Zufälliges Zitat

"To free our body from fear what we need is the glorious experience of the soul."

Sri Chinmoy

Nächster Ultramarathon

Norbert Rößler , 1. August 2004

Swiss Jura Marathon 2004

Schmerzen habt ihr ja alle - aber deshalb lauft ihr ja.
(Urs Schüppach, der Chef des Swiss Jura Marathons, bei der Rangverkündigung nach der 3. Etappe.)

Über Jahre hatte ich mich über Erzählungen und Berichte an diesen Lauf über 323 Km mit knapp 10.000 Höhenmetern herangetastet. Ein Traum für mich, aber wie alle Laufträume auch mit Respekt unterlegt.

Im Dezember hatte ich mich (gut in Form) optimistisch angemeldet, jetzt war nach einem Halbjahr voller Krankheiten und Verletzungen die Form weit weg und ich saß wenig zuversichtlich im Zug nach Genf zum Start.

Der Treffpunkt in Genf war Dank e-mail-Anfahrtsskizze des Veranstalters schnell erreicht. Überhaupt gab es in den Wochen vor dem Lauf regelmäßig nützliche Informationen, die auch gut auf den Lauf einstimmten.

Wir bezogen unser erstes Quartier in einer Bunkeranlage. Dann gab es die ersehnte Startnummer und ausführliche Informationen zu den einzelnen Etappen (markante Punkte, Höhenangaben, Verpflegungsstellen). Es folgte ein gemeinsames Abendessen in der Mensa der Universität, die offizielle Begrüßung durch den Organisator Urs Schüppach und ein nettes gemütliches Beisammensein mit alten Freunden und Bekannten. Sehr alt wurden wir dennoch nicht. Wir hatten ja schließlich noch was vor und gegen 5 Uhr am nächsten Tag war Aufstehen angesagt.

Das Frühstück in der Bunkeranlage gegen 6 Uhr morgens verursacht noch nicht gerade prickelnde Vorfreude. Aber als wir nach der Busfahrt in der strahlenden Morgensonne am Genfer See stehen, köchelt die Lauflust langsam hoch. Die letzten "vorher"-Bilder mit dem Montblanc im Hintergrund, abschließende Informationen durch Urs und noch ein Schluck Tee an der ersten Verpflegungsstelle am Start - dann geht es los.

Tag 1 - Einlaufen mit ersten Jurastückchen (45 Km, +1.200m,-534m)

Die ersten Km durch Parkanlagen am Genfer See, dann ansteigend am Flughafen vorbei und schließlich links ab ins Landesinnere. Erstmals sehen wir die imposante Jura-Kette vor uns. Wir passieren einige verschlafene Dörfer, in denen so früh am Sonntagmorgen natürlich noch nichts los ist. Französischer Charme, so ein wenig verfallen - jedenfalls nicht so perfekt proper schweizerisch. Wir sind ja auch nur wenige Meter von der französischen Grenze entfernt.

Die ersten 10 Km verliefen überwiegend auf Asphalt, aber jetzt geht es an einem Bach entlang: wurzelig, steinig, mal ein paar Meter aufwärts, dann wieder hinab, mal nur 30 cm breit, mal schräg zum Bach abfallend. Berühmtheiten wie der Ho-Tschi-Minh-Pfad oder auch "Europas größter Cross" -der Rennsteig- sind ein Spaziergang dagegen. Unwillkürlich wird man schneller - einfach toll. Dieses Stück würde ich gerne einpacken und als Trainingsstrecke mit nach Hause nehmen. Gleich nach dieser Passage folgt die dritte der gut bestückten Verpflegungsstellen. Ich nehme mir reichlich Zeit, denn jetzt folgt ein langes Stück über Felder und am Waldrand entlang und die Sonne brennt schon ordentlich.

Dieses Stück finde ich etwas mühsam, aber von weitem grüßt die nächste Abwechslung - der Dôle, der uns etwa 970 Höhenmeter Anstieg auf 13,5 Km bescheren wird.

Ab Km 25 geht es los. Nicht übermäßig steil, asphaltiert, durchaus laufbar. Zumindest für Carmen Hildebrand, die mich hier leichtfüßig überholt. Wir werden uns in den nächsten Tagen noch öfter begegnen. Ich gehe die Etappen immer schneller an als sie. Je länger es bergauf geht, umso sicherer überholt sie mich. Und ab und zu, wenn sie sich verläuft oder es richtig bergab geht, komme ich wieder näher. Carmen wird sowohl das erste, als auch die drei folgenden Teilstücke als zweite der Frauenwertung beenden. Auf halber Höhe wieder eine Verpflegungsstelle. Von dort hat man einen wunderbaren Ausblick auf den Genfer See mit Montblanc im Hintergrund.

