Alle zeigen - Bericht von Wolfgang Braun zum Grand Trail du Nord:
Wolfgang Braun , 04.11.2010

Laufbericht von einem der auszog um Punkte zu sammeln

Grand Trail du Nord, 02. - 03.10.2010
147 km Trail mit 1300 Höhenmetern,
Wolfgang Braun in der Normandie, von Leffrinckoucke nachWambrechies

Laufbericht von einem der auszog um Punkte zu sammeln

Der UTMB, einmal um den Mont Blanc, wurde ja bekanntlich nach 21 km wegen schlechtem Wetter und Erdrutsch abgebrochen. Die monatelange Vorbereitungsphase war kurz nach dem Start, so schien es, für die Katz gewesen. Noch nie hatte ich mich so intensiv auf einen Lauf vorbereitet. Denn an 166 km mit 9500 Hm geht man nicht ran, wie an einen normalen Ultra.

Nun gut, das ist Geschichte und ich habe mich entschlossen, für einen weiteren Start beim UTMB die nötigen Voraussetzungen zu schaffen. Man muss binnen der letzten 2 Jahre, mit 2 Läufen, 5 Punkte aus einer vom Veranstalter vorgegebenen Laufveranstaltungs-Liste gesammelt haben. Ja und da ich jetzt wieder neue Punkte sammeln muss, fiel mir der „Grand Trail du Nord“ in der äußersten nordwestlichen Ecke Frankreich, bei den Chti´s (wer kennt nicht den Film „Willkommen bei den Chti´s?) ins Auge, der die für mich nötigen 3 Punkte bringen sollte.

http://www.raidsahara.com/Nord/Traildunord3.htm

142 km Streckenlänge und 1300 Hm wurden angegeben und ich fragte mich sogleich, wo den in dieser flachen Gegend die Höhenmeter zustande kommen und wieso es für so einen Lauf durch die Felder 3 Punkte geben sollte. Irgendeinen Haken musste dieser Lauf wohl haben.

Gesehen, entschieden, angemeldet und am Samstagmorgen um 9 fuhren wir dann die 318km bis Leffrinckoucke bei Dünkirchen/Frankreich an der Nordsee. Eine Woche vorher hatte ich noch den Berlin Marathon in 3:17 h gelaufen, immer auf der Bremse, nur nicht verheizen und in Gedanken, was eine Woche später auf mich zukommen würde.
Appropo, auch Berlin war ein Regenlauf, der aber nicht abgebrochen wurde;-))

Beim Abholen der Unterlagen wurden die Rucksäcke auf Pflichtmitnahme von bestimmten Dingen, wie wasserdichte Regenjacke, Leuchtweste, min. 1,5 ltr Trinkblase, Notfallplane, Lampe plus Ersatzbatterien, Mobiltelefon, Trinkbecher usw. kontrolliert.
Bei der angegebenen Startzeit 15 Uhr saßen wir noch im Auto an der Strandpromenade, mit Blick auf die Startbox, die man am Strand aufgebaut hatte. Seit einer halben Stunde regnete es bei 19°C. Sollte ich denn jeden Lauf mit meiner Teilnahme zum Regenlauf verfluchen, kam mir der Gedanke. Zögerlich kamen die 142 Läufern unter allerlei Unterständen hervor an den Strand und so konnte mit 15 min Verspätung das Lauferlebnis endlich gestartet werden.

Die ersten 10 km gingen durch die Dünen, in ständigem auf und ab, mit tiefen Sandpassagen, vorbei an geschichtsträchtigen Bunkern aus dem zweiten Weltkrieg.
Nach 15 km war Ghyvelde, der erste von 9 Verpflegungspunkten erreicht.
Der zweite VP wurde in Bergues bei km 38 erreicht, Trinkblase auffüllen und schon ging es weiter, begleitet von der nächsten heftigen Regenschauer und so langsam wurde es Nacht. Es lief gut und beschwerdefrei und ich fragte mich abermals, wieso dieser Lauf mit 3 Punkten bewertet wurde, war doch bis auf die Dünenpassage alles flach auf relativ guten Feldwegen zu laufen.

