Zufälliges Zitat

"Ein guter Läufer ist wer raucht und trinkt und trotzdem seine Leistung bringt"

Annett Bahlcke

Nächster Ultramarathon

Wigald Boning , 02. Juli 2003

Als Neuling beim "härtesten Berglauf Europas"

Pfronten, 10 vor fünf. Fast überfahre ich einen Fuchs, der durch das Dämmerlicht streunt, dann bin ich am Startplatz. Breitenberg, Talstation. Ich erkenne Menschen mit Landkarten, Camelbacks und Langlaufstöcken. Einparken, Aussteigen. Der Veranstalter begrüsst mich und drückt mir ein kleines Erste-Hilfe-Set in die Hand, für den Notfall. Schluck.

"Hast du keine Stöcke?" werde ich gefragt. "Brauche ich nicht!" behaupte ich selbstbewußt, und merke gleichzeitig, daß ich ganz offenbar nicht den blassesten Schimmer habe. Zwar wohne ich seit sechs Jahren im Alpenvorland, weiß auch, wie sich eine steile Wand anfühlt, aber an einem echten Berglauf habe ich noch nie teilgenommen. Ob die heutige Veranstaltung der richtige Einstieg ist?

"Extreme Mountain Running". 80 km mit 5400 Metern rauf und wieder runter. "Der härteste Berglauf Europas".

Immer wieder war ich auf dieser Homepage gelandet und hatte fassungslos den Streckenverlauf studiert.

Irgendwann hatte mich die Neugier überwältigt und ich stand im Fahrradladen des Veranstalters.

"Und? Habt ihr schon viele Anmeldungen für euren Monsterlauf?"

"Der ist leider abgesagt. Die Sponsoren machen nicht mit. Aber wir laufen die Strecke privat. Willst du mitmachen?"

"Wenn ich unterwegs aussteigen darf..."

Mein Ziel für den heutigen Tag: Nach dem Breitenberg, dem Einstein und dem Roßberg schließlich als Höhepunkt auch noch das 2245 Meter hohe Geishorn erklimmen und verletzungsfrei wieder herunterkommen, was –ganz grob geschätzt- 45 Kilometern Wegstrecke und schlappen 2800 Höhenmetern entspricht. Bei moderatestem Tempo könnte ich´s schaffen. Hoffe ich. An ein Erreichen des "eigentlichen" Zieles wage ich nicht zu denken.

Die zehn Teilnehmer stellen sich für ein Foto nebeneinander, zwei Pforzheimer, ich und sieben Lokalmatadoren, darunter Dr. Thomas Miksch, schnellster Kinderarzt des Kontinents und Abogewinner des Rennsteiglaufes. "Hallo, ich bin Wigald" grüße ich blass und kleinlaut.

"Also", räuspert sich Johannes Zacherl, der Veranstalter, "gleich geht´s los. Noch ist es nicht ganz hell, darum möchte ich euch bitten, bis zum ersten Gipfel beisammen zu bleiben. Ok?"

Klar doch, und schon geht es los. Nach fünf Metern denke ich: "Oha, ganz schön zügig!", und nach 100 Metern schüttle ich den Kopf. "Das ist zu schnell. In dem Tempo geh ich ein wie ein Pullunder. Und zwar bald."

Nur nicht nach vorne schauen, dort führt Miksch die Gruppe an. Lässig hopst er die Kehren herauf und plaudert dabei angeregt. Worüber, kann ich nicht verstehen, da mein Herzwummern bereits alles andere übertönt.

Hinter uns geht die Sonne auf, ein riesiger sowjetflaggenfarbener Ball vor lila Himmel, wolkenfrei.

Problem: Alle sind nett und interessiert, möchten sich mit mir unterhalten. Bergauf wirke ich aber bei diesem Tempo ausgesprochen einsilbig. Hoffentlich wird mir dies nicht als Unfreundlichkeit ausgelegt. Gottseidank sind wir bald oben. Nun stürze auch ich mich in die Konversation, bergab wage ich sogar das eine oder andere Bonmot –oder wenigstens das, was man in besonders dünner Luft dafür hält.

Die Themen? Sinn und Unsinn der Sponsorensuche (Meine These: Sportsponsoren machen unfrei, man sollte jederzeit in Bier- und Zigarettendunst abtauchen können; nur so machen Leibesübungen Freude), Web-Design, Wohnmobile, der dramatische Bauernhausverfall im Tannheimer Tal und moderne Hängemattentechnologie.

Ferner: Coca-Cola, warum Politiker regelmäßig Berge besteigen sollten und wieso die Alpendohle bisweilen so vertrauensselig wirkt. Aber ehrlich gesagt ist die Route nicht wirklich kommunikationsförderlich. Volle Konzentration auf jeden Schritt ist unabdingbar, und das fulminante Alpenpanorama ist eh atemberaubend.

Überraschung: Im Tal zwischen Breitenberg und Einstein ist eine Verpflegungsstation aufgebaut. In der Ausschreibung hieß es: "Notfallverpflegung ist mitzuführen." Nanu. Dort war so manches zu lesen, was Otto Normalläufer zur Absage bewegt haben dürfte, z.B. "Sollzeit für die erste Hälfte der Strecke vier Stunden".

