, Bomaliwusler in der Gurkerlmittelklasse eben.

Km 5, Stadtrand – nach der Piazza Edison verlassen wir die Stadt, der erste Anstieg beginnt, „also, pack ma´s Oldie, Glückauf!“
Der Aufstieg nach Fiesole ist zünftig. Mehrere hundert Meter mit 12-17%iger Steigung wechseln mit kurzen Geraden, die 230 HM haben es in sich. Steigen, beißen, durchstrecken, Konzentration auf den Rhythmus, tänzeln.

Km 10, Fiesole (295m) Ein Blick zurück, grandios, Florenz liegt breit und erhaben unten in der Sonne und blinzelt zum Abschied nochmals herauf.
Das Feld ist schon in die Länge gezogen. Ich bleib in einem Pulk von Mittelalterlichen.

Km 15, Saletta (380m), die Steigung wird geringer, “locker traben, Hintern stramm halten, Rhythmus”. Und immer wieder überholen ganze Gruppen von Ausreißern. Als ob das Rennen schon am Vetta Le Croci zu Ende wäre.
Besonders fällt mir ein Schnösel mit glattrasiertem Schädel auf. Ein Aschantineger mit einem Dress, wie aus dem Katalog. Rennt vor jeder Labestation in die Spur, kreuzt nachher provokant, kein scusi oder so. „Der kummt a no in mei Gossn“, denk ich mir.

Nach 2:15 Std - Km 22, Vetta Le Croci (518m) der kleine Berg, die erste Bergaufpassage ist geschafft, erinnert an die Wienerwaldstrecke Hinterbrühl – Lindkogel mit ca. 450 HM. Körpercheck: „es passt schon. Jetzt geht´s einmal runter, lass es rollen Altspatz.“

Km 35, Borgo S.Lorenzo (195m), erstes Zwischenziel. 3:27:32, Pos. 449.
Nach 13 km downhill, vergleichbar mit Höllenstein – Mödling, bin ich im Zeitplan. Das war die Ouvertüre.

Jetzt beginnt der 13 km lange steile Anstieg auf den Colla di Casaglia.
Langsam verändert sich das Sonnenlicht, verstärkt die Rottöne. Die Schatten der Läufer werden länger und die Dämmerung kühlt angenehm.
Manche wechseln laufen – gehen – laufen – gehen… Am längsten laufen jene mit ausgeprägten Senk-Spreizfüßen zügig bergauf. Wird schon was dran sein an dieser Technik. Seit Andrea Mayr hinterfrage ich alle meine Vorurteile über Laufstile.

Ich bleib beim Traben, durchgehend im Rhythmus bleiben, Oberschenkel heben, Straße fassen, durchziehen, beißen, abstoßen, Schritt für Schritt…
Straße fixieren, Aufschauen kostet zu viel Kraft. Kehre um Kehre schraubt sich die lange Läuferkette in die Höhe.
Mitten drin bricht die Disziplin. Eine Gruppe mit ca. 30 Läufern löst sich vom Feld und beginnt mit dem Jagen. Und immer mehr schließen sich an, nehmen ebenfalls Tempo auf. Ich bin auch dabei. Einer jagd den Anderen wie bei einer Bergwertung. So lange bis jeder blaugelaufen ist. Diese Einlagen werden sich noch rächen.
Jetzt beginnt auch für mich der Eilschritt. Die Heitzerl legen die Rechnung – zäh, kampf, beißen…
Die Leute treiben die Läufer an – „bravo“ „avanti“ „grandioso“ – meinen die mich? Kinderhände abklatschen am Straßenrand.

Die Begleitfahrzeuge nehmen Rücksicht, halten Abstand, ich kann Straßenseiten wechseln, Kurven schneiden.
Verpflegung ist alle 5km vorgesehen. Wasser trink ich bis km 30. Dann Gel, Tee, Saftln, salziges.

Km 48, Colla di Casaglia (913m), zweites Zwischenziel. 6:18:22, Pos. 697
Der höchste Punkt der Strecke ist erreicht, die zweite Bergaufpassage geschafft, 718HM, vergleichbar mit der Strecke Mayerling – Hocheck.
Ich fühl mich o.k. Vor den beiden Passanstiegen hatte ich gehörigen Respekt, bin ja kein Berglauf-Guru.

