Tritt ein, bring Glück herein

Stop, leider geschlassen!

 

Martina Hausmann zum INTERNATIONAL ULTRAMARATHON FESTIVAL (03.05.2010) - Ultramarathon beim Steppenhahn (10.2000)

Zufälliges Zitat

"Über lange Strecken gewinnt oft nicht der bessere, sondern der, der weniger Fehler macht."

Emil "Lokomotive" Zatopek (1922-2000)

Nächster Ultramarathon

Alle zeigen - Bericht von Martina Hausmann zum INTERNATIONAL ULTRAMARATHON FESTIVAL:
Martina Hausmann , 03.05.2010

1000Meilenrennen von Athen - Traum und Wirklichkeit eines epischen Rennens

Als Mehrtageläuferin träume ich zuweilen von Mehr-Mehrtageläufen. Ich möchte mich gerne wieder in einem richtig epischen Rennen erleben, bei dem ich zuschauen kann, wie die Fingernägel wachsen oder auch das Gras an der Strecke. Wer wagt sich schon daran, ein in jeder Hinsicht derart aufwändiges Rennen zu organisieren? Ein gewisser Costas Baxevanis fällt mir ein. Er hat die Rennen nach Zeitmaß bis hin zu 7-Tagerennen in Griechenland eingeführt und publik gemacht, und er hat die Griechische Ultramarathonvereinigung gegründet. Er hat immer ein offenes Ohr für abenteuerliche, neuartige und ungewöhnliche Projekte. „Costas oder keiner“, denke ich. Gleichen Geistesblitz hat auch Wolfgang Schwerk, und ohne es voneinander zu wissen, machen wir in zäher Arbeit Costas das 1000-Meilenrennen schmackhaft. Der Termin wird endlich auf die Vorosterzeit 2010 gesetzt.
Hürden auf dem Weg in die epische Wirklichkeit
Je näher das Datum rückt, desto mehr Probleme tun sich auf. Zu einem schier unüberwindlichen Hindernis wächst die Griechische Wirtschaftskrise heran. Der Hauptsponsor aus den Rennen der früheren Jahre springt ab, ein neuer kann nicht gefunden werden. Bis zuletzt hofft Costas vergeblich darauf, dass wenigstens kleinere Sponsoren die Verpflegung der Läufer sicherstellen könnten. Alles Startgeld der 1000-Meilenläufer geht für die Zeitnehmerfirma drauf! Was tun? Alles wieder abblasen? Multiday-Spitzenläufer aus aller Welt haben bereits ihre Teilnahme zugesagt, auch die kleineren Läufe über 24-, 48- 72- Stunden und 7-Tage füllen sich allmählich auf. Costas entschließt sich Blut und Wasser schwitzend, das Rennen durchzuziehen.
Auch für mich selbst wachsen die Hürden mit näher rückendem Termin in den Himmel. Zunächst muss mein Betreuer absagen wegen unerwartetem Jobwechsel und Umzug. Als nächstes kommt Costas mit der Nachricht, er hätte leider auch niemanden für mich und selbst kaum Helfer der Veranstaltung. Weiter kann er wider Erwarten kein Zelt für mich organisieren. Noch nicht einmal das Hinkommen scheint gesichert; tagelange Generalstreiks legen das Land lahm.
Was macht einen Ultra zum Ultra?
Eben. Du stößt reihenweise auf schier unüberwindliche Schwierigkeiten. Du betrachtest sie gewissermaßen mit Röntgenblick. Du meisterst sie mit Entschlossenheit und Willensstärke…und wächst dabei über dich selbst hinaus.
Diese Faszination des Ultralangstreckenlaufes erleben Costas wie ich nun, bevor das Rennen überhaupt gestartet ist! Wo soll das hinführen?!
