Zufälliges Zitat

"Wenn du laufen willst, lauf eine Meile, wenn du eine andere Welt kennenlernen willst, lauf einen Marathon."

Emil "Lokomotive" Zatopek (1922-2000)

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Stefan Schirmer , 23.06.2006

"Senkrecht überleben" oder "Chronologie eines Experiments"

“Run for Help“, 24-Stunden-Lauf, Bad Lippspringe, 17./18.06.2006
- Senkrecht überleben - oder - Die Chronologie eines Experiments -

Monate vorher:

Eigentlich wollte ich ja im Juni 2006 den Marathon in Menden laufen. Bis ich dann irgendwie, irgendwo, irgendwann einen Laufbericht über den caritativen 24-Stunden-Lauf „Run for Help“ in Bad Lippspringe las.
Die darin beschriebene lockere, nicht leistungsbetonte Atmosphäre der Veranstaltung, insbesondere die bei Nacht mit kleinen Kerzenlichtern beleuchtete Strecke, übte einen starken Reiz auf mich aus.
Dass ich mit Andre und Ulli dort nette Laufbekanntschaften wieder treffen würde, sprach auch für eine Teilnahme. Gregor (gnies) aus dem Laufen-Aktuell-Forum und der Steppenhahn wollten auch kommen.

Alles was ich über den Lauf las und hörte bestärkte mich in dem Gedanken, dieses kleine Abenteuer, zu versuchen. Viel mehr: ich war wie infiziert von dem Gedanken, in geselliger Campingatmosphäre meine physischen und psychischen Grenzen auszuloten und mich auf das „Experiment 24-Stunden-Lauf“ einzulassen.
Wie würde es sein, stundenlang bei Nacht zu laufen? 24 Stunden lang auf einer 620-Meter-Runde? Was würde mich jenseits meiner bisher längsten gelaufenen Strecke von 55 Kilometern erwarten? Würde mein Körper mitspielen? Würde der Wille mir weiterhelfen, wenn die Beine nicht mehr wollen? Würde ich eine dreistellige Kilometerzahl schaffen können oder gar einen Dreifach-Marathon?

Wochen und Tage vorher:

Nach dem Gorch-Fock-Marathon in Wilhelmshaven richtete sich die Konzentration auf den 5 Wochen später stattfindenden 24-Stünder. Statt Kilometerfresserei war in den Wochen bis dahin eher Regeneration angesagt. Ein Dreißiger drei Wochen und ein geplanter (jedoch auf 13,3 km verkürzter) Zwanziger zwei Wochen vor dem R4H sollten und mußten an halbwegs längeren Läufen reichen.

Ich wollte zwar während des Laufes ausprobieren wie sich der Wechsel von Lauf-, Geh- und Pausenphasen bei mir am besten gestalten lässt und welche Ernährung sich während so eines Laufs als sinnvoll erweist, zur entsprechenden Vorbereitung aber auch vom Erfahrungsschatz altgedienter Ultraläufer profitieren.
In den Foren der DUV (Deutsche Ultramarathon Vereinigung) und beim „Steppenhahn“ bat ich deshalb um Tipps zu Taktik, Ernährung, Logistik und sonstigem und erhielt auch viele hilfreiche Rückmeldungen.
Den Tipp von Ilona Schlegel – „Senkrecht überleben“ – machte ich für mich zum Motto des Laufes.