Die Dunkelheit schluckt das Restlicht. Es ist jetzt angenehm kühl. Von nun an geht es bergab und meine Schritte werden länger.
Eine Speedy Gonzaline überholt und pflöckelt wie beim Endspurt. Der stramme Hintern kann die überheblichen Nasenlöcher nicht aufwiegen. Und wie viele da gleich wieder mitkoffern. Auch der glatzerte Schnösel ist mitten drin. Muss wohl irgendwie mit der Brunft und den Duftstoffen zusammenhängen.

km 55, Crespino (535m), fünf steile Bergabkilometer geschafft. Es ist nun kalt und total Finster. Jacke überziehen, Stirnlampe und Leuchtstreifen befestigen. Dann kommen sie – die Glühwürmchen. Die suchen Partner und sind von den Läufern total überfordert.
Nur noch 45 km bis zum Ziel – „leicht vorbeugen, Knie hoch, Fersen unterm Hintern durchziehen, Straße fassen, abfedern, schwingen. Rollen lassen, Konzentration!“ Meine Quadric halten! Jetzt beginn auch ich mit dem Aufsammeln. Kehre um Kehre lass ich mich runter.

Km 65, Marradi (328m), drittes Zwischenziel. 8:12:34, Pos. 331
mein Körperchen signalisiert wohlbefinden. Nur noch 35 km bis zum Ziel.
Der Pulk mit der Speed-Lady hängt vor der Ambulanza herum – gibt es da vielleicht harte Oberschenkel im Sonderangebot? Leid tun sie mir schon, irgendwie.

Ich war vorgewarnt: statt einer leicht fallenden bis flachen Strecke kommen jetzt einige ordentliche Wellen mit giftigen Steigungen und langgezogenen downhills.

Nach 9:12 Std, km 75, San Cassiano (229m) Jetzt wird es hart. Krämpfe im Oberschenkel, in den Abduktoren …. übersäuert, hart. Selbstmassage und Wasser helfen.
In dieser Phase haben es die Läufer mit Betreuungsteams einfacher. In den Wohnwägen wird massiert, dass die Hände dampfen.

An manchen Stellen wird es laut. Läufer suchen die Begleiter, und umgekehrt. Finden einander nicht – das zwingt zu unvorhergesehenen Aufenthalten – Stress. Irgendwann kann auch der liebste Partner auf den Geist gehen.
Weiter durch die Nacht. Allein. Bin ich froh darüber! „Nur net schwächeln, bleib jetzt dran, kannst es ja“. Der Schnösel haxelt wieder allein daher. Doch nix mit anbandeln auf der Strecke? Jetzt hat er auch noch einen Radbegleiter.

Es geht weiter talwärts und die Temperatur steigt auf 15°C.
Die Strecke zum 80er und 85er zieht sich. Die Schilder wollen einfach nicht daherkommen.
Bin müde, der Körper zeigt Wirkung, aber ans Aufhören denk ich nicht. Automatik ist eingeschaltet. Die Dunkelheit hilft. Mein Ego schrumpft und reduziert sich auf die Größe und die Bedeutung eines Fliegenschiss im Universum. Da tappelt ein echtes Armutschkerl.
Im Scheinwerferlicht sehe ich die anderen. Wir wirken alle gleich Müde. Der Kopf fällt vor, Rücken ist krumm, Schlappschritt statt elastischem Straßen fassen. Beine durchstrecken, abstoßen? – vielleicht später.
Also doch zu wenig Krafttraining für das Haltegestell.
Der Schnösel und sein Radbegleiter werden interviewt. Gleich darauf macht er Tempo.

Km 90, Brisighella (115m), vierte Zwischenstation. 11:08:50, Pos. 261.
Die letzten 90 Min. waren Kampf, Beißen, Heulen und Zähneknirschen. Eine echte Viecherei.
Aber ab jetzt wird die Strecke städtisch und bleibt weitgehend eben. Die Läufer bleiben auf der Straße – auf die Bordsteinkanten kommt keiner mehr rauf.
Im Dunkel einer Häuserecke steht mein Aschanti-Schnösel. Dürfte was suchen. Dann hör ich es – da fällt was zwanglos aus dem Gesicht. Auch nicht die feine Art, vor einem fremden Haus.

Nur noch 10km. Nur noch eine Runde Prater Hauptallee. Das ist der Turbo für das Unterbewusstsein. „Tempo, oida Tattl. Haltung annehmen!“
Ich dröhn mir den Donauwalzer und Wiener Blut vom Neujahrskonzert in die Ohren und stell mir vor ich wäre beim Staatsopernballett.

Das alte Pumpwerk holt jetzt jedes Sauerstoffmolekül aus dem Beuschl. Der Stoffwechsel sucht die letzten Reserven im Organismus und füttert die Muskelfasern. Die kleinen Kraftwerke verbrennen gierig alles was sie kriegen können. Eine Stunde muss das System noch halten.

