Zufälliges Zitat

"Running is not just a sport but a biological necessity."

Yiannis Kouros

Nächster Ultramarathon

Rainer Satzinger , 19. März 2004

100km del Sahara

Etappenlauf durch die tunesische Sahara mit Komfort

Nachdem ich vor 4 Jahren beim Marathon des Sables bei der Dünenetappe (mit 19km Dünen am Stück) gemeinsam mit ca. 70 anderen Teilnehmern wegen Wassermangel ausschied, nahm ich mir wieder, diesmal gemeinsam mit meiner Frau Maria, einen Lauf in der Sahara vor. Die 100km del Sahara, ein Etappenlauf über 120km in fünf Etappen durch die Sahara Tunesiens werden bestens organisiert von einem italienischen Adventureveranstalter. Im Gegensatz zum MdS ist die Pflichtausrüstung beschränkt auf einen Liter Wasser, Energieriegel, Plane, Pfeife, Feuerzeug und Schlangenbißset. Alles andere wird vom Veranstalter zur Verfügung gestellt: Berberzelte mit Matratzen, Verpflegung mit italienischer Küche (Frühstück, Mittagessen und mehrgängiges Abendessen) und Wasser (unbegrenzt, sogar Duschen gibt es). Gepäck wird transportiert und steht im nächsten Camp jeweils wieder bereit.

Von Rom aus geht es mit Tunisair nach Djerba. 99 Läufer und 15 Walker wollen an diesem Adventure teilnehmen. Nach dem Transfer zum Hotel und Bezug der Zimmer wird ein tunesisches Buffet mit warmen und kalten Speisen serviert. Am nächsten Morgen geht es nach dem Frühstück nach Tataouine und zum Ksar (festungsartiger Vorratsspeicher) El Ferch. Dort wird nach einem kurzen Folkloretanz die Veranstaltung präsentiert. Danach geht es weiter nach Chenini, einem 900 Jahre alten Bergdorf, hoch oben in den Felsen gebaut und teilweise immer noch bewohnt. Nach einem mehrgängigen Mittagessen dort noch ein kleines Stück mit dem Bus bis ins erste Camp. Übernachtet wird in Berberzelten à 6 Personen, die mit Teppichen und Matratzen ausgelegt sind. Im Laufe des Nachmittags erfolgt die Startnummernausgabe mit Kontrolle der Ausrüstung und des ärztlichen Attests (nur für Läufer, für Walker nicht erforderlich).

Ab jetzt werden wir im Camp verpflegt. Am späten Nachmittag gibt es Tee und Kaffee. Das Abendessen besteht jeweils aus einem Nudelgericht, Hauptgericht mit Fleisch und Gemüse und zum Nachtisch Kuchen und Obst. Dazu gibt es Wasser und Rotwein. Es scheint, als wüssten die Veranstalter, wovon die Teilnehmer des MdS täglich träumen! Spät abends gibt es dann ein großes Lagerfeuer mit Tanzfolklore. Unter einem traumhaften Sternenhimmel schläft man dann im Berberzelt. Mit jeweils sechs Personen hat man ausreichend Platz.

Der erste Lauftag beginnt mit Frühstück um 7:30h. Tee, Kaffee, Milch und Fruchtgetränk stehen zur Verfügung, dazu Weißbrot und Knäcke mit Honig und Marmelade und Müsli. Danach bereitet man sich in aller Ruhe auf die erste Etappe vor. Die Zelte bleiben bis zum Etappenstart stehen. Nachdem das große Gepäck abgegeben wurde, erfolgt ein kurzes Briefing in italienisch, das dann in kleinen Gruppen nach Bedarf in andere Sprachen übersetzt wird. Um 10:30 erfolgt der Start, die Walker sind dann schon eine Stunde unterwegs. Nach drei leichten Kilometern bergab, zunächst noch asphaltiert, dann im Gelände nach Chenini. Dort ein erster leichter Anstieg durch das Dorf und auf der Gegenseite wieder herunter ins Tal. Danach ein ca. 3 km langer Anstieg auf die Hochebene. Im weiteren Verlauf des gesamten Rennens gibt es dann keine nennenswerten Anstiege mehr. Nach ca. 15km ist eine Verpflegungsstation eingerichtet mit Wasser, Plätzchen, Honig und Orangen. Nach weiteren leichten 9km auf steinigem Untergrund ist das Camp erreicht (die Kilometerangaben vom Veranstalter sind etwas großzügig gehalten, tatsächlich schätzen wir die erste Etappe auf 22km statt 24km). Im Camp steht ein Tankwagen zur Verfügung, an dem einige Duschen aufgebaut sind. Natürlich nicht wie im Hotel, da man sparsam mit Wasser umgehen muss, aber zum Waschen und Zähneputzen reicht's. Auch Toiletten stehen zur Verfügung (natürlich wüstenstandard). Dann gibt es Mittagessen mit zwei Sorten Risotto, Tomatensalat mit Tunfisch und Weißbrot mit Schinken, Salami und Parmesan. Der Aufbau der Malzeiten ist immer derselbe, die Gerichte variiren aber, sodass man immer mit Appetit zum Essen kommt.

Am zweiten Tag steht vormittags eine leichte Etappe über 25km an. Ohne große Besonderheiten geht es in leichtem, hügeligem Auf und Ab durch die Wüstensteppe. Die Faszination liegt heute eher im Kleinen. Kaum zu glauben welch große Vielfalt an meist blühenden Pflanzen hier vorzufinden ist. Auch Vögel, Eidechsen und Insekten kann man wahrnehmen. Die Wüste lebt. Meist auf Schottenpiste hat man bei Verwehungen heute ersten Kontakt mit Sand unter den Füßen. In Mund, Nase und Ohren hat man ihn schon längst. Um 20h dann ein 10km Nachtlauf auf einem Rundkurs beim Camp, wobei paarweise im Minutenabstand in umgekehrter Reihenfolge der Platzierung gestartet wird. Als Läufer der etwas schwereren und langsameren Sorte starte ich im neunten Paar, Maria im zehnten. Nach ca. 3km habe ich alle vor mir gestarteten überholt und bin zum erstenmal in meinem Läuferleben in führender Position. Ich habe mich schon immer gefragt, wie die schnellen Läufer immer den richtigen Weg finden oder manchmal auch nicht. Der Weg ist alle 50-100m mit Fackeln markiert. Obwohl zudem noch viele Streckenposten platziert sind, ist es an zwei Stellen nicht erkennbar, wie die Strecke genau weitergeht. Wahrscheinlich wurde deshalb in umgekehrter Reihenfolge gestartet, so hatten die schnelleren Läufer immer jemanden vor sich. Intuitiv finden aber alle bis auf einen Läufer, der eine Extrarunde dreht, die richtige Strecke. Als ich dann als erster im Ziel ankomme ist kein Zuschauer da, keiner applaudiert. Ich laufe lieber wieder hinten, da bekommt man wenigstens aus Mitleid manchmal Beifall. Kurz nach mir kommt Maria ins Ziel. Bei ihr hat schon einer Beifall geklatscht...