Eigentlich hatte ich mir zunächst vorgenommen, zwischenzeitlich mal ein Schläfchen zu halten. Davon wurde mir jedoch von den meisten Tippgebern abgeraten. Ich wollte deshalb versuchen, mit kürzeren Pausen im Sitzen auszukommen und die Nacht ansonsten durchzulaufen und zu -gehen. Für den Fall der Fälle wollte ich jedoch auf jeden Fall eine Liegemöglichkeit mitnehmen.
Ernährungsmäßig kaufte ich reichlich und vielseitig ein, da man sich während des Laufs größtenteils selbst verpflegen musste und ich ja nicht abschätzen konnte, wonach mein Körper nach im Laufe der 24 Stunden lechzen würde.
Zur mentalen Unterstützung setzte ich mir neben meinen beiden Wunschzielen 100 km / Dreifach-Marathon einige Zwischenziele. In einem leichten Anfall von Größenwahn dachte ich auch schon einmal an 150 km, nahm mich aber nicht so ernst.
Die erste längere Pause wollte ich frühestens nach 12 Stunden machen.
Mit Ulli und Andre, denen man auch die immer größer werdende Vorfreude und Aufregung anmerkte, herrschte in der „heißen Phase“ reger E-Mail-Verkehr, um abzusprechen, wer was mitbringt. Ulli bot einen Pavillon an, Andre ein Zelt. So kümmerte ich mich dann um Tische.
Neben den zwei Tischen stopfte ich dann noch Faltstühle, ein Reservezelt, eine Decke, den Schlafsack, 2 Kisten Lebensmittel, einige Getränkegebinde, die Sporttasche, Wechsel-Kleidung, Wechsel-Laufschuhe, eine Mega-Thermoskanne Kaffee, Kanister mit abgekochtem Wasser und noch Kleinkram ins Auto. Bei der Abfahrt sah es so aus, als ob ein Rudel Pfadfinder über das Wochenende ins Zeltlager fahren würde.



Samstag, 17.06.06, gegen 10:45:
Nachdem ich auf der Hinfahrt bei Jörg und Sabine noch das neue, orange-silberne KLR-Shirt abgeholt habe, treffe ich in Bad Lippspringe an der Laufstrecke ein. Andre und Ulli sind schon da, der Pavillon und das Zelt stehen auch schon – ich muß nur noch „einziehen“.
In direkter Nachbarschaft haben die Familie Isringhausen-Bley (Steppenhahn & Co.) und Familie Schulte aus Bremen ihre Unterkünfte aufgeschlagen. Auch Gregor Nieting (gnies) aus dem Laufen-Aktuell-Forum, den ich dort erstmals persönlich getroffen habe, „wohnt“ nebenan. Conny und Sigi Bullig lassen sich auch dort sehen, ziehen zum Schlafen aber wohl das Wohnmobil vor.
Christian Müller (Müllitsch) aus Freudenstadt findet bei uns Unterschlupf für Leib und Gepäck. Der Himmel über dem Arminiuspark zeigt sich zu diesem Zeitpunkt noch dicht bewölkt, die Temperaturen sind noch halbwegs angenehm.
Bei der Anmeldung kann ich, nachdem mein „Geburtstag“ gerade weggegangen ist, zumindest noch meine Glückszahl 32 als Startnummer ergattern und werde gebeten, so eine Art läuferischen Lebenslauf abzugeben, der später bei der Moderation und Vorstellung der Langstreckler eine Rolle spielt.

Samstag, 13:02:
Nach dem Vorstartgeschwafel diverser Offizieller geht es endlich auf die erste 620-Meter-Runde. Es geht direkt leicht bergauf und an der kleinen Ultraläufer-Zeltstadt vorbei. Die Strecke führt dann durch einen Terrassengarten etwas mehr bergauf auf ein kleines Palais zu und schwenkt dann 90° Grad nach links. Ganz leicht wellig führt der Weg dann auf durch ein baumbestandenes Parkstück zu einem ganz kurzen Anstieg, bevor es nach einer scharfen Linkskurve an einem künstlichen Bachlauf entlang leicht bergab geht. In einer langgezogenen Kurve geht es aus dem Schutz der Bäume heraus in den unteren Teil des Parks, flach vorbei an einem weiteren Bachlauf zur Rechten und einer großen Grünfläche mit nebelspeienden Stahlsäulen zur Linken. Rechts kommen dann die ersten Verpflegungsstände für die Zuschauer, wenige Meter weiter erreicht man die Bühne, den Startbereich und den Verpflegungsstand für die Läufer. Nach ungefähr 4 ¼ Minuten in lockerem Trainingstempo ist die erste Runde vorbei. So geht es Runde für Runde weiter.