Pläne sind Schall und Rauch
Den schönen Laufplan von Alan Young, in wochenlangem Emailaustausch ausgerichtet auf mein Traumziel für einen Finish unter 14 Tagen – nach meiner Bestzeit von 14 Tagen 3 Stunden und 25 Minuten aus dem Jahr 2002 – lege ich bedauernd weg. Ohne Betreuer werde ich mindestens einen Tag länger brauchen! Das Zeitlimit ist zum Glück auf 16 Tage festgelegt, auch die täglichen Limits von 80km sollten kein Problem sein. Altersklassenweltrekorde für 1000km und 1000Meilen W50 gibt es bis dato noch nicht. Das will ich ändern! Abenteuerlust im Steigflug.
Das Basislager wird errichtet
13 Männer und 3 Frauen aus 10 Nationen finden sich ein auf dem ehemaligen Flughafengelände von Athen. Ich richte mir ein doppeltes Basislager ein: Mein winziges Kriechzelt stelle ich direkt an die Strecke. Darinnen umgebe ich mein Bettchen wie gewohnt mit aller Logistik. Alles hat seinen speziellen Platz, und ich weiß auch noch bei Multidayendmüdigkeit, wo was zu finden ist. Die höhere Kunst wird dann sein, diese Ordnung bis zuletzt aufrecht zu erhalten. Ohne Betreuer ein schier unmögliches Unterfangen! Vor das Zelt noch einen Tisch gestellt für den allrundlichen Bedarf – fertig! Ein zweites Lager für Notfälle sehe ich im Flughafengebäude vor; dort richten sich Walter und Hans-Jürgen Schlotter häuslich ein. Nun, da der Haushalt geregelt ist, machen wir einen kleinen Spaziergang zum nächsten Ort. Bis zum Start wird es keine offizielle Verpflegung geben! Leider können wir bis dahin auch nicht duschen, es sei denn, wir wünschen es eiskalt. 16 Tage oder 18 Tage Katzenwäsche? Was soll’s?
Die lange Reise beginnt mit Pfiff
Mit einer Trillerpfeife schickt uns Simos, der einzige wirklich verlässliche Helfer der Veranstaltung, um 14 Uhr auf die unendliche Schleife der Einkilometerrunde. Es ist kalt und windig, aber immerhin trocken.
Erster Tag: Alles spielt sich ein – oder auch nicht
Wir richten uns ein auf der Strecke, wachsen hinein in unseren Mikrokosmos auf Zeit. Die Strecke gibt für das Auge nicht viel her – es sei denn, man liebt Maschendrahtzäune, sechsspurige Autobahn, grauen Beton. Für die Ohren gibt es Autolärm rund um die Uhr und für die Nase die entsprechende Luft. Immer weniger nehme ich von dieser Kulisse wahr. Eher gewinnt der Futterstand an Bedeutung. Nichts als Knabberzeugs! Dazu Wasser, Cola, blauer Saft. Gut, dass ich jetzt noch nicht weiß, dass sich in den gesamten 16 Tagen nichts ändern wird. Zum Abendessen gibt es trockene Nudeln ohne alles oder zum Frühstück Brötchen mit wenig Belag. Einmal kommt Simos triumphierend an, schwenkt Mengen rohes Fleisch. An den daraus bereiteten Souvlaki werde ich mir gehörig den Magen verderben! So hoffe ich vom Abend zum Morgen zum Mittag…die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Meine Mitläufer ficht das nicht an; die meisten haben persönliche Betreuer. Mit Alan Young, Betreuer von William Sichel, hatte ich vor dem Rennen vereinbart, dass er mir meine Sachen wäscht – wenn er Sachen von William wäscht oder mir Essen gibt – was und wenn er ihm was gibt. Was sich in der Theorie ganz einfach machte, sieht leider in der Realität sehr anders aus. Alan ist um 110% um seinen Schützling besorgt; so