Zufälliges Zitat

"Das Ultralaufen hat seinen Grund hauptsächlich in einer Charaktereigenschaft, nämlich einer gewissen Rastlosigkeit, verbunden mit der Vision von weiten Horizonten."

Elisabeth Herms-Lübbe

Nächster Ultramarathon

Schweriner Fünf-Seen-Lauf mit ungewöhnlicher Heimreise

Ein ganz persönlicher (Lauf-)Bericht von Manfred Iser

Prolog

Angefangen hat alles mit Stephan's (Steppenhahn) Bericht seiner "Anreise" laufenderweise zum 6h-Lauf in Bad Hersfeld (http://www.steppenhahn.de/ll/woche.html). Als ich dies im April etwas ungläubig las, konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, dass dies bei mir tiefgreifendere Auswirkungen haben sollte.

Manfred Iser: Landschaft11. Mai 2002: Eigentlich sollte es ein schöner Trainingslauf im Reitlingstal im Elm so mit Sonne, Sonnenbrille und "in Kurz" werden. Doch es kam alles anders. Nach nur wenigen km erst Tropfen und dann - bis zum Schluss - sintflutartiger Regen, wie ich es noch nie (zumindest beim Laufen) erlebt hatte. Und ich mit meinem Leibchen und Sonnenbrille (konnte ich nicht absetzen da gleichzeitig auch "normale" Brille)! Na ja, war eh keiner mehr unterwegs. Mitten in diesem schönen Wetter kam mir die Idee, es dem Stephan doch nachzutun und zum bereits gemeldeten Schweriner Fünf-Seen-Lauf über 30,4 km (http://www.fuenf-seen-lauf.de/) gemütlich in der Woche - mit einem Tag vorher frei, also am Freitag - hinzulaufen. Geplant ähnlich wie bei Stephan, also mit Jugendherberge, Pension und leichtem Rucksackgepäck. Doch nix da: am folgenden Arbeitstag musste mich meine Kollegin erst mal daran erinnern, dass sie zu der Zeit Urlaub hat - und ich bin ihr Vertreter! Was tun (ein Ultraläufer gibt ja bekannterweise so schnell nicht auf)? Kurzerhand umdisponiert, Rücksprache mit Chef und dem Kollegenkreis, zwei überschneidende Tage nach dem Lauf, also Montag und Dienstag, mussten machbar sein, ohne dass die ganze Verwaltung der Stadt Braunschweig zusammenbricht.

Nun nahm alles so ganz allmählich aber andere Dimensionen an. Mir blieben nur rund 3,5 Tage für 190 km (den Wettkampf vorher nicht vergessen); außerdem hatte ich mich entschlossen, völlig unabhängig zu sein, also draußen zu übernachten (machte im Endeffekt die Mitnahme des Außenzeltes eines Leichtgewicht-Einmannzeltes erforderlich).

Manfred Iser: Vor dem Lauf ist nach dem Lauf
Jetzt begann die heiße Vorbereitungsphase (nicht zu fassen, was man alles so vorbereiten und planen kann - nicht alles aber auch muss!). Beschaffung der (richtigen) topographischen 50.000er Karten, planen, einzeichnen, berechnen der Route, wo muss ich wann sein (die Personenfähre über die Elbe bei Hitzacker z.B. war laut Internetanfrage montags nicht in Betrieb!), was muss und was will ich mitnehmen, Besorgen des erforderlichen Bahntickets für die Hinreise und und und. Wie sich im Nachhinein herausstellte, war natürlich nicht alles planbar, es gab noch genug Unvorhergesehenes. Trotzdem, MICH beruhigt schon eine Vorbereitung mit dem GEFÜHL, nix vergessen zu haben (blieb natürlich letztendlich nur beim Gefühl).

Manfred Iser: Was alles mit muss
Ja, nachdem DIESE Stunden wohl insgesamt bald länger als die eigentlich Reise dauerten, rückte der Termin so langsam näher (die Unruhe wuchs, die Toilettengänge kamen häufiger ...). Einen Großteil der vorbereitenden Arbeiten nahm das Tuning meines an sich schon guten aber meinen Anforderungen nicht ganz genügenden Rucksacks Helios 26 von Osprey ein (http://www.ospreypacks.com/).

