Tritt ein, bring Glück herein

Stop, leider geschlassen!

 

Elisabeth Herms-Lübbe zum STUNT 100 (13.08.2005) - Ultramarathon beim Steppenhahn (10.2000)

Zufälliges Zitat

"If you can't fly, then run. If you can't run, then walk. If you can't walk, then crawl. But whatever you do, keep moving."

Martin Luther King, Jr.

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Elisabeth Herms-Lübbe , 13.08.2005

STUNT 100 - 100 Meilen von Sibbesse

Das ist die Vorgeschichte der Veranstaltung: In Landwehrhagen bei Kassel hat fünfmal ein 100-Meilen-Lauf stattgefunden, initiiert von Hans-Dieter Weisshaar, der diese Distanz in den USA zu schätzen gelernt hat. Die regelmäßigen Teilnehmer waren so angetan, dass sich manch einer Gedanken gemacht hat, wo auch er dem guten Beispiel folgend einen solchen veranstalten könnte. So auch Hansi Köhler aus Sibbesse bei Hildesheim, der übrigens in Landwehrhagen zusammen mit zwei anderen – sie finishten als Dreiergruppe – den Streckenrekord hält. Hansi hat einen auf die Beine gestellt. Am 23. und 24. Juli 2005 fand der erste STUNT 100 statt.

Es war ein Einladungslauf zu einem optimalen Termin: laues Sommerwetter, fast noch Vollmond, fast überall Schulferien, so dass es nicht so viele Konkurrenzveranstaltungen jedweder Art gab. Das Zeitlimit war großzügig gesetzt, ich hatte mich geehrt gefühlt, eingeladen zu sein, und unverzüglich zugesagt, obgleich ich insgeheim ein wenig an meiner Leistungsfähigkeit zweifelte. Doch wenn ein Gastgeber so etwas Außergewöhnliches und Aufwändiges plant, sollte er sich seiner Gäste gewiss sein. Aber je näher der Lauf kam, desto mehr Angst hatte ich vor meiner eigenen Courage.

Der STUNT 100 hat eine eigene Website und man konnte als Vorbereitung Streckenbeschreibungen lesen und Landkarten einsehen. Es hörte sich alles gut an: ein nicht ganz einfacher Kurs über die Höhen des Leineberglandes mit viel Landschaftsgenuss. Nach Landwehrhagener Vorbild gab es vier Runden: 50 km Bergrunde (Hansi: „Wer die schafft, schafft auch den Rest“), 50 km Panoramarunde, 43 km Feld- und Waldrunde und 18 km Endspurt. Dazwischen kam immer der zentrale Versorgungspunkt auf dem Sportplatz von Sibbesse. Ansonsten waren noch zwei Wohnmobile an Stellen, wo sich die Runden kreuzten, und noch viele andere bemannte oder unbemannte Stationen.

Die Veranstaltung begann mit dem Prerace-Dinner, dem geselligen Teil am Abend zuvor. Schön war´s, wie Familientreffen, wahrscheinlich aber herzlicher und lebhafter als ein solches der durchschnittlichen Art. Das Gastgeberteam mit den schwarzen T-Shirts, zunächst noch am Extratisch, mischte sich schnell mit den Läufern. Die Helfer waren Bekannte und Freunde von Hansi und seiner Frau.

Alle brauchten ihren Schlaf, man zog sich recht früh zurück. Ich lag in meinem Hotelzimmer, doch die Ruhe blieb aus. Hatte ich mir nicht zu viel vorgenommen? So viel ist sicher, das ist physikalisches Gesetz, tröstete ich mich, die Strecke wird immer kürzer, wenn man sich nur kontinuierlich voran bewegt, und die Zeit läuft verlässlich weiter, bis Zielschluss ist und man eben da ist oder von der Strecke geholt werden muss.

Weil die Zeit so gottgegeben läuft, hat das Christentum die Kirchturmuhren mit den Stundenschlägen eingeführt. Sie sollen die Menschen an ihre Ohnmacht gegenüber dem Ablauf der Zeit erinnern. Als zur Zeit Karls des Großen die Sachsen Christen werden mussten, gab es auch schon Glocken, die zwar noch nicht so exakt arbeiteten, aber doch schon die Sachsen nervten, wie uns heute ein Muezzin stören würde. Da hat es damals Widerstand gegen das Glockengeläut gegeben, jedoch vergeblich. Oder doch nicht? In Sibbesse nahe Hildesheim, einem frühen Zentrum der Christianisierung, läuten nachts die Glocken nicht mehr! Oder sollte ich doch etwa geschlafen haben?

Ich startete zwei Stunden vor den anderen 13 Läufern, weil ich etwas länger brauchen würde und nicht aus dem Zeitplan der Helfer fallen wollte. Hansi mit Frau und Tochter waren schon da.

Also lief ich hinaus übers Feld in den Wald hinein. Bald waren am Wegesrand überall Aufbrüche von Wildschweinen, sogar ein Wildschweinschädel lag da. Vor ihnen habe ich Angst. Sie ihrerseits sollen ihre Scheu vor Menschen und ihrem Geruch verlieren. Neuerdings werden sie nicht mehr verschreckt durch synthetischen Menschengeruch, der aus der Dose kommt, auf Lappen aufgetragen wird und unerträglich riecht wie monatelang ungewaschener Landstreicher. Nahe der ersten Verpflegungskiste war eine ganze Rotte, die aber Gott sei Dank nichts mit mir zu tun haben wollte und sich in den Wald trollte. Die Bananen in der Kiste haben die Schweine wohl nicht für sich entdeckt.