soll es ja sein. Ich muss mich ständig in Erinnerung bringen, will aber auch nicht nerven. Ein schwieriger Spagat! Immerhin ergattere ich schon in der ersten Nacht leckeren Haferbrei und jede Menge heißen Tee. Trotzdem wird mir so kalt, dass ich gleich die dicksten Wintersachen anziehe, und darunter noch Herberts genialen Angora-Rückenwärmer. Mit Schrecken erinnere ich mich an die letzten Athener Rennen, die mit grauslichen Rückenschmerzen endeten. Ich beauftrage zusätzlich Wolfgang, mir umgehend zu sagen, wenn ich schief laufe. Mit 153km für den ersten Tag befinde ich mich überraschend im vorderen Teil des Feldes. Sogar Hiroko Okiyama ist weit hinter mir, ausgebremst von Betreuer Seppo Leinonen aus Finnland. Seppo, selbst Top-Ultraläufer, ist ein Fuchs! Ich kenne ihn seit vielen Jahren. Wenn Hiroko es schafft, während dem ganzen Rennen auf seine Anweisungen zu achten, wird ihr Harakiri-Stil in geordnete Bahnen gelenkt und ich werde wenig Chancen gegen sie haben. Auch die dritte Frauenkonkurrenz, Maria Tahkavuori, wird von Seppo perfekt betreut.
Zweiter Tag: Ernüchternde Entdeckungen
Ab dem zweiten Tag verkommt mein Laufstil mehr und mehr zum Gehstil. Mit 6km/h brutto und wenigen Pausen komme ich leidlich über die Runden. Dauernd muss ich Alan um Essen oder ein heißes Getränk anbetteln! Das einzige Brauchbare am Verpflegungsstand sind die Kichererbsen mit Rosinen und die Kartoffelchips, Obst ist eher selten. Wirtschaftskrise hin oder her – so schlimm habe ich mir das nicht vorgestellt. Reis/Kartoffeln/Nudeln mit frischem Gemüse der Saison und etwas Käse und Oliven kann doch nicht die Welt kosten? Dank Simos gibt es nachts immerhin dünne Nudelsüppchen. Andere jammern, weil man nur zwei täglich durch Aushang neu bestimmte Stunden am Tag warm duschen kann. Das sind unhaltbare Zustände – wiewohl mich zumindest dies wenig belastet. Während meiner Pausen pflege ich zu ruhen. Also wasche ich mich vom Bettchen aus, sofern ich rechtzeitig daran denke, Alan um einen Eimer Wasser zu bitten. Ansonsten habe ich immer noch meine feuchten Reinigungstücher. Gegen Abend des zweiten Tages steht plötzlich Walter am Streckenrand, Startnummer in der Hand, Weltuntergangsmiene! Nach all dem Enthusiasmus in der Vorbereitung hat ihn eine Leistenzerrung hinauskatapultiert. Alan meint, so hätte ich immerhin einen persönlichen Betreuer?! Walter kann für sich selbst während einem Rennen keine Ordnung halten; wie soll er sich in einem fremden Zelt zurechtfinden? Er macht sich auf andere Weise nützlich. Frühmorgens ab 6 Uhr bedient er den verwaisten Verpflegungsstand, anschließend kauft er für Wolfgang und mich ein, und die übrige Zeit des Tages bis zum späten Abend hin steht er mit Wolfgangs Betreuer Helmut Schieke am Streckenrand, bereit, jeden anzufeuern und aufzumuntern, der es braucht. Für diese leiblichen und seelischen Hilfen sind alle dankbar. Wir sind ja ohne jeden Zuschauer zugange! Wer verirrt sich schon auf ein an der Schnellstraße Athen – Piräus gelegenes brachliegendes Flughafengelände? Selbst wenn einer hin wollte, würde er vom Wachpersonal am Eingang umgehend abgewiesen. Andererseits brauchen wir so keine Diebstähle aus dem Basislager zu befürchten.
