Tritt ein, bring Glück herein

Stop, leider geschlassen!

 

Laufgeschichte Ruhrgebietsfussball - Ultramarathon beim Steppenhahn (11.2004)

Zufälliges Zitat

"As long as you keep making RFM (Relentless Forward Motion), you will finish."

Stacey Page

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Tobias Lagemann , 11. November 2004

Ruhrgebietsfussball

Tarahumara

"Wäre schon, wenn du nachher am Platz stehst", sage ich zu meiner Freundin. Sie sagt nichts, sie blättert nur durch ihre Zeitschrift. Seit ich ihr von der Sache erzählt habe, die Eric und ich vorhaben, ist sie so. "Das ist doch bekloppt, was ihr da vorhabt", hat sie damals gesagt, "das ist einfach total bekloppt." Und daran hat sich nichts geändert.

"Und, biste fitt?" fragt Eric mich, als ich in seinen Wagen steige.

"Klar..."

"Hör ich da ein aber?" fährt Eric aus der Parklücke.

"Ein und hörste."

"Und was für ein und ist das?"

"Ein und bekloppt."

"Oh je, du Armer, hat sie's noch immer nicht kapiert?"

"Doch", sage ich zu meiner eigenen Überraschung, "sie kann das bloß nicht zugeben!"

"Prima", nimmt Eric die Ampel an der Kreuzung meiner Straße bei gelb. "Das lässt hoffen!"

Wir fahren dann erstmal die nächste Tankstelle an. "Komme gleich wieder", sagt Eric nur und holt den Ball aus dem Kofferraum. In einer Ecke legt er den Ball auf den Boden. Ich rechne schon mit einem gut gezirkelten Eckstoss, aber da habe ich mich verrechnet. Eric pumpt den Ball bloß auf. Zurück am Wagen drückt er mir die Lederkugel in die Hand. "Jetzt kann es losgehen", sagt er.

Wir holen dann den Coach ab. "Also wirklich, Jungs, ich find das Klasse, dass ihr mich dabei haben wollt", sagt der. Der Coach ist unser alter Sportlehrer, längst pensioniert, aber heute hat er wieder eine Trillerpfeife um den Hals hängen. Er wird uns in dieser Nacht coachen.

"Coach, sie waren der Beste den wir hatten", sagt Eric.

"Und sie sind der Beste für das, was wir vorhaben", sage ich.

"Jungs, ich danke euch."

Wir sind dann schnell am Westfalenstadion. Vom Coach bis zur B1 ist es nicht weit, und jetzt, um kurz vor neun am Samstag, ist auf der nicht mehr viel los.

"Ich hab übrigens noch den Udo angerufen", sagt der Coach, als er die Abfahrt Richtung Westfalenstadion nimmt.

"Welchen Udo?"

"Mein Neffe ist das, also mein Großneffe..."

"Und warum?"

"Der ist bei 'ner Zeitung, der möchte was über euch schreiben", sagt der Coach.

Eric und ich schauen uns an. Als wir damals auf die Sache gekommen sind, waren wir uns einig, wir machen das nur für uns. Nix Fernsehen, nix Zeitung. Wir wollten zu keiner Meldung unter Vermischtes werden.

"Der Udo ist okay..."

"Coach", sagen Eric und ich zugleich.

"Ja, Jungs?"

"Keine Presse!"

"Aber es ist nur der Udo, mein Großneffe, der ist okay."

"Rechts ran, sofort!" Eric und ich sind uns wieder einig.

Der Coach macht eine Vollbremsung, bleibt einfach auf der Straße stehen. Ein Taxi schlittert hupend an uns vorbei, der Fahrer winkt mit der Faust. "Der Udo hat mir versprochen, er schreibt den Artikel und dann gibt er ihn euch, und nur wenn ihr sagt, dass das okay ist, dann gibt er den seinem Chefredakteur weiter", sagt der Coach.

"Kriegen wir das schriftlich?"

"Ihr habt mein Wort", sagt der Coach.

"Das reicht uns", sage ich.