Freitag (Anreise)

Den Vorteil des öffentlichen Dienstes nutzend, nahm ich dann am Ab- bzw. Anreisetag eine Stunde zusätzliche Gleitzeit in Anspruch, so dass ich noch in Ruhe zu Hause das Allernötigste "verrichten" und die Reisebrote frisch zubereiten konnte. Ausnahmsweise fuhr ich tatsächlich die 800m bis zur Bushaltestelle mit dem Auto! Im Bus und eigentlich auf der ganzen Fahrt wurde ich mit meiner "etwas" ungewöhnlichen Aufmachung verstohlen gemustert - in Schwerin am Wettkampfort wurde ich sogar gefragt, ob ich zum Überlebenstraining will.

Das erste Ärgernis begann bereits bei den Zugverbindungen: Komischerweise wollten auch noch andere Menschen dieser Erde ausgerechnet mit mir reisen (was die Sitzplatzsuche mit meinem Gepäck, na sagen wir mal, etwas umständlich machte). Außerdem stellte sich heraus, dass die frisch aufgeladenen Batterien meines frisch gekauften MP3-CD-Players wohl im Eimer waren. Nun gut, war halt nix mit Musik ...

Bereits im letzten Zug, besonders dann in der Straßenbahn in Schwerin, kristallisierten sich die Laufteilnehmer (und natürlich auch -innen, die weibliche Leserschaft möge mir diese respektlose aber praktischerweise gewählte Kurzform auch für den Rest des Berichts verzeihen) heraus. Die letzten Meter wurden dann im "Herdentrieb" zurückgelegt. Da ich bereits zum zweiten Mal an diesem sehr schönen Lauf teilnahm, war kein langes Suchen mehr erforderlich. Eine große, gut belüftete Turnhalle stand zur kostenlosen (!) Übernachtung bis Sonntag zur Verfügung (einschl. der sanitären Einrichtungen), beim Hausmeister gab es morgens Kaffee und Tee, nach dem Lauf auch Kuchen (!) - alles zu "Vorkriegspreisen"!

Samstag (Wettkampf)

Wie bei solchen Massenunterkünften üblich, war die Nacht natürlich schon früh zu Ende - obwohl der Lauf ja erst um 10 Uhr startete. Na ja, da hatte man genug Zeit, für die größeren "Geschäfte" länger anzustehen ;-))

Nach ca. 500m Fußmarsch dann (kostenlose) Anfahrt mit der Straßenbahn zum Start am wunderschönen Schloss. Ein bisschen Lockermachen, dies oder besser das (für Männer ja einfacher), zeitiges Entledigen der Warmhalteklamotten, Verpacken im beschrifteten Sack (wird leider nicht gestellt!), Abgabe des Gepäcks (das am Ziel ziemlich "merkwürdig" organisiert wiedergefunden werden konnte) und schon sollte es in wenigen Minuten losgehen - zusammen mit immerhin zwei frisch getrauten Hochzeitspaaren und diversen Geburtstagskindern. Die auch voll besetzten 10 und 15 km-Läufe starteten jeweils 5 Minuten später.

Manfred Iser: Landschaft
Um die Startprobleme wissend (es wird ohne Chip gelaufen) stellte ich mich ganz mutig vorne bei den Siegertypen auf, so dass ich keine Zeit beim Start verlor, allerdings war ich so auch zu einem "Sprint" gezwungen, um nicht zur Behinderung zu werden (bei dieser Distanz eigentlich ja Blödsinn).

Durch den schönen Schlosspark ging es recht bald am Seeufer entlang, später durch bewaldete Stellen mit den ersten noch sehr zaghaften Hügelchen, wieder durch Siedlungsgebiet und irgendwann "raus" aus Schwerin. Schon schnell merkte man, dass die Lage am See (bzw. den Seen) nix mit einem Flachlauf zu tun hat. Geteerte Straßen wechseln sich mit gepflasterten Fußwegen, gut befestigten Wanderwegen und auch Trampelpfaden ohne Überholungsmöglichkeit ab - alles in allem sehr abwechslungsreich, also insgesamt eher ein Landschaftslauf. Und immer die Bevölkerung mit zusätzlicher privater Wasserversorgung, ob vereinzelt in Bechern oder häufiger durch aufgestellte Eimer/Wannen, aber auch "Schlauchberieselung" gab's für den der wollte. Letztere war im Gegensatz zum vergangenen Jahr wegen des nicht allzu heißen meist bewölkten Wetters eher nicht erforderlich.

Im letzten Drittel ging's durch ein kleines Einkaufszentrum (doch etwas ungläubig beäugt von der Einkaufsschar), über eine längere Straßenbrücke (auch hier musste man leider erst hoch bevor man wieder runter durfte) um dann allmählich dem Zielbereich entgegenzueilen. Die letzten km gehen dann nur noch durchs "Grüne" auf "Trampelpfaden", mehr oder weniger (eher mehr) bergan. Hier überholt man dann schon mal den einen oder anderen "Geher" (besonders Flachländer *g*). Mitten durchs Gebüsch, kaum noch Überholmöglichkeit, dann die letzten 200m hoch zum Ziel. Geschafft! Bei 2:24:03 - also noch gut unter meinen geplanten 2,5 Std. - blieb die Uhr stehen. Zufrieden nahm ich die ersten Getränke entgegen, fand dann irgendwann auch meine Plastiktüte mit dem abgegebenem Gepäck, ja, und wollte eigentlich (das für die nächsten Tage letzte Mal) ordentlich duschen. Teilweise 10m lange Schlangen ließen es mich dann anders überlegen (im Bewusstsein, ohnehin nach wenigen km wieder genau so auszusehen (und zu riechen ;-(( grrrrh) wie zum jetzigen Zeitpunkt.

Komisch war mir schon, die einen hielten bereits einen (vor Erschöpfung?) Erholungsschlaf, die anderen bewegten sich irgendwie "komisch" durch die Gegend, und ich? Ja, ich versuchte bei der letzten Zwangsmahlzeit noch ein wenig zu regenerieren, um dann mein eigentliches Abenteuer zu beginnen.

Samstag (Schwerin - Hagenow, ca. 29 km)

Manfred Iser: Strecke
Schnell den nunmehr erwachten Nachbarn gebeten, ein Foto von mir zu machen, und ab ging's, leicht verstohlen und von fragenden Blicken verfolgt. Von meinem (zweiten) Start - dem Wettkampfziel - aus war für einige km ein schöner Rad- und Wanderweg "unter die Füße zu nehmen". Oh jeeeeh, war das ungewohnt, so vollgepackt, immerhin rund 12 kg auf dem Buckel bzw. vor dem Bauch. Zu allem Überdruss musste ich mich auch noch für die erste Stunde nach jeweils kurzer Laufeinheit mit Seitenstechen rumplagen. Kenne ich sonst nie, das Essen vorher, die ungewöhnliche Belastung und die Verschnürung um mich rum waren aber wohl Schuld daran.

Manfred Iser: Landschaft
Allmählich gewöhnte ich mich aber an dieses ungewohnte Laufen und versuchte auch konsequent die Linie berghoch: gehen, runter und geradeaus: laufen, einzuhalten. Auch wenn die Sonne nicht durchgehend durch die mehr oder weniger dicken Wolken durchkam, so war doch sehr schnell klar, dass dies ein Sommerlauf werden würde. Mit gewissem Unbehagen merkte ich, dass meine Getränkeversorgung zwar großzügig aussah, dann aber doch recht schnell abnahm. Auf überwiegend wenig befahrenen Kreisstraßen und einigen Feldwegpassagen ging's durch relativ trostlose kleine - und nachschubarme! - Orte. Das erste Nachfüllen von Wasser erfolgte noch in einer Gaststätte zu dem bescheidenen Preis von 3,5 für 1,5l! Nee, nee, das war kein Champagner! Danach fing ich dann an, bei zufällig draußen weilenden Bewohnern Leitungswasser "zu schnorren", was auch problemlos und freundlich klappte (sollte bis zum Schluss meine Hauptversorgungsquelle bleiben).

