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Norman Bücher zum LAUGAVEGUR Ultramarathon (28.07.2009)

[www.steppenhahn.de/ultramarathon/umbericht.html, 10.2000]
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Alle zeigen - Bericht von Norman Bücher zum LAUGAVEGUR Ultramarathon:
Norman Bücher , 28.07.2009

Bunte Berge und heiße Quellen - Der Laugavegur Island Ultramarathon

Island, die Insel der Naturwunder, übt schon jeher eine große Faszination auf mich aus und stand schon lange auf meiner Liste möglicher Reiseziele. Ein Land voller Kontraste – ultramodern und doch geheimnisvoll, offen und trotzdem eigenwillig. Island, das steht für bunte Rhyolithberge, heiße Quellen, dunkle Lavawüsten, dramatische Meeresklippen und majestätische Gletscher. Diese traumhafte Kulisse ist einmal im Jahr Austragungsort des Laugavegur Ultramarathon. Dieser 55 Kilometer lange Abenteuerlauf folgt dem bekannten Wanderweg von Landmannalaugar nach Thorsmörk im Südwesten Islands, eine der schönsten Trekkingrouten der Welt. Für diese benötigen Wanderer normalerweise vier Tage.
Ausgangspunkt dieses reizvollen und gleichzeitig anspruchsvollen Trail-Laufs ist Landmannalaugar, einem Ort fernab menschlicher Zivilisation. Hier befindet sich das größte Geothermalfeld Islands. Die seltsam buntgefärbten Berggipfel des Vatnajökull bestehen aus Rhyolith, einer mineralhaltigen Lava, die ungewöhnlich langsam abkühlt und dadurch diese beeindruckende Färbung annimmt. Dieser Anblick fasziniert mich schon bei der Anfahrt zum Lauf. Es ist Samstag, 18. Juli 2009, 8 Uhr Ortszeit und ich sitze schon seit über drei Stunden im Bus, der uns Läufer von Reykjavik zum Start bringt. Die Sonne zeigt sich am bewölkten Himmel und es wird ein für isländische Verhältnisse fast sommerlicher Tag vorausgesagt. Die durchschnittliche Temperatur im Laugavegur-Gebiet beträgt normalerweise 7-8 Grad Celsius, im Sommermonat Juli wohlgemerkt. Die Berghütte In Landmannalaugar, die den Startpunkt des Laufs darstellt, platzt aus allen Nähten. 341 Läufer, so viele wie noch nie zuvor, haben sich angemeldet. Den großen Teil stellen einheimische Athleten dar. Doch auch 66 internationale Läufer, u.a. einige Briten, Deutsche und Amerikaner stehen auf der Startliste. Es herrscht hektisches Treiben vor dem Start. Um 9 Uhr wird die erste Gruppe auf die Strecke geschickt. Drei weitere folgen im Abstand von je fünf Minuten.
Der Sinn hinter dieser Prozedur wird mir nach wenigen Minuten bewusst. Gleich nach dem Start führt ein schmaler Pfad steil ein Lavafeld hinauf. Nach wenigen Metern Laufen ist schon die erste Gehpassage angesagt. Dadurch kommt es schon zu Beginn zu einem kleinen Rückstau. Auf den ersten zehn Kilometern geht es permanent bergauf. Dieser erste Streckenabschnitt bis Hrafntinnusker wird im Rennheft als der anspruchsvollste beschrieben. Steile, giftige Anstiege und kurze Schneefelder gilt es immer wieder zu passieren. Eine traumhafte Bergkulisse umgibt uns. Die bunte Farbenpracht der Rhyolithberge bezaubert mich. Verschiedenste Farbtöne – schwarz, braun, beige, grün und rot – vereinen sich zu einem Gesamtkunstwerk. Die Schneefelder wirken dazwischen wie weiße Farbkleckse. Das schwarze, scharfkantige Lavagestein sorgt für einen atemberaubenden Kontrast. Wie gemalt! Ich fühle mich wie in einer anderen Welt. Links und rechts des Weges dampft, zischt und blubbert es überall. Heißes Wasser spritzt aus den Erdspalten heraus und sorgt für einen bizarren Anblick. Dazu dieser strenge, sehr intensive Geruch. Es „duftet“ nach Schwefel. Schon bei meiner Vulkanüberschreitung während meiner Neuseeland-Reise vor fünf Jahren lernte ich diese Art von Geruch zu schätzen. Immer wieder bleibe ich stehen, um mich dieser sagenhaften Umgebung zu erfreuen und sie auch bildtechnisch festzuhalten. Der Faktor Zeit spielt für mich heute keine Rolle. Mein Ziel ist es, dieses Rennen in vollen Zügen zu genießen.
Nach zehn gelaufenen Kilometern erreiche ich den ersten Checkpoint an der Berghütte in Hrafntinnusker. Im weiteren Verlauf wird das Vorwärtskommen immer wieder durch zunehmende und längere Schneefelder erschwert. Der Untergrund ist matschig und rutschig und bedarf höchster Konzentration. Besonders an den sehr steilen Bergabpassagen, die nun den Streckenverlauf dominieren. Ich laufe ganz langsam, immer bestrebt Stürze zu vermeiden. Nach einem kurzen Anstieg bietet sich uns ein beeindruckender Ausblick auf den See Alftavatn. Dieser wird umgeben von einer schroffen Bergwelt und sanften, grünen Hügeln. Alles wirkt so ursprünglich. Wie im Film „Herr der Ringe“. Diese grüne Oase ist wie geschaffen für eine Rast. Ich verweile jedoch nur einen kurzen Augenblick, um diese sagenhafte Umgebung mit all meinen Sinnen in mich aufnehmen zu können.