Der Coach ist der einzige Sportlehrer unserer langen Schulkarriere gewesen, bei dem Eric und ich gerne Sport gemacht haben. Beim Coach haben wir neben sehr viel Technikkram vor allem eines gelernt, Sport muss Spaß machen. Obwohl in der Oberstufe Fußball unsere Hauptsportart gewesen ist, hat uns der Coach alle vier Wochen einfach mal machen lassen. Eric und ich sind gelaufen, immer um den Platz, Runde um Runde, während andere aus der Klasse Basketbälle in Körbe gelegt oder mit Badmintonschlägern um sich geschlagen haben. Am Ende des Schuljahres hat der Coach dann Noten für den Spaß vergeben, denn wir bei unserem einfach machen gehabt haben. "Auch Spaß verdient ein sehr gut", hat der Couch gesagt. So einem Menschen muss man einfach vertrauen.

Der Neffe vom Couch erweist sich dann als echt netter Typ. "Also Jungs, ihr seid ja voll bekloppt", sagt er, da sind wir noch gar nicht aus dem Wagen raus.

"Du, sagt meine Freundin auch, möchtest du sie heiraten?" frage ich.

"Sieht sie gut aus?"

"Klar."

"Dann heirate sie mal besser selber", grinst der Udo.

Zehn Minuten später sind wir soweit. Eric und ich stehen in unseren Trikots am Anstoßpunkt. Vor uns der Ball. Der Coach steht rechts von uns, in kurzer schwarzer Hose und einem schwarzem Sweatshirt. Damit ist er nicht nur unser Coach, er ist auch unser Schiri. Und Udo steht links von uns, in der Hand eine Kamera. Er macht den Delling.

"Will noch einer was sagen?" fragt Udo.

"Das Spiel dauert 90 Kilometer", sagt Eric.

"Vor dem Spiel ist schöner als nach dem Spiel", sage ich.

"Quatscht nicht so dummes Zeug", lacht der Coach. Nach einem letzten Blick auf die Uhr pfeift er das Spiel an.

Den Anstoß haben wir vorher ausgelost. Ich habe gewonnen, also trete ich als erster gegen den Ball. Er rollt über den Parkplatz. Und dann beginnen Eric und ich zu laufen, dem Ball hinterher. Wir lassen das Westfalenstadion schnell hinter uns zurück. Vor uns liegen 90 Kilometer durch das Ruhrgebiet.

Als wir damals auf diese Sache gekommen sind, war uns klar, dass das nicht so einfach werden würde. Die einzelnen Anspielstationen hatten wir schnell zusammen, Am Westfalenstadion muss es losgehen, etwas anderes kam für uns als Dortmunder Jungs nicht in Frage, über das Ruhrstadion, das Lorheidestadion, dem Ernst-Kuzorra-seine-Frau-ihr-Stadion und dem Georg-Melches-Stadion sollte es über das Stadion Niederrhein zum Abpfiff vor der neuen MSV Arena gehen.

Als wir dem Coach von der Sache erzählt haben, hat der uns für bekloppt erklärt. "Jungs, ist ein echt prima Einfall, aber wie wollt ihr zu euren Anspielstationen kommen?"

"Laufend, und dabei treiben wir den Ball vor uns her..."

"Das erzählt ihr mir jetzt schon zum dritten Mal, aber über welche Straßen? In Abseitsfallen werdet ihr wohl kaum rennen, aber in Sackgassen. Und auch wenn euch kein Verteidiger stoppt, irgendwann ist da eine rote Ampel!"

Als Antwort haben wir dem Coach unsere Karte auf den Tisch geknallt. Mit Rot hatten wir eine Strecke markiert, die Hauptstraßen weitestgehend mied und auch Wohngebiete nur dort schnitt, wo es gar nicht anders ging. "Der Pott ist ziemlich grün", haben wir dem Coach gesagt.

"Ihr auch, ihr auch, Jungs, aber hinter den Ohren", hat der Couch den Kopf geschüttelt, sich dann aber von uns erklären lassen, wie wir uns das gedacht haben. Als er dann hörte, dass wir die Route schon mit Fahrrädern abgefahren waren, lobte er uns. "Gute Vorbereitung ist alles."

