Tritt ein, bring Glück herein

Stop, leider geschlassen!

 

Bericht Ultratrail Tour du Mont Blanc - Ultramarathon beim Steppenhahn (09.2003)

Zufälliges Zitat

"60 km ist etwa die Hälfte des 100 km Laufs von Biel, lassen wir uns da nicht von den Mathematikern in die Irre führen."

Walter Wagner

Nächster Ultramarathon

Elisabeth Herms-Lübbe , 04. September 2003

Ultratrail Tour du Mont Blanc

Der Berg rief, und meine süddeutschen Lauffreunde leiteten den Ruf bis an meine Ohren in Kassel weiter. Eine erstmalige "Wanderung", so die Ausschreibung in der deutschen Übersetzung, von 150 km und 7500 Höhenmetern rund um das Mont-Blanc-Massiv war für den 30. und 31. August 2003 geplant, mit 38 Stunden Zeit.

Wir mieteten uns um Start- und Zielort Chamonix für ein verlängertes Wochenende eine Ferienwohnung. In der Nacht vor der Startnacht gab es ein schreckliches Unwetter. Ein Gewitter kehrte immer wieder zurück, der Regen rauschte nur so.

Am nächsten Tag schlenderten wir durch Chamonix und versuchten, die Stimmung vor dem Wettkampf zu genießen. Es regnete immer noch. Wir trafen einen durchnässten deutschen Läufer in Sommerkleidung, der vom Campingplatz geflohen war. Wir gaben ihm Obdach in unserer kleinen Wohnung, die nun vollends aussah, als fände eine Jugendfreizeit darin statt. Der Regen hielt an, wir ließen uns aber nicht die Laune verderben. Abends gingen wir zur Vorbesprechung. Die Halle war voll. Aber was für Menschen! Da waren nicht meinesgleichen. Aus aller Welt waren drahtige jüngere Läufer angereist. Mir dämmerte schon etwas: Das ist einige Nummern zu groß für mich. Das Zeitlimit mit 4 km/Stunde durchschnittlich sei alles andere als großzügig, sagten Günther Böhnke und Paul Stephan, beide überaus erfahren in den ganz langen Strecken. Sie habe großen Respekt, meinte auch Anke Drescher, sie sei froh, wenn sie es überhaupt schaffe. Da war ich ganz klein, aber trotzdem guten Mutes, weil ich ja wusste, dass es unterwegs viele Möglichkeiten zum Ausstieg gab.

Die nächste Nacht war wieder unruhig. Es rauschte schon wieder, wie ich entsetzt im Halbschlaf vernahm. Aber nein, es war diesmal kein Regen, sondern unsere Spülmaschine.

Im Start standen sie, die drahtigen Menschen beiderlei Geschlechts. Viele hatten Stirnlampen auf, als gingen sie zur Arbeit ins Kohlebergwerk. Meine Lampe war nur zart wie ein Collier; so trug ich sie dann auch meist. Nach der Durchquerung von Chamonix ging es bald auf einem steinigen Wanderweg weiter. Ich hatte mit Bernhard Sesterheim verabredet, dass wir zusammen laufen.

Das tun wir, und weil wir zur langsamen Truppe gehören und obendrein wissen, dass ein gemächlicher Start nie schadet, sind wir bald beim Schlussläufer, mit dem wir uns unterhalten. Ob jemand die ganze Strecke schon mal in einem Stück abgelaufen sei? Nicht dass er wüsste. Ob er selbst denn auch lange Strecken laufe? Ja, Marathon in New York. Neben uns rauscht es schon wieder, es ist ein Fluss, der nach dem Regen besonders viel Wasser führt. Im nächsten Ort wohnt unser Schlussläufer, er wird abgelöst von einer Läuferin. Sie erzählt, wie sie die Nacht über die Strecke mit Fähnchen und Leuchtstäben markiert hat. Eine Fuchs und einen Dachs habe sie dabei beobachtet. Sie ist eine begeisterte Naturliebhaberin und Bergfreundin. Ob sie selber denn auch lange Strecken laufe? Ja, Marathon in New York und in Boston, aber nicht in den Bergen. Sie trägt eine "Kohlebergwerkslampe", die sehr viel lichtstärker als unsere ist, und beleuchtet uns den Weg. Sie sammelt die Leuchtstäbe ein, wie Glühwürmchen kommen sie in ein Glas. Es geht deftig bergan, wir kommen an die Bergstation eines Skilifts und können im ersten Morgenlicht bewundernd feststellen, wie hoch wir über dem vorhin durchquerten Ort sind.

Die Landschaft ist zauberhaft, noch sind wir nicht über der Baumgrenze. Wenig Spuren von Zivilisation sind zu sehen. Flechten hängen an Bäumen. Wir fühlen uns hier und bei diesem Sport wie in einer Werbung, Menschen in begehrenswertem Glück.

Bei der nächsten größeren Verpflegungsstation stehen schon etliche ausgestiegene Läufer. Der schwerste Anstieg kommt aber noch, der zum Pass vom Bonhomme. Unten gibt es noch Almen, auf denen Kühe mit ihren Glocken läuten, dann, oberhalb der Baumgrenze, geht es weiter über Fels und Geröll. Unter unseren Füßen gibt es Felsbrocken zum Balancieren, Bäche und dekorative Formationen aus blätterndem Schiefer und gebogenem Quarz. Zeit zum Betrachten wäre schön, ist aber nicht da, denn das Zeitlimit droht. Bald schlägt es auch zu. Wegen aufgeweichter Wege mussten wir eine Umweg von 3,5 km machen, der im Limit nicht berücksichtigt wurde. Bernhard und ich murren, hatten wir doch eigentlich unsere Kräfte und Geschwindigkeit gut dosiert. Von unseren Lauffreunden erfahren wir später, dass wir, wären wir weiter gelaufen, einen schwierigen steinigen Abstieg bei Nacht hätten machen müssen, ein Risiko, dass die Veranstalter wohl nicht eingehen wollten.

Risikofreudig waren sie ja, die Veranstalter. Es gehört viel Mut dazu, eine solch schwierige Strecke anzubieten. Dafür liebe ich sie. Hier konnten die Experten aus aller Welt mal sehen, wo ihre Grenzen sind.

Von den ca. 750 Startern sind ungefähr ein Drittel so wie wir irgendwann ausgestiegen oder gar nicht erst angetreten. Ein gutes Drittel hat bei ca. 70 km in Courmayeur aufgehört. Dort war ja auch eins der offiziellen Ziele mit Urkunde. Ein knappes Drittel ist noch weiter gelaufen. 136 davon haben sich in Champex bei ca. 115 km ihre Urkunde verdient. Nur 67 haben die Strecke ganz geschafft. Der Schnellste, Daihihiri Sherpa, war mit atemberaubenden 20 Stunden im Ziel. Die schnellste Frau kam fast zehn Stunden später an. Anke Drescher als dritte Frau und als 63. aller Finisher war ein gute Stunde vor Zielschluss da.

Die Tour du Mont Blanc kann man getrost in den Kanon der Non-Plus-Ultra-Veranstaltungen bei den Ultraläufen aufnehmen. Für durchschnittliche Ultraläufer - damit meine ich die, die stolz sind, den Rennsteig oder Biel anständig zu absolvieren - ist sie eigentlich nicht zu schaffen. Man kann sie vielleicht noch am besten mit dem Grand Raid von Réunion vergleichen. Réunion ist zwar etwas kürzer, hat aber ca. 500 Höhenmeter mehr. Und einen wesentlichen Unterschied gibt es: Man hat dort 22 Stunden mehr Zeit.

Aber schön war's, ein Abenteuer- und Erlebnisurlaub der Sonderklasse in netter Gesellschaft und grandioser Umgebung. Kann man, wenn es eine zweite "édition" gibt, den Lauf empfehlen? Ja, bis Courmayeur ist es hart, aber machbar. Da wäre man dann am Samstagabend. Das hätte dann den Vorteil, dass man keinen extra Urlaubstag bräuchte. Ich meine, es lohnt sich auch, die hervorragende, überaus aufwändige und mit viel Liebe und Ehrenarbeit getragene Organisation zu unterstützen, und wie ginge das besser als durch Bezahlen des Startgeldes und fröhliche, unerschrockene Teilnahme?


© Elisabeth Herms-Lübbe , 04. September 2003
isaherms@hotmail.com

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