Die letzten 2 km wachsen Flügel, Adrenalin schießt ein.
Der Schnösel hat Probleme, richtig kasig ist er. Jetzt bricht er ein – ausgeschniegelt.
Ich leg noch einmal ein Scheitl zu, und die Endorphinchen lassen mich alle Verspannungen und Schmerzen vergessen.
Das reduzierte Ego kommt verschreckt aus dem hintersten Winkel einer Seelenkammer, wagt einen Blick auf das Geschehen rundherum, wirft sich in Positur und nimmt einen neuen Anlauf zum Gschaftln.

03:37 Uhr, Km 100, Faenza, Piazza del Popolo (35m) 12:37:08, Pos. 323.
Der Zieleinlauf ist ein Höhepunkt mit Gänsehaut-Feeling. Der Empfang ist herzlich und lässt den Kamm meines friedhofsblonden Läuferscheitels wieder steigen – meine fortgeschrittene Stirnglatze bleibt vorsorglich unter der Kappe versteckt.
Die Jagd auf den kleinen und großen Berg hat letztlich ca. 40 Min. gekostet. Macht nix, für <13 Std. hat es gereicht.

Das war´s. Medaille umhängen, Urkunde, 3 Flaschen Vini di romagna, und jetzt?
Körpercheck: Die Füße, Knie und Oberschenkel sind noch heißgelaufen. Eine Salzschicht liegt rau auf der Haut und brennt in den Augen. Die Beine kommen mir dünner vor. Ca. 11.000 kal. sind verbrannt. 4kg sind, in irgend einer Form, auf der Strecke geblieben.

Duschen, Massagen und Ruhehalle liegen in einer ruhigeren Zone, ca. 1km abseits des Getriebes, ein Pendelbus bringt die Finisher hin. Toller Service, find ich. An acht Tischen wird massiert. Die Duschen sind für eine ganze Kompanie dimensioniert.
In der abgedunkelten Sporthalle stehen >500 Feldbetten, mit sauberem Leintuch (!) und Decken. Alle finden irgendwo einen Platz, wenn auch keinen Schlaf. Der Kopf läuft noch immer weiter.
Ein Schnarcher ist mitten drin – aber net lang, auch eine Form von Selbsthilfe in der Gruppe.

7.00 Uhr Aufstehen, es ist Pfingstsonntag – mein Geist mag wohl willig sein, das Fleisch jedoch ist schwach, Muskel und Sehnen sind steif und hart. Graziös wie ein patschertes Zündhölzl wälze ich mich vom Feldbett.
Beim Ziel gönn ich mir einen Cappuccino. Hunger hab ich noch immer keinen. Es treffen auch nach 16 Std. immer wieder Läufer ein, die letzten 100m stramm und aufrecht im Laufschritt. Ein wolkenbruchartiger Platzregen reinigt den Zieleinlauf von den Abfällen der Nacht.

Heimwärts führt die Bahn über Venedig, und um 23.30 Uhr lande ich pünktlich in Mödling.
Bin ich froh über den Montag-Feiertag!

Hintnachg´schichtl

Anstatt dem üblichen Gemäule der Szene über dieses & jenes, möchte ich einmal ein wenig Weihrauch an die guten Geister derartiger Veranstaltungen senden. Auch wenn es die Betroffenen nicht hören oder lesen können:
Ein herzliches Danke an die Helfer und Helferinnen, die größtenteils die ganze Nacht hindurch bis zum Zielschluss, oft 20 Stunden, im Einsatz waren und deren Engagement derartige Veranstaltungen erst ermöglicht.

Die Strecke ist selektiv und verlangt in der ersten Hälfte, nicht nur von Debütanten, Standhaftigkeit gegenüber den „Blautreibern“.
In der Vorbereitung ist auch der oftmalige Stilwechsel von Bergan- und Bergab-Passagen zu empfehlen.

Für sicherheitsorientierte Läufer ist die Streckenführung gewöhnungsbedürftig. Die Begleitfahrzeuge der Läufer, viele davon Wohnwägen, bilden einen Tross wie bei der Tour de France.
Wer will kann sich über manche Situationen aufpudeln. Ob´s dann leichter ist? Notwendig ist es nicht. Die Verwendung von Reflektoren und Leuchten ist, wie bei jedem Nachtlauf auf der Straße, auch hier wichtig und gehört zur Selbstverantwortung.

