Zufälliges Zitat

"Ich habe in letzter Zeit zuviel gemacht, das war nicht gut, deshalb laufe ich hier nur 24, weil ich habe in nächster Zeit ja noch das und das und das und..."

Dieter Albrecht beim 48er in Köln 2011

Nächster Ultramarathon

Frank Hildebrand , August 2003

100km Dodentocht oder Einmal mußt Du nach Biel???

Biel -- Zwei Mal 650 km fahren um 100 km zu laufen?

Nee, muß ich nicht haben. Also werden Alternativen gesucht. Dodentocht fiel mir dabei sofort auf. Ist ja eigentlich eine Wanderveranstaltung, aber Läufer sind auch willkommen; Aber nur, wenn sie nicht schneller als 10 Stunden sind. Damit habe ich gar kein Problem. Das obere Zeitlimit von 24 Stunden paßt mir als langsamen Läufer auch sehr gut.

Also Dodentocht -- oder auch der Todesmarsch von Bornem. Hört sich gut an, mach' ich.

Bornem? Wo ist das überhaupt. Belgien ist ja klar, aber wo da? Kurz die Online Karte bemüht und siehe da, gleich neben Antwerpen. Schlappe 240 km. Sollte (zumindest auf dem Hinweg) kein Problem sein. Na ja, zurück kann ich ja ein paar Pausen einlegen und mal ein Nickerchen machen wenn's nötig ist.

Trotzdem habe ich die endgültige Entscheidung ob ich fahre bis einen Tag vor dem Lauf hinausgezögert. Ob's an der Hitze lag? Oder daran, daß ich noch nie an einem 100-km Wettbewerb teilgenommen habe? Keine Ahnung. Zum Glück habe ich mich dazu entschieden zu laufen!

So, und was macht jeder vernünftige Mensch, wenn er ab Freitag abend 100 km laufen möchte? (O.K. welcher vernünftige Mensch läuft 100km?) Natürlich möglichst viel schlafen und ausruhen.

Und was mache ich? Morgens um 6 Uhr im Büro sitzen, damit ich auch mittags Feierabend machen kann. So ist das halt, wenn man keinen Urlaubstag verschenken möchte.

Zu Hause schnell noch einen Haufen Nudeln reinstopfen (und das bei 36 Grad im Schatten), Tasche packen (Mist, wo waren noch die Ersatzbatterien für die Taschenlampe; dann eben keine - also sparsam sein mit dem Licht) und auf geht's!

Auf dem Hinweg habe ich mich auch nur ein mal bei Antwerpen verfahren und dabei sogar kaum Zeit verschenkt. In Bornem dann erstmal Parkplatz suchen. Parkplätze sind ja ohne Ende ausgeschildert, aber alle so weit außerhalb, und ich könnte mir vorstellen, daß ich nach dem Lauf keine Lust mehr auf den Shuttlebus habe. Also erstmal reinfahren. Und siehe da, es gab auch noch einen legalen Parkplatz für mich. Die Außentemperatur ist hier auch satte 7 Grad niedriger als bei uns; gar nicht schlecht zum Laufen.

Hier schon jede Menge Ordner im Einsatz, die mir den Weg zur Anmeldung (Inschrijving) weisen. Für den Papierkram steht ein großes Zelt am Marktplatz, in dem Dutzende von Helfern die Anmeldungen bearbeiten. Dadurch gibt's auch keine Warteschlangen. Ich zahle moderate 22 Euro+ 5 Euro Nachmeldegebühr + 5 Euro für 'ne warme Mahlzeit auf halber Strecke und bekomme ein kleines Kärtchen mit meiner Startnummer und 'nem Barcode, der an zahlreichen Kontrollposten immer wieder eingescannt wird. (Abkürzen is' nich'; aber damit würde man sich ja nur selbst betrügen; trotzdem scheint es immer wieder Leute zu geben, die solche Ideen haben).

Ich schaue mich noch kurz auf dem Platz um (Dodentocht Souvenirstand, Essen, Trinken, Musik usw.), ziehe mich um und begebe mich zum Startplatz.

Der Startplatz ist ein einfacher umzäunter Parkplatz, der zu einem Park gehört. Am Eingang wird der Barcode auch gleich das erste mal gescannt. So wird sichergestellt, daß keiner zu früh losgeht.

Um Punkt 21:00 Uhr dann -- nein, kein Startschuß; Das Führungsfahrzeug fährt einfach los und die Helfer geben den Weg frei. Alle ca. 8000 Teilnehmer müssen sich durch eine ca. 6 Meter breite Öffnung im Zaun drängen. Aber es ist ja eine Wanderung und so steht der Spaß und nicht die Zeit im Vordergrund.

Ich hatte zwar versucht, mich möglichst weit nach vorne zu drängen, muß aber trotzdem bestimmt noch 2000 Wanderer überholen bevor ich einigermaßen frei laufen kann.

Unmengen von Zuschauern stehen am Straßenrand und schauen uns zu. Viele Anwohner machen es sich in ihren Stühlen an ihren Tischen bequem.

Trotzdem will bei den Zuschauern keine rechte Stimmung aufkommen. Die meisten stehen halt bloß da. (Zum größten Teil mit vor der Brust verschränkten Armen oder die Hände hinter dem Rücken). Hmm, Das soll also die berühmte Dodentocht-Stimmung sein. Na ja.

Diese Meinung muß ich aber später revidieren. Die nicht vorhandene Stimmung beschränkt sich bloß auf die Luxuswohngegenden und In-Biergärten. Als wir später "normale" Wohngegenden durchlaufen, gibt's auch richtige Straßenfeste (mit entsprechender Stimmung). Und wo es die nicht gibt, haben sich die Anwohner teilweise auf der Straße ihre eigene Disco aufgebaut; auch hier super Stimmung.

Immer wieder gibt's auch ganz viele Kerzen, Petroleumfackeln und in den kleineren Dörfern sogar oft offene Lagerfeuer. (Das hätte mal einer in Deutschland machen sollen; Habe gestern noch in der Zeitung gelesen, daß solch ein offenes Feuer bis zu 2600€ Strafe kostet). Später höre ich von zwei Stammgästen, daß die Zuschauer dieses Jahr wohl von der Hitze gelähmt sind. Sonst machen die mehr Stimmung.

Bis zwei Uhr nachts sind sehr viele Zuschauer an der Strecke. Vielleicht auch länger, aber für mich geht's danach durch wesentlich einsamere Gegenden. Tolle Streckenplanung, so hat man am Anfang immer reichlich Zuschauer.

Samstag morgen sind auch relativ wenig Zuschauer an der Strecke, aber ist ja auch kein Wunder, auch die bereiten sich auf einen langen Tag vor. Der Großteil der Wanderer kommt ja erst später.

Nach zwei Uhr bekomme ich auch arge Probleme mit der Müdigkeit (Grund siehe oben) und komme oft fast vom Weg ab. Also gönne ich mir an der nächsten Verpflegung erst mal ein Nickerchen von einer viertel Stunde.

Das 50-km Schild erreiche ich so erst nach 7 Stunden um 4 Uhr morgens. So gegen 5 oder 5:30 noch mal so ein Müdigkeitsanfall, also auch noch mal 15 Minuten im Sitzen schlafen. Danach geht's wieder besser, aber für diese 25 km brauche ich doch ganze 4 Stunden.

Jetzt fange ich an zu rechnen, wann ich im Ziel sein will. Ursprünglich hatte ich mir ein Ziel von 15 Stunden vorgenommen. Irgendwie klappt das mit dem Rechnen nach durchlaufwanderter Nacht aber auch nicht so und ich komme zu dem Ergebnis, daß ich noch ganze drei Stunden Zeit habe, um mein Ziel zu erreichen.

Also laufe ich ab jetzt ganz diszipliniert 5-6 Minuten, bevor ich genau eine Minute Gehpause mache. Ganz wie im Lehrbuch. Nach einer weiteren Stunde (und voll im Zeitplan für die letzten 25km) fällt mir dann auf, daß ich mich um eine ganze Stunde verrechnet habe und noch eine Stunde mehr Zeit habe. Aber es läuft gerade so gut und außerdem ist jetzt mein Ehrgeiz geweckt. Ich laufe also so weiter und verfehle mein Ziel um ganze 2 1/2 Minuten.

(Keine schlechte Leistung, die letzten 25 km eines Hunderters auf 2,5 Minuten genau zu Planen; und das, wenn man eigentlich viel zu müde zum Rechnen ist...)

Noch ein paar Worte zur Organistion:

Verpflegung / Versorgung

In der Ausschreibung stand, daß es immer Wasser, Tee und Kaffee gibt. Auf halber Strecke auf Wunsch und gegen Bezahlung (5€) dann 'ne warme Mahlzeit. Dem entsprechend hatte ich mir den Trinkgurt mit Riegeln und Gel vollgestopft.

Die Realität sieht ganz anders aus. Gleich der zweite Verpflegungsposten ist auf dem Gelände einer Lebensmittel- und Getränkefabrik. Dort gibt es dann neben Kaffee, Tee und Wasser auch ein Sportgetränk (Orange) und Törtchen, Tausende von Törtchen (irgendwas mit ziemlich viel Pudding) ordentlich aufgestapelt auf langen Tischen. Nicht unbeding die beste Läufernahrung aber sehr lecker. Und außerdem bin ich ja auch unter Wanderern.

An den weiteren Stationen dann auch oft zusätzlich Obst, warme Suppe Kuchen, Brötchen, Brot usw. Besser geht's nicht. Halt alles, was die Sponsoren so gegeben haben. Das warme Essen, das ich mir bestellt hatte ist da wirklich überflüssig. Werde ich nicht noch mal machen. Nur Coca Cola hat sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Die haben Cola Lemon LIGHT gegeben. Light!!! Genau das braucht ein Läufer/Wanderer. Wo der Körper nach Kalorien schreit, wird er mit Süßstoff verarscht.......

Außerdem werden besonders auf der zweiten Hälfte Massagen angeboten. Und nicht jeweils bloß ein oder zwei Massageplätze!! Nein eher zehn oder zwanzig an jeder Verpflegungsstelle.

Die Abstände zwischen den Verpflegungsposten sind bei diesem Lauf auch absolut durchdacht. Erst alle 10 km, später alle 7 bis 8 km und die letzten 5 Posten im Abstand von 5 km. Und an jedem Verpflegungsposten steht ein Schild, daß die Entfernung zum nächsten Posten auf 10 Meter genau - sowie die Öffnungs- und Schlußzeit auf die Minute genau - angibt.

Sicherheit

Die Sicherheit scheint für die Veranstalter an oberster Stelle zu stehen. Es sind Unmengen von Sanitätern und Ordnern im Einsatz. Das geht so weit, daß Ordner einige Meter vor einer geschlossenen Bahnschranke eine Kette bilden, um die Wanderer/Läufer von dem Bahnübergang fernzuhalten.

Streckenmarkierung:

In den Dörfern ist die Strecke teilweise abgezäunt, Kreuzungen an Hauptstraßen teilweise sogar durch Polizei abgesichert. Ansonsten ist der Weg hauptsächlich durch Pfeile mit Totenkopf in der Größe einer längs gefalteten Din A4 Seite gekennzeichnet. An jeder Kreuzung klebten davon 4 bis 20 auf dem Boden. Ich fand es unmöglich, sich zu verlaufen, weiß aber auch nicht, ob es jemand geschafft hat.

Ziel

Das Ziel ist wieder das Zelt am Kirchplatz, welches auch für die Anmeldung genutzt wurde. Für jeden erfolgreichen Teilnehmer (gibt's da eigentlich ein geschlechtsneutrales Wort? Ich habe keine Lust jetzt auch noch mit -(in) usw. anzufangen) gibt's eine Gladiole, eine Medallie und eine frische Ananas als Prämie. (Alleine für die Ananas haben sich die 100km gelohnt; ich habe noch nie eine gegessen, die so fruchtig schmeckte und so wenig Säure hatte!!!!)

Zudem werden die Urkunden sofort ausgedruckt.

Ach ja, ich habe für die 100 km 14:02:35 (handgestoppt) gebraucht, davon 7 Stunden für die ersten 50km, 4 Stunden für das dritte Viertel und drei Stunden für die letzten 25km.

Mein persönliches Fazit:

Da könnte sich manche (Stadt-)Marathon-Veranstalter noch was abgucken. Beim Stadtmarathon ist nach 6 Stunden + Vor- und Nachbereitung alles vorbei. Hier sind 24 Stunden + Vor- und Nachbereitung zu bewältigen. Und das bei ähnlicher Teilnehmerzahl. Der Aufwand mit Absperrungen, Zelten (für Anmeldung usw.), Dixies ist vergleichbar oder größer (längere Strecke). Und trotzdem kostet diese Wanderung mit 22 Euro nur halb so viel wie ein durchschnittlicher Stadtmarathon.

Vielleicht hat es doch damit zu tun, daß Laufen (besonders Marathon) gerade eine Trendsportart ist und für Trendsportarten halt ein entsprechender Zuschlag fällig ist.

Einmal mußt Du nach Dodentocht!

(Die nächsten zwei Termine sind 13.08.04 und 12.08.05)


© Frank Hildebrand , August 2003
wat4640@epost.de

Weitere Info's und Berichte zum Lauf: