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Stop, leider geschlassen!

 

Bericht Der Rennsteiglauf 2004 - Bericht aus dem Hinterfeld - Ultramarathon beim Steppenhahn (05.2004)

Zufälliges Zitat

"To spend your life seeking the truth for the sake of knowing is the noblest aim that you could live for... You must learn to think with your own heart and honest effort. "

Sy Mah

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Elisabeth Herms-Lübbe , 18. Mai 2004

Der Rennsteiglauf 2004 - Bericht aus dem Hinterfeld

Von Kassel ist es zum Start des Rennsteiglaufs nicht so weit, nur einige Kilometer mehr als die 73-km-Strecke, die man im Supermarathon läuft. Da haben wir es gut. Wir waren vier Leute, die dorthin wollten.

Läufer sind wohl nicht so fanatisch mit Autos. Es drängte sich jedenfalls keiner, nach Eisenach zu fahren. Ich war mal dran. Mich interessiert unser Auto nun auch nicht so sehr, deshalb fand ich den Ventilatorknopf nicht. Den brauch ich auch sonst nicht. Da hatten wir innen Dunst und außen manchmal Nebelbänke. Besser nicht so schnell fahren!

Deshalb kamen wir reichlich spät in Eisenach an. Das war schade, denn ich liebe die Zeit vor dem Start , wo alle aufgeregt umherwimmeln und ich Bekannte sehe, die hinterher ganz schnell weg sind. Im Ziel sind sie erst recht weg. Nicht einmal ordentlich fotografieren konnte ich sie, denn bevor ich meinen Apparat startklar hatte, waren sie meist weggewimmelt, meine flinken Freunde.

Am Start traf ich Werner Sonntag. Er war wohl wieder der älteste Läufer auf der Strecke. Er ist freundlich und zurückhaltend. Eine leichte Melancholie umweht ihn wie jemand, dem seine eigentlichen Kumpels schon abhanden gekommen sind. Aber er wird allseits geschätzt wegen seiner Beharrlichkeit und dafür, dass er immer alters- und körpergerecht gelaufen ist. Sonst wäre er ja wohl nicht mehr auf der Piste. Gäbe es wie bei Politikern eine Beliebtheitsskala von bekannten Läufern, da stünde er ganz oben, davon bin ich überzeugt. Er ist für viele Vorbild, denn wer jetzt noch jung ist, wird's nicht mehr lange bleiben....

Irgendwie fehlte mir die Begeisterung. Das war mein viertes Mal auf der langen Rennsteigstrecke, schon fast Routine. Sonst war ich kurz nach dem Start fast zu Tränen gerührt vor Dankbarkeit, dass ich überhaupt in der Lage war, da mitmachen zu können. Jetzt war nichts, obgleich der Grund noch da war.

Also, hoch in die Berge, war ja alles ganz okay, wunderbarer Frühlingstag, perfekte Temperatur, waldige Umgebung. Nachher verzog sich auch der Nebel. So oft habe ich mir schon vorgenommen, freundlich und gesprächig zu meinen Mitstreitern im Hinterfeld zu sein. Wo denn sonst finde ich Leute meinesgleichen, mit denen man sich gegenseitig Mut zusprechen kann? Aber nein, jeder kämpfte allein vor sich hin, es war nicht die richtige Zeit für Solidarität.

Es hängen jetzt an vielen Orten Plakate "Come to Marlboro Country", auf denen Mittelgebirgslandschaft zu sehen ist, große Grasflächen mit waldgesäumten Bergen im Hintergrund. Genau so sieht es manchmal auf dem Rennsteig aus, wenn sich der Wald lichtet. Es fehlen nur die Pferde. Jedoch vor ungefähr zwei Jahren waren mal welche auf der Strecke. Die waren ausgebrochen. Tiere mögen auch gern laufen, sie dürfen nur meist nicht. Wenn ich ein Pferd hätte, würde ich es an eine Leine binden und mitnehmen. So wie andere Leute ihren Hund. Das würde ihm gefallen. Das wäre schon fast artgerechte Tierhaltung.

