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Sy Mah

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Alle zeigen - Bericht von Elisabeth Herms-Lübbe zum Kyffhäuser-Bergmarathon:
Elisabeth Herms-Lübbe , 12.04.2005

Marathon mit Besonderheiten – beim Kyffhäuser Berglauf

Traumhaft schön war es im letzten Jahr gewesen. Die Sonne hatte geschienen und die Bäume waren während des Laufes ergrünt. Das wollte ich gern noch einmal erleben. Aber das ist natürlich unwiederholbar. Dieses Jahr gab es leichten Schneeregen. Ich mag die Strecke sehr gern wegen des Abwechslungsreichtums, der landschaftlichen Schönheit und des historischen Umfeldes.

Zuerst geht es gut 10 km meist auf Asphalt, da kann man etwas träumen, den Blick schweifen lassen und braucht nicht auf die Füße zu achten. Die Straße steigt schon an, wir sind auf dem Weg in das kleinste Gebirge Deutschlands. Dann folgen ungefähr 10 km auf Wanderwegen, durch Eichen- und Buchenwälder, meist bergauf und manchmal bergab, bis nach etwas mehr als Halbmarathon das Kyffhäuserdenkmal erreicht ist. Dort, vor den Treppen, gibt es einen Wendepunkt mit Kontrolle, Haferschleim und Bier. Man läuft um das Felsmassiv unter dem Denkmal herum, begegnet den langsameren Läufern, weiter tendenziell bergab durch Mischwald, bis sich der Horizont öffnet und ein Dorf in Sicht kommt. Das wird durchquert, weiter geht es hoch an einem Flugplatz vorbei, das sei der unangenehmste Teil, sagen die Experten, weil da traditionell Gegenwind ist, jedoch nicht in diesem Jahr. Ein kleineres Waldstück folgt, danach rechts das riesige Bauernkriegsmonument. Dann kommt man den Ziel schon nahe. Man sieht Bad Frankenhausen mit dem schiefen Kirchturm, läuft an einigen Villen vorbei, Kurpark, Stadt, um den Festplatz herum, und es ist geschafft.

Wegen der Attraktivität der Veranstaltung haben wir den Weg von Kassel auf uns genommen. Wir waren zu dritt. Man denkt, es sei nicht weit, aber irrt dabei etwas, weil die Straßen dahin es in sich haben. Wir brauchten fast drei Stunden für die Anreise. Kurz vor Sondershausen endete eine Straße im Nichts: Baustelle, keine Umleitung. Wir wollten ganz schlau sein und das fehlende Stück auf kleinen Wegen umgehen. Wie sind wir da zwischen den Kleingärten in den Schlamm geraten! In Sackgassen ohne Wendemöglichkeit! Steile, unbefestigte Wege mit bedrohlichen Kalkbrocken! Und nicht mehr viel Zeit bis zum Start. Irgendwie kamen wir doch noch heil und rechtzeitig da heraus, das Auto mit rotem Schlamm bedeckt.

Beim Marathonstart hörte der kalte Regen gerade auf. Mountainbiker waren vorher auf die Strecke gegangen. Zu etwas anderen Startzeiten stand ein reichhaltiges Angebot kleinerer Strecken stand zur Verfügung, bis hin zur Stadtführung. Die Veranstalter hatten keine Mühe gescheut und an alles gedacht. Es war auch richtig viel los auf dem Festplatz. Viele mir bekannte Ultramarathonläufer waren da, die lieben ja solche Umgebung.

Ich war schon einige Kilometer unterwegs, als sich mir von hinten eilige Schritte näherten. Es überholte mich der schnelle Michael aus Kassel. Er war zu spät losgelaufen. Da hatte ich nun meine Nerven sowie die Unversehrtheit meines Familienautos riskiert, um noch rechtzeitig anzukommen, und Michael hatte den Start verquatscht!

Wie es uns auch hätte ergehen können, konnte man bald am Straßenrand beobachten. Dort hing in einer Feldwegeinfahrt ein Auto mit dem Fahrzeugboden auf Gestein fest, ein Vorderrad in der Luft über einem Graben. Peinlich, wenn ein Wendemanöver so endet und Hunderte von Läufern sehen das traurige Ergebnis.

Es begann der Anstieg auf der Straße, zu beiden Seiten ebenfalls ansteigender Kalktrockenrasen. Parallel zur Straße gibt es einen Weg, der erst durch eine Senke führt und dann wahrscheinlich auf die karge, unwirtliche Hügelkuppe. Es gibt keinen vernünftigen Grund, dort mit dem Auto hinaufzufahren, denn es gibt da oben nichts zu tun, wozu man ein Auto bräuchte. Dennoch fuhr ein Geländewagen mit Vierradantrieb durch die Senke. Der Wagen kurvte und schwankte, der Schlamm spritzte noch höher als kurz zuvor bei mir: kein Zweifel, da führte jemand sein geliebtes Spielzeug in die Suhle.

Auf dem Wanderweg wurde es dann auch bald für uns Läufer schlammig. So viel Matsch habe ich noch nie bei einem Marathon erlebt. Der Boden war schon ordentlich durchgearbeitet von Mountainbikern und den Vorläufern. Verschreckt habe ich mir später, im Ziel, im Festzelt, die ersten Trailschuhe meines Lebens gekauft. Oben am Denkmal begegnete mir Horst Preisler, der Marathons in vierstelliger Zahl absolviert hat und bei diesem offensichtlich im Dreck gelegen hatte.

Als das langweilige Stück am Flugplatz hinauf kam, leistete uns, die wir hinten dran waren, platt wie eine riesige Flunder, ein quittegelber Lamborghini Gesellschaft. Da war ich sehr verwundert. Was macht der in dieser Einsamkeit? An potentiellen Bewunderern waren nur Sigrid Eichner und ich da. Wo kommt er her, wo will er hin? Doch wohl nicht auch in die Suhle? Am Flugplatz fuhr er jedenfalls vorbei, blieb dann aber auf der Straße und bog ab.

Ausdauerkünstler wie wir sollten wissen, dass sich in dem riesigen Bauwerk, das wie eine gekrönte Keksdose aussieht, der Welt größte Ausdauerleistung eines Malers befindet. Das Rundgemälde darinnen erinnert an die entscheidende Schlacht des Bauernkrieges im Jahr 1525, die hier stattgefunden hat und in der die mit dem Mut der Verzweifelten kämpfenden Bauern eine entsetzliche Niederlage durch das besser gerüstete Heer von Adel und Klerus erlitten. Nicht nur dieses Kampfgeschehen ist auf dem Gemälde zu sehen, sondern auch ein Universum aus unseren antiken und christlichen Überlieferungen. Einmal beauftragt, hatte Werner Tübke als Maler alle erdenklichen Freiheiten, denn es sollte irgendwann fertig werden und niemand sonst hätte es vollenden können. Kurz vor der Wende war es soweit. Das Gemälde ist höchst vielschichtig geworden und fern jeder ideologischer Plattheit, denn „sonst hätte man es gleich wegsprengen können“ nach der Wende, so der Maler, der vor kurzem gestorben ist. Man könnte Tage darin verbringen und es würde nicht langweilig. Allein schon die Menge der verwendeten Ölfarbe ist überwältigend. Auch wenn mir die Farben und die Formen der Figuren nicht immer gefallen, halte ich es für eins der eindrucksvollsten Kunstwerke in Deutschland. Ich kann jedem in Verbindung mit dem Kyffhäuser Berglauf einen Besuch ans Herz legen, etwas für den Körper, etwas für den Geist, und man hat ein wunderbar ausgefülltes Wochenende.

Im Ziel angekommen, bekam ich die gleiche Medaille wie im vergangenen Jahr. Ich ging erstmal zum Duschen in die Kyffhäuser-Therme neben dem Festplatz. Im Eingang stand eine gewaltige Sammlung rot verkrusteter Laufschuhe. Meine Hose war nicht warm genug gewesen und mein Hintern war sprichwörtlich kalt geworden. Da habe ich mich zusätzlich zum Aufwärmen in das Solebad gesetzt, was sehr gut tat.

Irgendwie konnte meine Urkunde nicht ausgedruckt werden, es sei schon etwas abgebaut, sie werde nachgeschickt, okay. Im Festzelt war der große Trubel schon vorbei, aber die Stimmung war noch gut und allerlei Bekannte waren noch da. Ich aß mein Bratwürstchen, das im Startpreis enthalten war, und war guter Dinge, war ich doch fast eine halbe Stunde schneller gewesen als im vorigen Jahr. Bevor wir uns wieder auf den Heimweg nach Kassel machten, waren wir noch schnell mit dem Auto in einer Waschstraße, damit ich zu Hause keinen Ärger bekomme.

Am nächsten Tag musste ich zu meiner Verwunderung feststellen, dass mein Name nicht in der Ergebnisliste stand. Wie denn das? Was hatte ich verkehrt gemacht? War das etwa die Strafe für ausschreibungswidriges Wärmen im Solebad? Ich dachte, was denken jetzt meine Lauffreunde von mir? Dass ich irgendwie gemogelt habe, mein Startgeld nicht bezahlt habe, auf der Strecke erkrankt bin oder gar im gelben Lamborghini mitgefahren bin? Mein Mann sagte, er könnte jetzt denken, ich hätte mir einen freien Tag von der Ehe gegönnt; da habe ich es wohl im knöcheltiefen roten Schlamm getrieben; das Kyffhäuser-Berglauf-Team nagt an der Festigkeit meiner Ehe. Aber ach, mache ich mir nichts vor, keiner denkt irgendwas, interessiert niemanden. Falls doch, ich war mit 5:32 im Ziel. Ich lasse mir jedenfalls davon den schönen, erlebnisreichen Tag nicht überschatten. Wahrscheinlich haben die sonst sehr fähigen Organisatoren die Liste schon längst korrigiert.

Mindestens 243 Marathonläufer waren im Ziel, mindestens 15 davon Frauen. Der Sieger war in 2:46 da, die Siegerin mit 3:58.

© Elisabeth Herms-Lübbe, 12.04.2005

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