Zufälliges Zitat

"To spend your life seeking the truth for the sake of knowing is the noblest aim that you could live for... You must learn to think with your own heart and honest effort. "

Sy Mah

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Alle zeigen - Bericht von Joe Kelbel zum Fidelitas Nachtlauf:
Joe Kelbel , 29.06.2009

80 km-Flug durch die Nacht

Fidelitas, 80 Km-Flug durch die Nacht

Einen Spruch hört man immer wieder: Bist du den Fidelitas gelaufen, dann schaffst du Biel locker. Mal schauen wie´s ausgeht, wenn ich das umgekehrt mache.

Karl-Wilhelm, der Markgarf von Baden-Durlach träumte bei einem Jagdausflug von einem Schloß, welches sonnengleich im Zentrum einer neuen Stadt liegt. Am 17.Juni 1715 begründete er die Stadt Karlsruhe mit dem Bau des Schlosses. Die Sonnenstrahlen sehen wie Fächer auf der Straßenkarte aus.
Wer auf der A 5 nach Karlsruhe anreist, der sieht die braunen Hinweisschilder: Karlsruhe die Fächerstadt.
Mein Autoatlas hat keine eigene Detailkarte für Karlsruhe. Doch ich kenne den Ort aus den Verkehrsnachrichten: Rüppurr . Dort startet am Samstag der „Kleine Bruder von Biel“, der Nachtlauf über 80 km.

Groß steht es auf dem Wappen von Karlsruhe: „ Fidelitas“ . Was sich anhört wie der Name einer Lebensversicherung ist aber die Devise des „Hausordens der Treue“, des höchsten und ältesten badischen Ordens , 1715 gestiftet von Karl-Wilhelm.

Fedilitas heißt Treue, Zuverlässigkeit. Zuverlässig, denn seit 31 Jahren findet nun der Nachlauf statt. Der kleine Bruder ist damit exakt 20 Jahre jünger als der große Biel. Treue, denn 25 % der 800 Läufer sind treue Fans, die jedes Jahr wiederkommen, etwa 170 davon nehmen die lange Strecke in Angriff

Zwar sind nur 80 km zu bewältigen, aber die haben es in sich:
Von Rüppurr geht es hoch auf die Höhen des Schwarzwaldes. Deswegen ist eine Taschenlampe Pflicht, denn der Schwarzwald ist schwarz! Schwärzer als der Bieler Ho Chi Ming Pfad . Schon so mancher Läufer ist in den Vorjahren im Schwarzwald auf der Suche nach der Laufstrecke verzweifelt.
Deswegen werden die Läufer nun an jeder Verpflegungsstation registriert, so brauchen die Suchtrupps dann nicht die gesamte Strecke abzusuchen.

Das Startgelände ist schnell gefunden. Der PSK hat Tag der offenen Tür und präsentiert zahlreiche Aktivitäten auf seinem Gelände. Als langssam die Ultracracks eintrudeln, kümmert sich niemand mehr um solche Kleinigkeiten. Das Fußballspiel wird komplett ignoriert. Vor allem Klaus Neumann ist jetzt der Star: Er hatte erst am Montag den 4485 km langen Transeuropalauf gefinisht.

Die „Bürokratie“ ist schnell erledigt. Es steht einem frei, an verschiedenen Verpflegungsstationen Wechselsachen zu deponieren. Die Atmosphäre ist ruhig und entspannt, der Sponsor, die rosen-apotheke läßt Getränke rumreichen.

Der Flug:

Der Start erfolgt pünktlich um 17 Uhr. Nach dem Wald geht es einige Kilometer durch die Stadt. Es ist sehr schwül-warm, der Schweiß rinnt. Viele klagen über den hohen Wasserverlust.
Es gibt keine Absperrungen, lediglich weiße Pfeile und rot-weiße Bänder markieren den Weg. Für einen durchschnittlichen Mitteleuropäer kein Problem . Jack, der New Yorker läuft sicherheitshalber mit seiner badischen Laufpartnerin.

Obwohl wir auf dem Gehweg durch die Stadt laufen, gibt es keinerlei Probleme mit Autofahrern. Auch Ampeln und Schranken stören nicht.

Bei km 20 geht es hoch in den Kraichgau und in die Ausläufer des Schwarzwaldes. Mein geologisches Herz lacht, als wir den wunderbaren Hohlweg hochgehen. Es ist ein 3000 Jahre alter Handelspfad, der durch die Ochsenkarren in den durch Muschelkalk verbackenen eiszeitlichen Lößboden gegraben wurde. Durchschnittlich 10 cm tief wurde pro Jahr der Hohlweg gekratzt, erst seitdem er weniger genutzt wurde, verfüllte sich die Talsohle wieder.
Fundstücke aus früheren Talsohlen zeugen von frühzeitlichem Handel in der keltischen, römischen, allemannischen und fränkischen Zeit. Die Seitenwänden weisen eine enorme Pflanzen- und Tiervielfalt auf.