Die unendliche Reise zu sich selbst
Bei Rennen dieser Dimension handelt es sich zuvorderst um eine unendliche Reise in das Selbst eines jeden. Du musst alle sich im Laufe des Laufes auftuenden Probleme von innen heraus rechtzeitig erspüren, um beizeiten gegensteuern zu können. Es macht keinen Sinn, mit beginnenden Blasen weiterzulaufen oder zitternd herumzufrieren, weil Du vielleicht den nächsten Hunderter erst vollmachen willst. Es ist lediglich verlorene Zeit, auf der Anzeigetafel Runde um Runde Positionen zu vergleichen. Unnötig auch, vorher am Grünen Tisch gemachten Plänen nachzurennen, die weder Wetterkapriolen noch sonstiges Ungemach einrechnen konnten. Mache einfach für Dich aus jeder Runde das Beste, vertrödele keine Minute, und mache minimalistische Pausen, wenn jegliche Fortbewegung so mühsam wird, dass sie Dich ganz zu vernichten droht.
Die ersten acht Tage: Glatt überlebt!
Dieses elementar Einfache wird mir von Tag zu Tag schwerer und füllt mein ganzes Sinnen und Trachten aus. Bei gleichem Anstrengungsgrad erreiche ich täglich etwas weniger Kilometer: 120km – 115km – 110km – 107km – drei mal 100km in Folge stehen zu Buche ab dem zweiten Tag.
Die nächsten Opfer des Rennens heißen Costas und Hans-Jürgen. Costas wird in der Organisation gebraucht, und Hans –Jürgen ist von Schienbeinschmerzen geplagt.
Noch sind meine Pausen relativ kurz. Alle 6 Stunden im Schnitt unterbreche ich im Wechsel 30 Minuten bis eine Stunde und ein bis zwei Stunden.
Neunter Tag: Überleben denkbar fragwürdig
Ich spüre, dass ich dringendst längere Pausen benötige. Das Wetter hat plötzlich umgeschlagen; der gestrige Sturm, der meinem Zelt arg zugesetzt hat, macht Platz für eine Hitzewelle, die bis zum Rennende anhalten wird. Mein physischer Kreislauf liefert dem geographischen Kreislauf erbitterten Zweikampf, bis ich endlich um 14 Uhr mit Ende des 8. Tages vollkommen erledigt ins Zelt krieche. Ergeben plane ich vier Stunden Pause am Stück. Endlich hätte ich die richtige Müdigkeit, um in sofortigen Tiefstschlaf zu versinken. Puuh!!! Die Hitze im Zelt bringt mich schier um. Ich wanke wieder heraus und ärgere mich über drei Stunden vertane Zeit. Der Ärger kostet mich die letzte Energie. Dazu fällt mir ein, dass ich vergessen habe, Alan darum zu bitten, gewaschene Socken ins Zelt zurück zu legen. Alan ist nirgends zu sehen. Erst später erfahre ich, dass er in blindwütigem Eifer für William durch eine Glastür gerannt ist. Die Nase muss im Krankenhaus genäht werden. So frage ich Walter. Leider erwähne ich nicht, dass er nur trockene Sachen abhängen soll. Als ich nachts todmüde und fertig mit mir und der Welt auf meinen Schlafsack sinke, ist alles nass! Ich bin dermaßen erledigt, dass ich tatsächlich fürchte, die geforderten 80km für diesen Tag nicht zusammen zu bekommen. Unbedingt muss ich mir eine Pausenlösung für die heißen Nachmittage ausdenken. „Ich hab’s! Ich werde für die Pausen bei Tag das Zimmer im Flughafengebäude benutzen! Walter kann mir das Bettchen dorthin und für die Nacht wieder ins Zelt tragen! Ich könnte in der langen Mittagspause die erste Stunde dazu nutzen, ausführlich zu essen und zu trinken von dem, was Walter eingekauft hat!“ Ich regele das alles, und in Vorfreude auf diese Pause haut mich die Hitze bis 14 Uhr nicht mehr um. Gegen 13 Uhr starten die 7-Tageläufer, und für mich ist der Countdown zur Pause eingeläutet! Wolfgang erinnert mich daran, dass die linke Schulter herunterhängt. „Ja, ja, gleich liege ich im Bett!“ Ich habe dem rabenschwarzen Tag immerhin 91km abgetrotzt.
