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"Es wechselt Pein und Lust. Genieße, wenn du kannst, und leide, wenn du mußt."

J.W. von Goethe

Nächster Ultramarathon

Uli Schulte , 09. Mai 2004

Ist es möglich? Ja, es ist möglich!

Mein erster 100 - Tage - Streak

Als im Herbst 2003 auf der Ultramarathon - Seite www.steppenhahn.de das Thema "Streak - Running" diskutiert wurde, hat mich der Gedanke des täglichen Laufens sehr angesprochen. Ein Streak ist eine ununterbrochene Folge von täglichen Läufen. Läuferisch befand ich mich in einer "Durchhängphase", neue Anregungen waren dringend nötig. Ich hatte vor Jahren mal versucht, 7 Tage in Folge zu laufen und fühlte mich danach ziemlich ausgepowert. Täglich laufen, über einen längeren Zeitraum - ist es möglich? Ich konnte mich dem Gedanken aufs Neue nähern, weil die Regel sagt, dass der jeweilige Lauf nur mindestens 1 Meile, d.h. 1,6 km lang sein muss (siehe www.streak-running.de ) Wenn ich also, anstatt abends eine halbe Stunde mit dem Hund rauszugehen, eine halbe Stunde gemütlich joggen würde, das wäre doch möglich. Und wenn es einmal ganz schlecht läuft - 1,6 km müssten doch immer drin sein!

Ist es möglich? Ja, es ist möglich! Dieser Ausspruch von Rainer - Maria Rilke beschreibt im Kontext eine eher kritische Weltsicht: ist es möglich, dass wir Menschen in der langen Weltgeschichte so wenig aus unseren Erfahrungen gelernt haben? Ja, es ist möglich. Übrigens sehr hörenswert vertont und interpretiert von Wolfgang Niedecken und Xavier Naidoo für das Rilke Projekt. Der Werbeslogan eines japanischen Autoherstellers klingt so: "Nichts ist unmöglich, …" Das hört sich etwas vermessen an, aber die Autos sind wirklich gut, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Hat nicht ein jüdischer Rabbi aus Nazarath die Worte geprägt: "Alles ist möglich dem, der da glaubt" ? Für die Frage nach dem Sinn, der Vergebung, der Ewigkeit baue ich auf Seine Worte! Das Bedürfnis, die eigenen Möglichkeiten auszuloten, scheint mir jedenfalls ein zutiefst menschliches Verlangen zu sein.

Worin besteht der Reiz, täglich die gleichen Verrichtungen zu wiederholen? In fernöstlichen Religionen gibt es das "Mantra", das, in ständiger Wiederholung ausgesprochen, auf dem Weg der Erlösung helfen soll. Auch im Judentum und im Islam gibt es sich wiederholende, religiöse Verrichtungen und Gebete. Die christliche Tradition kennt z.B. das Stundengebet der Mönche, den Rosenkranz, die Liturgie. Hat das Streaken eine religiöse Dimension? Für mich bietet es wahrscheinlich eher eine Struktur, eine Gewohnheit, in der ich mich bewegen und entfalten kann, einen Weg, der mich vorwärts bringt. Kann das tägliche Laufen eine ins Leben integrierte Gewohnheit sein, ähnlich wie Essen und Trinken, Reden und Schlafen, Bibellesen und Beten? Etwas, was einfach dazugehört? Ein faszinierender Gedanke. Warum werde ich kritisch beäugt, wenn ich anderen vom täglichen Laufen erzähle? Alles, was den eigenen Erfahrungshorizont überschreitet, macht Menschen häufig erst einmal unsicher und skeptisch.

