Uli Schulte , 03. Oktober 2005
Deutschlandlauf 2005 von der Insel Rügen nach Lörrach
Ein Versuch, das Unbeschreibliche zu beschreiben
Von Uli Schulte, Betreuer und Etappenläufer
Wie ich zum Deutschlandlauf (DL) kam...
Als ich
im Sommer 2004 Ingo Schulze in Erkrath traf, bekundete ich mein
Interesse am DL. Einige Wochen später fand ich meinen Namen in
der Betreuerliste wieder. Ich musste nur noch meinen Urlaub anmelden
- und schon war ich dabei.
Internationalität...
Am Start waren 68 Läufer aus 9 Ländern: Neben Deutschland
waren Italien, Frankreich, Niederlande, Luxemburg, Schweiz, Türkei
und die USA vertreten. Die Umgangssprachen waren Deutsch und
Englisch, und zum Ende hin verstand ich sogar die meisten "nicht
- norddeutschen" Dialekte. An die 100 Menschen bewegten
sich laufend und helfend gemeinsam durch Deutschland von Nord -
Ost nach Süd West. 17 lange Tage und 1200 weite Kilometer. Unter
all den Leuten aus verschiedenen Ländern und auch
unterschiedlichem Lebenshintergrund herrschte während des Laufes
überwiegend eine starke Einheit. Die gemeinsame große
Herausforderung "Ich will nach Lörrach" schmiedete
uns zusammen.
Landschaften
und Mentalitäten...
Die zwischen 53 und 94 km langen Tagesetappen führten durch 6
Bundesländer: Mecklenburg - Vorpommern, Brandenburg,
Sachsen - Anhalt, Thüringen, Bayern und Baden -
Württemberg. Im Norden die flache, weite Landschaft,
hanseatisches - und Küstenflair bei Land und Leuten.
Kilometerlange, schnurgerade Alleen, nie sah ich soviel Bäume an
Straßen. Viele Kilometer Eichen, Birken oder auch voll
behangene Obstbäume. Straßen, zum Teil noch aus der
Römerzeit oder gar von den alten Germanen? Eine harte
Herausforderung für Autoreifen und Laufschuh! In Sachsen -
Anhalt wurde die Landschaft hügeliger und die Stimmung der
Einwohner deprimierter, nach Thüringen hin nochmal gesteigert.
Das Thema Arbeitslosigkeit war allgegenwärtig: am Betreuerstand
und abends in der Kneipe. Heruntergekommene Orte, die Erinnerungen
aus meiner frühesten Kindheit in den 50 er Jahren aufsteigen
ließen wechselten ab mit phantasievoll wieder aufgebauten und
restaurierten Städtchen. In Bayern dann wird es gediegen, noch
mehr in Baden - Würtemberg. Biergegend und dann
Weingegend. Der sichtbare Wohlstand und der vermutete Fleiß
drückt sich überall aus, leider auch in der Mentalität
vieler Autofahrer: Die Straßen werden zu Rennstrecken, fast
schlimmer, als im "wilden Osten". An einem Tag mussten 3
Läufer in den Graben springen. Die Stecken an den Bundesstraßen
werden von den Läufern gehasst. Geliebt werden die ruhigeren
Nebenstrecken sowie die Radwege, da man sich hier nicht auf's
Überleben, sondern auf's Laufen konzentrieren kann. Eine der
landschaftlich schönsten Etappen ist die letzte: Von Feldberg
nach Lörrach bietet die Ultrastrecke alles, was das Herz
begehrt, vom Anspruchsvollen Berglauf über den Trail bis hin zum
Flusslauf auf dem Fernradweg. Als Etappenläufer bin ich selbst
die 1., die 9. und die 17. Etappe mitgelaufen und konnte somit einen
guten Eindruck von den unterschiedlichen Beschaffenheiten der
Laufstrecken gewinnen.
Unterkunft
mit Vollpension...
Geschlafen wurde ausschließlich in Turnhallen und Festsälen.
Manche Hallen waren sehr klein und eng wie Sardinenbüchsen. Da
lag man dann dicht aneinander, und keiner konnte sich über
fehlende Nähe beklagen. Wer zuerst da war, konnte sich eine der
begehrten Turnmatten ergattern. Die letzten hatten das Nachsehen und
mussten mit dem harten Boden vorlieb nehmen. In diesen Wochen lernte
ich jeden kleinen Luxus schätzen: eine Matte zu haben, ein
Eckchen mit wenig Durchgangsverkehr (man stelle sich vor, 100 Leute
müssen in der Nacht mindestens ein mal zur Toilette!). 50 cm
Freiraum zur Rechten und zur Linken wurde als viel Privatsphäre
empfunden. Ein große Halle mit viel Platz für jeden sowie
mehreren Toiletten und Duschen, das ganze noch modern: das war schon
der Hit! Um 4.00 Uhr Wecken, Frühstück um 5.00 Uhr und um
6.00 Uhr der Start der ersten Gruppe. Die Langsamen laufen dann den
ganzen Tag bis zum Abend, futtern schnell was, richten ihr Lager in
der Halle her und versuchen zu schlafen. Am nächsten Tag dann
wieder das selbe. So unterschiedlich wie die Quartiere war auch das
Essen und das Trinken. Wir kennen jetzt alle Biersorten von Nord -
Ost nach Süd - West! Das Essen war immer gut, aber
manchmal auch Spitze! Highlights waren sicherlich die Verpflegung an
einem Ort in Süddeutschland, wo es nach einem phantastischen
Abendessen am nächsten Morgen ein super Frühstück mit
selbstgemachter Marmelade vom Feinsten gab. Dazu alles liebevoll
garniert - incl. Blumen auf den Tischen. Klasse war auch der
Abend im China - Restaurant, das wir ganz für uns allein
hatten und bei dem selbst ich nicht alle Gänge schaffte! Auch
tagsüber ließ die Versorgung an den alle 10 Kilometer
aufgestellen Verpflegungsständen nichts zu wünschen übrig.