Samstag, 15:59:
Die ersten 40 Runden, also 24,8 km, habe ich hinter mir. Der Himmel hat sich aufgelockert, die Temperaturen sind leicht angestiegen. Schönes Laufwetter, aber für mich ein wenig zu warm. Ungefähr seit Runde 30 schmerzen die Knie. Ich befürchte, mich um eine Runde verzählt zu haben und rechne mit dem niedrigeren Wert weiter.
Zum Rundenzählen hatte ich mir drei Papier-Maßbänder aus dem Baumarkt besorgt. Alle 5 Runden wollte ich das Knöpfchen an meiner Uhr drücken und 5 cm vom Band abreißen. Aber manchmal ist es nicht einfach, bis 5 zu zählen. Irgendwann später bin ich deshalb dazu übergegangen, zusätzlich nach jeder Runde einen Zentimeter am Maßband einzureißen.
So hatte ich eine verlässliche Zählmaschine und konnte meine Gedanken anderem widmen.
Die nachträgliche Kontrolle der Laufzeiten ergab jedoch, dass ich wohl doch korrekt gezählt habe.
Auf der Strecke war volle Aufmerksamkeit gefragt. Kindergärten und Schulen schickten ihre Kiddy-Teams auf die Strecke; auch viele Einzelläufer und Walker waren unterwegs. Kreuz und quer laufende Kinder erforderten abrupte Brems- und Ausweichmanöver, nebeneinander gehende und walkende Grüppchen machten Überholvorgänge über die Wiese erforderlich. Das nervte – wobei man den Kindern da keine großen Vorwürfe machen kann. Aber die Erwachsenen, die vor der Nase die Laufstrecke kreuzten, die abgesperrte Strecke für Spaziergänge nutzen oder die gesamte Breite im Pulk schleichend blockierten – die hätte ich verwursten können.

Samstag, irgendwann zwischendurch:
Ich laufe in Höhe der Terrassengärten auf die Steigung am Palais zu. Ein Stück vor mir ein alleine laufender Knirps, vielleicht 4 oder 5 Jahre alt. Um mich herum ein Grüppchen etwas älterer Kinder, die beschließen, Gas zu geben und den Kleinen zu überholen. Gesagt, getan – das Grüppchen gibt bergauf Gas und der Zwerg versucht mitzuhalten. Er hat natürlich keine Chance und wird gnadenlos überlaufen. Das Grüppchen verschwindet hinter der Kurve. Ich laufe zu dem Kleinen auf und sage zu ihm: „Lass Dich nicht verrückt machen. Das ist schon richtig so, wie Du das machst.“ oder so ähnlich. Da schaut mich der kleine Kerl von unten an und schenkt mir eines der dankbarsten und strahlendsten Kinderlächeln, die ich je gesehen habe.
Alleine für diese kleine Szene hat sich der Lauf schon gelohnt.

Samstag, 16:48:
50 Runden und somit 31 km liegen hinter mir. Meine Knie tun immer noch weh, irgendwas im Bereich der Bauchmuskulatur schmerzt auch. Ich lege eine kurze Pause ein.

Samstag, 17:42:
Nachdem ich die 59. Runde komplett gegangen bin, lege ich eine erste längere Pause ein. Meine Füße brennen; ich fette die Füße neu ein und wechsel die Socken.
Um 18:07 geht es wieder auf die Strecke.

Samstag, 19:10:
6 Minuten Pause. Ich bin zu diesem Zeitpunkt 6:08 Stunden unterwegs – so lange wie noch nie zuvor. Den ersten der drei angepeilten Marathons habe ich hinter mir. Nach ungefähr 5:55:50 Stunden Lauf-, Geh- und Pausenzeit.
Für einen Einzelmarathon natürlich eine seeehr langsame Zeit. Aber ich habe ja andere Ziele und muß mir die Kräfte einteilen. Deshalb bin ich gelegentlich die Anstiege oder eine ganze Runde nur gegangen und habe mich aktiv erholt und Getränke zu mir genommen.

Samstag, 19:59:
Nach Laufen und Gehen im unorganisierten Wechsel lege ich wieder eine kleine Pause ein. Eine Runde später erreiche ich die 50 Kilometer, eine weitere Runde später muss ich nochmals die Füße nachfetten.

Samstag, 22:21:
Runde 103 ist absolviert. Somit habe ich 1 ½ Marathons und die Hälfte meines angestrebten Ziels hinter mir. Zwischenzeitlich habe ich irgendwann die 55 km - Marke überschritten und bin dabei für mich in läuferisches Neuland eingetaucht. Weiter bin ich noch nie gelaufen.

Ich gönne mir eine längere Pause bis 23:20 und setzt mich zum quatschen zu den „Nachbarn“.
Vor Beginn der Dämmerung haben zahlreiche helfende Kinderhände weit über 1000 Windlichter (gesponsort von einem Beerdigungsinstitut!) an der Strecke verteilt und angezündet.
Bis dahin lief es ganz gut. Ich machte zuletzt nur kurze Gehpausen. Die Füße brannten weiter, Knie- und Bauchmuskelschmerz waren aber schon längere Zeit wieder weg. Oberschenkel und Waden ließen sich nichts anmerken. Auch die allgemeine Müdigkeit hielt sich in Grenzen. Allerdings hatte ich mir schon seit geraumer Zeit einen Wolf gelaufen, der mir die Zähne zeigte.

Sonntag, 00:20
Auf der Strecke waren in der letzten Zeit kaum noch Läufer unterwegs. Ich drehte fast einsam meine Runden. Der Bierstand war weiterhin gut besucht; das Publikum war aber eher an Gesprächen und dem Inhalt der Gläser interessiert als an den Sportlern, die ihre Runden drehten. Nur eine einzelne Zuschauerin motivierte immer wieder unermüdlich durch Applaus und aufmunternde Gesten. Ein Dank an Dich, Unbekannte in der Nacht!
Die Musik drang durch den ganzen Park. Nachdem nachmittags ein paar Kapellen ein Stelldichein gaben, war jetzt Konservenmusik angebracht. Nicht immer ganz mein Geschmack, aber o.k..
Die Stirnlampe konnte ich getrost im Gepäck lassen. Selbst im oberen Teil des Geländes, wo keine Straßenlaternen Licht spendeten, reichten der Schein der Kerzen und das Mondlicht aus, um sicher laufen zu können. Gerade dort wirkte die Kerzenbeleuchtung links und rechts am Wegrand wie eine Landebahn und es war eine schöne Erfahrung, zwischen den Lichterreihen zu laufen.
Langeweile oder Einsamkeit traten hier zu keinem Zeitpunkt auf.
Es lief sich gut, die Temperaturen waren angenehm. Aber am linken Fuß hatte sich inzwischen eine ordentliche Blase gebildet und ich lief mit Schmerzen. Nach Runde 112 stoppte ich, um die Socken und von den Asics auf die Pumas zu wechseln.