Mittlerweile hatte ich mich mit Robert, einem von 11 deutschen Starten zusammengetan, getreu nach dem Motto: 4 Augen sehen mehr als zwei (aber verlaufen sich umso schneller). Schon bald hatten wir einen Abzweiger übersehen und mussten nach 500 m und etwas Orientierungshilfe durch das mitgeführte Roadbook, was nichts anderes war als ein paar zusammengestellte Google-earth-Karten, mit eingemalter Streckenführung, wobei aber die Richtungsangabe meist fehlte, wieder umkehren. Dieser Vorgang sollte in dieser Nacht noch zur Routine werden.
Die Streckenführung war mit Pappe-Pfeilen und reflektierendem Klebestreifen gekennzeichnet, plus Flatterbändern in den Bäumen. Jedoch war beides sehr spärlich angebracht und die Pappe-Pfeile hatten sich durch den Regen zusammengerollt, so dass die Richtung nur schwer auszumachen war.
Der Regen wurde durch einzelne Schauern ersetzt, die gegen Mitternacht aber auch ein Ende haben sollten und eine sternenklare Nacht stand uns bevor.
Es war gut, einen Weggefährten gefunden zu haben, mit dem man sich angeregt unterhalten konnte. Ich erfuhr, dass es sein erster Ultra werden sollte, wobei mir bei dieser Streckenlänge doch erhebliche Zweifel, auf ein erfolgreiches finishen kamen. Ich sollte mich aber zum Glück irren, denn was dieser Typ da hingelegt hat, zeigt schon ganz großes mentales Können, denn am Ende wird er 7ter in 20:52 h.
Der Dritte Abschnitt, bis km 54 zeigt uns dann in dunkler Nacht, was die Gründe für die 3 Punkte sind. Wir stehen vor einem Acker und der Pfeil weist in die endlose Dunkelheit auf dieses schlammige Teil. Ich verweigere das Betreten und glaube an einen Streich, den sich jemand gemacht hat, indem er den Pfeil verdreht hat. Jedoch ein auflaufender Franzose mit Streckenkenntnis belehrt uns eines besseren und so folgen wir ihm über diese Ackerpiste. Jeder Tritt wird schwerer und kein ist Ende abzusehen. Irgendwann taucht ein Leuchtpfeil auf, der jedoch vom letzten Pfeil aus nicht zu sehen war. Alleine hätte ich niemals diesen Weg gewählt. Nach kurzer Erholung über Feldwege folgt ein abgeerntetes Gemüsefeld und jeder Schritt ist mühsam, versackt man doch immer wieder im Morast und in tiefen wassergefüllten Furchen. Wieso muss das hier über die Äcker gehen, geht es mir durch den Kopf, gibt es denn keine Wege drumherum, ich fluche. Wieder auf festem Boden gelangen wir zum 3ten Checkpoint in Whormout, km 54. Die Start-Nummer wird gescannt und die Uhrzeit notiert. Das Fehlen einer Zwischenkontrolle führt zu 3 Strafstunden.
Der Organisator empfängt uns mit bester Laune und er verhindert den Wechsel meiner total verschlammten Schuhe so gerade noch mit dem Hinweis, dass es sich nicht lohne, käme es doch noch schlimmer. Und es sollte noch schlimmer kommen, was den Untergrund betrifft. Über endlos scheinende, schlammige Feldwege denke ich schon gar nicht mehr nach, doch auf Abschnitt 4 geht’s dann an einer steilen Böschung, mit einem Seil gesichert, mehrere Meter hinunter in ein halb Meter tiefes Bachbett und auf der anderen Seite genauso steil und glitschig wieder hoch. Ich verliere den Halt und lande mit dem A… im Wasser. Wir behalten den Humor, machen noch ein Foto und freuen uns, dass die Schuhe nun wieder sauber sind.