Zehnter Tag: Wiedergeburt bei Tag und Schockzustand zur Geisterstunde
Schnell ins Zelt, Schuhe aus, Badelatschen an, Umziehsachen geschnappt und gegenüber die Treppe hoch ins dunkle, kühle Zimmer. Herrlich! Mir ist jetzt alles egal. Eine ganze Stunde verplempere ich mit Waschorgien, Futtern und trinken – natürlich im Bett und im Liegen. Die restlichen drei Stunden verschlafe ich komplett. Ein Genuss! Gegen 18 Uhr ist es draußen zwar immer noch recht heiß, doch die Schatten werden sichtbar länger und ich fühle mich gut erholt nach der langen und lohnenden Pause. „Du läufst jetzt richtig gerade, genau parallel“, meint Wolfgang im Vorbeiflug. Dies sind meine Beine offenbar nicht gewohnt und wird mir vorübergehend dicke Knie einbringen. Mittlerweile ist Alan aus dem Krankenhaus zurück. Beinahe hätte ich ihn nicht wiedererkannt mit seiner Nase im weißen Verband. „Alan Alien“. Der Kurs erscheint regelrecht energiegeladen von all den frischen 7-Tageläufern. Selbst weit nach Mitternacht herrscht noch reges Treiben auf der Piste. Ich verziehe mich um 1 Uhr zu einer Stunde „Schönheitsschlaf“, um darauf die Zeit bis zur langen Mittagspause noch recht viele Kilometer einsammeln zu können. Wecker gestellt, hingelegt, ratzfatz eingeschlafen. Ich schrecke hoch Donnergranatenalarmsirenen!!! Ich schaue auf die Uhr. Nicht mal 1:30! Es ist normal, dass während einem Mehrtagerennen allenthalben da und dort zur Unzeit die Wecker klingeln. Doch direkt neben meinem Ohr? Alans Zelt ist gleich nebenan. „Hatte ich von dort nicht schon öfters…???“ Alan erzählt mir mit aller Selbstverständlichkeit, er habe von Rennbeginn an einen Timer für William gestellt, und zwar für alle 30 Minuten. „Wie bitte?!“ Eine solche gedankenlose Rücksichtslosigkeit gegenüber Zeltnachbarn und Mitläufern verschlägt mir die Sprache. Immerhin stellt er auf Vibrationsalarm um. Trotz allem bringe ich es heute auf 96km. Die Talsohle scheint überwunden.
Neidvolle Betrachtungen am elften Tag
Wenn ich die Konkurrenz so betrachte, könnte ich vor Neid erblassen. Hiroko sitzt im Stuhl, alle Viere von sich gestreckt, wird gut gefüttert und gleichzeitig noch massiert. Sie erreicht konstant ihre 100km pro Tag, regelrecht abgewetzt im Intervallverfahren. Ihre Pausen sind zu 100% lohnend. Alan hat mittlerweile Verstärkung, und so wird William von zwei Leuten gleichzeitig zur Abkühlung besprüht. Einerseits bin ich stolz darauf, alles alleine meistern zu können. Andererseits hätte ich schon gern gleiche Verhältnisse für alle gesehen, um einen durchwegs fairen Wettkampf zu erleben. Dazu braucht es aber ein perfekt durchorganisiertes Rennen mit Wäscheservice, läufergerechte Verpflegung an der Strecke rund um die Uhr und genügend offizielle Helfer, die bei Problemen verfügbar sind. Nein, das sind keine Hirngespinste! Ich habe solche Rennen tatsächlich erlebt!!