Das tägliche Laufen konfrontiert mich mit meiner körperlichen und seelischen Verfassung, ich nehme die Veränderungen an und in mir deutlicher wahr. So gibt es Tage, da laufe ich voller Freude und Tage, da muss ich mich überwinden. Es gibt Tage, da geht es schnell und leicht und Tage, da schleppe ich mich dahin. Regulieren kann ich meine jeweilige Verfassung über das Lauftempo - in der Regel irgendwo zwischen 6 und 8 Minuten pro Kilometer. Die Entdeckung der Langsamkeit. Es kann sein, dass ich mich am 78. Tag quäle und am 79. Tag laufe, wie eine gerade aufgezogene Uhr. Ich kann mich entscheiden, ob ich eine bekannte Strecke wiederhole oder eine neue ausprobiere; ob ich auf der Straße, im Wald oder auf der Bahn laufe, allein oder in der Gruppe unterwegs bin, morgens, tagsüber, abends oder auch mal nachts jogge. Langweilig ist es noch an keinem Tag gewesen. Manchmal kommt es mir so vor, als wenn ich in die Rolle der Tiere schlüpfe, die ich unterwegs beobachte, in die Schnecke, das Pferd oder den Vogel.

Mein Verhältnis zur Natur hat sich verändert, ist intensiver geworden. Durch das tägliche Laufen nehme ich jede Veränderung wahr, bin sensibler geworden für den Nebel, das Licht, die Dämmerung, die Kälte und Wärme, Regen und Wind. Die verschiedenen Stadien des Ausschlagens der Bäume, des Blühens und Verblühens, Farbnuancen aber auch Gerüche empfinde ich sehr differenziert. Ebenso den Lärm des Tages und die Stille der Nacht, das Konzert der Vögel am Morgen und am Abend. Die Sterne sehe ich leuchten, wie Vincent Van Gogh sie gemalt hat, sie werden zu vertrauten Begleitern. Ich mache mir Gedanken darüber, warum die Blüte des Löwenzahns sich täglich verändert, vom grellen Gelb bis zum tiefen Orange - Braun, um dann über Nacht zur "Pusteblume" zu werden. Dieses Erleben kann mich mitunter euphorisch machen, führt mich zur Dankbarkeit und zum Lobpreis des Schöpfers.


Impressionen vom Streak Impressionen vom Streak Impressionen vom Streak Impressionen vom Streak

Während der tägliche Lauf manchmal eher meditativen Charakter hat, wie ein "in sich versenkt sein" ist, erlebe ich häufig auch eine Gedankenflut. Interessant finde ich, dass gedanklich Themen abgearbeitet werden können. Wo ich heute aufgehört habe, mache ich morgen weiter. Es gibt einen "Roten Faden", der am nächsten Tag wieder aufgenommen werden kann. Insgesamt fühle ich mich ausgeglichen, gesund und gut. Gelegentliche leichtere Schmerzen kommen und gehen auch wieder: ich versuche, auf die Signale des Körpers zu achten.

Einmal im Monat laufe ich Marathon und mehr - den 6 - h Lauf in Rotenburg und die Harzquerung habe ich im Laufe meines Streaks mitgemacht. Die Folgetage waren dann - na, ja - etwas schwierig. Laufend regenerieren ist auch eine Erfahrung. Für Mai habe ich noch nirgends gemeldet, aber das ergibt sich manchmal ganz spontan. Im Juni stehen 24 h auf dem Programm. Häufig fühle ich mich gedanklich meinen Freunden, den Weltläufern Jesper Olsen und Alexander Korotkov nahe. Ich weiß, sie sind heute auch auf der Strecke, nur eben länger. Ihr Lauf ist für mich unerreichbar, aber keine unvorstellbare Utopie mehr.

Die Kilometerumfänge haben sich seit dem Beginn meines Streaks erhöht und liegen zur Zeit bei durchschnittlich 10 km am Tag, 70 km in der Woche und 300 km im Monat. In meiner 12 - jährigen "Laufkarriere" bin ich noch nie so viel gelaufen.

Wie geht es weiter? Ich weiß es noch nicht. Erst einmal möchte ich den Streak noch fortsetzen. Die "Eine Meile täglich" befreit mich von negativem Druck. Wer weiß schon von sich, ob er morgen gesund genug ist, um vor die Tür zu gehen? Vielleicht wird der Streak ja 130, 150 oder 200 Tage lang. Wie auch immer, die ersten 100 Tage stehen. Die werden mir als eine positive, spannende und bereichernde Erfahrung erhalten bleiben.

Uli Schulte, im Mai 2004



© Uli Schulte, 09. Mai 2004