Zufälliges Zitat

"You're better than you think you are and you can do more than you think you can!"

Ken Chlouber at Leadville

Nächster Ultramarathon

Georg Weiss , 08. Oktober 2004

Spartathlon 2004

Freitag,
01.10.2004
152,100  -  Es ist wirklichkeit geworden, worauf ich seit ca. sechs Jahren zunächst noch unwissentlich hingearbeitet habe, wovon ich seit mindestens neun monaten träume und wofür ich seit ca. acht wochen intensivst trainiere. Ich stehe am start zum spartathlon, der hammerlauf unter den ultra-veranstaltungen: um mir herum um die 200 weitere läufer, von denen lediglich 73 den großen zeh vom könig leonidas in sparta berühren werden. Ob ich auch zu den glücklichen gehören werde: erst einmal sieht es nicht so aus: in den ersten 30 min. merke ich mein rechtes knie, ich sehe mich schon bei der start-nummer-abgabe nach nur 20 km. Aber dann ist es plötzlich weg, ich bin total erleichtert. Nachdem wir athen verlassen haben, kommen wir an die küstenstraße: sie zieht sich ziemlich weit dahin, führt in einer gigantisch-langgezogenen links-kurve an das ufer auf der gegenüberliegenden seite, das man aufgrund der entfernung kaum erkennen kann. Und das laufen wir alles, es sieht fast endlos aus. Und doch sind es bis korinth noch nicht einmal die hälfte der km! Da ist es mental doch besser, sich auf den nächsten checkpoint zu konzentrieren. Davon gibt es nur 75 stück (diese zahl ist etwas übersichtlicher als die 245 km), alle gut bestückt, teilweise sogar mit powerbars und powergel. Und mir schmecken die beim laufen richtig gut, sozusagen eine delikatesse, im 'normalen' leben tabu.
Wichtig die ritualisierung während des laufes: Immer und immer wieder: an den checkpoints (cp) drei becher flüssigkeit kippen: iso u/o cola, banane u/o apfel, trinkflasche mit wasser auffüllen, kopf naß machen. Zwischen den cps: natürlich laufen, dann noch pinkeln und als wichtigstes die 'bewässerung': alle zehn minuten drei schluck aus der wasserflasche, sahara-kappe naß machen, haare naß machen, und dann wieder auf die nächsten zehn minuten warten. Und immer weiter so: Die ritualisierung entsteht in der zyklisierung: die bein-bewegung als mikro-zyklus: eins vor das andere, die bewässerung alle zehn minuten als meso-zyklus, um die körperkerntemperatur unten zu halten, und die versorgung an den cps als makro-zyklus. Dies geht über 25 h gut, die handlungen an den cps meist freiwillig, später dann muß ich mich auch förmlich zwingen: ich muß trinken und essen, auch wenn ich gar keinen durst u/o hunger habe, damit ich im flow bleibe. Und der ist zweifelsohne da: ich laufe wie am schnürchen km um km, ich merke meine beine zwar, aber das ist auch alles.
Am anfang noch eine dreistellige platzierung, arbeite ich mich von cp zu cp vorwärts in der platzierung. An sich sollte es ja ein team-lauf werden, aber die zweite im team gibt am anfang tierisch gas und will spartathlon geschichte schreiben, so kommt es mir jedenfalls vor. Und da ich nur 'ankommen' möchte, laufe ich dann ziemlich schnell meinen doch etwas langsameren stiefel. Und dieses vorwärts rutschen in der platzierung führt mich auch immer näher in richtung team-zusammenführung. Irgendwann auf dem weg zum sangas weiß ich dann, sie ist direkt vor mir. Dann der letzte cp vorm sangas: steht sie da: nein, immer noch nicht, also ritual auf die schnelle und weiter hoch zum sangas: und immer noch nicht in sicht, und wieder runter vom sangas: nächster cp im dorf unterhalb vom sangas: ich bin vor ihr: wie geht denn das ohne überholen: ach ja: schlafpause genehmigt. Da ich mir beim spartathlon aber keine schlafpause genehmigen mag (wer weiß, was da noch so kommt), mache ich wohl oder übel alleine weiter. Wahrscheinlich werde ich sowieso wieder eingeholt.
Samstag,
02.10.2004
102,300  -  Nächstes ziel: die 24 h voll zu machen: und da bahnt sich etwas total überraschendes an, mit dem ich gar nicht gerechnet hatte: Neuer persönlicher Rekord mit 199,6 km im 24 h Lauf: hätte ich das gewußt: die 400 m wären auch noch drin gewesen. Platzierung mittlerweile kurze zeit sogar einstellig. Aber dann fordern die sich unter meinen vofüßen bildenden blasen ihren tribut ein: ich muß immer öfters gehen. Und am frühen morgen wird es richtig kalt: da hilft mir meine jacke und mein langärmeliges unterhemd, und trotzdem gibt es phasen, wo ich richtig vor kälte zittere. Meine ritualisierung leidet auch stark: immer stärker werde ich vom lust-prinzip gesteuert: nur hat es keinen bock mehr auf trinken und essen und trinken und essen. Und dann sitze ich beim cp 67 (218 km, nur noch acht cps vor mir!), bin total fertig, ausgelaugt, mag nicht mehr, und bin kurz davor, meine start-nr. abzugeben. Ich erinnere mich an den läufer, der bei km 220 ausgestiegen ist, und da hab nicht verstanden, warum hier noch: aber jetzt kann ich es für mich nachvollziehen: es geht einfach nichts mehr, ich weiß, ich werde mich mein leben lang deswegen ärgern, aber ich kann nicht mehr: noch einmal vier stunden, jeder schritt tut höllisch weh, meine beiden vorfüße sind jeweils eine riesige blase, das halte ich nicht mehr aus, und so schön ist könig leonides auch nicht. Und er steht sicherlich noch ein paar jahre dort und wartet auf mich. Und so sitze ich da, ein häufchen elend, total depressiv, ich könnte heulen. Und ich habe noch soviel zeit gut. Aber meine rettung naht in gestalt von hubert karl: im richtigen augenblick an der richtigen stelle: er artikuliert das, was mir durch den kopf geht (ein ganz herzliches dankeschön an dich, hubert): und gottseidank rappel ich mich wieder auf und gehe weiter. Mittlerweile sengende hitze. Und ich bin so langsam. Die zeit kriecht dahin, die km schleichen förmlich an mir vorbei. Noch eine kritische stelle, wo ich existentielle angst bekomme: da sind doch wahrlich zum cp 74 noch 5.2 km zu überwinden: ca. 1 h in der sengenden hitze, und nur 0.5 l wasser in der trinkflasche: wie soll das gut gehen: der puls geht selbst im gehen in höhen, die ich gestern noch nicht einmal durch laufen erreicht habe. So knapp vor dem ziel (noch ca. 7 km), und ich weiß, ich schaffe den nächsten cp nicht, ich wähne mich schon an der straße mit hitzeschlag liegend: voller panik stelle ich mich auf die straße, winke ein auto mit beiden händen heran: bitte, bitte, nächstem cp bescheid sagen, daß ich dringend wasser brauche. Die frau schaut mich an, (und ich sehe wohl ziemlich fertig aus), greift nach hinten auf die rücksitzbank und drückt mir eine fast volle 1.5 l flasche wasser in die hand: meine rettung. Dann noch eine weitere flasche wasser von einem organisations-mitglied. Und ich erreiche cp 74, und auch noch cp 75 und dann stehe ich vor könig leonidas und kann es irgendwie gar nicht fassen: soviel himmel und hölle durchgemacht: Bei der foto-session lache ich, aber als ich meine bilder hinterher sehe, sehe ich lediglich eine verzerrte grimasse: die fotos werden also im privat-besitz bleiben. Aber: und nur das zählt für mich: ich habe es geschafft. Und bin so glücklich, daß ich mich durchgebissen habe. Bei km 220 und soviel zeit-polster auszusteigen, das hätte ich mir nie verziehen.

© Georg Weiss, 08. Oktober 2004

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