Trotz unserer guten Vorbereitung starten wir mit einem katastrophalen Fehlpass: Wir verlaufen uns. Nachts sind irgendwie alle Straßen grau. Und auch wenn wir die einzelnen Teilstücke zwischen den Anspielstationen inzwischen nicht nur abgefahren sondern auch schon teilweise abgelaufen sind, jetzt, in der Nacht, sieht alles so anders aus. Wir kommen dann mit knapp einer halben Stunde Verspätung am Ruhrstadion an. Und wäre da nicht die Trinkhalle gewesen, wir hätten ganz schön Durst. Aber dieses dichte Netz von Buden, Trinkhallen und Tankstellen ist ja Bestandteil unserer Idee. Fast an jeder Ecke können wir uns mit Getränken und kleinen Happen versorgen, beinahe rund um die Uhr.

Trotzdem ärgert uns das Verlaufen. So wird das Spiel in die Verlängerung gehen. "Na, hoffentlich machen die vom VfL das in der nächsten Saison besser als wir."

"Die machen das schon, der Neururer ist ein guter Coach."

"Apropos Coach?" fragt der Eric. "Wo isser denn?"

Wir kicken den Ball langsam vor uns her, schauen uns dabei um. Irgendwo muss der Coach stehen. Als Treffpunkt war das Ruhrstadion ausgemacht. Dann blitzt Udos Fotoapparat auf.

"Mal nicht so lahm, stürmt!" ruft der Coach.

"Wir stürmen doch", traben wir zum Wagen.

"Wolltet ihr nicht schon vor einer halben Stunde hier sein?" verlangt der Couch nach einer Antwort.

"Wir mussten erst den Abwehrriegel knacken!"

"Gemeckert wird nicht! Auf Meckern steht Gelb. Aber ich belasse es bei einer Verwarnung", sagt der Coach mit absolut bundesligatauglichem Schirigesicht.

"Wollt ihr was essen, was trinken?" fragt Udo und macht den Kofferraum auf. Da wartet unser Pausentee auf uns.

"Ein Mal Fritten rot-weiß", sagt Eric.

"Gibt's erst in Essen..."

Das Anlaufen klappt nach der Pause recht gut, noch haben wir ja auch nicht so viele Kilometer gemacht. Nach der Pause in Wattenscheid am Lohrheidestadion sieht das schon anders aus. Auch wenn wir in den letzten Wochen das Laufen mit Ball immer und immer wieder geübt haben, es ist was völlig anderes, ob man nun mal nur eine Stunde einen Ball vor sich hertritt oder das stundenlang macht. Und dazu noch ein paar Stunden Balltreterei vor sich hat.

Den Weg hoch nach Gelsenkirchen und Dem-Ernst-Kuzorra-seine-Frau-ihr-Stadion finden wir auf Anhieb. Und jetzt, weit nach Mitternacht, sind die Straßen so leer, dass wir manche Ampel bei Rot nehmen. Wir wagen es auch, den Ball mal richtig weit weg zu kicken. Autos sind kaum noch unterwegs.

"Jungs, ihr seht gut aus", begrüsst uns der Coach.

"Wo ist der Lattek?"

"Wer?"

"Großneffe Udo."

"Der holt euch gerade was..."

"Sind wir zu früh?"

"Nein, aber wir haben gedacht, ihr hättet euch verlaufen..."

"Warum sollten wir, wir haben doch einen Plan", sagt Eric und klopft auf die Karte, die in seiner Bauchtasche steckt.

"Naja, wegen dem hier", deutet der Coach nach hinten auf die Arena Auf Schalke. "Hat schon manchen Dortmunder gegeben, der das nie gefunden hat."

"Nicht für gut befunden, heißt das doch."

Da ist auch schon der Udo da. "Ihr seht gut aus, Jungs."

Wir sagen nichts, wir finden einfach, dass das Bier in seinen Händen verdammt gut aussieht. Und es ist alkoholfrei. Das passt doch perfekt.

"Und auf was trinken wir?" frage ich den Eric.

"Darauf, dass Dortmund Meister wird!"

"Auf die Borussia!"

"Prost!"

In Essen gibt es keine Fritten rot-weiß, dafür aber das Georg-Melches-Stadion. "Wollt ihr kalte Fritten?" fragt der Coach.

"Wir wollen ankommen", sagen wir. Uns stecken die Kilometer nun wirklich in den Knochen. Und nun, mitten in der Nacht, kommt noch die Müdigkeit dazu. Eine Müdigkeit, die man in dem Stadion kennt. Die großen Zeiten von RWE sind schon eine ganze Weile vorbei.