Bei mir ändern sich nach derartigen Läufen die Prioritäten im Oberstübchen, wie bei einem großen Kehraus. So manche vordergründige Wichtigkeit und Dringlichkeit bleibt dabei auf der Strecke. Statussymbole, Traumgebilde und Zwänge bekommen eine andere Schublade zugewiesen.
Schärfer wird die Sichtweise für (eigene) Grenzen, Konturen von Vorgängen werden deutlicher und die Konzentration auf das Machbare ersetzt Wunschdenken und Träume.

Vergleich 100km Passatore / 100km Biel

Strecke / Höhenmeter:
Passatore: Punkt zu Punkt Straßenlauf, asphaltiert / ca. 1.900 HM lt.gpsies.com
Biel: Eine große Runde mit Start und Ziel in Biel, ca. 50 % befestigte Wege, ca.50% unbefestigte Wege, Auwald, / ca. 600 HM

Tempo-Richtlinie:
Passatore: Marathontempo Min/km + ca. 40 %
Biel: Marathontempo min / km + ca. 20%

Termine, Startzeit / Teilnehmer / Läufe
Passatore: Ende Mai, Samstags, 15.00 Uhr / 979 Finisher 2009 (2008: 987) / Wertung für Teilstrecken und 100km
Biel: Mitte Juni, Freitags, 22.00 Uhr / ca. 2.000 Finisher (2008), / Läufe für Kids, 14.5km, HM, M, Staffel, Teilstrecken, Militärpatrouille, 100km

Reisezeit von Wien (Zug) / Kosten:
Passatore: ca 11 Std, Südstrecke, pünktlich, / H+R ca. EUR 210,- (6er Liegewagen)
Biel: ca. 11 Std., Weststrecke, 2007 und 2008 jeweils 40 Min Verspätung / H+R ca. EUR 240,-

Umfeld:
Passatore: 37. Veranstaltung, professionelles Organisationskomitee, eine tolle Begeisterung in den Ortschaften und an den Lagerfeuer-Festln entlang der Strecke, Verpflegungsstellen alle 5 km mit sehr abwechslungsreichem Angebot.
Biel: 51.Veranstaltung, professionelle Organisation nun in der zweiten Generation. Begeistertes Publikum mit Volksfesten in den Orten, nahezu die ganze Nacht hindurch. Üppige Verpflegung (Salziges, Glukose, Bouillon vegetar.!!).

Kosten:
Passatore: Nenngeld EUR 45,- abzgl. EUR 10,- f. Leih-Chip obligat,
inkl. Medaille, Urkunde, Leibchen, Feldbett im Ziel + Dusche, inkl. Transport mit Pendelverkehr.
Fakultativ: Transfer Firenze – Faenze EUR 10,-, + Kosten für ärztliches Attest
Biel: Nenngeld EUR 67,- + Kosten f. Erinnerungsmedaille, wer´s mag. Leih-Chip obligat (keine Refundierung, 2008)

Website:
Passatore: www.100kmdelpassatore.it – Sprachen: ital. und engl., wenige Berichte in deutscher Sprache, vor Ort kam ich jedoch auch ohne besondere Italienischkenntnisse sehr gut zurecht.
Biel: www.100km.ch – Sprachen: deutsch, franz., engl., zahlreiche Berichte, Tips und Anregungen im Web.


Zusammenfassung
Beide Läufe sind eine Herausforderung für sich.
Beide Strecken fordern Respekt ab und bedürfen gewissenhafter Vorbereitung. Auf der Strecke kann viel passieren – Wetter, Verdauung, Krämpfe, Blasen, Müdigkeit, Verlaufen…. und irgendwas davon passiert immer.
Im Umgang mit diesen Herausforderungen liegt auch der besondere Reiz dieser Art von Läufen, wenn ein Vergleich mit den üblichen Bedingungen auf anderen Straßen-Langdistanzen zulässig ist.
Individuelle Betreuung auf der Strecke ist bei beiden Veranstaltungen möglich. Jedoch hat auch der „Alleingang“ seine Vorzüge und ist zu schaffen.

Next? – vorerst reicht es mir einmal.
An Rennsteig, Chiemsee, Swiss Alpine, Karwendel…mag ich jetzt gar nicht denken.
Und die Pläne für Selbstversorgerläufe, wie Wien-Mariazell, Rund um Wien, Linz-Wien, Thaya-March-Donau landen vorab in der großen Rumpelecke.
Nur… die Vorbereitung mit „dem heißen Feuer im alten Ofen“ von Peter Greif lass ich griffbereit.


© Günter Dittrich, 03.06.2009

Weitere Info's und Berichte zum Lauf:


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