Tritt ein, bring Glück herein

Stop, leider geschlassen!

 

Bericht Nachtmarathon in Marburg - diesmal mit Zielschlusszeit - Ultramarathon beim Steppenhahn (07.2003)

Zufälliges Zitat

"you don't just take part in a Six Day event, you join a family"

Joseph "nutcase" Maartens (SA Six Day Circuit Race)

Nächster Ultramarathon

Elisabeth Herms-Lübbe , 20. Juli 2003

Nachtmarathon in Marburg - diesmal mit Zielschlusszeit

"Nach Marburg gehen alle die, die sich nicht trauen, bei Tag einen Marathon zu laufen". So hieß es bei uns im Verein. Vor zwei Jahren war ich schon einmal dort, unvergessen das Bild von zwei stattlichen älteren Herren, die zusammen, strahlend und unter Applaus, nach über sechs Stunden ins Ziel einliefen. Da hat sich aber nun etwas geändert, es gibt eine Zielschlusszeit von fünf Stunden.

Am 18. Juli 2003 vor dem Start auf dem malerischen Marktplatz von Marburg schaue ich mich um nach mir bekannten langsamen Läufer. Keiner da, alle verschreckt. Dafür viele Halbmarathonis, wir starten zusammen. Die Strecke ist eine andere als damals. Erst kommt eine ca. 11 km lange Nordschleife, dann drei Mal eine gut 10 km lange Südschleife. Auf der Nordschleife sieht man die gotische Elisabethkirche. Meine heilige Namensschwester kam nach Marburg, nachdem sie herausgemobbt wurde aus der Wartburg, die Ultramarathonis beim langen Rennsteiglauf nie sehen, es sei denn, sie drehen sich an der richtigen Stelle um. Elisabeth fand in Marburg nach einem wohltätigen Leben einen frühen Tod. Das alles hatte eine Vorgeschichte.

Die Wartburg war im Mittelalter kulturelles Zentrum und Partyburg, und einmal fand dort ein Sängerwettstreit statt. Der Verlierer sollte zur Belustigung Aller hingerichtet werden. Künstlerisch lief der Wettstreit auf gehobener Ebene, nur ein Sänger machte den Fehler, seinen eigenen süddeutschen Landesherrn zu preisen. Der verlor natürlich. Als er das Leben lassen sollte, war es der Hausherrin doch etwas peinlich, und als Deus ex machina schwebte auf einer Wolke Meister Klingsor herbei. Er rettete die Situation, indem er verkündete, ein Ersatzopfer wäre gefunden, nämlich Elisabeth, zu dem Zeitpunkt weder geboren noch heilig. Sie würde in jungen Jahren sterben. Was dann auch vorzüglich geklappt hat.

Und was hat das mit dem Nachtmarathon zu tun? Die Menschheit meint noch immer, diejenigen, die als Verlierer erscheinen, schlecht behandeln zu dürfen. Wäre ich katholisch und hätte Erfahrung damit, hätte ich meine heilige Namensschwester um einen kleinen seelischen Beistand gebeten. Denn das Feld ganz hinten ist höchst spärlich besetzt, und die Halbmarathonis, die vorn Tempo machen, lassen die hinteren Läufer noch erbärmlicher erscheinen. Bei km 2,5 kommen wir an einem Jugendzentrum vorbei. Ungefähr 50 Jugendliche stehen vor der Tür, was ja auch nur sinnvoll ist an einem solch warmen Sommerabend. Mit Blick auf die letzten Läufer lachen sie sich schier kaputt, besonders unser Laufstil scheint sie zu amüsieren, was sie lauthals kundtun. Ein wenig weiter werden zur Abwechslung mal die Helfer von Feuerwehr und Polizei beschimpft, die hinter uns die Straße für den Verkehr wieder freigeben. "Alles mit unseren Steuergeldern!"

Die zweite Verpflegungsstelle naht, das Wasser ist schon alle. Unsere Vorläufer haben viel Durst gehabt. Meine Laune wird noch schlechter, doch da erscheint aus den Kleingärten schon ein Mann mit privatem Wasser. Ein netter Zuschauer, gut improvisiert. Später, etwa bei km 15, sind die Getränke schon wieder alle. Da bekomme ich privates Bier von einem Helfer. Wieder gut improvisiert. Da kann ich mich nicht beschweren.

Unsere Strecke verläuft im Lahntal. Die Landschaft wäre lieblich, hätte man nicht vor Jahrzehnten Straßen, aufgeständert oder nicht, in das recht enge Tal hinein gebaut. Ja, man darf spekulieren, ob sie so und in diesem Umfang nötig gewesen wären, wenn wir in Europa allgemein eine Lauf- und Bewegungskultur gehabt hätten. Haben wir aber nicht, haben wir auch heute nicht so recht, trotz Breitensport und Volkslaufbewegung. Ich fühle mich allmählich ziemlich einsam und unpassend auf dieser Veranstaltung und gründe " freier Bürger in einem freien Land " im Geiste einen neuen Laufverein, der heißen könnte "Marathon 5-6" oder "Verein zur Förderung der Laufkultur", denn in Kassel gibt es einen fast gleichnamigen für die Badekultur. Der soll die langsamen Läufer fördern. Im Gedanken richte ich für uns im schönen Nordhessen schon Marathonstrecken ein, nur Natur, garantiert publikumsfrei. Da können alle kommen, die sich diesmal in Marburg abschrecken lassen haben. Oder sollte ich mich vielleicht besser an höchste Stelle wenden mit der Bitte zu diskutieren, ob Zeitlimits etwas im Breitensport zu suchen haben? In den USA hat man wenigstens auf diesem Gebiet mehr Kultur.

Irgendwann, kurz hinter dem Feld, auf dem ein Landwirt abends noch Rinderdung auf Gerstenstoppeln verstreut, überholt mich ein Läufer, der wohl Erster werden wird. Ich bewundere seinen kräftigen, muskulösen Körper von hinten. Ja, mit dem Körper wäre ich auch so schnell, aber immer! Unser Lauffreund Wigald Boning wollte vor einer Woche beim Staufenmarathon gern eine Frau sein, wegen des Pokals, den er dann bekommen hätte. Lieber Wigald, ich biete dir einen Geschlechtstausch an, aber wirklich nur für den Wettkampf, okay? Du wirst dich wundern, wie langsam du dann plötzlich bist.

Südschleife, Rückweg. Auf den Lahnwiesen lagern viele feiernde Gruppen, sehr stimmungsvoll anzusehen in meinen späteren Durchläufen, als sie Teelichter in Marmeladengläsern angezündet haben. Unter der aufgeständerten Straße sind Obdachlose, die mein Nahen vergleichsweise freundlich kommentieren. Beim dritten Mal sind sie schon weg. Es ist dunkel, und nun sorgt meine Stirnlampe für Heiterkeit. Meist brauche ich sie eigentlich nicht so dringend, weil in diskretem Abstand mir das Besenmotorad auf den Fersen ist und den Weg beleuchtet.

Kurz vor dem Ziel kommt mir ein Medaille tragender Läufer entgegen, der wohl auf der Siegesfeier schon Bier getrunken hat, und ruft in eindeutigem Tonfall "Hopphopphopp!" Bald darauf folgt ein Trupp Läufer, der sich über mein spätes Finishen ebenso lauthals und respektlos belustigt wie die Jugendlichen am Anfang. Um mein inneres Gleichgewicht wieder herzustellen, sage ich ihnen, dass ich sie für Ärsche halte.

Im Ziel haben die Helfer alle ganz lieb auf mich gewartet. Auch sonst habe ich nicht gelitten, ein Dank an die Organisation. Bloß das mit dem Zielschluss war keine gute Idee, wie gesagt.

Am nächsten Morgen fragt mein Mann, der nicht viel Verständnis fürs Laufen hat, bissig: "Na, hast du wieder deine Endorphine?" Ja, welche Endorphine? Ich bin eigentlich nur traurig über den für mich reichlich missratenen Abend.

Was lerne ich nun aus dieser Unternehmung? Soll ich Abschied nehmen von solchen Laufveranstaltungen? Mich schmollend an mein Rennrad kuscheln?

Unbestritten ist es eine dunkle Eigenschaft des Menschen, auf dem, der ihm schwach erscheint, herumzuhacken. Und wieso erscheine ich schwach? Die alles beherrschende Zeitorientierung lässt meinesgleichen natürlich ziemlich alt aussehen, was ich, nebenbei bemerkt, auch bin. Und dann sind die meisten Laufvereine die reinsten Rennvereine. Auch tragen die Laufillustrierten wie "Runner's World", die ich übrigens noch nie gekauft habe, gleichwohl lese, wenn ich sie geschenkt bekomme, mit wenig differenzierten Reportagen dazu bei, dass alle Welt zu wissen scheint, wie ein respektabler Läufer aussieht und wie ein zu belehrender und wie ein hoffnungsloser.

Nun aber erst mal wieder aufrichten. "Die Angst vor der Blöße, die Angst vor dem Tod, reicht für'n Leben als verklemmter Idiot". So der Ruhrpottrocker Stoppok. Recht hat er.

Am nächsten Tag ist Rundgang in der Kunsthochschule Kassel. Kunststudenten zeigen, was sie schon gelernt haben. Mut zum Außergewöhnlichen scheint mit auf dem Lehrplan gestanden zu haben. Da gibt es zum Beispiel zwei Computer, die sich dank Spracherkennungsprogramm miteinander unterhalten können. "So'n Scheiß" hat da wahrscheinlich mancher gesagt, was den Inhalt der Unterhaltung übrigens auch trefflich kennzeichnet. Und Rotkäppchens Wolf ist da, als Stofftier mit einem Reißverschluss im Bauch, den man dann mit Kieselsteinen und vielleicht auch mit Rotkäppchen sowie der Großmutter füllen kann. Und wieder ein Spiegel, über den graviert ist: "Glaube an dich selbst".


© Elisabeth Herms-Lübbe , 20. Juli 2003
isaherms@hotmail.com

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