"Wie sind die Spielbedingungen?" fragt Udo.

"Der Platz ist gut bespielbar. Nur der Wind macht uns zu schaffen", deute ich auf die flatternde rot-weiße Fahne am Stadioneingang. "Die Pässe kommen nicht immer an."

"Haltet den Ball flach, kurze Pässe", rät der Coach.

Nach zehn Minuten Pause geht es weiter, vorbei am Trainingsgelände an der Hafenstraße laufen wir Richtung Oberhausen. Wir lassen uns Zeit, schonen unsere Kräfte für die Schlussoffensive. Irgendwann beginnt dann der Morgen zu dämmern.

"Wie spät ist es?" stöhnt Eric.

Ich stöhne bloß etwas unverständliches zurück.

"Mhm, okay."

Auf Oberhausen haben wir uns schon bei der Planung total gefreut, nicht nur, weil die RWO letzte Saison fast in die Bundesliga aufgestiegen ist. Die Namen der Fankurven haben es uns angetan. Da gibt es die Emscherkurve und die Kanalkurve. Wenn man wie Eric und ich zwischen Emscher und Dortmund-Ems-Kanal groß geworden ist, dann fühlt man sich sogar fern der Dortmunder Heimat am Stadion Niederrhein Oberhausen beinah heimisch.

Wir fühlen uns da dann fast schon zu heimisch. Der Coach muss uns nach einer halben Stunde anschnauzen. "Und jetzt raus, Jungs, geht auf den Platz und zeigt es allen. Ich will euch siegen sehen!"

"Ähm", mache ich.

"Raus mit euch, geht auf den Platz, kämpft!"

Eric und ich klettern müde aus dem Auto. Es ist nicht mehr weit bis zum Schlusspfiff, das wissen wir. Aber es gibt Spiele, da sind die Beine am Ende schwer wie Blei. Und wir haben dazu noch diesen wie mit Blei gefüllten Balls. Ja, so fühlt er sich an, unser Ball. Wenn wir gegen ihn treten, dann rollt er nur langsam von uns fort. Und der Fuß, mit dem wir gegen ihn getreten haben, der schmerzt. Das wir auf einen Spielabbruch hoffen, weil uns irgendwer den Ball klaut, sagen wir dem Coach nicht. Das Spiel dauert eben 90 Kilometer.

In Duisburg optimieren wir dann die Strecke. Eigentlich wollten wir ja die Fußgängerzone meiden, dann aber gehen wir doch da durch. Ja, wir gehen, an Laufen ist jetzt nicht mehr zu denken. Irgendwann geht dann dieser kleine Junge neben uns.

"Was macht ihr denn da?" fragt der.

"Wir spielen Fußball."

"Hier?"

"Also jetzt, ja, aber wir haben schon im ganzen Ruhrgebiet gespielt."

"Klasse, das will ich auch mal. Fußball spielen im Ruhrgebiet. Gibt da richtig gute Vereine, die besten der Welt!"

Ach, das macht uns stolz. Deshalb haben wir die Sache doch gemacht, zu Ehren und in Gedenken und für die Zukunft des Ruhrgebietsfußballs.

Mehr als zwölf Stunden nach Spielbeginn endet unser Spiel dann mit dem 90. Kilometer. Den Fehlpass zwischen Westfalenstadion und Ruhrstadion haben wir längst durch zahllose Traumpässe und Steilvorlagen vergessen gemacht. Hinter uns liegen mit der Borussia Dortmund, dem VfL Bochum, der SG Wattenscheid, mit Schalke, Rot-Weiß Essen und Rot-Weiß Oberhausen 100 Jahre Fußballgeschichte. Als dann im Schatten der neuen MSV-Arena des Meidericher Sportvereins der Schlusspfiff ertönt, fallen Eric und ich uns in die müden Arme. Und mit einem Mal ist auch meine Freundin da, sie sagt "Du bist bekloppt, du."

Ich sage nichts, ich freue mich einfach nur. Über den Ausgang des Spiels, darüber, dass meine Freundin da ist, über den Coach, der uns so gut gecoacht hat, und über den Udo, der hoffentlich Wort hält und nix über dieses Spiel schreibt.


© Tobias Lagemann, 11. November 2004