Es folgen Schotterwege, später nur noch Pfade und schließlich doch ein paar ganz gemeine Steilstücke. Dann sind wir oben (?) und vor uns baut sich eine mächtige Felswand mit allerlei technischen Anlagen auf. Müssen wir da rauf? Alle theoretischen Zeitziele entschwinden in weite Ferne, die Beine sind plötzlich schwer. Aber die Helfer am 7. Verpflegungsstand geben Entwarnung. Nach rechts über eine Kuhweide und nur noch einen Sattel hoch. Dann geht's bergab.

Zuerst rumpelig mit vielen Steinen und Wurzeln in hohen Stufen. Das ist mir zu riskant. Weder Muskeln noch Reflexe sind mehr auf dem neuesten Stand. Also erst mal langsam und nach einem Kilometer, als es im Wechsel über Weiden bzw. Asphalt und Schotterwege geht, lasse ich es wieder laufen. Insgesamt ist der Abstieg flott laufbar, 2 Km vor dem Ziel begrüßen uns die ersten Fans, die ersten Häuser von St. Cergue tauchen auf. Teil 1 ist geschafft. Nur noch 278 Km.

Die Turnhalle für diese Nacht liegt in Sichtweite des Ziels (modern, hell, großzügig), unser Gepäck wartet im Hof auf uns, und nach der Einrichtung des Nachtlagers kann gegen 13.00 die Regeneration beginnen (Duschen, Wäschewaschen, Essen, Massage, Ortsrundgang, Ausruhen).

Um 18.00 Uhr gibt's Abendessen, Rangverkündigung, Einstimmung für den Folgetag und Preisverlosung und danach für die Fußballbegeisterten noch das EM-Endspiel. Die Stimmung ist prächtig. Der Lauf war noch nicht übermäßig anstrengend, das Wetter ist klasse, man hat viel Zeit alte Bekanntschaften aufzufrischen oder neue zu knüpfen. Irgendwie jugendlagermäßig geht's bis jetzt zu.

Tag 2 - Die Angewöhnungsetappe

Der nächste Morgen bietet den ersten Minidämpfer. Nachdem sich alle, die sich am ersten Tag einen Sonnenbrand geholt hatten, heute ordentlich eingecremt haben, beginnt es zu regnen. Zum Start zwar noch ein paar Sonnenstrahlen, aber als wir über Wiesenpfade aufwärts aus dem Ort hinaus laufen, regnet es wieder. Noch ein letzter Blick auf den Genfer See, der durch ein paar verirrte Sonnenstrahlen in zauberhaftes Licht getaucht wird, dann geht's aufwärts. Die reinen Daten klingen heute eher harmlos (+730/-1.021; 47 Km). Aber erstens stimmen die Höhenmeter nicht und zweitens gibt es heute keine Asphaltanstiege, sondern typische Jurapfade. Die werden vom Regen noch zusätzlich eingeseift und von den Vorauslaufenden schön abgerutscht. Das ergibt ein ganz schwieriges Geläuf auf den ersten 20 Km und die unzähligen Wellen, Kuhgatter und sonstigen Erhebungen ziehen mir systematisch die Kraft aus den Beinen.

Die ganzen Ministeigungen zählt der Veranstalter wohl auch bei den Höhenmetern nicht mit. Jedenfalls war die Abweichung zwischen offiziellen Angaben und den Höhenmessungen verschiedener Teilnehmer an diesem Tag mit mehreren hundert Metern am größten.

Zum Lac de Joux geht es dann aber eindeutig bergab und zwar überwiegend auf Asphalt. Der Regen hört auf, die Sonne kommt heraus und sofort ist es unangenehm schwül. Dafür ist der See so natürlich besonders schön - man kann eben nicht alles haben. Am See entlang geht es mehrere Km flach und asphaltiert.

Nachdem die ersten 27 Km meine Muskeln doch nachhaltig erschüttert hatten, konnte ich hier meinen Ultraschlappschritt auspacken und mich wieder einrollen. Später geht es 2 km auf einem wunderschönen Pfad direkt am See entlang, dann bei Km 34 einen kräftigen Stich hoch, weg vom See. Ein paar Km wellig und dann auf Rumpelpfaden runter zum Seeende bei Km 38. Nach der Verpflegungsstelle dort geht es steil bergauf durch den Wald und dann 8 Km lang auf Asphalt und Schotter mit laufbarem Gefälle ins Ziel am Ortsrand von Vallorbe.

Die dortige Turnhalle erfordert einen weiten Fußmarsch vom Ziel. Auch Abendessen und Frühstück gibt es diesmal nicht direkt in der Halle. Zusammen mit der eine Stunde späteren Startzeit und der etwas längeren Laufzeit "fehlen" so am Nachmittag ca. 2 Stunden. Schon etwas ungemütlicher heute. Dafür bietet der Ort einige malerische Ecken und auch mehr Einkaufsmöglichkeiten. So vergeht der Nachmittag heute wie im Flug.

3. Tag - Die Königsetappe - Über den Wolken...

Kurz (37 Km), aber heftig (1380 HM; zwei ausgeprägte Berggipfel); so lässt sich diese Etappe charakterisieren. Man sollte sich nicht der Illusion hingeben, dass die Königsetappe schwierigkeitsmäßig der Höhepunkt des Laufs ist. Der Name bezieht sich wohl auf das Profil, wo die zwei Berggipfel einer Königskrone ähneln. Die wahrlich schweren Etappen kommen ab dem 5. Tag. Wir sind also immer noch beim Einlaufen.

Direkt von Start weg geht es laut Streckenplan aufwärts zum 1. Berg, dem Le Suchet, aber ich finde es geht gar nicht hoch. Entweder fange ich an mich an die Berge zu gewöhnen oder wir sind auf einer anderen Etappe. Es muss wohl ersteres sein, denn auch die Gesichter um mich herum sind heute eher unbekannt, also bin ich wohl weiter vorne gelandet. Nach der ersten Verpflegungsstelle folgen dann doch Steigungen, aber immer noch die gemäßigte Variante. Die 2. Verpflegungsstelle liegt dann in herrlicher Natur, inmitten von Panzersperren, von denen wir uns aber nicht aufhalten lassen.

Die knackige Steigung unmittelbar danach ist schon ein ernsthafteres Hindernis. Wir steigen in steilen Stufen den Suchet hinauf und anschließend an einer Flanke entlang. Weite Ausblicke bieten sich hier - Wolkenfetzen treiben über den Himmel, lassen aber noch immer schöne Durchblicke zu. Dann noch ein kräftiger, steiler Anstieg und oben auf dem Suchet empfängt uns Urs mit einem seiner Kuhliedlein, mit denen er sonst Kühe von der Strecke treibt. Unglaublich, wo sich Urs überall rumtreibt. Vielleicht verrät er uns nächstes Jahr mal seine Abkürzungen. Every hill has a downhill side - also müssen wir jetzt vom Le Suchet wieder runter. Und das absolut heftig. Große Stufen, rutschige Steine, steil und sturzig. Ich war eigentlich der Meinung, ich sei ein guter Bergabläufer, aber jetzt fliegen meine Mitläufer links und rechts an mir vorbei. Trittsicherheit und Mutprobe - so lässt sich das am besten charakterisieren. 5 Minuten verliere ich auf diesem relativ kurzen Stück auf meine Mitläufer, dann rollt es wieder flacher auf die 3. Verpflegungsstelle zu. Noch ein Wort zu den Verpflegungsstellen. Sie sind ausreichend bestückt, aber nicht extrem üppig (Bananen, versch. Trockenobst, versch. Müsliriegel, Tee, Iso, Wasser) Besonders Cola fehlt vielen Läufern. Urs erklärt das Prinzip kurz und einleuchtend: Rivella ist Sponsor und Coca-Cola nicht; also gibt es Rivella und Cola kann man sich jederzeit als Privatverpflegung zu den einzelnen Posten transportieren lassen. So praktiziere ich es auf den langen Etappen und es funktioniert einwandfrei.

Weiter verläuft die Strecke wellig, tendenziell abwärts über 10 Km auf breiten Wegen, Richtung Chasseron. Der Einstieg hinauf erfolgt zuerst sanft steigend. Oben folgen dann einige steile Rampen mit parallel verlaufenden Skiliften, und die letzten 2 Km gehen dann auf dem Kamm hinüber zum Berg. Die Ausblicke von dort oben sind theoretisch phantastisch. Die rechte Seite Richtung Lac de Neuchâtel ist allerdings wolkenverhangen und auch die linke Seite mit dem Jurablick kann ich nicht recht genießen. Die letzte V-stelle habe ich im Eifer des Gefechts überlaufen. Jetzt hat mich schlagartig alle Energie verlassen, die Knie wackeln puddingmäßig, mir ist schwindlig, ich kann mich nicht mehr konzentrieren. Das nennt man wohl einen Hungerast. Eric aus Wiesbaden ergeht es nicht besser und so wandern wir eben gemütlich, wenn auch nicht fröhlich bis zum Restaurant am Chasseron.