Von Salzgebäck über Süßigkeiten, belegte Brote,
Obst und Gemüse war alles zu haben. 8 verschiedene Getränke
standen immer zur Auswahl: Cola, Wasser mit und ohne Kohlensäure,
Eistee, Apfelsaft, Isostar, Orangensaft und Milch. Oft gab es auch
noch verschiedene Sorten Bier oder warme Suppe. Aber das waren
Privatinitiativen...
Das
Betreuerteam...
Ein Lauf kann unter Anderem dann zum Erfolge werden, wenn die
Mitarbeitermannschaft gut funktioniert und es wenig Reibungsverluste
gibt. Das durften wir bei diesem DL erfahren. Ingo als Chef, Inge und
Helmut als Einkäufer und Lebensmittelverteiler, Joachim als
Streckenmarkierer, die Gepäckfahrer, Sanitäter, Masseure,
Entertainer, PC - Leute sowie die vielen Standbetreuer an den
Verpflegungsständen - die ganze Mannschaft funktionerte
nahezu reibungslos! Selbst alte Hasen, die schon bei vielen
Veranstaltungen mitgearbeitet haben, haben das staunend anerkannt.
Offensichtlich gab jeder sein Bestes und stellte sich ganz in den
Dienst der gemeinsamen Sache.
Der DL
bringt das Innerste nach Außen...
Eine Extremerfahrung wie der DL kehrt häufig das Innerste der
Menschen nach außen. Wir alle tragen unsere Masken. Doch der
Extremlauf kann sie bald herunterreißen. Das erste mal habe ich
das beim Transeuropalauf erfahren und jetzt auch hier beim Dl -
wenn auch in abgeschwächter Form. Es gab Vorwürfe,
Verdächtigungen, Schreien, Weinen, Fluchen. Und doch war alles
im Rahmen dessen, was man bei einer solchen Extrembelastung erwarten
darf. Ein "es tut mir Leid" am Abend gleicht alles wieder
aus. 2 Sätze von Läufern an meinem Betreuerstand, die mich
auch heute noch schmunzeln lassen: "Uli, verlängert der
Ingo die Strecke morgen auch wieder?" und "Uli, ich
möchte mir mein Getränk lieber selbst eingießen. Wer
weiß, was ihr da rein tut...".
"It's
humbeling"...
Mit "it's humbeling" brachte die Amerikanerin Stephanie
gut eine Erfahrung zum Ausdruck, die viele Läufer machen
mussten. Manch einer der "schnellen und guten Läufer"
mit Marathonzeiten um die 3 Stunden musste beim DL erleben, dass das
überhaupt keine Bedeutung hat für einen Multiday -
Lauf mit Tagesetappen von gut 70 km im Schnitt. Wer sich im Geheimen
innerlich über die "Geher da hinten" gestellt hatte,
wurde sehr gedemütigt, wenn er sich nach 10 Tagen selbst gehend
in diesem Feld wiederfand. "Wenn DU mich demütigst, machst
DU mich groß". An dieses Wort aus den Psalmen musste ich
mehrmals denken. Wer diese Demütigung aktzeptierte und zuließ,
seine innere Einstellung korrigierte, wurde zusehends "größer",
nahm zu am Charakter.
Aussteigen
und Einsteigen...
Realisten rechneten im Vorfeld mit einer Ausfallqoute von 50 %. Von
68 Starten würden ca. 34 das Ziel als Finisher erreichen. 37
kamen durch - eine gute Quote! Viele der Aussteiger mussten
eben dafür büßen, zu schnell angefangen zu haben.
Dummerweise hatte man Ingos ständige Mahnungen, den
Ultraschlappschritt zu lernen und zu praktizieren, nicht ernst genug
genommen. "Laufen, ohne sich zu bewegen" mit der
"Beweglichkeit einer Eisenbahnschwelle". Lächerlich.
Doch das war das Erfolgsrezept vieler Finisher. Manche sind
ausgestiegen, weil sie verletzt waren. Oder weil sie mit den
Verletzungen nicht weiterlaufen wollten oder konnten, die Krise nicht
managen konnten. Oder einfach, weil der "Kopf nicht mehr
wollte". Manche Aussteiger sind sofort nach Hause abgereist.