Die vierte Etappe ist die längste und auch wohl die schwerste. Es wird in drei Gruppen im Abstand von einer Stunde gestartet, wobei die letzen die ersten am Start sind (jetzt verstehe ich endlich den Bibelspruch im wahrsten Sinne des Wortes). Nach einem kurzen, leichten Anstieg geht es 22km kerzengeradeaus. Aufgrund des Geländeprofils kann man zwar nicht die gesamte Strecke überschauen, aber, soweit man schauen kann geht es immer geradeaus. Zunächst auf Schotterpiste, ist die Strecke im letzten Drittel immer mehr mit Sand verweht. Die hinteren Läufer spüren nun die Auswirkungen des Schlappschritts, da dadurch umso mehr Sand in die Schuhe geschaufelt wird. Es gibt sicherlich verschiedene Methoden, den Sand abzuwehren, z.B. Gamaschen, Socken über den Schuh ziehen oder den Schuh mit Tape abkleben. Ich denke, für diese Etappe wären Gamaschen das beste Mittel gewesen, aber hinterher ist man immer schlauer. Und vor allem: woher hätte man es wissen sollen? Beim Briefing wurde über "etwas Sand" gesprochen. Nachdem diese Etappe mit 35km die längste ist, gibt es zwei Verpflegungsstationen bei 15km und 25km. Nach der zweiten Verpflegung gibt es endlich einige Richtungswechsel und auch die ersten "Überrundungen". Schon faszinierend, als der Führende und spätere Gesamtsieger Jörg Balle an mir vorbeifliegt. So schnell wie er gekommen ist, ist er auch schon wieder außer Sichtweite. Kurz danach kommt einer der mitlaufenden Tunesier. Er hat wohl das beste Mittel gegen den Sand gefunden, er läuft barfuß. Heiß ist es, aber erträglich. Sicher sind die Verhältnisse nicht immer gleich in Marokko, aber als ich 2000 dort wahr, gab es wenig Wind und es war richtig heiß. In Tunesien weht immer eine "frische" Brise. Gott sei Dank. Obwohl das Camp schon längst erkennbar ist, kann man nicht direkt darauf zu laufen, sondern muss der Piste folgen und noch ein paar Haken bis zum Ziel schlagen. Aufgrund der Erfahrungen aus den vergangenen fünf Austragungen hat man gelernt und Checkpoints eingeführt, an denen man eine Kontrollkarte lochen lassen muss, sodass ein Abkürzen nicht möglich ist. Anders als beim MdS bekommt man kein Roadbook und braucht auch keinen Kompass, da die Strecke durchgehend markiert ist und meistens Fahrpisten folgt, die mit Ausnahme von Veranstaltungsfahrzeugen praktisch immer verkehrsfrei sind. Bei Bedarf gibt es zusätzlich persönliche Einweisung, sodass man sich an markanten Geländepunkten orientieren kann. Endlich ist dann das Etappenziel doch erreicht. Heute bin ich k.o., aber ich hab’s geschafft. Maria ist wieder mal vor mir schon da. Ein paar wenigen ging’s nicht so gut und sie mussten die Hilfe der Veranstalter in Anspruch nehmen. Aber, auch das ist hier kein Problem: wer eine Etappe nicht aus eigener Kraft beenden kann, wird mit einem der zahlreichen Fahrzeuge (Quads, Landrover) ins Camp transportiert. Er bekommt die Zeit des Letzen der Etappe plus 30 Minuten Zeitstrafe. Am nächsten Tag kann er wieder mitlaufen. Theoretisch könnte man eine ganze Etappe aussetzen und eine Zeitstrafe von 2h kassieren, aber davon musste kein Teilnehmer Gebrauch machen. Beim Abendessen gab es dann Freibier! Eine Dose pro Teilnehmer, wobei Spenden für AMREF erbeten wurden, aber kein Muss waren.

Bei der letzten Etappe kommt man endlich so richtig in den Sand. Die ersten 10km sind je zur Hälfte Schotterpiste und Sand. Das Ziel ist in der Oase Ksar Ghilane. Bereits nach kurzer Zeit kann man die Palmenhaine und Häuser erkennen. Aber wir müssen erst an der Oase vorbei in die Sanddünen. Nun kam das Stück, vor dem ich aufgrund meiner Erfahrungen aus Marokko gehörigen Respekt hatte. 15km durch Sand. Aber ich hatte gelernt. Ab hier waren Damenstrümpfe ideal, über die Schuhe gezogen bis über die Knöchel, damit kein Sand in den Schuh reinlaufen kann. Ab der Verpflegungsstation bei 10km war die Etappe in vier Abschitte teilbar. Rauf in die Dünen, hinüber durch eine Mulde zum nächsten Hügel, weiter zu den Resten eines römischen Forts und noch 4km zum Ziel. Beim Fort war doch tatsächlich ein Café aus Palmenzweigen aufgebaut. Ich habe ernsthaft überlegt, ob ich mir nicht ein Eis kaufen soll. Leider war zu, aber ich hätte mir sowieo keins gekauft. Bin ja nicht zum Urlaub hier, oder? Vor dem Ziel noch einmal Fototermin und dann kommt noch ein freundlicher Herr, der den leichtesten Weg ins Ziel beschreibt. Eigentlich egal. Die letzten 500m könnte ich auch auf einem Bein hüpfen. Maria kommt mir schon entgegen und begleitet mich auf den letzten 50 Metern. Dann bin ich da. Geschafft. Ettliche Teilnehmer und auch ein paar Touristen spenden Beifall. Gratulation vom Organisationschef, Medaille, Küsschen, T-Shirt. Aller klar. Jetzt möchte ich was trinken und mich dann erst einmal hinlegen. In der Oase stehen festinstallierte Zelte für 8 Personen zur Verfügung. Maria hat schon alles organisiert.

Die Oase ist touristisch voll erschlossen, in der Bar spricht man Deutsch, man kann auch mit Euro bezahlen. Manche von uns gehen baden in der Quelle der Oase. Noch einmal gibt es Mittagessen aus dem geländegängigen Lkw und am Abend ein echt gutes Dinner im Restaurant. Um 22h dann die Siegerehrung, die an der Quelle stattfindet. Nach einer musikalischen Einlage von Riccardo Fogli (einem bekannten italienischen Sänger aus den Achtzigern), der selbst mitgelaufen ist. Statt großer Reden gibt es dann eine Diashow mit Bildern jedes Teilnehmers von der letzten Etappe, danach erfolgt die Siegerehrung. Wir gehen vorzeitig. Eine zeitlang habe ich fast ein schlechtes Gewissen. Aber dann frage ich mich, ob vielleicht auch einer der Sieger bei meinem Zieleinlauf anwesend war? Vielleicht, aber ich glaube eher nicht. Also schlafe ich doch gut.

Nach einem einfachen Frühstück führt uns eine interessante Fahrt mit Jeeps zurück Richtung Djerba. In Medenine halten wir zur Mittagspause mit Zeit zur freien Verfügung. Später im Hotel in Djerba findet dann bei toller Stimmung das Abschlussdinner statt.

Am nächsten Morgen hat man erst noch einmal Zeit für sich, die man z.B. mit Baden im Pool verbringen kann, danach geht es zum Flughafen. Pünktlich geht’s dann zurück nach Rom. Eine tolle Woche liegt hinter uns.

Mein Fazit: Wer das Laufen und die Wüste liebt, findet hier eine echte Alternative zum Marathon des Sables. Dieser Lauf erhebt nicht den Anspruch einer der härtesten Läufe zu sein und ist auch nicht überreglementiert. Im Vordergrund steht einfach der Spaß am Laufen in grandioser Landschaft, gemeinsam mit vielen neuen Freunden, die man hier sehr schnell gewinnt. Wer sich das Ganze nicht als Wettkampf zutraut, kann auch als Walker teilnehmen. Diese starten als Gruppe (mit Dromedaren als Notfall-Taxi) jeweils ca. 1h vor dem Läuferfeld. Egal in welcher Gruppe man startet, kann man sich immer sicher fühlen. Die Strecke wird ständig überwacht, bei Bedarf ist ein Transport (fast) jederzeit möglich. Die Organisation ist tadellos und auch das Preis-/Leistungsverhältnis ist angemessen.

Prädikat: Sehr empfehlenswert!


© Rainer Satzinger, 19. März 2004

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