Zufälliges Zitat

"Der Kopf will Ultra, die Beine aber wollen schneller laufen..."

Christian Soerensen, frei zitiert

Nächster Ultramarathon

Rolf-Achim Reichart , 16. November 2003

3. Troisdorfer 6-Stunden-Lauf oder wie lange hält sich Sekt?

Eigentlich wollte ich ja in Bottrop bei den 9. DUV-Meisterschaften im 50 km-Lauf starten, aber wegen einer Feier im Verwandtenkreis habe ich auf den Troisdorfer 6-Stunden-Lauf umdisponiert. Immerhin käme ich ja noch in die Wertung für den ersten offiziellen 6-Stunden-Lauf-Cup der DUV, weil ich bereits im März beim 7. 6-Stunden-Self-Transcendence-Lauf in Nürnberg am Start war. Ich kann mich noch dunkel erinnern: die Kraft reichte wie immer nur bis km 30. Nach vielen Gehpausen wurde mir dann endlich doch die 50 km-Fahne überreicht und schließlich kamen 51,507 km zusammen. Ziemlich enttäuschend.

Diesmal will ich es besser machen und 60 km sollten eigentlich locker drin’ sein. Schließlich wären das ja nur läppische 10 km pro Stunde. Am Samstag vor dem Rennen habe ich extra noch ein Piccolöchen Sekt gekauft, das ich noch während des Wettkampfs auf die geschafften 60 km trinken will. Was tut man nicht alles zur Selbstmotivation! Dabei mag ich Sekt eigentlich gar nicht so gern.

Dank der detaillierten Wegbeschreibung des Marathon und Ultra Team der LG Troisdorf ist der Veranstaltungsort am Aggerstadion leicht zu finden. Freundliche Einweiser zeigen den Weg zum Parkplatz und ich bekomme gleich den Eindruck, dass die Leute sich über mein Kommen freuen. Die Startunterlagen erhalte ich ohne das übliche Anstehen. Das gilt auch für die Ausgabe von Verpflegung. Es gibt Getränke, Kaffee, Brötchen und Kuchen. Alles zu fairen Preisen.

Beim Umziehen am Auto treffe ich Bernhard Sesterheim wieder. Wir haben uns in Nürnberg kennen gelernt, wo er als Vorbereitung auf den Marathon des Sables mit Rucksack lief. Inzwischen hat er nicht nur den MdS gefinisht, sondern auch die Grand Raid (Große Herausforderung) auf La Réunion und berichtet begeistert von dem Rennen. „Lebe deine Träume“. Der Mann macht das wahr!

Bei strahlendem Sonnenschein fällt pünktlich um 10.00 Uhr der Startschuss. Das Feld der über 100 Einzel- und 23 Staffelläufer zieht sich auf der genau vermessenen 2,5 km langen Runde recht schnell auseinander. Ich glaube Ilona Schlegel zu erkennen und spreche sie an. Stimmt, sie ist es. Ich bleibe eine ganze Weile in ihrer Nähe. 5:20er Schnitt, da kann ich locker mithalten. Im Stadion wird sie später vom Sprecher als „Flasche“ bezeichnet. Ist aber nicht böse gemeint und soll daran erinnern, dass ihr beim 24-Stunden-Lauf in Scharnebeck nur 590 m zur 200-km-Marke fehlten. Apropos Flasche. Meine Tasche, die ich am Stadion auf einer kleinen Wiese neben der Strecke deponiert habe, wird jetzt von der Sonne beschienen. Hoffentlich wird der Sekt nicht zu warm.

In der 6. Runde spricht mich ein Läufer an, ob ich aus Franken komme, denn er hätte mich fränkischen Dialekt sprechen hören. Dabei bin ich ein waschechter Hesse! Wir unterhalten uns kurz über unsere Ziele und ich erzähle ihm, dass bei mir bei km 60 die Sektkorken knallen werden.

Ich hole eine der Staffelläuferinnen ein und frage, ob sie mich ein bisschen mitnimmt. Erstaunt antwortet sie: „Wer hier wohl wen mitnimmt?“. Für sie ist es die letzte Runde ihres Staffel-Einsatzes. Ich ziehe sie ein bisschen und versuche sie zu motivieren. Dafür bedankt sie sich anschließend jedes Mal mit Applaus, wenn ich nach einer absolvierten Runde im Stadion wieder an ihr vorbeilaufe.