Die Betreung dort ist rührend, fast liebevoll (welche Leistungen die Helfer täglich vollbringen schätzt man erst, wenn es einem richtig dreckig geht). Warmer Tee, Müsliriegel und einige Minuten Pause - dann kehren die Lebensgeister zurück. Das ist auch nötig, denn der steile Abstieg über (heute trockene) Wiesen erfordert volle Konzentration. Es folgt noch mal ein flach steigendes Zwischenstück zur letzten V-stelle, dann steil bergab nach Fleurier. Die Pfade sind aber überwiegend laubbedeckt, so dass man eigentlich runterdonnern kann, solange man drauf vertraut, dass sich unter dem Laub nicht irgendwelche Stolperfallen verbergen.

Beim Runterrennen denke ich wieder mal an die Spitzenläufer. Wie die hier noch mal knapp eine Minute je Km schneller als wir runterkommen wird mir ewig ein Rätsel bleiben. Nur wenige Km von seinem Heimatort gewinnt die heutige Etappe Christian Fatton, allerdings nur wenige Sekunden vor Thomas Miksch, der nach zwei Siegen auf den ersten Etappen weiter die Gesamtwertung anführt. Jens Lukas und R. Strosny folgen auf den Plätzen und auch bei den Damen bleibt mit Helena Althaus vor Carmen Hildebrand alles beim alten. Auf Platz 3 taucht hier allerdings mit Sally Marcellus aus Canada ein neuer Name auf. Die springt wirklich auf schwierigen Wegen geradezu unglaublich bergab. Das ist ihr heute sicher zu Gute gekommen.

Nach dem Zieleinlauf werden heute die Photos für die Urkunden geschossen. Das wär schon mal erledigt. Jetzt müssen wir nur noch durchkommen.

4. Tag - Die "mühsamste" Etappe

Das Streckenprofil sieht gar nicht so aus. Die ersten 15 Km flach das Val de Travers entlang nach Noiraigue, dann eine ganz heftige Steigung (aber da werden wir sowieso gehen) danach ein paar Kilometerchen wellig auf der Höhe und dann der obligatorische Schlussabstieg. Das ganze nur 42 Km lang. Sieht fast nach einem Ruhetag aus.

Aber natürlich kennen die Swiss Jura Macher ihren Lauf besser als wir und wenn's nicht schwierig ist, dann machen wir's uns halt selber schwer. Die 15 Km im Tal sind wirklich flach. Also springen wir mal los. Während ich am ersten Tag in Genf die ersten 10 Km vorsichtig im 5:40er - Schnitt angegangen bin, brettern wir die 15 Km jetzt im 5:15 er-Schnitt runter. Unser Selbstbewusstsein ist in den letzten Tagen wohl gestiegen - aber wie immer: Hochmut kommt vor dem Fall. Auf diese Art waren die "Einlaufkilometer" eindeutig nicht erholsam.

Die folgende Steigung ist es auch nicht. Zwar gelingt es mir, wie immer beim Gehen, den Puls zu beruhigen, aber die Steigung ist unerhört lang und steil und die Muskeln, die ich im Tal noch nicht gestresst hatte, gehen jetzt vor die Hunde. Das ist einigermaßen fatal, denn oben folgt wieder ein typisches Jurastück. Wellig, wurzelig, steinig. Kilometerlang im kurzen Wechsel auf und ab. Kaum Möglichkeiten zu gehen, weil man in der Regel die Gegenanstiege noch ein Stück mit Schwung hinaufläuft und dann eben mit letzter Kraft vollends durchdrückt. Man findet eine Stunde lang überhaupt keinen Rhythmus, springt über Baumstämme und wechselt zigmal die

Richtung. Gelegentlich bieten sich noch wunderbare Tiefblicke hinunter ins Tal. Insgesamt ein traumhaftes Stück, wenn es nur nicht so schwer wäre.

Zusammen mit den Anstrengungen der Vortage schafft mich dieses Waschbrettstück völlig und als wir die V-stelle bei Km 23 erreichen, bin ich fertig. Ich esse und trinke reichlich und lasse meine Mitläufer notgedrungen ziehen. Es geht jetzt auf manierlichen Wegen mit laufbarer Steigung bergauf, aber ich muss lange Gehpausen einlegen.