Wurde hier eine bewußte Abschreckungsstrategie gewählt, um Überbuchungen vorzubeugen? Seltsam. Jedenfalls gibt es alle halbe bis ganze Stunde lecker Happa-Happa, und nicht nur Iso & Co, sondern auch Wurstzipfel, Nudeln, Suppe und wasweißich. Danke hiermit und großes Kompliment an die selbstlosen und außergewöhnlich netten Helfer!

Zum Thema Sollzeit: Was die Vierstundendrohung sollte, kann mir hier niemand sagen. Die Hälfte der Strecke erreichen die ersten (!) nach vier Stunden, ich eher nach fünf oder sechs. Wo die "Hälfte" ist, weiß hier sowieso niemand genau. Wie soll man eine solche Strecke ausmessen; Höhenprofile lassen sich per GPS zwar ermitteln, nicht jedoch Weglängen in diesem alpinen Terrain. Zu viel hängt vom Laufstil ab, ob man Kehren schneidet oder ausläuft, und es gibt sogar eine echte, wenngleich kurze, Kletterpassage am Aufstieg zum Einstein, auf der man mit den üblichen Maßmethoden nicht weiterkäme. Übrigens, wo wir gerade bei handwerklichen Kleinigkeiten sind: Die Kletterstelle ist auch für Flachlandtiroler problemlos zu bewältigen. Sollte man unter Höhenangst leiden, gilt es diesen Lauf allerdings sowieso zu meiden.

Noch ein Hinweis für Neulinge wie mich: An allen echten Anstiegen wird bei dieser Veranstaltung nicht gelaufen, sondern gegangen, wobei sich dieser Tipp spätestens an der Baumgrenze erübrigt; das Gelände ist einfach zu steil.

Außerdem: Unterstützung durch Langlauf- oder Treckingstöcke ist dringend zu empfehlen, um Arm- und Schultermuskeln in die Fortbewegung einzubeziehen, denn auch mit dem läuferischen "verstärkten Armeinsatz" ist an diesen Bergen nichts zu gewinnen. Ich versuche, meine Beine zu unterstützen, indem ich mit meinen Händen auf die Oberschenkel drücke, aber beim nächsten Mal werde auch ich mit Stöcken aufkreuzen. Für Energieverschwendung ist diese Strecke einfach zu lang. Außerdem sollen diese Gehhilfen ja die Gelenke entlasten, wobei mir dies höchstens theoretisch einleuchtet; bei scharfem Bergablauf bleibt zu wenig Zeit, um sich wirklich fühlbar auf die Stäbe zu stützen. Vielleicht hat´s einen Placebo-Effekt.

Apropos Orthopädie: Bergablaufen gilt ja als ungesund. Ich habe aber den Eindruck, daß der Wechsel zwischen Auf und Ab den Körper ausgewogener und umfassender belastet als die entsprechende Länge in steigungsfreier Gegend (-jedenfalls war am Folgetag mein Muskelkater umfassender, hihi).

Und noch ein Unterschied zum "Flachlauf", der mir aufgefallen ist: Hier gibt es "echte" Pausen, also keine Geh-, sondern Stehpausen. Klar. Das Weitergehen entspricht ja dem Laufen. Natürlich.

Eine solche Stehpause gönnen wir uns nach vier Stunden im verschlafenen Tannheim, Urlaubsort im pittoresken Tannheimer Tal, bevor es wieder bergan geht. Vor und hinter mir entstehen Lücken, ich bin allein auf dem Weg zum Roßberg, und erste Zweifel kriechen aus den müden Beinen hinauf unter meine Mütze. Habe den Eindruck, mein Herzschlag sei lauter als sonst. Akustische Täuschung? Folge der Höhenluft? Oder ist dies bereits der Endpuls? Überlastung, Infarkt, Feierabend? Es wird heiß. Ich tunke meinen Kopf in eine Viehtränke. Hoch oben erspähe ich ein Holzkreuz. Nicht zu unterschätzender Motivationsfaktor beim Berglauf: Das Ziel ist meistens sichtbar, jedenfalls das nächste Teilziel. Hinter der Anhöhe grüßt das Geishorn, wuchtig, grauer Fels, Altschneereste. Himmlisch hoch. Ta-Ta-Taramm-Ta-Ta! Man meint unwillkürlich "Also sprach Zarathustra" zu hören.

Mist! Von wegen Das-Ziel-ist-zum-Greifen-nah. Ein Trugschluß. Zwischen mir und dem Geishorn geht es erstmal steil nach unten, zum Vilsalpsee. Den Weg bergab nutze ich, um den sonntäglichen Anruf bei Oma zu absolvieren (-daß ich ein Handy dabeihabe ist nicht urbaneske Attitüde, sondern Auflage des Veranstalters. Aus Sicherheitsgründen. Obwohl jene Bereiche, in denen man telefonieren kann, bzw. könnte, rar sind. Die gute, alte Trillerpfeife erscheint mir sinnvoller).