Ein anderer Franzose gesellt sich zu uns und so achten jetzt 6 Augen auf die Streckenführung. Trotzdem rätseln wir immer wieder, was wohl die richtige Richtung sein könnte, bis schließlich einer den in der Ferne reflektierenden Leuchtpfeil erspäht.

Der 4te VP liegt hoch oben in dem alten Städtchen Cassel, hier addieren sich so langsam die Höhenmeter. Die Wegführung durch die Stadt ist oft auch ein Raten, doch finden wir auch diesen VP bei km 69.
Die km-Angaben in der Ausschreibung stimmen mit denen im Roadbook nicht überein und keine von beiden Angaben scheint mit der wirklichen Etappenlänge was zu tun zu haben. Und so ist man stets überrascht, wenn ein VP auftaucht oder auch nicht.
Jedenfalls erreichen wir den 5ten VP in Terdeghem bei 72 km (oder 75). Halbzeit, hier werde ich endlich meine nassen Klamotten wechseln und trockene Schuhe anziehen. Man konnte einen Verpflegungssack hier hinbringen lassen.

Die Wege sind eigentlich immer gleich, wenn nicht Grasbewachsen, dann schlammig und voller Pfützen. Wir freuen uns über jeden Teerweg. Gut markiert sind Straßenüberquerungen, wo stets ein Streckenposten die Richtung angibt. Vorbei an unzähligen Feldern, links ab dann nach rechts und fast immer riecht es nach Schweinewirtschaft. Das kann einem ganz schön auf den Magen schlagen.
Nach VP 6 bei km 85 sieht man in der Ferne den Antennenmast Mont des Cats und jetzt wird auch das Gelände hügeliger, bis hin zu steilen Anstiegen. Das GPS von Robert addiert die Höhenmeter und mühsam ernährt sich das Eichhörnchen, d.h. die Höhenmeter kommen durch viele kleine Anstiege zusammen. Der Anstieg zum Antennenmast zieht sich allerdings lang dahin und so schalten wir dementsprechend in den Gehschritt zurück.
Auch der VP 7 in Bailleul bei km 105 liegt auf einem Hügel. Hier gibt’s wieder Salami, Käse, Brot, Banane, Suppe, Bitterschokolade und vieles mehr.
Zum frühen Morgen hin wird der Körper müde, die Gehpassagen länger und die Gespräche spärlicher. Erst als es langsam am Horizont dämmert kommt auch ein wenig Erwachen zurück, auch wenn die Beine längst nicht mehr das tun, was man gerne möchte aber jetzt sind wir nicht mehr aufzuhalten, das Ziel ist schon fast zu riechen.
Ich spüre eine Wiederbelebung und lasse es ein wenig rollen, so dass ich Robert verliere.