Dazu kommt dichter Nebel auf, die Wegsuche wird zum Abenteuer und ich wanke meinem absoluten Tiefpunkt entgegen. Die "Besteigung" des Mont Racine schaffe ich im Zeitlupentempo und meinem Zeitlupentempo habe ich es wahrscheinlich zu verdanken, dass ich oben sorgfältig nach dem Weg suche und nicht wie viele Andere gleich wieder talwärts strebe. Kaum bin ich die ersten Meter nach links auf dem Kamm gegangen, taucht aus dem Nebel unter mir eine Gruppe auf (verlaufen !), und die meisten meiner Mitstreiter aus dem Wurzelwald sind wieder bei mir. Jetzt muss ich dran bleiben. In der Gruppe geht es viel einfacher durch den Nebel. Gemeinsam helfen wir uns, rufen immer wieder, wenn wir ein Markierungsband finden. Die Angst sich hier zu verlaufen setzt ungeahnte Kräfte frei. Nach dem Kammstück geht es dann viel bergab, zunächst über Wiesen, dann wieder steil und schwierig rutschig durch einen schmalen Taleinschnitt. Der Nebel lässt nach, die Sonne kommt zum Vorschein. Das Schlimmste scheint geschafft. In diesem Zusammenhang ein Wort zur Streckenmarkierung. Prinzipiell hängt ca. alle 200 m und zusätzlich an Gabelungen oder Kreuzungen ein Flatterband. Das Ganze wird von den Markierungstrupps angebracht, die schon früh am Morgen aufbrechen und nachmittags, nachdem alle Läufer durch sind, wieder eingesammelt.

Grundsätzlich kann man sich nicht verlaufen, wenn man aufmerksam ist. Aber wahrscheinlich hat sich jeder irgendwann ein paar Mal verlaufen, weil man nicht 323 Km lang aufmerksam sein kann. Mal starrt man konzentriert auf den Weg, mal genießt man die Landschaft. Mal quasselt man mit dem Nebenmann oder träumt einfach in den Tag hinein. Ich selbst habe mich 4 oder 5 Mal verlaufen. Entweder habe ich kurz darauf in einiger Entfernung die Bänder doch entdeckt oder meine Mitläufer haben mich zurück gepfiffen. Die Solidarität unter den Läufern war auch hier großartig. Und die Qualität der Markierung war es grundsätzlich auch.

Wir müssen nochmals einen langgezogenen Anstieg hoch und dann folgen ca. 5 Km fallend hinunter in die Uhrenstadt La Chaux de Fond. Für Juraverhältnisse fast schon gemütlich. Im Vergleich zu den anderen Etappen das friedlichste Ende, so dass ich mich wieder etwas erholen kann.

Dennoch: zwei Tage hintereinander war ich jetzt, was die Energie anging, an oder über der Grenze. Die Muskulatur macht noch ganz ordentlich mit, nur der linke Oberschenkel ist angeschlagen. Aber da ich mich vom ersten Tag an mittags massieren lasse, werde ich jeden Tag so halbwegs wieder hergestellt. Die 30 Minuten-Massage kostet täglich 10 Euro. Günstig für das was das Massageteam mit unseren Muskeln anstellt. Weitergehende Probleme (Entzündungen, Blasen), die andere Läufer quälen und um die sich Thomas Miksch kümmert, der nicht nur jeden Tag gewinnt, sondern auch als Laufarzt fungiert, sind bei mir bis jetzt ausgeblieben. Aber das Energieproblem muss ich lösen. Also gehe ich von jetzt an zum systematischen Fressen über: Zieleinlauf (so kurz vor 15 Uhr) - einige Becher Rivella - ein Müsliriegel - zwei alkoholfreie Bier - zwei Schinkenhörnchen - ein Beutel Pistazien und eine Handvoll Gummibärchen hauchen von jetzt an jeden Tag ihr Leben aus - dann wird es um 18 Uhr Zeit zum Abendessen (im Startgeld enthalten; durchaus schmackhaft und incl. Suppe und Salat auch mengenmäßig i.O.) und als Nachtisch gibt's dann die restlichen Gummibären.

5. Tag - Die Kaiseretappe - Der ganze Lauf in einem Tag

Die Stimmung am nächsten Morgen ist gedämpft. Die Müdigkeit schlägt langsam durch und der Respekt vor der längsten Etappe steht in allen Augen. Ca. 2 Km geht es zurück auf der Vortagesstrecke, dann wunderschön ansteigend über Wiesenpfade und Hochtäler hinauf zur 2. Verpflegungsstelle am "Vue des Alpes" (Km 8, 250 Hm). Die Alpen sehen wir zwar nicht, aber es ist schön sonnig heute morgen.