Der Lauf war für sie zu Ende, und sie wollten so schnell wie
möglich in ihre Heimat. Andere sind bis zum Schluss dabei
geblieben und haben sich dem Unternehmen als Helfer zur Verfügung
gestellt. Hier sah ich Menschen über sich hinauswachsen.
Gedemütigt und groß! Etliche sind nach einigen Tagen
Erholung wieder ins Rennen eingestiegen. Das fand ich auch ganz groß.
Da ist der große Traum geplatzt. Da wird Bilanz gezogen, sich
neu ausgerichtet und wieder angefangen.
Niedergang
und Auferstehung...
Die Läufer, die bis zum Ende durchhalten konnten, die Finisher
also, haben sicherlich alle ihren Tiefpunkt erlebt. Man konnte es
förmlich beobachten. Die Gesichter gezeichnet vom Leid, um Jahre
gealtert. Ich sagte einem Läufer eines Abends: "Junge, Du
siehst aber echt alt aus." Dann sah ich mein Spiegelbild in der
Duschkabine.... Alle hatten ihrer Krisen und ihre Tiefs -
Läufer und Betreuer. Aber es war für mich eine
unbeschreibliche Erfahrung, zu sehen, wie die Läufer ihre Krisen
während des Laufens überwanden, sie den Kopf wieder heben
konnten, ein zaghaftes Lächeln zurückkehrte, die Gesichter
wieder jünger wurden. Das Ende wurde ja absehbar und die Etappen
etwas kürzer. "Der Gerechte fällt sieben Mal und
steht wieder auf!" Das trifft sicher auch auf den
Ausdauerläufer zu, der in der Krise nicht am Boden zerstört
liegen bleibt, sondern sich wieder aufraffen kann. Hier noch ein Wort
zu den super Frauen im Feld: 8 Läuferinnen waren gestartet. 6
von ihnen haben es nicht geschafft, den Lauf zu beenden. Die meisten
von ihnen verarbeiteten ihre "Niederlage" mit Bravour und
wurden mir darin zum großen Vorbild. 4 von ihnen waren zum
Schluss wieder auf der Strecke. Und die 2 Finisherinnen? Die
erfahrene Heike im hinteren Feld wie man sie kennt - souverän
und immer gut gelaunt lief sie ein vernünftiges Rennen "auf
ankommen". Und Sylvia? Für mich die Überraschungsläuferin
schlechthin. Mit wenig Ultraerfahrung, zart an Statur und noch jung
an Jahren hatte ihr wohl kaum einer zugetraut, dass sie diesen Lauf
beenden würde. Überragend hat sie die Frauenwertung
gewonnen! Sylvia, es sah immer so leicht aus bei Dir, Du hast immer
gelächelt und machtest immer einen zufriedenen und
ausgeglichenen Eindruck. Wo hast Du bloß deine Schmerzen und
Deinen Frust hingesteckt?
Jeden
Tag ein neues Abenteuer...
Abendteuer
und besondere Herausforderungen gab es täglich bei diesem Lauf.
Nur einige "specials" seien hier erwähnt: an einem
Tag machte eine abgerissene Brücke eine Streckenverlegung
notwendig, am anderen Tag einen ausgefallene Fährverbindung,
dann wieder eine Baustelle oder ein behördliches Verbot, eine
bestimmt Straße zu benutzen. Einmal hielt die Polizei die
Läufer auf, fotografierte sie und schickte die Schar über
einen Acker auf einen anderen Weg. Dann wieder wurde jemand wegen
Baumfällarbeiten aufgehalten. Man konnte nie wissen, was der Tag
brachte. Nur mit der positiven Einstellung "Sorge dich nicht um
morgen, jeder Tag hat seine eigene Plage" hatte man meiner
Meinung nach eine Chance, den Lauf zum Abschluss zu bringen. Was
dabei hinter den Kulissen von den Betreuern geleistet wurde, mögen
vielleicht nur die ermessen können, die als Ausgeschiedene auch
diese Seite des Unternehmens kennenlernen durften.
Meine
große Hochachtung gilt allen Läuferinnen und Läufern,
den Frauen und Männern auf den ersten Plätzen wie Sylvia
und Heike sowie Rainer, Rene und Hans - Jürgen. Nicht
weniger aber allen Finishern sowie auch denen, die es nicht geschafft
haben, den ganzen Lauf zu vollenden und trotzdem in der "Niederlage"
Größe bewiesen haben!
Ich
könnte noch vieles berichten, aber ich will es ganz bewusst bei
einigen "Gedankensplittern" belassen. Der DL hat mich
sehr tief beeindruckt und geprägt. Es wird sicherlich noch
einige Wochen dauern, bis ich alles Erlebte verarbeitet habe. Soviel
kann ich jetzt schon sagen: Ich schließe es nicht aus, dass ich
beim DL 2006 wieder als Betreuer und Etappenläufer dabei sein
werde!

In
Lörrach nach dem Zieleinlauf mit meiner Frau Irene, die uns 4
Tage begleitet hat.
© Uli Schulte, 03. Oktober 2005
Weitere Info's und Berichte zum Lauf: