Zufälliges Zitat

"In a 100 mile race the physical power is 90%, the mental stuff are the other 90%."

Unknown

Nächster Ultramarathon

Wolfgang Braun , 05. Juni 2003

Verliebt in Apeldoorn

24 Stunden-Lauf in Apeldoorn am 30./31.05.2003

„Ich liebe Apeldoorn“, mit diesen Worten fingen vor knapp einem Jahr, bei meinem ersten 24-Std.-Lauf in Köln, die geistigen Vorbereitungen für den diesjährigen 24-h-Lauf in Apeldoorn am 30./31.05.03 an. Ach ja, ausgesprochen wurden diese Worte von der bei Ultraläufern bekannten, ich sage mal Mutter Teresa, Jutta Jöhring.

Donnerstag Christi Himmelfahrt, Anreise bei strahlendem Sonnenschein und 28°C nach Apeldoorn im hohen Norden der Niederlande.

In dem wunderschönen Mheenpark ist schon allerhand los und zu unserem Glück kommt der freigehaltene Platz durch oben beschriebene Mutter gerade recht. Jutta wollte auch die

24 h laufen und hatte mit ihrem treuen Begleiter Peter Ludden schon das Versorgungsquartier im Boden verankert. Am nächsten Tag sollten sich noch Paul Engels mit seiner Frau Maggie zu uns gesellen. Die Ultra-Zeltstadt wuchs stetig weiter.

Für Sololopers (Einzelläufer) ist der hintere Teil im Park zum Zelten vorbehalten. Im vorderen Teil haben sich die Staffeln (bis zu 10 Läufer) häuslich niedergelassen. Nicht nur überdimensionale Zelte, die an Kirmes erinnern, mit Lautsprecheranlagen, Mischpulten, PC`s, Sofagarnituren, Generatoren, Lichterketten, Grillstände, Liege- und Sitzgelegenheiten für die ganze Familie, die auch vom Kleinkind über den Hund bis zum Opa dabei waren, hatte man angeschleppt, sondern auch gute Stimmung über 24 h, sollten wir noch erleben.

Die Nacht sollte dennoch ruhig werden, bis auf einen surrenden Generator.

Freitag 30.05.03

Der Tag auf den ich solange gewartet habe, er beginnt mit strahlendem Sonnenschein, den ich normalerweise genieße, doch heute hätte ich es lieber etwas wolkiger.

Aber es kommt wie es kommt und so auch der pünktliche Start um 14 Uhr.

Endlich ist die angestaute Spannung der letzten Tage mit dem Startschuss verschwunden und an dessen Stelle tritt die Neugier jeden Schrittes der nächsten 24 h.

44 Sololoopers und ca. 46 Staffeln machen sich auf den langen Weg, jede Runde ist 1,65272 km lang.

Es wird gelacht, gescherzt und man lernt neue Läufer kennen, ich versuche meinen Schritt zu finden. Das Thermometer hat die 30°C erreicht, 3 Stunden sind schnell vorbei und ich verspüre schon schwere Beine, die Hitze zeigt ihre erste Wirkung. Bald sollte es die ersten Ausfälle geben.

Da die ganze Runde gut mit Lautsprechern ausgestattet ist, kann der Sprecher, der an der Wechselstelle der Staffeln, bzw. der Tribüne steht, an jeder Stelle der Strecke gehört werden. Dieser stellt auch unermüdlich jeden Läufer, an Hand eines vorher abgegebenen Steckbriefes vor. Ebenfalls gibt es jede Stunde die Platzierungsangaben der ersten 8 Sololoopers und der Staffeln (in niederländisch, deutsch und englisch) und zwischendurch immer wieder Interviews und so mancher Läufer wird beim Vorbeilaufen namentlich begrüßt.

Eine interessante Sache ist die Leuchttafel, die jeweils bei Überquerung der Startmatten, an Hand des Champion Chips, die Startnummer, Name und absolvierte Runde, von bis zu 8 Läufern angibt und so auch einen Überblick über die Läufer verschafft, die sich in momentaner Nähe befinden.

Jede Stunde wird der aktuelle Zwischenstand ausgedruckt und an der Strecke verteilt.

Bei ungefähr 800 m gibt es einen Verpflegungsstand, der jedoch nur Wasser, Tee, Cola Suppe und Bananen anbietet. Da ist es schon sehr wichtig einen eigenen Verpflegungsstand dabeizuhaben, wie er von meiner Frau Marion über 24 h bestens geführt wird.