In fröhlicher Stimmung geht es deshalb über die Jurahochfläche dahin. Herrliche Pfade, gut zu laufende offene Wiesen und breite Schotterwege. Nach der hektischen Springerei gestern hat sich das Läuferfeld heute früh auseinandergezogen. Ich laufe von Anfang an mit Andy aus Zürich, der den selben Rhythmus hat, Gefälle zügig, aber nicht halsbrecherisch hinabläuft und immer wieder an den selben Steilstücken in den Gehschritt wechselt. Bis Km 20 geht es viel abwärts, dann beginnt der 10 Km lange Anstieg zum Chasseral. 700 Hm sind zu erklimmen, zunächst noch breite Schotterwege, dann steil bergauf über einen Skihang und schmale Pfade. Je mehr wir uns anstrengen müssen um den Kulminationspunkt zu erreichen, um so garstiger wird auch das Wetter. Am Steilhang umhüllt uns wieder dichter Nebel, kurz darauf beginnt es sogar kurz zu regnen und so sind wir froh, dass die letzten beiden Km hinauf zum Turm auf dem Chasseral über die Asphaltstrasse führen.

Den mächtigen Turm sehen wir erst, als wir ca, 50 m davor stehen. Wir kämpfen eine Weile mit dem Baustellenband, mit dem der Turm abgesperrt ist, bis wir erkennen, dass es sich dabei nicht um die Streckenmarkierung handelt.

Jetzt sind es noch 20 Km bis Biel. Überwiegend bergab, knapp 1200 m fallend, also fast ein Spaziergang - wenn wir nicht beim Swiss-Jura-Marathon wären. Die nächsten 7 Km fallen eher mäßig (300 Hm), es gibt kaum Steilstellen, aber es gibt jede Menge Matsch, Schlamm, Schlick und Kuhfladen. Diese Mischung macht ein ordentliches Laufen richtig schwer. Wenn man kräftig abdrückt, glitscht der Fuß haltlos zur Seite, wenn man zu lange Schritte macht, schliddert man bei der Landung unkalkulierbar in eine Richtung, in die man ganz sicher nicht wollte und selbst mit kleinen Sicherheitsschritten eiert man wild durch die Gegend.

Mit einem Wort es ist mühsam und wieder ein Beweis, dass man weder aus Höhenangaben noch aus dem Profil voreilige Schlüsse über Kraftverschleiß oder Laufzeiten ziehen sollte. Hat man dann die nächste Verpflegung bei 38,5 KM erreicht, folgt viel Asphalt und Kies, dafür jetzt aber richtig steil (durchschnittlich 10% auf den nächsten 7 Km), was unseren angeschlagenen Muskeln auch nicht behagt. Da gefallen uns die gelegentlichen Zwischensteigungen schon besser, weil wir so eine schöne Entschuldigung für schonende Gehpausen haben.

Endlich sehen wir weit unten Biel liegen. Waldwege wechseln mit kurzen Passagen durch vornehme Wohngebiete. Über schmale Pfade schlängeln wir uns am Hang entlang Richtung See. Wir queren die Bahn, die nach Magglingen hinaufführt, passieren die Kapelle und dann liegt endlich der Bieler See unter uns.

Wir entschließen uns doch zu einem Endspurt, da Gewitterwolken und Donnergrollen die nächsten Schauer ankündigen. Noch ein schmaler Pfad an steilen Felsen entlang und dann fallen wir über eine steile Treppe hinunter ins Ziel, direkt an der Schiffsanlegestelle am Bieler See. 53 Km haben Andy und ich heute gemeinsam gekämpft und uns gegenseitig aufgebaut. Sowohl vom Wetter als auch vom Profil und der Wegbeschaffenheit war heute alles geboten. Eigentlich brauchen wir keine weiteren Etappen; heute war alles drin. Die Etappe hatte es in sich.

7 Läufer mussten aufgeben; eine ganze Reihe werden wegen Zeitüberschreitung zu den Finishern versetzt und auch in der Gesamtwertung bei den Frauen ändert sich einiges. Die bisher deutlich Führende Helena Althaus (CH) büßt auf Carmen Hildebrand fast eine halbe Stunde und ihre Führung in der Gesamtwertung ein. Auch Sally Marcellus aus Canada muss den Anstrengungen Tribut zollen und tauscht ihren bisherigen 3. Platz mit Martina Juda (I).

6. Tag Die Durchsteh-Etappe

Die heutige Etappe ist wieder richtig kurz (nur 49 Km), weist dafür aber die meisten Höhenmeter auf (zumindest nach offiziellen Angaben ). Aus Biel hinaus begleiten uns Polizeimotorräder, dann geht's am Zoo vorbei kräftig bergauf nach Plagne.