Ab km 30 werden miene Rundenzeiten immer schlechter. Das Ziehen der Staffelläuferin hat wohl doch mehr Kraft gekostet, als ich dachte. Meine Oberschenkel schmerzen und die Wade zwickt bedrohlich. Beim nächsten Durchlauf nehme ich an der Verpflegungsstation das isotonische Getränk. Vielleicht hilft das ja, die drohenden Krämpfe zu vermeiden. Alle gereichten Getränke sind gut temperiert, nicht zu kalt und nicht zu warm. Hier waren offensichtlich Laufexperten am Werk, die genau wissen, was Ultraläufer mögen.

40 km in 3:57 Stunden. So nach und nach habe ich den ganzen Zeitvorsprung aus den ersten Runden aufgebraucht, weil ich immer längere Gehpausen einlegen muss. Die Markierungen alle 250 m sind mir dabei eine große Hilfe. So kann ich mir wenigstens die Pausen besser einteilen.

Inzwischen hilft auch das Arnika-Spray nicht mehr, mit dem ich in jeder Runde meine schmerzenden Beine einsprühe. Die 60 km sind in unerreichbare Ferne gerückt. Aber hat der Stadionsprecher vor dem Start nicht etwas von einer 50-km-Zeitnahme gesagt? Meine Bestzeit für 50 km liegt bei 5:16:58, gelaufen 1999 bei meinem ersten Ultra in Niederrodenbach. Für die letzte Runde habe ich knapp 19 Minuten gebraucht. Um wenigstens meine 50 km Bestzeit zu knacken und nicht ganz mit leeren Händen nach Hause fahren zu müssen, muss ich die nächsten beiden Runden in 38 Minuten schaffen. Dabei werde doch von Runde zu Runde langsamer!

Nach hartem Kampf erreiche ich endlich die 50 km. Mit neuer Bestzeit von 5:13:33 Stunden! Für die letzte Runde habe ich sogar nur 17:00 Minuten gebraucht. Dafür bin ich aber jetzt total am Ende. Ich setzte mich erst mal auf die gemütliche Bank bei meiner Tasche und gönne mir in der warmen Sonne eine längere Pause, um mir die Freudentränen abzuwischen. Jetzt mal kurz nachrechnen: noch habe ich eine dreiviertel Stunde Zeit, um auch meine 6-Stunden Leistung von Nürnberg zu verbessern. Das sollte doch zu schaffen sein. Die ganze nächste Runde gehe ich, weil ein erneutes Antraben nicht mehr möglich ist. Aber auch diese Runde schaffe ich noch. Das bedeutet mit 52,5 km neue Bestleistung! Soll ich jetzt im Stadion warten, bis die 6 Stunden vorbei sind oder noch weitermachen? Ich entscheide mich für Letzteres, und oh Wunder, ich kann wieder traben. Es läuft sogar ganz gut. Ich schaffe fast noch eine ganze Runde bis zum Schluss bzw. Schuss und lasse mich erst einmal auf dem Bürgersteig nieder. Ich weiß zwar noch nicht, wie ich wieder aufstehen soll, aber es sind ja genug Helfer da. 54,451 km bin ich jetzt gelaufen. Das sind über 3 km mehr als in Nürnberg. Eigentlich kann ich ganz zufrieden sein mit meiner Leistung. Aber der Sekt bleibt zu!

Beim Umziehen im Auto drücke ich so unglücklich auf meinen Pulsmesser, dass ich die mitgestoppten Zwischenzeiten lösche. So ein Mist! Hätte ich jetzt schon gewusst, das der Veranstalter auch eine Ergebnisliste mit Zwischenzeiten ins Internet stellt, hätte ich mich nicht so zu ärgern brauchen. Der Weg zur Cafeteria, in der die Siegerehrung stattfindet, kam mir vor dem Lauf auch kürzer vor. Nach Kaffee und Brühe – die könnte es von mir aus bei jedem Wettkampf geben – kann ich auch wieder zu normaler Nahrung übergehen: Brötchen und Kölsch. Nach der flott und reibungslos durchgeführten Siegerehrung wird es langsam Zeit, an die Heimfahrt zu denken. Beim Verlassen der Cafeteria treffe ich den Mitläufer aus Franken wieder. Er erkennt mich gleich als den „Mann mit den Sektkorken“ wieder und wir verabschieden uns mit guten Wünschen für die Heimfahrt.

Um 20.30 Uhr bin ich nach staufreier Fahrt wieder zu Hause. Nachdem ich ausführlich von meinen Erlebnissen berichtet habe, stelle ich meiner Frau die Frage: „Wie lange hält sich eigentlich Sekt?“ Antwort: „Lange“ „Wie lange genau?“ „Sehr lange!“. Dann bleibt mir für die 60 km im 6-Stunden-Lauf ja noch Zeit!

Rolf-Achim Reichart


© Rolf-Achim Reichart , 16. November 2003
reichart.rolf-achim@gmx.net

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