Sonntag, gegen 0:35
Runde 114. Es ging nicht mehr, die Schmerzen wurden zu stark. Ziemlich unerfahren im Umgang mit Blasen fragte ich im Zielbereich nach einem Sani und wurde Richtung Anmeldung geschickt. Sanis gab es nicht, aber ein Arzt war vor Ort. Der war jedoch noch beschäftigt mit einem Läufer, der sich im Dunkeln ans Wasser herangepirscht hat und gestürzt ist. Der Ellenbogen war zwar noch geschlossen, sah aber sehr ungesund verformt aus. Ich musste eine Weile warten, bis sich der Doc meinen linken Treter besah. Von Aufstechen wollte er nichts wissen, schmierte mir eine desinfizierende Salbe darauf, überklebte das Ganze mit Mull und Pflaster und riet mir in Anbetracht des anstehenden Urlaubs und der Entzündungsgefahr nicht weiter zu laufen.
Frustriert und ratlos humpelte ich zum Pavillon. Andre war auch gerade da.
Er erzählte, wie er sich immer die Blasen aufmacht. Ich erinnerte mich an die Bundeswehrzeit, als ich mir die nervenden Blasen auch immer aufgestochen habe.
Ich wog ab: sollte ich den kleinen Quälgeist mit einer Nadel piesacken, um den schmerzenden Druck unter dem Fußballen loszuwerden? Oder sollte ich wirklich nach gerade mal 70 Kilometern den Lauf abbrechen und vernünftig sein?
Aber wenn ich vernünftig wäre – wäre ich dann da und würde 24 Stunden im Kreis laufen???
Mit aufgestochener und neu abgeklebter Blase ging es also schmerzreduziert mit einem Zeitverlust von 45 Minuten weiter durch die Nacht.

Sonntag, 03:14:
130 Runden und über 80 Kilometer lagen hinter mir. Zeit für eine kurze Pause.
Danach geht es weiter in die Dämmerung. Die ersten Vögel begrüßen den Tag und ich genieße die Runden in den neuen Morgen.
Das Laufen mit Blase ist schmerzhaft, aber es geht. Der Wille ist stärker.

Sonntag, 04:34:
Runde 140 ist im Sack. Zwischenzeitlich habe ich den Doppel-Marathon geschafft.
Ich gönne mir eine Sitzpause von 25 Minuten, ziehe mir eine Jacke über, setzte mich in meinen Liegestuhl und decke mich mit einer Wolldecke zu.
Mein Kreislauf macht derweil eine Aufzugfahrt ins Erdgeschoss und gegen Ende der Pause kann ich gar nicht so schnell frieren wie ich zitter.
Erst als ich wieder eine Weile in Bewegung bin ist alles wieder im Lot.

Sonntag, gegen 06:00:
Es soll Frühstück für die Läufer geben. Ich greife jedoch lieber auf meine Vorräte zurück. Mir ist nach Rosinenstuten mit Nutella und einem Schluck Kaffee.
Nach kurzem Frühstück geht es wieder auf die Strecke, die schon wieder mehr bevölkert ist als in der Nacht.

Sonntag, 07:54:
Inzwischen stecken 163 Runden in den Beinen. Eine Runde vorher habe ich die 100 km vollgemacht. Erstmals dreistellig! Das Minimalziel ist erreicht. Von dem Optimalziel 150 km hatte ich mich inzwischen verabschiedet. Aber mein Hauptziel, den dreifachen Marathon, habe ich im Blick und bin entschlossen, dies auch zu schaffen.
Da kann jetzt auch die Blase am rechten Fuß, die sich inzwischen gebildet hat, nichts daran ändern.
Knapp 30 Kilometer in 5 Stunden – das sollte auch so zu schaffen sein. Oder?

Sonntag, gegen 12:30:
Auf der Strecke waren wieder in den letzten Stunden wieder viele unterwegs, auch Kindergarten- und Schulgruppen. Und auch eine Musikkapelle drehte ihre Runde.
Laufen war schmerzhaft, gehen noch mehr. Aber der Körper forderte zwischenzeitliche Gehpausen, die auch mal 1 ½ Runden dauern konnten. So wechselte ich immer von Gehen ins Laufen und zurück.
Ulli hatte sein Ziel, den dreifachen Marathon, inzwischen erreicht. Auch Andre hatte seine geplanten 100 km erfolgreich erwalkt. Beide hatten sich in der Nacht eine Schlafpause genehmigt.
Es war inzwischen wieder richtig warm geworden und ich soff wie ein Kamel. Während des ganzen Laufes habe ich Unmengen von Apfelschorle, Isogetränk, Cola und Wasser in mich reingekippt und nur verhältnismäßig wenig gegessen.
Aber es hatte funktioniert: der Akku war nie leer, keine großartige Erschöpfung oder Müdigkeit, kein Einbruch, keinerlei Krampfneigung in den Waden und, völlig erstaunlich für mich, kaum müde Beine.

Jetzt hätten die Beine müde werden dürfen. Denn gegen 12:30 lief ich in meine 205. Runde und erreichte mein Ziel: Dreifach-Marathon!
Zur Sicherheit, um auch bei einem eventuellen Zählfehler den Dreifachen zu haben, absolvierte ich noch 2 Runden und hörte dann erleichtert und zufrieden ein paar Minuten vor dem Ende auf. Die Euphorie blieb jedoch aus. Vielleicht würde ich erst nach Wochen richtig verstehen was ich da gerade gemacht habe.
Mit intakten Füßen und ohne die Auszeiten wegen der medizinischen Versorgung und einer zwischenzeitlichen Sitzpause in der Keramikabteilung wären vielleicht sogar 135 km möglich gewesen. Aber egal.

Ich hatte es geschafft. 207 Runden. 128,34 Kilometer. Drei Marathons. Senkrecht überlebt. Experiment geglückt.

Sonntag, ab 13:00:
Vor der Bühne wurden die etwa 20 teilnehmenden Ultraläufer versammelt. Wir beglückwünschten uns und wurden zum Teil persönlich dem Publikum vorgestellt.
Dies geschah an beiden Tagen auch schon während des Laufes, wenn die Ultrarenner am Publikum vorbeiliefen.
Neben Applaus und Dankesworten wurden wir auch noch mit einem Fläschchen „Knappen’s Diederich“, einem Bad Lippspringer Kräuterlikör, bedacht.
Ulli und ich dürften rundengleich in der inoffiziellen Rangliste auf Platz 3, 4 oder 5 gelandet sein. Aber das war hier nicht so wichtig.
Nachdem wir unseren Spenden-Obolus gezahlt und die Urkunde in Empfang genommen hatten, bauten wir unsere Lagerstätten ab und trugen den ganzen Krempel mit mehr oder weniger unrunden Schritten zurück in die Autos.
Auf der Rückfahrt machte sich dann doch die Schlaflosigkeit bemerkbar, so dass ich am ersten Parkplatz 20 Minuten die Augen schloss. Dann war’s wieder ok.

Die Tage danach:
Die Füße sahen ziemlich übel aus. Eine eiergroße Blase unter jedem Fußballen, ein paar kleinere Blasen an den Füßen verteilt, zwei rote gestauchte Zehen und eine pralle blutunterlaufene Blase am linken Mittelzeh, die mich wohl den Zehennagel kosten wird. Ansonsten war ich fit. Nicht einmal ein Muskelkater machte sich breit.
Laut Veranstalter waren insgesamt 1801 Teilnehmer am Start, die über 25.000 Kilometer zusammenliefen. Mit den zusätzlich eingehenden Spenden ist wieder ein ordentliches Sümmchen für den Guten Zweck zusammen gekommen.

Fazit:
Es war ein gelungenes Experiment, bei dem ich einiges gelernt und einige Erfahrungen gesammelt habe. Der Lauf zwischen den Lichtern, das Wiedersehen von Lauffreunden, das Kennenlernen neuer Gesichter wie Gregor und Walter (wb), die kurzen Gespräche mit anderen Läufern während des Laufes, die kleine Szene mit dem strahlenden Steppke und nicht zuletzt der Erfolg – all das hat mir viel Freude gemacht.
Langeweile und Hamster-Syndrom traten zu keinem Zeitpunkt auf und ich bin erstaunt, wie gut ich die Belastung trotz der eher mäßigen Vorbereitung weggesteckt habe.
Vermutlich wird dies nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich in Bad Lippspringe meine Runden drehe.

Auf ein nächstes Mal, „Run for Help“!




© Stefan Schirmer, 23.06.2006

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