Zufälliges Zitat

"Es wechselt Pein und Lust. Genieße, wenn du kannst, und leide, wenn du mußt."

J.W. von Goethe

Nächster Ultramarathon

Dieter Merker , Hamburg, den 03. Juli 2003

Man muss sich auch mal was zutrauen...

(Ein Erlebnisbericht vom 13. Stüde Marathon vom 28.06.2003)

Es ging ja schon im Vorfeld los: Erst habe ich überlegt ob ich in Stüde laufe, also zwei Marathon an einem Tag als erstmalige Herausforderung annehme, und dann habe ich überlegt, wie ich dort von Hamburg aus hinkomme. Als ich eine Mitfahrgelegenheit fest zugesagt bekam, überkam mich ein Gefühl von Vorfreude, aber auch ein bisschen Angst vor der eigenen Courage. Immerhin ging es hier um insgesamt 84,4 km, die zu laufen waren, und das an einem Tag.

Thorsten Themm und seine Freundin Nicole holten mich um 4 Uhr morgens am Sonnabend ab und wir sammelten unterwegs noch Rene Wallesch ein. Die Beiden sind Marathon-Sammler und auch Mitglieder im 100 Marathon Club Deutschland.

Um 6 Uhr 30 kamen wir in Stüde / Landkreis Sassenburg an. Vor dem Dorfgemeinschaftshaus war der Start / Zielbereich schon aufgebaut. Im großen Saal saßen schon die ersten Marathonfreunde beim Frühstück und unterhielten sich leise und ungezwungen. Zu meiner Freude saß dort u. a. auch Uli Schulte, der Pastor aus Bremen und auch Liebhaber der langen Laufstrecken.

Nach dem wir alle die obligatorischen Rituale absolvierten (Freunde begrüßen, Startunterlagen abholen, das T-Shirt entgegennehmen und vor dem Klo anstehen) zogen wir uns im Schießstand um und es war auch schon Zeit zum Start zu gehen. Dort habe ich Urkunden gesehen über Marathon-Schießen; die haben dort in Gruppen von je drei Mann 24 Stunden lang geschossen. Auch Marathon und Extremleistung, sieh mal einer an.

Friedhelm Weidemann, einer der Organisatoren des 13. Stüde-Marathon und auch ein Freund der extra langen Laufstrecken, begrüßte uns alle persönlich per Handschlag und wie ich sehen konnte, wurden viele Marathonies von ihm auch herzlich umarmt.

Dann ging es los. Mit uns Doppeldeckerläufer starteten auch erstmals die Walkerinnen über 21,1 km. Hinter der Startlinie ging es ca. 1 km über Asphalt über eine Bogenträgerbrücke auf den Betriebsweg neben dem Elbe-Seiten-Kanal. Ich lief bewusst langsamer als sonst (das war meine Strategie um die zwei Marathon zu bestehen). Das Feld hat sich sofort auseinander gezogen und trotzdem konnte man die Läufer noch lange vor einem sehen, da die Laufstrecke teilweise gerade, wie mit einem Lineal gezogen, war. Nun bekam ich auch einen ersten Eindruck von dem, was mich hier erwarten wird. Die Sonne brannte von oben und glücklicherweise wehte ein leichter Wind. Ich schloss zu Heike Heide auf wir unterhielten uns bis zur Halbmarathon-Wendemarke über Marathon und die Welt. (Sie war übrigens die einzige Frau an diesem Tag die den Doppeldecker bewältigte.) So verging die Zeit wie im Fluge. Dann trennten wir uns, weil sie lieber etwas langsamer laufen wollte und ich lieber etwas schneller.

Links der Laufstrecke wechselten sich Felder mit Wäldern ab, einzelne Bäume, Baumgruppen und Büsche säumten den Weg. Dort standen auch die Streckenposten mit der Verpflegung für die Läufer. Rechts der Strecke immer das gleiche Bild; das im leichten Wind sich kräuselnde Wasser des Elbe-Seiten-Kanals, welches grünlich schimmerte; ab und zu ein Schlepper, die sich träge durch das Nass wälzten. Vögel zwitscherten munter und aromatisch Gerüche wie von Waldmeister umwehten die Nase. Plötzlich tauchte hinter einer leichten Biegung die Marathon-Wendemarke auf. Wie schön!

Nun ging das ganze wieder von vorne los. Nur anders rum. Jetzt waren die Streckenposten auf der rechten Seite der Laufstrecke und der Kanal links. Während vorher die Sonne von hinten rechts auf Nacken, Schultern und Waden brannte, konnte nun der Körper von der anderen Seite her verbrutzelt werden. Die Streckenposten waren allesamt ganz nett und bemühten sich sichtlich um jeden einzelnen Läufer. An dieser Stelle noch mal mein ganz herzlichen Dank!

Irgendwie kam dann die Bogenträgerbrücke in Sicht, die den letzten km auf der Strecke ankündigte. Als das Ziel in Sicht kam, saßen Thorsten und Nicole schon gemütlich auf ihren Klappstühlen in der Sonne und applaudierten mir zu dem Marathon. Friedhelm gab mein Zieleinlauf über Lautsprecheranlage bekannt und gratulierte mir auch noch persönlich. Das war der erste Marathon, der zweite folgte in vier Stunden sogleich...

Es galt nun vier Stunden zu überbrücken. Es gab im Dorfgemeinschaftshaus lecker Nudeln und langsam füllte sich der Saal mit Eltern und Kindern, die am Bonsai-Lauf über 800 m teilnehmen wollten.

Wir setzten uns mit Uli Schulte und Hans Drexler zum Auto in den Schatten und plauderten ein bisschen miteinander. Um 16 Uhr 15 gingen wir dann zum Start und reihten und in die Läuferschar ein, die nun den richtigen 13. Stüde Marathon laufen wollten. Auch hier gab es herzliche Begrüßungen mit Freunden und Bekannten. Dieter Wolf fragte mich, ob ich schon öfter Doppeldecker gelaufen sei. Dies verneinte ich und sagte, dass ich zumindest den zweiten Marathon irgendwie bis zum Ende laufen wollte; zumal ich auch nicht "speziell" trainiert hatte. Da sagte Dieter zu mir: "Man muss sich auch mal was zutrauen." Dann ging es schon wieder los.

Ich kannte ja nun schon die Strecke und freute mich darüber, dass ich viel lockerer als gedacht laufen konnte. Auch jetzt lief ich bewusst langsam. Es war nun richtig heiß und zum Glück lag jetzt um diese Uhrzeit die Laufstrecke im Schatten. Ab km 15 kamen mir die ersten Bedenken, ob ich diesen zweiten Marathon beenden, bzw. durchhalten würde. Nach endlos scheinenden weiteren drei km hatte ich nur noch den Gedanken, bis zur Wendemarke durchzulaufen, also bei 21,1 km. Ab da, so verhandelte ich innerlich mit mir, ist es egal, ob ich laufe oder gehe. Und prompt bei der Wendemarke griff ich mir Wasser bei der Verpflegungsstelle und ging einige 100 m. Dann lief ich wieder. Es war anstrengend und meine rechte Seite am Bauch begann zu stechen. Da für mich Vorsicht die erste Regel ist, ging ich wieder, bis das Stechen aufhörte. Dann lief ich wieder. Dann stach es wieder, dann ging ich wieder und so ging es munter die nächsten km weiter. Meine Beine wurden schwer, die Füße schmerzten kurzfristig und trotzdem ging es grimmig weiter. Kilometer um Kilometer bewegte ich mich dem Ziel entgegen. Irgendwann kam die letzte Brücke in Sicht. Jubel, Freude. Nun schaffe ich den Marathon doch noch in 4 Stunden 30 Minuten oder so. Konnte ich fast nicht glauben. Aber was war das? Wo war denn der Weg, der auf die Brücke führte? Dann sah ich hinter der weit entfernten, nächsten Biegung eine Bogenträgerbrücke, winzig klein und noch weit, weit entfernt...

Ich beschloss nun nur noch schnell zu gehen und erreichte endlich die wirklich letzte Brücke. Den letzten km genoss ich gehend; in der Gewissheit, dass gleich diese selbst gewählte Anstrengung ein Ende haben wird. Schon am Elbe-Seiten-Kanal konnte man Musik und Stimmung aus dem Zielbereich hören. Nun sah ich das Ziel mit eigenen Augen vor mir und auch jetzt rief Friedhelm: "Hier kommt Dieter Merker, das ist sein erster Doppeldecker! Herzlichen Glückwunsch!" Die Zuschauer applaudierten und ich freute mich sehr. Freute mich, die Strecke geschafft zu haben, gesund im Ziel eingelaufen zu sein und über die Stimmung und die Freude, die durch die Zuschauer aufkam. Nun war ich aber wirklich "etwas" erschöpft und fühlte mich in etwa genauso verausgabt, wie es mir nach meinem aller ersten Marathon ergangen ist.

Auf der Siegerehrung wurden dann folgende Läufer geehrt:

Doppeldecker Gesamtwertung:

Platz 1 René Wallesch mit 07:21:03

Platz 2 Dr. Thomas Gerlach mit 07:28:14

Platz 3 Thomas Radzuweit mit 07:46:59

Thorsten Themm erreichte Platz 6 und wurde für seinen 200 Marathon, den er an diesem Tag gelaufen ist, mit einem extra Pokal geehrt.

Nach der Siegerehrung verabschiedeten wir uns von Friedhelm und allen Freunden und Bekannten, die noch feierten. Gegen 23 Uhr fuhren wir von Stüde los und kamen, nachdem wir Rene noch in Geestacht vorbeigefahren hatten (was ich sehr nett von Thorsten fand) um 2 Uhr 15 bei mir zu Hause an. Thorsten und Nicole hatten aber immer noch einen Weg von etwa 1, 5 Autostunden vor sich... Wir verabschiedeten uns herzlich voneinander und ich brauchte nur noch ein paar Meter gehen, in fünf Minuten würde ich im Bett liegen.

Überglücklich über den bestandenen Doppeldecker und müde von eben dem legte ich mich leise ins Bett und schlief schnell ein. Nun weiß ich, dass das nicht mein letzter Doppeldecker gewesen sein wird. Ich musste auch noch an die Worte von Dieter Wolf denken, die er mir kurz vor dem Start des zweiten Marathon sagte: "Man muss sich auch mal was zutrauen..."


© Dieter Merker , 03. Juli 2003
dieter.merker@arcor.de
http://www.marathon42.de/

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