Tritt ein, bring Glück herein

Stop, leider geschlassen!

 

Rainer Wachsmann zum Ultra-Trail International du Tour du Mont Blanc (UTMB) (27.09.2006) - Ultramarathon beim Steppenhahn (10.2000)

Zufälliges Zitat

"60 km ist etwa die Hälfte des 100 km Laufs von Biel, lassen wir uns da nicht von den Mathematikern in die Irre führen."

Walter Wagner

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Alle zeigen - Bericht von Rainer Wachsmann zum Ultra-Trail International du Tour du Mont Blanc (UTMB):
Rainer Wachsmann , 27.09.2006

Um den Mont-Blanc in 45 Stunden

158 km um das Mont Blanc-Massiv:
Ein guter Laufkamerad erzählte mir im Herbst 2005, dass er an Europa´s schwierigstem Berglauf teilnehmen wolle. Von diesem Abenteuer hatte ich bereits in einigen Ultralaufzeitschriften gelesen. Hierbei geht es um die Umrundung vom Mont Blanc-Massiv. Die Strecke hat eine Länge von 158 km. Das ist aber noch nicht alles: die Höhenmeter betragen 8.600 und außerdem ist es ein Nonstop-Lauf mit einem Zeitlimit von 45 Stunden.
Einige Zeit später schaute ich mir mal die Internetseite dieses Laufes an. Der Lauf war bereits ausgebucht. „Auch in Ordnung“, dachte ich mir, ich bin ja schließlich kein Bergläufer. Kurz vor Weihnachten besuchte ich nochmals die Homepage. Jetzt war hier zu lesen, dass aufgrund der großen Nachfrage 400 weitere Läufer die Möglichkeit zur Teilnahme bekämen. Die Hälfte der Startplätze bekommen Franzosen, der Rest geht an andere Landesangehörige. Ich entschied mich, eine Bewerbung für meine Frau Katrin und eine für mich abzugeben. Die Verlosung mit Bekanntgabe sollte Mitte März sein. Ich bekam eine Mail für meine Frau, eine Ablehnung. Kein Problem. Die Mail für mich öffnete ich erst später, da ich ebenfalls eine Ablehnung vermutete. Später sah ich, dass ich eine Zusage erhalten hatte. Zugleich Freude, Aufregung und Schrecken. Ich wusste sofort, dass dieses Unterfangen sehr schwierig werden würde, denn wo und wie sollte ich Bergläufe trainieren? Hier musste improvisiert werden. Zur Vorbereitung auf diesen Lauf folgte ich u.a. der Einladung von einem Laufkameraden aus der Eifel zu einem Marathon und einem Ultra. Im Mai startete ich bei einer 101 km-Laufpremiere im Sauerland. Im Juni gab es einen alpinen Marathon in Liechtenstein, der ein richtiger Härtetest war.
Am 24.08. war es dann soweit. Zu einem Billigtarif flog ich nach Genf und fuhr später mit dem Bus nach Chamonix, wo der Start war. Chamonix hat eine wirklich spektakuläre Lage, unmittelbar am schroffen Mont Blanc-Gebirge mit zwei Gletschern gelegen. Eine tolle Szenerie! Freitag um 19.00h war der Start, zuvor gab es ein Wiedersehen mit einigen bekannten deutschen Läufern. Einer sagte mir sofort: „Rainer, dass hier ist was anderes als der Deutschlandlauf! Eine ganz neue Herausforderung. Sieh zu, dass Du bei den Verpflegungsstellen nicht viel Zeit verlierst!“
Bei einer Zahl von 2.500 Starten gab es nur 80 deutsche Anmeldungen. Zwar waren 48 Nationen vertreten, die große Mehrheit waren jedoch eindeutig Franzosen. Leider sind meine Französischkenntnisse erheblich eingerostet, aber ich dachte mir, kannst ja gut englisch, du wirst Dich schon verständigen können. Leider können (und wollen) die Franzosen kaum eine andere Sprache sprechen…
Mit einigen bekannten Läufern stand ich beim Start zusammen; durch Zufall geriet ich in das erste Drittel. Bei der Musik von Vangelis spürten wir ein erhabenes Gefühl angesichts der immensen Herausforderung.
Direkt nach dem Start kam ich die ersten km gut voran, das erste Stück war flach. Nach 9 km kamen die ersten Steigungen. Viele nutzen hier schon ihre Wanderstäbe. Ich holte meine erst bei km 33 aus meinem Laufrucksack heraus. Das Mitführen von einem Laufrucksack mit Stirnlampe, Getränke und Nahrung war Pflicht. Wir hatten eine phantastische Aussicht auf die Berggipfel, die die letzten roten Sonnenstrahlen erhaschten. Chamonix mit all seinen Lichtern in der Dunkelheit war ebenfalls ein toller Ausblick. Ich hatte eine gute Geschwindigkeit, bei Verpflegungsposten blieb ich nur kurz. Bei den Anstiegen musste ich natürlich gehen. Wichtig war mir, dass ich mich nicht zu sehr verausgabte. Bei einigen Bergaufpassagen blieb mir (z.B. in der Höhe von 2.200m) die Luft weg, ich ging zur Seite, damit mich die anderen Läufer überholen konnten. Bergab kam ich hingegen zügig hinunter. Einige Passagen waren extrem steil und auch nicht ganz ungefährlich. Müdigkeit kam keine auf. In der ersten Nacht konnten wir einen grossartigen