Einige km vor Hagenow fuhren ständig diverse Polizeifahrzeuge hin und her an mir vorbei, ein Hubschrauber kreiste, die Besatzung stieg aus und legte ihre Westen an, kehrte wieder um, sperrte die Straße ... Was war los? Wieviel Schwerverbrecher waren ausgebrochen? Neugierig erfuhr ich dann, dass bloß versucht wurde, ein nicht genehmigtes Open-Air-Konzert von Skins zu finden bzw. zu verhindern.

Noch relativ locker und frohen Mutes kam ich nach etwa 4,5 Std. am Ortseingang von Hagenow an. Tankstelle! Lecker Pizza! Mmmm! Hier traf ich auch einige friedliche "Konzertbesucher". Wie die sehr nette Bedienung mich aufklärte, ist da wohl halt "ein Nest", das (zukünftige) Hauptquartier solle aber in "Lulu" (Ludwigslust) liegen. Sei's drum, gleich um die Ecke schlug ich auf einem kleinen Wildwuchs mit Gebüschen mein Zelt auf und war dann auch schnell "weg".

Sonntag (Hagenow - Gamehlen b. Dannenberg, ca. 56 km)

Manfred Iser: Landschaft
Ein Lauf mit Hindernissen stand mir bevor (wusste ich aber noch nicht). Nach dem Genuss (?) eines Automatenkaffees trabte ich gut gelaunt gemütlich los, war mein Nahziel mit etwa Marathondistanz bis zur Personenfähre doch gut machbar. Streckenmäßig zunächst nix Besonderes lief ich dann kurz vor Lübtheen in ein schönes Heidegebiet ein (mit viel Sand unter den Füßen. Aha, Marathon des Sables-Test ;-)). Leider durfte ich dann irgendwie wieder umkehren, weil in allen Richtungen auf einmal Militärisches Sicherheitsgebiet begann (was auch zu hören war!). Nur zurück ging's halt. Nun ja, nur ca. 1 km umsonst, allerdings musste ich aber auch in der Folge meine geplante Route deswegen verlegen, was dann doch so etwa 3,6 km Umweg ausmachte. Außerdem hatte ich nun ein Stück schöner Heide weniger.

Trotzdem, relativ zufrieden und auch gut in der Zeit liegend, erreichte ich kurz vor 16 Uhr die Fähre und musste/durfte nun tatsächlich das erste und letzte Mal (trotz noch kommender "Angebote"!) ein Stück Weg nicht laufend überbrücken. Hitzacker, ein schöner (Touristen-)Grenzort an der Elbe zwischen Niedersachsen im Wendland und Mecklenburg-Vorpommern, sicher auch von der Grenzöffnung profitierend, empfing mich nun mit "richtigem Leben". Gemütlich spazierte ich in geplanter Richtung und fand tatsächlich eine Pizzeria mit Außenbewirtung - was ob meines netten "Parfüms" sehr wichtig war. Da die Tische auch alle unbesetzt waren, konnte ich mir hier den Luxus meiner für diesen Tag einzigen einigermaßen vernünftigen Mahlzeit leisten. Tat DAS gut! So fiel mir dann der Tagesrest bis ca. km 85 zu meiner Nachtruhe in einem - trockenem - Nadelwald nicht mehr allzu schwer.

Montag (Gamehlen b. Dannenberg - Jübar, ca. 54 km)

Durch mehr oder weniger ödes Feld- und Wiesengebiet, unterbrochen durch einige Kreisstraßenpassagen, ging's heute ziemlich unspektakulär durch die Lande. Allerdings machte mir diese dritte Etappe von Anfang an stark zu schaffen. Ich hab's wohl mit den Dritten, auch bei 4-Runden-Läufen ist die dritte für mich immer die schwerste. Irgendwo habe ich auch mal gelesen, dass auch beim Wandern/bei Mehrtages-Rennen der dritte Tag der schwerste sein soll. Na ja, all dies Wissen hat mir bzw. meinen Beinen auch nicht viel geholfen ...