Auf der Höhe hat man einen herrlichen Rundblick über die Hügellandschaft. Massen von Kornblumen im reifen Rapsfeld runden das schöne Bild ab.
Ich freue mich über diese wunderbare Landschaft und meinen problemlosen Lauf, schalte meinen Autopilot an, lege mich in meinen Crusingsessel und drehe die Anlage auf : „take me home to the Paradise City...“ . Stereotypisch arbeiten die Beine und mit Leichtigkeit vergehen die Stunden.
In meinem Pilotensessel liegend, träume ich, ich sei ein Transeuropaläufer. Mal bin ich Klaus Neumann und freue mich über meine 8 kg weniger, die ich in den zurückliegenden 64 Tagen verloren habe, mal bin ich René Strosny und winke den Zuschauern in seiner fröhlichen Art zu. Später fühle ich mich als Rainer Koch, der allen davonläuft, und zeige meine eleganteste Laufhaltung.

Nach 6 Stunden wird es dunkel, ich schalte den Scheinwerfer an. Arme, Beine und Füße werde ich in den nächsten Stunden nicht mehr sehen, nur an den Tankstellen mal vielleicht eine Hand. Oben in der Pilotenkanzel halte ich Ausschau nach den Wegmarkierungen, das ist nicht einfach und erfordert hohe Konzentration. Gerade in den kleinen Ortschaften erinnert mich die Suche eher an eine Schnitzeljagd.

Im Wald ist es stockdunkel. Schon seit Stunden laufe ich allein. Falter fliegen im Scheinwerferlicht gegen meine Windschutzscheibe, der Weg ist schwierig, aber eine Sichtverbindung zu den Füßen nicht möglich, die arbeiten aber kontinuierlich und zuverlässig weiter. Der Atem bildet Wolken in der feuchten Waldluft, Pollen der Tannenbäume flitzen wie Meteroitenhagel durch den Lichtkegel.

Links und rechts, außerhalb des Lichts ist feindliche Welt, ohne Wasser und Nahrung. Ich muss an den Bericht von Monika denken, die beim Laufen von Wildschweinen angegriffen wurde, und meine sogar die Biester riechen zu können, aber dann ist es nur ein Staffelläufer der schnell an meiner Limousine vorbeizieht.
Beim Gitarrensolo von Van Halen ruft ein Waldkäutzchen dazwischen und macht die Szenerie perfekt.

Es ist gemütlich in meinem Sessel und ich überlege, ob die Läufer, die meinen Bielbericht gelesen haben nun wirklich glauben, daß die Kuh sieben Mägen hat.

Stunde um Stunde vergeht. Abwechslung bieten die im 4 km-Abstand eingerichteten, mit Generatorlicht erleuchteten Tankstellen, es gibt Cola, Wasser, Iso, Malzbier, später auch warmen Tee, Brot, Kuchen Hefezopf, Bananen und Wassermelone.

Anders als in Biel, läuft man hier alleine durch die Dunkelheit, stundenlang, durch endlose Wälder, die man nicht sieht. Aber immer in der Sorge eine Markierung zu übersehen.Bei km 73 passiert es dann auch: eine falsche Abzweigung genommen und ich muss den Weg bis zur letzten Markierung zurücklaufen. Fast einen Kilometer kostet mich diese Unaufmerksamkeit. Anscheinend bin ich da oben in meiner Pilotenkanzel kaum noch als Mitteleuropäer zu erkennen, oder was?

Die letzten Kilometer ziehen sich. Diskotheken und Kneipen liegen an der Laufstrecke. Die Nachtschwalben schauen mir ungläubig nach.

Die Landebahn ist hell erleuchtet : Es sind die Flutlichter der zwei Rasenplätze. Ewig lang zieht sich die Runde um die Plätze, dann setze ich um 2:05 Uhr auf. Die Urlauber in den Reihen hinter mir klatschen Beifall für die gelungene Landung. Ich lobe meine herrliche Maschine und lasse sie zur Betankung langsam auslaufen.

Lange noch sitzen wir zusammen und schwätzen. Um 4 Uhr schließlich krieche ich für ein paar Stunden ins Auto, andere Läufer liegen auf dem Rasen oder auf den Bänken .

Der Fidelitas Nachlauf ist vom Charakter her einmalig, die meisten Steigungen sind zu flach um sie gehend bewältigen zu dürfen. Der Wald ist stockdunkel. Man ist mutterseelenallein und hat Eigenverantwortlichkeit für die Wegfindung. Ein großartiger Lauf den man auch zwei Wochen nach Biel mit neuer Bestzeit bewältigen kann.




© Joe Kelbel, 29.06.2009

Weitere Info's und Berichte zum Lauf:


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