Irgendwann waren wieder Wanderer mit uns zusammen unterwegs. Sie machten eine 35-km-Wanderung und hatten durchweg große Rucksäcke auf. Was mag wohl darin gewesen sein? Auf jeden Fall sinnloses Zeug, denn auch sie wurden wie wir Läufer rundum versorgt. Aber über Sinn und Nutzen will ich mich jetzt lieber nicht auslassen, denn mein Tun mag einem distanzierten Betrachter auch nicht gerade sinnvoll erschienen sein. Vielleicht, wenn ich eines Tages noch langsamer geworden bin, gehe ich unter die Wanderer und setze mir auch einen geheimnisvollen Rucksack auf.

Vor Zeiten hat mich mal jemand gefragt, was man denn so dächte als Läufer auf einer so langen Strecke. Berechtigte Frage, obgleich auch seltsam, denn keiner fragt so etwas Autofahrer, die täglich millionenfach in Deutschland lange Strecken zurücklegen. Ja, das ist so, man hat einen Gedanken, der kommt immer wieder zurück in verschiedenen Variationen, als ob er an die Schädelwand stieße und zurückgeworfen würde, hin und her. Dann kommt der nächste Gedanke, mit dem geht es ebenso. Darauf kehrt der erste vielleicht wieder zurück. Zusammengefasst, es passiert nicht so viel.

Ich war spät dran. Die 70-km-Marke war längst abgebaut. Aber nein! Sie war Opfer eines physikalischen Phänomens geworden, dem der wundersamen Kilometerdehnung. Kurz vor dem vermeintlichen Ziel tauchte sie doch noch auf. Na so was. Nun noch fast drei Kilometer.

Im Ziel sind die Medaillen alle. Die vom Rennsteig sind besonders schön, liebevoll entworfen, jedes Jahr ein anderes Motiv von der Strecke. Da lohnt es sich schon allein für die Medaille mitzulaufen. Nun gibt es nicht gerade so viel medaillentaugliche Motive, da bin ich jedes Jahr gespannt, was darauf ist, ob jemand noch eine Idee gehabt hat "Sie bekommen eine nachgeschickt", sagt mir die Frau von der Begrüßung. Mir hat man mal erzählt, sie würden in Südafrika gemacht. Dann kann das ja noch lange dauern.

Das Finisher-T-Shirt hat die Farbe von altem Beton, der mit Algen bewachsen ist. Leute, die ihre Waschmaschine schlampig bedienen und Weiß- und Buntwäsche zusammen waschen, kennen diesen Farbton. Hinten drauf sind wilde Hügelketten in grün und blau mit einigen zerfledderten Tannen darauf: Tannensterben vor Betonwüste. Ein ausdrucksvolles Kleidungsstück, ich freue mich dazu.

Der Bus nach Eisenach zurück machte eine kleine Thüringen-Rundreise mit uns. Es ging in die falsche Richtung nach Ilmenau, wahrscheinlich, um die schöne, ziemlich neue Autobahn zu benutzen. Vor zwei Jahren hatte mich in dieser Situation Panik befallen, denn ich hatte damals weder genug Geld noch Kreditkarte dabei, um mich aus der Verlegenheit zu ziehen, wäre ich versehentlich in einen Bus nach Leipzig oder so geraten.

Im Bus traf ich meinen alten Bekannten Lothar. Er ist jetzt Rentner und will demnächst mit dem Fahrrad von Hamburg nach Athen zur Olympiade fahren. Recht so, das gefällt mir, das ist Ultramarathongeist.

Auf der Rückfahrt im Auto war ich sehr müde. Meine drei Mitfahrer unterhielten sich und mich. Es kam die Rede aufs Grillen. "Essen und trinken ist der Sex des Alters", sagt einer. "Laufen ist der Sex des Alters", sagte ich. So gesehen, war das heute nicht recht was. Das kommt vor, wenn man etwas lust- und kraftlos eine Sache angeht.


© Elisabeth Herms-Lübbe, 18. Mai 2004

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