Dienstag (Jübar - Braunschweig, ca. 54 km)

Manfred Iser: Nachtlager
Trotz des "netten" Versuchs zweier Forstbeamter, mich am Vorabend auf die "Gesetzwidrigkeit" meines "wilden Campens" (erneut an der Straße in schönem Nadelwald auf weichem Moos!) aufmerksam zu machen, konnte ich eine erholsame Nacht verbringen. Im Wissen um das nahende Ende (nicht meines) und der immer bekannter werdenden Ortsnamen ging's stark motiviert los. Nach kurzer Zeit schon die Landesgrenze erreicht - ich war im Landkreis Gifhorn! Nun war's ja nur noch ein Klacks (leider galt das nur für Auto oder auch Fahrrad). Einerseits sollte die heutige Etappe sehr schöne und lange Waldpassagen haben, andererseits gab's dann aber auch kilometerlange Straßenpassagen - und das Alles bei um die 30 Grad! Ich weiß gar nicht, wie viel Liter Flüssigkeit ich im Laufe des Tages zu mir genommen habe. Jedenfalls wurden meine Behälter praktisch von Ort zu Ort, also grds. alle 3 bis 4 km, nachgefüllt. Apropos Straßen: teilweise wurde ich auf den radweglosen Straßen das Gefühl nicht los, als wenn einige Autofahrer (auch LKW!), sich einen Spaß daraus machten, mich "anzuvisieren"! Also, auf die Sprungeinlagen hätte ich gerne verzichtet!

Ein "Highlight" ganz besonderer Art sollte ich dann noch in der Nähe von Ehra-Lessien (Ortsunkundigen vielleicht als Testgebiet und Versuchsstrecke von VW bekannt) erleben. Auf der Karte nicht ohne weiteres erkennbar, landete ich bei meinem Straßenfluchtversuch plötzlich auf zwar gerade noch erkennbarem Weg, allerdings im Moorgebiet. Kein schönes Gefühl, "in einsamer Wildnis" plötzlich bis zu den Waden in Feuchtigkeit zu versinken! Die aufgestellten Schilder mit der Warnung vor Kreuzottern haben mich auch nicht gerade beruhigt, auch wenn ich ständig den Weg vor mir mit einem langen Ast "aufweckte". Nun gut, nach einem endlos langem Kilometer war auch das geschafft, ich plumpste erstmal ins (hier trockene) Gras.

Manfred Iser: Geschafft!
Der "Rest" von dann nur noch gut 30 km war ein Widerspruch zwischen Psyche und Physis. Erstere profitierte von der scheinbaren Nähe meines Zuhauses, letztere ließ sich davon aber nicht beirren - Hitze, Gewicht, mangelhafte Nahrung auch heute hinterließen in den Beinen, aber nunmehr auch langsam am Rücken, ihre Spuren. Ein allmählich bedrohlich aufziehendes Gewitter zwang mich nochmals zu einem "Schlusssprint", so dass ich dann endlich, gerade noch trocken aber völlig ausgepumpt, die letzten drei Kilometer nur noch gehend, gegen 19:30 Uhr zuhause ankam. Kaputt ließ ich mich vor der Haustür nieder und quatschte so erstmal ohne aufzustehen 'ne Weile mit meinem Nachbarn, den ich um ein "Zielfoto" gebeten hatte.

Mein (ganz persönliches) Fazit:

  • Trotz aller Strapazen und der natürlich unterwegs öfter aufkommenden Zweifel/Flucherei (mein Dauergesprächspartner war das berühmte Haustier, der Schweinehund!) möchte ich dieses Erlebnis nicht nur nicht missen sondern würde es auch wiederholen, wenn auch unter Berücksichtigung der gewonnenen Erfahrungen hier und da etwas abgewandelt.

  • Die rein sportliche (Lauf-)Herausforderung war bei den doch wenigen Tages-km nicht besonders groß und stellte auch eigentlich kein Problem dar. Dieses entstand dann erst in Verbindung mit dem für mich ungewohnten Gewicht auf dem Rücken (und damit letztendlich auch in den Beinen), der mangelhaften Nahrungszufuhr (nur bedingt selbst zu verantworten) und der dann am Montag und besonders Dienstag aufkommenden Hitze.

  • Diese Kombination hat mir auch meine (Willens-)Grenzen aufgezeigt - ich bin nur bedingt bereit, auf ein gewisses Quäntchen Luxus, Komfort, Genuss oder wie auch immer man das bezeichnen will, zu verzichten. Mit vernünftiger Übernachtung, vor allem entsprechender Verpflegung abends, hätte ich psychisch zwar nicht gar keine aber zumindest wesentlich weniger Probleme mit solchen Strapazen.

  • Diese Entbehrungen, die mit dem Laufen nur sehr bedingt etwas zu tun haben, haben bei mir auch erstmalig Zweifel aufkommen lassen, ob ich mir im nächsten Jahr wirklich den Marathon des Sables antun muss (auch unter Berücksichtigung der hohen finanziellen Investitionen). Habe ich mich doch darauf bereits sehr weit vorbereitet, u.a. mit Materialbeschaffung aber auch mit dem Aufsaugen jeglicher Informationen, so sollte zusätzlich dieses "Abenteuer" Schwerin-BS ein erster Test werden, allerdings mehr in Richtung Material und nicht physischer/psychischer Hinsicht.

  • Ich habe wunderschöne Landschaften kennen gelernt, die ich sonst vermutlich nie in meinem Leben gesehen hätte. Auch der Kontakt zu der Bevölkerung gehörte zu den positiven Eindrücken, ebenso wie die Tatsache, dass bisherige vermeintliche Selbstverständlichkeiten (Mineralwasser, sog. einfache Nahrungsmittel etc.) plötzlich zu Luxus mutierten. Ein Stück Relativierung, Neueinschätzung von Werten also.

  • Nach meinem erst relativ kurzen Laufneuanfang im Oktober 2000 und dem erst in diesem Jahr ernsthaft erfolgten Umstieg in den Ultrabereich habe ich nach ständigem Leistungszuwachs, der mich manchmal selbst schon beunruhigte, erstmals einen "Dämpfer", besser: meine Grenzen, aufgezeigt bekommen. Und das war gut so!!

  • Trotz aller noch so gründlicher Planung (und darin bin ich perfekt!) ist man bei solchen Unternehmungen nie vor Überraschungen sicher. Wer also nicht in der Lage ist, flexibel, manchmal halt auch stark improvisierend, reagieren zu können, sollte besser seine Finger davon lassen. Eine auch für mich SOOO nicht unbedingt erwartete Erkenntnis.

  • Auch mein Kompass hat einige Male gute Hilfe geleistet! Besonders (kein Witz) IN den Ortschaften, um die Richtung zu überprüfen. Zu Fuß ist es nämlich nicht so spaßig, nach vielleicht "nur" einem km festzustellen, dass man die falsche Straße an einer x-beliebigen Kreuzung gewählt hat.

Wer Näheres, egal ob zur Streckenführung, zur Packliste oder was auch immer wissen will, kann mich gern und jederzeit unter manfred.iser@t-online.de anmailen.

BS, 12. Juli 2002

Nachtrag:

Im Zusammenhang mit dieser Erfahrung muss auch noch mein erster 24-Std.-Lauf in Köln am 13./14. Juli, also nur 3 Tage später, gesehen werden. Mit noch einigen Rest-Blasenbeschwerden an beiden Füßen und nun wirklich nicht gerade voll aufgetanktem Energiespeicher (obwohl ich "gefressen" habe für 3) bin ich hier ohne große Erwartungen an den Start gegangen. Letztendlich langte es noch zu mich unter diesen Umständen sehr zufriedenstellenden 117 km - mit dem Luxus zweier größerer Pausen von 1,5 Std. nach nur gut 6 Std. bzw. 50 km (noch nie war ich nach dieser Distanz sooo kaputt!) und einer Nachtpause von faulen gut 4 Stunden. Das lässt für die Zukunft hoffen.

Beide Läufe zusammen haben mir persönlich sehr viele - überwiegend positive - Erkenntnisse gebracht, die hier gar nicht so einfach alle niedergeschrieben werden können.


© Manfred Iser , Juli 2002
manfred.iser@t-online.de