"Ja, mir geht es gut...wie bitte? Nein, nichts besonderes....eine Bergtour...Ich ruf´dich heute abend an. Tschüss."

Meine Oma wird 94. Details würden sie nur irritieren.

Der Vilsalpsee liegt wie ausgestorben vor mir. Tieftürkises Wasser. Kein Hauch, kein Mensch. Stille. Es ist so still, daß ich mich ein wenig fürchte. Habe ich mich verlaufen? Sicherheitshalber studiere ich eingehend die Karte. Merkwürdig. Alles ok. Aber wo ist die eingezeichnete Verpflegungsstation?

Ein Ausflugslokal. Es ist 10 Uhr. Der Biergarten hat noch geschlossen. Vor dem Lokal steht eine Zinkwanne, an der ich meinen Wasserrucksack auffülle. 10 Meter weiter, und ich biege hinterm Haus Richtung Geishorn ein, und dort steht auch der Kleinbus mit der Verpflegung. "Da bist du ja!". Glück gehabt. Fünf Stunden bin ich unterwegs, Zeit für eine Cola. Letztes Kapitel. Los geht´s.

Am Roßberg waren die Zweifel noch milde, aber jetzt wird´s ernst. "Was für ein grotesker Scheiß" zische ich nach Luft ringend. Ich komme kaum vom Fleck. Leider ist hier im Bergwald auch der Gipfel nicht zu sehen.

Es passiert mir selten, daß ich ans Aufgeben denke, aber jetzt ist es soweit. Nach 500 Höhenmetern blicke ich mich um. Unter mir liegt der See in der Sonne, ganz hinten kommt der angeberische Aggenstein ins Blickfeld. Und etwa 50 Meter unter mir sehe ich Thomas, einen Läufer, den ich in Tannheim hinter mir gelassen hatte. Aha, eine Aufholjagd. Ich drücke auf die Tube, die mittlerweile die Konsistenz eines jahrealten Zahnpastabehältnisses hat. Nur noch knirschende Umhüllung, kein Inhalt mehr. 10 Minuten später hat Thomas mich eingeholt. Gut so, denn: Zu zweit geht´s leichter. Auch Thomas hat Probleme. Wir halten uns jammernd bei Laune. Endlich sind wir über der Baumgrenze.

"Weißt du, was beweist, daß jeder Berg eine Seele hat?"

"Nein" entgegne ich.

"Dem Berg ist es egal, ob wir uns anstrengen, um ihn zu bezwingen. Er ignoriert uns. Ignoranz ist jedoch nicht denkbar ohne Seele. Das heißt: Berge sind beseelt."

"Oha" japse ich. Die Luft wird dünn.

Thomas Miksch und Johannes Zacherl, der Veranstalter, hüpfen uns entgegen. Gemsen im Menschenkostüm, bereits auf dem Rückweg ins Tal.

"Super, daß ihr hier auch noch rauflauft, grosses Kompliment" sagt Miksch, und dieses Lob baut uns augenblicklich auf. Wie ulkig, daß Lob solche Wirkung entfalten kann, kurz vorm Abbruch. Wie bei Kleinkindern. Das habt ihr aber fein gemacht. Wie die Babies. Pipi, Pupi, Papi. Egal. Gleich-sind-wir-da-Euphorie. Als ich das Gipfelkreuz sehen kann, bleibe ich stehen und trinke meinen Camelback auf ex leer.

Oben.

Panoramapause. Sonthofen, Ronenspitze und vor allem: Der majestätische Hochvogel, 2500irgendwas Meter hoch. Zum vierten Mal heute fröstele ich, ist die Temperatur doch hier oben dicke 10 Grad niedriger als im Tal. Es ist viertel nach 12. Eine Alpendohle stibitzt die angebotene Verpflegung.

Runter geht´s schnell. Beine abschrauben und ab die Post. Kurz spielen wir mit dem Gedanken, das Rennen bis zum Schluß fortzusetzen, also zurück nach Pfronten via Einstein und Breitenberg. Aber nein, für heute haben wir genug. Es reicht uns die Gewissheit, daß wir es hätten schaffen können, wenn wir nur gewollt hätten. Ähem.

Am Vilsalpsee besteigen wir die Ladefläche eines Pickup und lassen uns nach Tannheim fahren. An der dortigen Verpflegungsstation sind noch Nudeln übrig. Hamm-hamm. Dann geht´s nach Hause.

Von 10 Startern kamen sieben ins Ziel. Die Schnellsten waren 10, der "Letzte" 15 Stunden unterwegs. Und im nächsten Jahr bin ich wieder dabei, und zwar über die volle Distanz. Und ich hoffe, auch Du, liebe Leserin, lieber Leser. Es lohnt sich. Vielleicht hat der Lauf dann ja einen attraktiveren Namen als "Extreme Mountain Running". Die Leute, die ich hier kennenlernte, sind nämlich nicht so bekloppt, wie der wahnhafte Anglizismus suggeriert, sondern außergewöhnlich nett. Aber ich glaube, das habe ich schon erwähnt.

Hurra!


© Wigald Boning , 02. Juli 2003
Maehdresch@aol.com

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