In Alftavatn, nach 22 Kilometern, erreiche den zweiten Streckenabschnitt. An diesem Punkt ist eines von insgesamt zwei Zeitlimits während des Laufs zu berücksichtigen. Die geforderten vier Stunden halte ich problemlos ein. Wie wechselhaft das Wetter auf Island sein kann, bekomme ich jetzt in vollen Zügen zu spüren. Die angenehmen Sonnenstrahlen haben den zunehmend aufziehenden Wolken weichen müssen. Der Himmel öffnet nun seine Tore. Die Temperaturen sinken in den einstelligen Bereich. Es wird kalt und ungemütlich. Der Wind nimmt zu und peitscht mir den Regen ins Gesicht. Von der zauberhaften Landschaft um mich herum bekomme ich nur noch schemenhaft etwas zu sehen. Auf mein Laufshirt ziehe ich ganz schnell meine Windjacke und meine dünne Regenjacke. Auch meine mitgeführten Handschuhe finden jetzt Verwendung.
Als hätte die aufkommende Nässe nicht ausgereicht, gilt es auf dem kommenden Streckenabschnitt mehrere Flussdurchquerungen zu meistern. Typisch bei diesem Lauf. Bei Kilometer 30 folgt die Durchquerung des größten Flusses, des Bláfjallakvísl. Vom vielen Regen schon abgehärtet, gehe ich durch das eiskalte, kniehohe Wasser. Ein Betreuer und ein Stahlseil helfen uns Läufer dieses Hindernis gut zu überwinden. Nach dieser neuerlichen Erfrischung folgt nun ein flaches Stück über Sand und Geröll.
Ein längerer Abstieg führt uns zur nächsten Verpflegungsstation nach Emstrur. 38 Kilometer sind absolviert. An diesem Punkt befindet sich das zweite Zeitlimit. Maximal sechs Stunden darf man bis zu diesem Streckenabschnitt benötigen. Glücklicherweise hat es wieder aufgehört zu regnen und die Sonne tritt sogar ab und an wieder zum Vorschein. Kurz nach Emstrur führt zunächst ein sehr steiler, schmaler Weg den Berg hinauf, um dann noch steiler auf die Holzbrücke über den Fluss Fremri-Emstrua hinunter zu gehen. Ein angebrachtes Stahlseil macht diesen Abstieg etwas leichter. Auf der gegenüberliegenden Seite bietet sich ein imposantes Panorama. Das satte Grün der Wiesen, das klare Wasser des Flusses und die eindrucksvollen Gletscher im Hintergrund erzeugen in mir ein Wohlgefühl. Die Luft ist so sauber, dass ich jede Pflanzenart einzeln wahrnehmen kann. Welch ein Genuss hier laufen zu dürfen!
Auf dem Gipfel des letzten Anstiegs Kápan kann ich schon das Thorsmörk Tal erkennen. Auf der anderen Seite dieser Erhebung wartet die letzte Flussdurchquerung auf uns. Das Wasser des Thröngá kann an dieser Stelle bis zu einem Meter tief werden. Auch hier ist wieder ein Betreuer zur Stelle, der den Läufern behilflich ist. Dann sind es nur noch vier Kilometer bis zum Ziel. Die Landschaft verändert sich ein weiteres Mal. Nach stundenlangem Laufen durch eine schroffe Bergwelt mit dampfenden Vulkankratern und sprudelnden Quellen genieße ich es ebenfalls nun zwischen sanft gebogenen Birken und grünen Wäldern zu laufen. Welch ein Kontrast und Hochgenuss zugleich! Irgendwann öffnet sich der Wald und eine Wiese kommt zum Vorschein. Die ersten Zuschauer im Zielbereich kann ich ausmachen. Nach fast acht Stunden „Natur pur“ endet dieser traumhafte Lauf viel zu schnell für mich. Ich wäre sehr gerne noch weitergelaufen.

Fazit: Ein landschaftlich sehr beeindruckender und vielseitiger Lauf. Die Strecke zählt sicherlich zu einer der schönsten in der Welt. Sofern das Wetter mitspielt, und das ist in Island sehr wechselhaft, bieten sich traumhafte Ausblicke auf die sehr reizvolle Umgebung. Gerade für ambitionierte Landschafts- und Genussläufer sehr zu empfehlen! Das Profil kann man durchaus als anspruchsvoll bezeichnen. Einziges Manko: für das relativ hohe Startgeld (210 Euro) darf man bei der Verpflegung auf der Strecke nicht zu viel erwarten. Ein hochwertiges Long-Sleeve-Shirt ist dafür für jeden Läufer inbegriffen. Allein die Busfahrt von Reykjavik zum Start und vom Ziel wieder zurück in die Hauptstadt ist schon eine Reise wert. Statt der üblichen Pasta-Party findet nach dem Lauf eine Grill-Party statt.

© Norman Bücher, 28.07.2009

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