Ein Supergau
Nun fällt auch noch Simos vorübergehend aus, die Seele der Veranstaltung. Ersatzweise steht Costas am leeren Verpflegungsstand. Nudelsüppchen? Fehlanzeige. „Costas, bitte, mache mir einen heißen schwarzen Tee“ Costas schaut meditativ langsam mit glasigen Augen. „Was…möchtest…Du…“ Schließlich bekomme ich Hunger, alle meine Vorräte von Walters letztem Einkauf sind alle. „Costas, bitte gib mir was zu essen!“ Er starrt verständnislos. „Was…möchtest…Du…“ Der arme Mann ist total überfordert und fertig mit sich und der Welt! Endlich, gegen 6 Uhr früh, trifft Walter ein. Den trifft fast der Schlag und er füllt erst mal die Getränke nach. Essen kann er leider auch nicht herzaubern. Wie freue ich mich auf seinen nächsten Einkauf für mich und die Mittagspause mit Fressorgie! Ich bin über die heutigen 97km wirklich freudig überrascht.
Zwölfter Tag: Warten auf…Herbert
Diesmal kann ich es kaum erwarten, auf die Strecke zurück zu kommen. Schon um 17 Uhr bin ich wieder draußen. Heute, 26. März, ist ein besonderer Tag! Jeden Moment müsste doch Herbert eintreffen? Er hat doch den gleichen Flieger gebucht wie ich, und ich bin gegen 17 Uhr hier gewesen? Es wird 19 Uhr, und von Herbert keine Spur. Es wird langsam dunkel. Nur kurz verschwinde ich zu einer Umziehpause im Zelt. Die kürzere Mittagspause und die praktisch nicht vorhandene Abendpause hinterlassen Spuren. Es ist bereits spät am Abend, als Herbert unvermittelt vor mir auftaucht. Er starrt mich an wie ein Mondkalb. Sehe ich so schlimm vergammelt aus? Ich freue mich so, dass ich fast vergesse, wie platt ich bin. Er spaziert ein wenig neben mir her und erzählt von seiner Odyssee vom Flughafen zum Hotel und auch von der Premiere seines letzten Theaterspiels. Ich lausche gespannt, fühle mich kurz in eine vergessen geglaubte Welt versetzt. Schließlich verabschiedet er sich bis zum nächsten Morgen: „Ich habe ein Doppelzimmer gebucht! Du wolltest nach höchstens 14 Tagen fertig sein. Also schick Dich, wenn Du weißt, dass Du langsam bist!“ Sehr witzig. Dagmar Lieszewitz, die flotte Marschiererin aus dem 7-Tagerennen, schaut wehmütig. Ihren Wolfgang erwartet sie erst für morgen. Wir sind oft gemeinsam unterwegs auf unseren unendlichen Reisen und muntern uns gegenseitig auf. Die Strecke kann zur Unzeit noch so verwaist sein – auf Dagmar ist Verlass! Kaum graut der Morgen, fange ich schon an, Herbert herbeizuwarten. Bis dahin kann ich mir schön ausmalen, was er mir einkaufen kann. So teilt sich dieser Tag in kürzere Abschnitte. Besonderes Highlight bleibt natürlich der Finish von Wolfgang Schwerk in knapp 12 Tagen in neuer Weltbestzeit AK 50! Während der Umarmung freue ich mich so für ihn, dass ich gar nicht weiterlaufen mag. Gott sei Dank sind seit gestern die 72-Stuindenläufer unterwegs, heute folgen die 48-Stundenläufer und morgen die 24-Stundenläufer. Es wird also nicht ganz so einsam werden ohne Wolfgang. Mein Tag klingt zufriedenstellend aus mit 97km.