Bei km 124, dem 8ten und vorletzten VP bin ich guter Dinge, sehe ich doch nur noch eine 8 km und 10 km Etappe vor mir. Marion sagt mir, dass ich auf dem 9ten Rang liege und der nächste nur 2 min vor mir liegt. Das gibt Aufschwung, so dass ich so richtig in Fahrt komme. Ich überhole immer wieder Läufer, die auf den verschiedenen angebotenen Strecken wie 72 km, 40 km und 17 km gestartet sind. Das gibt noch weiteren Auftrieb.
Einen 6min/km-Schnitt bekomme ich noch hin, denke ich mir und so erwarte ich nach ca. 50 min den 8 km entfernten VP 9. Doch auch nach einer Stunde kommt kein VP in Sicht. Bin ich etwa daran vorbei gelaufen, fehlt mir jetzt ein VP ? Bekannte Betreuergesichter am Streckenrand signalisieren mir, dass es noch ca. 3 km sind. Oh nein, das gibt’s doch nicht. Es geht am Fluss entlang, im sonnigen Morgenlicht, eine wunderbare Strecke, angenehme Temperatur, doch ich kann das alles nicht genießen, ich will endlich den VP sehen. Nach weiteren 20 min noch immer kein VP, noch immer am Fluss, da kommt ein Jogger entgegen, der wohl weis, was wir hier laufen, er strahlt mich an und beteuert, das es nur noch 3 km bis zum nächsten VP sind. Ich breche innerlich zusammen, hole das Roadbook raus, der VP ist undefiniert in die Karte eingetragen, könnte überall sein, ich schlürfe dahin, meine mentalen Kräfte sind nahe Null. Nach weiteren 20 min noch immer kein VP, dafür wird die Streckenführung vom Fluss weg durch einen Park geführt, kurvt da umher, um dann wieder an den Fluss zu gelangen. Warum denn das? Ich bin am Ende. Dann nach 1:55 h sehe ich Marion winken, der 9te VP liegt um die Ecke. Ich fluche nur noch. Das waren min. 16 km und keine 8 km.
Ich kippe mir Cola rein und mache mich sofort auf die letzte Etappe, die 10 km lang sein soll, wenn es denn stimmt. Ich gehe erst mal ein Stück um mich zu beruhigen, dann habe ich wieder die Zeit im Kopf, 1:20 h für die letzten 10 km, dann bliebe ich unter 20 Stunden. Ich versuche es wieder mit laufen, na ja sagen wir mit dahinschlurfen. Wieder gibt es so eine unsinnige Schleife, weg vom Fluss um nach wenigen 100 Metern wieder an diesen zu gelangen. Die Sonne wird nun auch intensiver, 22°C sind es bereits aber ich will nichts mehr ablegen, nur noch ankommen. Über eine Brücke, ohweia geht das steil hoch, dann weitere 4 km auf der anderen Seite des Flusses, endlich sehe die letzte Brücke und noch ein mal rüber. Und dann bin ich im Zielort Wambrechies, sehe das Chateau de Roberart und versuche die letzten 500 m noch freudig zu genießen.
Total k.o. komme ich nach 19:47:27 h als 5ter ins Ziel. Ich kann mich gar nicht so richtig freuen, die letzten 3 Stunden haben mich doch sehr zermürbt und der schwere Boden hatte schon sein Übriges für eine müde Muskulatur getan.

Es ist gegen 11 Uhr, ein wunderbarer sonniger Sonntagmorgen, ich habe es geschafft.
Ich schleppe mich noch einige Meter bis zur Dusche und danach sehne ich mich nur noch auf Ruhe. Im Innenhof des hübschen Schlosses esse ich erstmal was vernünftiges und trinke einen starken Kaffee. Mein Wegbegleiter Robert ist auch im Ziel und wir tauschen unsere Erlebnisse noch einmal aus. Grandios was er bei seinem Erstlingswerk vollbracht hat.

Nach der Siegerehrung treten wir um 14 Uhr die Heimreise an. Ich weis nicht, wie ich mich im Auto setzen oder legen soll, irgendwie ist der ganze Körper noch unter Anspannung.

Tage später hat der Organisator die Ergebnisliste korrigiert, der erste hatte eine Zeitstrafe von 3 Stunden bekommen und somit rücke ich auf den 4ten Gesamtrang vor. Von 142 Startern kamen 85 in Ziel und 57 gaben auf. Ach ja und die Streckenlänge wurde von 142 km auf 147 km angehoben.

Es war ein harter Lauf, bestimmt durch den meist schwer zu laufenden Untergrund. Hinzu kam die mühsame Suche nach den Streckenführungen. Die 3 Punkte für den UTMB sehe ich jetzt als gerechtfertigt.
Damit habe ich die Anmeldeberechtigung für den UTMB 2011 in der Tasche. Ob ich wirklich noch mal antrete steht in den Sternen?!


© Wolfgang Braun, 04.11.2010

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