Heute habe ich mich zu einem Wettrennen mit Eric von "Passt schon 98" verabredet. Ca. 3,5 Minuten liegt er nach 5 Tagen vor mir, wir haben uns beide zu unserem Ehrgeiz bekannt und kämpfen um das wichtige Ziel, wer von uns den 27. Rang belegen wird (beim 27. Rang endet die erste Seite der täglichen Ergebnisliste und wir wollen eben auf der ersten Seite stehen). Da ich immer schneller angehe als Eric, bin ich schon überrascht, als er schon an der 2. Verpflegungsstelle nach 15 Km an mir vorbeieilt

Zumindest was denn Ehrgeiz angeht ist er mir heute absolut gleichwertig. Zwischen der zweiten und vierten VS (so ungefähr) folgt ein wunderschöner Streckenabschnitt. Ein Kammweg über die erste Jurakette. Tolle Blicke nach beiden Seiten. Rechts schlängelt sich die Aare durch die Ebene. Man erkennt Solothurn. Das Ganze wirkt noch schöner (dramatischer) weil wir wieder fast in den tiefhängenden Wolken verschwinden. Die Wolkenfetzen rahmen die Ebene sozusagen ein.

Sehr viel Zeit zum Schauen haben wir allerdings nicht, denn der Weg ist auf dieser Passage wieder mal gelinde gesagt technisch anspruchsvoll. Ein richtig netter Felsenpfad wieder, auf und ab in schlecht laufbaren Stufen (und beim Springen ist die Muskulatur langsam doch widerwillig), dazwischen Matsch, ein wenig Feuchtigkeit aus den Wolken - also wieder richtig schwer. Nach einer kurzen Nebelpassage wird dann aber fast alles gleichzeitig besser. Die Sonne scheint golden und warm, die Wege werden breit und die Steigungen bzw. Gefälle bewegen sich viele Kilometer lang im unteren einstelligen Prozentbereich.

Natürlich wären wir nicht im Jura, wenn nicht mal ein unfairer Anstieg, ein Wurzelpfad oder ein bis zwei Kilometer Matschrutscherei dazwischen gestreut wären, aber insgesamt geht es zivil zu. So ziehe ich einen gleichmäßigen Schritt und irgendwann ziehe ich mich auch ganz langsam an Eric ran. Er hat aber immer noch ein gutes Tempo drauf und da ich auch noch mal Steine aus den Schuhen holen muss, hat er an der letzten V-stelle immer noch 2 Minuten Vorsprung. Es folgt noch mal ein richtiger Hammeranstieg in Serpentinen auf einen Felskamm hinauf und dann geht's bergab. 600 Hm auf 2 Km.

Wenn ich ihn mit Laufen nicht erwische, dann eben mit Risiko. Carmen Hildebrand, die Führende bei den Frauen, erklärt uns zwar beide für verrückt, als wir im Minutenabstand an ihr vorbeidonnern, aber es macht einfach Riesenspaß, auch wenn es objektiv unvernünftig für die Muskeln und wahrscheinlich sogar gefährlich ist, was wir da treiben. Aber der Zweck heiligt die Mittel, mit den Beinen renne ich was geht, mit den Armen bremse ich etwas an den Büschen und genau am Ende des Gefälles habe ich Eric erreicht. Wir freuen uns beide, wie gut wir durchgekommen sind, erklären den Zweikampf für heute für unentschieden und traben den letzten Kilometer gemeinsam durch den Ort zum Ziel an der Hauptstraße des malerischen Ortes.

Beim Abend-essen wird es dann richtig ernst. Alle die mehr als 7.15 Stunden gebraucht haben, werden zu den Finishern versetzt. Einige langsame Finisher dürfen morgen nicht mehr die komplette Strecke laufen. Der Druck steigt, die Wehwehchen nehmen zu und die Müdigkeit steht mittlerweile in fast allen Gesichtern. So ganz viel ist nicht mehr übrig von der Jugendlagerstimmung des ersten Tages.

7. Tag Die "ich will nach Hause" -Etappe

Man soll nie meinen, wenn es einem abends vor dem Einschlafen gut ging, dass das auch am nächsten Morgen noch so sein muss. Ich bin unbeweglich, unleidig und müde heute morgen. Strömender Regen beim Aufstehen um 6. Die erste Garnitur Kleidung ist bereits nach dem Marsch zum Frühstück durchnässt. Die Finisher, die immer zwei Stunden vor uns losziehen, müssen mal wieder im Regen starten. Ich will nicht mehr laufen. Ich will heim.