Was mich wundert ist die Tatsache, dass die Strecke einerseits bis auf den cm genau vermessen wurde und es auch noch unterschiedliche Rundenlängen zu den Staffeln gab, weil die Sololoopers, bedingt durch den Mattendurchlauf zu einer unterschiedlichen Rundenlänge kommen aber andererseits die Verpflegungsstelle soweit an der Außenseite der Strecke angebracht ist, dass dies mindestens einen Umweg von 10 m aus dem idealen Streckenverlauf ausmacht und dazu noch über ein holpriges Grasstück.

Bei z.B. 100 Runden macht dies einen nicht angerechneten Mehrweg von 1 km aus.

Nach 6 h hat die Hitze schon einige Läufer zum Langsamlaufen gezwungen, wollen sie nicht schon ein frühes Ende hinnehmen.

Die Stimmung an der Strecke ist sehr gut. Mittlerweile habe auch ich meine Fans, die mich beim Namen nennend immer wieder anfeuern. Das tut gut und lenkt ab.

Die Dunkelheit kommt, jedoch nicht so richtig die Nachtkühle.

10 h, Mitternacht, es scheint jetzt, als würden sich manche Läufer zur Nachtruhe begeben, nur die Staffeln rennen unermüdlich weiter. Die Lautsprecher schweigen auch seit 21 Uhr und bei den Staffelzelten drehte man den Geräuschpegel herunter. Was bleibt sind die Anfeuerungsrufe, auch in der tiefsten Nacht.

12 h sind vorbei, doch wo bleibt die Freude über die Halbzeit ?

Seit Stunden führt der Belgier Etienne van Acker, mittlerweile mit 5 Runden Vorsprung vor dem Brasilianer Luciano Prado Dos Santos und mit weiteren 4 Runden Abstand als erste Frau die Russin Irina Reutovich.

Die Temperatur hat sich bei 16°C eingependelt, was für mich sehr angenehm, jedoch für den Brasilianer anscheinend frostig ist, sieht man ihn doch dick eingepackt seine Runden drehen.

Des öfteren gehe ich jetzt mit dem 24 h Novizen und jüngsten Teilnehmer Maik Dieroff eine halbe Runde um die andere Hälfte wieder zu traben. Die Unterhaltung lenkt ab von der tiefen Nacht, in der der Körper nach Ruhe schreit.

15 h, 5 Uhr morgens, es wird nur zögerlich hell, wie mir scheint, hätte aber nicht weiter drüber nachgedacht, wäre mir nicht am nächsten Tag der Artikel in der Zeitung über die partielle Sonnenfinsternis aufgefallen, aha, doch zu diesem Zeitpunkt ist mein Interesse für dieses Naturschauspiel eh nicht allzu groß. Die Vögel zwitschern, Morgentau steigt auf, doch von einem frischen neuen Tag, was die Muskeln anbetrifft, ist nichts zu spüren. Im Gegenteil, Blasen an beiden Füßen haben längst ihre Anwesenheit signalisiert, doch noch lasse ich sie erst einmal in ihrer Verpackung.

17 h, zum Frühstück gibt es ein Honigbrot mit Kaffee, das vorübergehend aufmuntert.

18 h, 8 Uhr, der Start der 6 h-Läufer, es sind nur 15, die kaum auffallen.

Ich gehe eine halbe Runde und laufe dann wieder bis zum Verpflegungszelt, wo mich Marion aufpäppelt und mit allem Möglichen versorgt. Auch ist mittlerweile Jutta (sie musste das Rennen vorzeitig beenden) wieder auferstanden und feuert mich mit all ihrer Energie an, die sie nicht für ihren eigenen Lauf hatte einsetzen können. Und da ist noch Peter Ludden, der mir so manchen inneren Schub mit auf die nächste Runde gibt.

Auch Maggie, die sich um ihren Paul kümmert, hat immer ein paar Worte für die nächste Runde bereit. Nein, aufhören wäre unmöglich, der Wortschwall der vorher genannten Personen treibt einen immer wieder auf die Strecke.

19 h, die Sonne hat die Luft wieder gut angeheizt und ich ahne schon, wie es die restlichen 5 h werden wird und wir sollten die Hitze auch wieder gut zu spüren bekommen und das bei den ohnehin ausgemergelten Laufgestalten.

Die Beine sind hart und die Füße brennen, ich versuche es mit einer Massage aber außer, dass ich bei der dritten Runde, nachdem ich angefragt habe, erst dran komme (1 Masseur scheint mir in dieser Laufphase auch etwas wenig zu sein), hat das auch nicht viel gebracht.

20 h, 10 Uhr, nur noch 4 Stunden, das wäre doch gelacht, die werde ich doch wohl noch durchschleichen. Ich versuche einen Schuhwechsel, schaue aber schnell weg, als ich kurz auf meine Blasen blicke. Danach läuft es anders, ja vielleicht sogar etwas besser oder ?

21 h, 11 Uhr, ich sehe die Enten, aus Ilona Schlegels Bericht vom letzten Jahr und habe auch wie sie großes Glück, weil sie nicht meine Laufrichtung einnehmen und mir dann zeigen würden, wer hier der schnellere ist, obwohl ich ihren Schritt wahrscheinlich sehr gut imitiere.

22h, 12 Uhr, was soll ich denn noch essen, von Haferschleim über Rosinenbrötchen und Nudelsuppe bis Waffeln habe ich schon alles probiert.

23 h, 13 Uhr, nur noch eine Stunde, jetzt kommt Erleichterung auf. Die Angehörigen aller Läufer an der Strecke haben schon wieder seit Stunden mit Anfeuerungsrufen begonnen und auch sonst hat es wieder Zuschauer an die Strecke verschlagen, doch was ist aus einem müden Körper noch rauszuholen ? Ich spüre, wie die Lebensgeister zurückkehren, auch sie spüren das dass Ende naht und wollen sich wieder mit mir versöhnen.

Noch 20 min, mit dem Holländer Ruud Jacobs gehe ich die letzte Runde, wir bedanken uns bei den Zuschauern für ihr Durchhalten, den Applaus und die Unterstützung. Ich genieße diese Runde. Wir bekommen Blumen geschenkt und ich stecke sie mir ins Stirnband. Die Zuschauer waren eine echte Bereicherung, erkannten sie doch stets die Einzelläufer und feuerten uns verstärkt an. An der Tribüne tost der Beifall, ich bekomme eine Gänsehaut, trotz dieser hochsommerlichen Temperaturen. Für die letzte Runde haben sich die 24 h Schwerstarbeit gelohnt ! Bei Marion am Versorgungszelt angekommen möchte ich den Lauf 5 min vor Ablauf der Zeit beenden, doch da habe ich die Rechnung ohne die Wirtin, sprich Jutta gemacht, hat sie doch zwischenzeitlich ausgerechnet, dass ich, wenn ich noch bis zu den Matten laufe auf 185 km komme und das macht sich optisch viel besser sagt sie und schickt mich noch mal los.

Ich laufe also noch ein letztes mal über die Chipmatten und warte dahinter auf das 24 h – Signal, während Marion mit einem Klappstuhl und Wasser angerannt kommt. Doch ich brauche jetzt nicht sitzen, alle Schmerzen sind wie weggefegt, Freude kommt in mir auf, ich bin überglücklich, dass ich diesen Lauf durchgestanden haben.

Am Zelt kühle ich erst mal meine brennenden Füße, währenddessen viele Läufer mit ihren Angehörigen eine Ehrenrunde drehen.

Die heißen Duschen sind eine Wohltat, doch langsam verhärtet sich die Muskulatur und dann bei der Siegerehrung fühlte ich mich wie versteinert.

Der Sieger Etienne van Acker hat mit seinen 51 Jahren beachtliche 253,0212 km gelaufen, an 2.ter Stelle der Brasilianer Luciano Prado Dos Santos mit 229,7601 km, gefolgt von dem Dänen Jan Andersen mit 227,8166 km. An 4-ter Stelle die 1.te Frau, die Russin Irina Reutovich mit 220,6548 km. Der 5.te Platz wird von Paul Engels vom LLG Kevelaer, der in der Nacht auch einen Einbruch zu verzeichnen hatte, vom dem er sich aber wieder (dank seiner Frau Maggie) sehr gut erholt hatte, mit 191,3388 km belegt. Auf dem 6.ten Platz die 2.te Frau Heike Pawzik von der LG Nord Berlin mit 190,8038 km. 7.ter Platz der Belgier Marc Meirlaen mit 189,7661 km und 8.ter Tom Hendriks aus den Niederlanden mit 189,1481 km. Für meinen 2.ten Platz in der Altersklasse und 9.ter gesamt, 185,1986 km, erhalte ich einen Pokal und einen Strauß Blumen. Der Gang auf das Podest verlangt noch mal alle Kräfte von den Läufern, bis auf den Brasilianer, der ein lockeres Tänzchen vorführt. Auf den 10.ten Platz kommt der Neuling Maik Dierhof mit 174,2746 km.

Von 44 Startern haben 15 vorher aufgehört.

Die 3 Std. Heimfahrt ist für mich das härteste, krumm gesessen, komme ich zu Hause kaum aus dem Auto.

Eine Woche ist seit dem Lauf vergangen, ich schwärme immer noch von dieser gut organisierte Laufveranstaltung, den vielen netten Zuschauern, der klasse Eigenverpflegung durch erwähnte Leute und der schließlich durch eigene Kraft bezwungenen Strecke.

Apeldoorn ist eine Reise Wert, ich liebe Apeldoorn.


© Wolfgang Braun , 05. Juni 2003
braunis.witze@t-online.de

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