Sternenhimmel sehen. Innerhalb der ersten Hälfte des Laufes gab es drei Berge mit ca. 2.500 m, einmal liefen wir über Schnee. Nachts hatte ich eine gute Laufjacke, Handschuhe und eine Mütze an. Samstag um 9.00h kam ich in Courmayeur, Italien, an. Ich war in keinster Weise müde. Hier hätte man schlafen können, dafür gab es aber keine Notwendigkeit. Nach einer Stunde Rast ging es weiter. Der jetzt erfolgende starke Anstieg kostete enorme Kraft. Viele andere Sportler überholten mich. Ich merkte, dass meine Leistungsfähigkeit sich deutlich reduziert hatte (ich hatte einfach zu wenig in Courmayeur gegessen und zu wenig Kohlenhydrate erhalten). Die folgenden Passagen waren sehr schwer. Herrliche Anblicke auf das Gebirge mit vielen Gletschern konnten die Anstrengung nur leicht mindern. Dabei lag der höchste Berg mit 2.537 m noch vor mir. Ich kam nur noch sehr mühsam voran. Viele, viele überholten mich. Einige entgegenkommende Wanderer lobten uns. „Courage, Courage“ sagten sie immer wieder. Nun, sie hatten recht! Die Sonnenstrahlen der vergangenen Stunden verschwanden. Es setze leichter Nieselregen ein, der nach einiger Zeit zu einem Dauerregen wurde. Puh, schwere Bedingungen. Später ließ ich mir von einer Dame bei einem Verpflegungsposten einen Müllsack geben. Drei Löcher reingemacht, prima, aber was meint Ihr, was man unter einem Müllsack auch schwitzt!
Kurz bevor ich Champex-Lac in der Schweiz erreichte, musste ich ein besonders unebenes Waldstück durchlaufen/durchwandern. Hier hatte ich meine ersten Halluzinationen. Die Steine im Wald wurden zu Fratzen, die Lichter der Stirnlampen der anderen Läufer vor mir bildeten mystische Figuren. Ich erreichte höchst übermüdet den Verpflegungspunkt und machte ein kleines Nickerchen von 20 Minuten. Das ist zwar nicht viel, half aber enorm. Nach dem Essen ging es dann weiter. Ein aufmunterndes Gespräch mit meiner Frau motivierte mich wieder. An dieser Stelle hatte der Regen mal aufgehört. Ein ganz schwieriges steiles Stück war zu erklimmen. Zeitweilig musste ich völlig ausgepumpt an einem Felsen eine Rast machen. Nur mit allergrößter Mühe habe ich den Anschluss an eine Gruppe vor mir nicht verloren. Ich war am Limit!!!
Nur mit größtem Einsatz erreichte ich den Streckenposten. Eine kurze Pause tat gut. Die nächsten sechs km waren extrem durchnässt, glitschig und wirklich gefährlich. In Trient hatte ich jedoch im nächsten Verpflegungszelt 132 km erreicht. Aus Laufbeschreibungen wusste ich, dass die nächsten 14 km noch einmal ganz schwierig sein würden. Den nächsten Berg versuchte ich mit einer Gruppe von Franzosen und einem Belgier zu erklimmen. Sie hatten in etwa mein Lauftempo. Einige Halluzinationen begleiteten mich dabei. All zu sehr haben sie mich aber nicht gestört. Bei Tagesanbruch verschwanden sie auch wieder. Die Strecke war völlig durchnässt und extrem glitschig. Sie stellte höchste Anforderungen. Ich erreichte den Verpflegungsposten in Vallorcine, 142 km erreicht. Ich war jedoch enttäuscht, ich meinte, dass es von hier nur noch ca. sechs und nicht 16 km bis zum Zieleinlauf nach Chamonix gewesen wären. Nach einigem Grummeln fand ich mich schließlich mit der Situation ab, ließ mich aber von den Betreuern überzeugen, dass eine halbe Stunde Laufpause eine gute Idee wäre. Ich lag gut in der Zeit, so nahm ich das Angebot an. Insgesamt hatte ich mir dort einen Aufenthalt von 2 Stunden gegönnt. Die letzten 16 km waren schwer, die Motivation war gering, die Füße schmerzten enorm, ich hatte außerdem Scheuerstellen. Viele überholten mich. An Laufen war nicht mehr zu denken. Ein Läufer meinte, dass ich wie ein Pinguin unterwegs sei. Leider gab es später viel Geröll und auch noch Steigungen auf der Strecke. Viele Franzosen am Wegesrand jubelten uns zu. Ich brauchte eine kleine Ewigkeit für den Rest. Die Zeit war mir auch einerlei. Der Zieleinlauf nach 42:38 Stunden wurde von viel Jubel und Begeisterung der Zuschauer begleitet. Ich war stolz, glücklich, aber in erster Linie war ich froh, dass dieser Lauf vorbei war… Auf dem Weg zu meinem Hotel kam mir später eine sehr alte Dame entgegen. Sie konnte kaum noch laufen. Wie beide sahen uns an, denn wir hatten soviel gemeinsam. Es war klar, dass wir uns erst mal kurz unterhalten würden. Ich zeigte ihr meine tolle Finisherjacke von The North Face und wir verabschiedeten uns lieb voneinander.


© Rainer Wachsmann, 27.09.2006

Weitere Info's und Berichte zum Lauf:


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