Dreizehnter Tag: Platt und krank, aber glücklich
Der Italiener Lucio Bazzana hat in der ersten Woche angefangen mit dem Husten. Der Husten machte die Runde unter den Läufern und vor mir nicht halt. Während Lucio fast geheilt ist, kommt es bei mir von Tag zu Tag toller. Die dreistündigen Mittagspausen werden mir immer mehr zum Highlight des Tages und zur Erholung unumgänglich. Herbert hat leckere Sachen mitgebracht. In jede Sekunde lege ich mental die ganze Ewigkeit. So habe ich länger davon; Zeit ist bekanntlich relativ! Nachdem ich mich eine gefühlte Unendlichkeit rundumerneuert habe, marschiere ich zielstrebig zur Strecke zurück und an die Arbeit. Mittlerweile hat es sich gut herumgesprochen, dass ich unentwegt auf der Suche nach „Leckerli“ bin. Das Griechische Team um Thanos Nikos reicht mir frisch gekochte Kartoffeln mit Gemüse und Kräutern. Dies toppt nur noch Herbert mit…Erdbeeren!!! Ah!!!! Wie gewohnt komme ich gut durch die kühlen Nachtstunden und bin bis zum nächsten Mittag um 95km weiter für heute.
Vierzehnter Tag: „Das ist das Ende!“
Diesmal bin ich besonders müde, sofern es eine Steigerung zur Multidayendmüdigkeit überhaupt gibt. Ich versuche, die Zeit für waschen, Fußpflege etc. und Fressorgie auf unter eine Stunde zu drücken. Unmöglich. Bin ich genusssüchtig? Länger als vier Stunden kann ich keineswegs ruhen, will ich am Ende des Tages wieder eine passable Kilometerzahl stehen haben. Ich stelle den Wecker seufzend auf 17Uhr 30. Blackout total. Ohrenbetäubender Lärm und grelles Licht. Walter steht vor mir, ziemlich aufgeregt. „Ich wollte gucken, was los ist!“ - „???“ Ich verstehe gar nichts. „So lange hast Du noch nie gefehlt draußen!“ Mein Blick wandert benebelt zum Wecker. „20Uhr! Das…das ist das Ende!!!“ schreie ich entsetzt. Der Wecker ist ja gar nicht eingeschaltet! Ich weiß genau, ich HATTE ihn eingeschaltet!! Gedankenkarussel fieberhaft. „War ich vorzeitig wach, habe ihn ausgeschaltet, und bin wieder eingeschlafen? Fast unmöglich! Ich stelle den Wecker extra immer ans Fußende. Da muss ich aufstehen, um ihn auszuschalten. Das hätte ich doch gemerkt.“ Fünf Minuten später bin ich auf der Strecke. Walter guckt verdutzt. „Nanu, das war jetzt wirklich schnell.“ Zu allem Überfluss erfahre ich, dass der Nachmittag angenehm kühl war. Der blanke Hohn! Ich zirkuliere wie von Sinnen. Das Weckerproblem beschäftigt mich die ganze Nacht. Allein, ich löse es nicht. Immerhin fühle ich mich unendlich erfrischt, ein ganzer Schwall angehäufelte Müdigkeit eliminiert. Die unentwegte Aufmunterung von Hans-Jürgen, Helmut, Walter und Wolfgang sauge ich geradezu in mich hinein. Mittlerweile hat mich Hiroko überholt, gezogen von ihrem Landsmann Ryiochi Sekiya im 24-Stundenrennen. Ich habe das so oder so kommen sehen. Gegen Ende dieses gefühlt langen, langen Tages beendet William sein Rennen als glücklicher Zweiter. Ich kann es kaum fassen, dass ich für diesen Tag 96km stehen habe. „Gut gemacht…nach dem Schrecken!“ meint Wolfgang Olbrich von Herzen anerkennend.