Beim Start ist es wieder trocken, aber meine Lauflust für heute ist eindeutig abgekühlt. Sauber nach Basel und gut ist's. Die ersten 2 Km flach, dann geht's zum letzten Mal in die Berge. Zwischen VS 2 und 4 wieder schöne Wurzelanstiege und Kammwege über Stock und Stein, aber der Rest ist brav.

Man merkt doch die nahende Zivilisation. Ab Km 17 geht's tendenziell abwärts. Ich treffe wieder auf Eric und an einer der nächsten Verpflegungsstellen hören wir: "Der Heinz ist schon 11 Minuten vor euch." Wir wollen zwar wirklich ganz gemütlich laufen, aber das gefällt uns dann doch nicht. Jetzt sind wir eine ganze Woche lang gerannt, haben 11 bzw. 14 Minuten Vorsprung vor Heinz (Gollner) herausgelaufen und jetzt will der uns die an einem einzigen Tag wieder abnehmen. Können wir eigentlich nicht zulassen. Aber Gott sei Dank kommt noch mal ein langes, kräftiges Bergabstück zwischen Km 38,5 und 43. Ein letztes Mal gönnen wir uns den Spaß und brettern ohne Rücksicht auf Verluste runter. Eric hält mit. Auch als wir die Ebene entlang laufen, zuerst an der Birs, dann am Rhein entlang motivieren wir uns gegenseitig. Die Strecke schleicht sich an den Flüssen in die Großstadt hinein. Erst ganz zum Schluss muss man eine Straße queren. Da hatte ich einen unangenehmen Orientierungslauf befürchtet.

Von weitem schon sieht man das Münster; kann sich langsam heranziehen. Ich ziehe mich noch viel langsamer heran, denn jetzt ist der Akku wirklich leer. Zum Münster muss man einen kleinen Anstieg hinauf, Gelegenheit zur letzten Gehpause und dann stehen da plötzlich ganz viele Zuschauer, letzte Anfeuerung, erste Gratulationen und ich bin durch. (Und Heinz hat uns nur 8 Minuten abgenommen.)

Ich war mir vorher nicht sicher, ob ich's schaffe. Ich hätte nie geglaubt, dass ich so schnell sein werde. Eigentlich bin ich jeden Tag über meine Verhältnisse gelaufen, aber als es zwei, drei Mal gut gegangen war, hab ich's eben jeden Tag weiter probiert.

Ich bin dankbar, dass ich dabei sein konnte. Herzlichen Dank an Urs Schüppach und seine Truppe, die von der Verpflegung über die Streckenmarkierung, die Organisation der Unterkünfte und, und, und ....eine wirkliche Meisterleistung vollbringen.

Nach der letzten, wie immer herrlich warmen Dusche, gab es ab 16 Uhr, in einem Hotel am Münsterplatz, einen von der Stadt Basel gesponserten Imbiss und anschließend noch die abschließende Siegerehrung.

Die Zeitverschiebungen auf den letzten Etappen waren teilweise enorm. Auf den Treppchenplätzen gab es aber keine Änderung mehr. Bei den Damen war Carmen Hildebrand in 34:33 Stunden erfolgreich. Auf den Plätzen folgten Helena Althaus (Ch) und der Südtirolerin Martina Juda. Bei den Herren gewann T. Miksch 6 von 7 Etappen und damit auch ganz sicher die Gesamtwertung in 26:28 Std.. Der Zweite Jens Lukas war nie ganz vorn, aber immer vorn dabei. Der Dritte, C. Fatton powerte mit viel Kraft durch die heimischen Juraberge. Rene Strosny, der in Basel als Zweiter einlief, kam ihm noch bis auf 6 Minuten nahe. Aber ganz reichte es für Rene nicht mehr aufs Treppchen. Die Ergebnisliste (www.swissjuramarathon.com) erzählt naturgemäß ganz viele Geschichten. Unheimlich gleichmäßige LäuferInnen, schlimme Einbrüche, wundersame Wiederauferstehungen und insgesamt auch 15 Läufer, die aufgeben mussten und 4, die auf einer Teilstrecke nicht die gesamte Strecke liefen. Insofern hielt natürlich auch die überragende Stimmung vom ersten Tag nicht die ganze Woche über, aber die Gemeinschaft in der Läufergruppe war trotzdem einmalig.

Für mich war es eine wunderschöne Laufwoche. Ich hoffe ich kann nächstes (Trailvariante ohne Wettkampfcharakter) oder übernächstes Jahr wieder dabei sein.


© Norbert Rößler , 1. August 2004
Norbert.Roessler@iwka-bkt.de

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