Fünfzehnter Tag: Noch mehr glückliche Finisher
Heute kommt es mir so vor, als umarme ich unentwegt glückliche Leute. Lucio wird Dritter, über den Tag verteilt gefolgt von Vlastimil Dvoracek aus Tschechien und endlich Hiroko. Mir wird bei alldem so warm ums Herz und gleichzeitig wehmütig, wenn ich an den Weg denke, der immerhin noch vor mir selbst liegt. Für Maria bin ich Alleingängerin das siebte Weltwunder: „You are the best! The hardest woman I have ever seen“ meint sie eins ums andere Mal, im Brustton tiefster Überzeugung.
Sechzehnter Tag: Auch 1000 Meilen enden mit dem letzten Schritt!
Nach zwei mageren Stunden Mittagspause nehme ich den letzten Marathon in Angriff. Es sind exakt 42km, die mir zu 1000 Meilen noch fehlen!! Dauernd werde ich gefragt, wann es denn endlich soweit ist. „Ich werde zur Unzeit weit nach der Geisterstunde und mutterseelenallein meinen Finish zelebrieren. Alles schläft. Ein paar unentwegte 7-Tageläufer werden es vielleicht bemerken. Costas werde ich aus dem Bett holen müssen…“ mit solchen Gedanken drehe ich Runde um Runde. Gegen 23 Uhr ist Herbert zur Stelle und schaut wie ein Fragezeichen. „Noch neun Runden!“ rufe ich übermütig. „Schaffst Du es bis Mitternacht oder soll ich den Wecker stellen?“ fragt Wolfgang Schwerk. „Mitternacht wird knapp“ meine ich. „So langsam kannst doch nicht mal Du laufen!“, will sein langer Blick mir sagen. „Denkste!“, denke ich, „und wenn Du wüsstest, dass ich zudem fast jede Runde auf dem Klohäuschen sitze, würdest Du mich glatt erwürgen.“ Zuerst ziehen sich diese letzten Runden wie Kaugummi. Oft muss ich anhalten wegen dem schlimmen Husten. Doch plötzlich sind sie da, die letzen drei Runden, die Herbert mitlaufen darf. Die letzten Meter schwenke ich übermütig die Deutschlandfahne. Ich möchte ganz schnell ins Ziel rennen und komme doch so unendlich langsam voran. Und alle sind sie da! Costas, Simos, Alan, Walter, Hans-Jürgen, Helmut, …sowie alle bisherigen Finisher. Ich falle allen in die Arme, fühle mich mehrfach so breit wie lang, kann es irgendwie nicht fassen, dass ich nach 15 Tagen 09 Stunden und 37 Minuten stehen bleiben darf.
Nein, ich will gar nicht stehenbleiben! Herbert hat es plötzlich ganz eilig und zieht mich zu Costas’ Auto. Schon bin ich im Hotel. Dusche! Wein!! BETT!!!
Der Tag danach
Am Tag danach zieht es mich magisch zurück an die Strecke. Zuallererst entschuldige ich mich bei Maria, ihren Finish verschlafen zu haben. Nun mache ich mich über meinen Zeltinhalt her und packe alles in Taschen. Herbert hilft tatkräftig mit. Als ich fertig bin, habe ich knapp den Finish von Lu Wei Ming aus Taiwan Finish verpasst. Auch das noch! Ich kann mich mit steifen zittrigen Beinen kaum bewegen. „Ich werde versuchen, noch eine Massage zu bekommen“ meine ich zu Herbert. Ich habe Glück! Man stürzt sich regelrecht auf mich. Auf der Liege neben mir grunzt Maria vor Behagen. Es ist wirklich ein Hochgenuss! Die Massage mit Akkupressur zieht sich über eine Stunde. Abschließend bedauert die Masseurin sehr, dass ich während dem gesamten Rennen keine fünf Minuten Zeit für sie und ihre heilenden Hände gefunden habe.
Diese absolute Sternstunde läuft sogar der wohlverdienten Siegerehrung den Rang ab!


© Martina Hausmann, 03.05.2010

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