Dann kam die nächste Gefahr: Meine Verpflegungstüte war weg, einfach geklaut. Für die ersten 30 km Verpflegung würde ich selbst sorgen, hatte ich den Veranstaltern gesagt, und am Vorabend eine Tüte mit dem Notwendigsten an die Strecke gehängt. Das war kein guter Auftakt. „Doch wo Gefahr ist, wächst/Das Rettende auch“ (Hölderlin). So auch hier. In einem Haus lasse ich mir meine Wasserflasche auffüllen, und im nächsten Dorf ist ein Edekaladen, wo ich mich versorge. Da hätte ich am Vorabend gar keine Tüte hierher bringen müssen. Ich hatte aber die Tour auch genutzt, um mir einige Kreuzungspunkte von Straße und Strecke anzusehen, so dass ich mich bei aller Unsicherheit wenigstens halbwegs sicher bei der Orientierung fühlte. Ich habe mich dann auch nur unwesentlich verlaufen. Wir hatten es gut, denn es gab Markierungspunkte und -pfeile in Hülle und Fülle. Hansi hatte mit seinen Helfern ganze Arbeit geleistet. Sie waren dafür früh morgens unterwegs gewesen, denn man lässt sich nicht so gern dabei beobachten. Aber wer möchte dazu wirklich die Vorschriften kennen? Das ist ein uraltes Problem. Schon 1925 hat es anlässlich eines nationalen Wandertreffens einen „Appell gegen das wilde Bezeichnen von Wanderwegen durch Unbefugte“ gegeben.

Nach dem Dorf mit dem Edeka kam ein Aufstieg in die Wildnis. Oben auf dem Duinger Berg war der Weg hüfthoch bewachsen, die Pflanzen noch nass vom Regen des Vortages. Nur gemächlich kam man voran, an Joggen nicht zu denken. Dann der Abstieg und ein Verpflegungspunkt, der gerade aufgemacht wurde. An der Stelle hatte man kurz vorher Klärschlamm oder Ähnliches auf dem Feld ausgebracht, und daneben musste der arme Stefan als Helfer ausharren.

Weiter ging es über kurzweilige Berge, bis die erste Runde vollendet war und jeder Läufer durch applaudierendes Publikum begrüßt wurde. Einige andere waren ungefähr gleichzeitig mit mir am Sportplatz, sie waren also schon zwei Stunden schneller gewesen.

Also auf in die zweite Runde. Nach einigen Kilometern schloss sich mir Natascha an. Sie ist eigentlich eine schnelle Läuferin, und sie hatte sich spontan entschlossen, sich auf einer langen Strecke zu versuchen, ja sogar noch auf die zweite Runde zu gehen. Doch wer denkt, zu zweit sei die Orientierung leichter, der irrt sich. Dann fängt man an zu reden und passt nicht gut auf. Aber angenehm war es trotzdem für mich, nachdem ich 60 km allein gelaufen war. Und so bewegten wir uns unaufhaltsam voran. Nur einmal begingen wir einen Fehler. Da kletterten wir weißen Punkten nach, die aussahen wie die von der Strecke, aber Holzfällerpunkte waren. Der steile Wald war ziemlich voll damit, und wären nicht Hans-Dieter und Heike des Wegs gekommen und hätten uns belehrt, hätten wir uns noch mehr verstiegen.

Bald wurde es dunkel und immer dunkler, und irgendwann war auch die zweite Runde geschafft. Die halbe Nacht war schon vorbei. Natascha hatte erstmals 100 km geschafft und schlief dann im Umkleideraum des Sportlerheim auf der Bahre, mit der sonst verletzte Fußballer vom Platz getragen werden. Sehr viel später sollte auch ich darauf schlafen.

Ich hatte auf die Frage nach Verpflegungswünschen um frische Vollmilch gebeten. Und da war sie. Das war praktisch, denn in der Nacht mag ich nicht gern essen, aber Milch geht immer rein, und keiner hat Bedenken, man könnte sich Schaden zufügen durchs Nichtessen. Hans-Dieter hat es wohl ähnlich gehalten. Er soll zur Verwunderung der Helfer einen ganzen Becher Schlagsahne leer getrunken haben.

Meine Füße waren schon etwas mitgenommen. Eigentlich habe ich nur selten Probleme mit Blasen, aber diesmal würde ich sie wieder bekommen.

Also wieder hinaus in die dritte Runde. Sie sollte ordentliche Wege haben, keine Wurzeln oder Bewuchs. Mit Natascha war ich schnell gewandert, und das Joggen gelang mir jetzt nicht mehr. Ich setzte also das Wandern fort. Die Dämmerung kam, da war ich froh, dass ich bald nicht mehr von der Lampe abhängig sein würde. Ich hatte vorsichtshalber zwei Lampen dabei, die zweite, damit ich bei der ersten Batterien wechseln könnte.

Ob ich denn keine Angst hätte nachts allein im Wald, werde ich manchmal gefragt. Nein, die Stille ist besänftigend und beruhigend, da ist nichts Unheimliches.

Es war noch früher Morgen, als ich die Verpflegungsstation im Wohnwagen erreichte, wo mir die Füße mit Blasenpflaster versorgt wurden. Es fiel mir etwas schwer, damit wieder in den Tritt zu kommen. Die „Nie-wieder“- Zeit brach an. Als ich dann nach einer gewissen Strecke wieder den Wohnwagen erreiche, hatte ich ziemlich schlechte Laune und fragte, ob nicht jemand mit mir kommen könnte. Ich dachte mir, das wird wohl kein übertriebener Wunsch sein, weil die Läufer des Sibbessers Verein ja wohl ohnehin die Gewohnheit haben, am Sonntag zu laufen. Und es dauerte nicht lange, da kam nicht nur eine Begleitung, sondern gleich zwei. Beide, Sabine und Stephan, der neben dem Klärschlamm gestanden hatte, waren guter Dinge und heiterten mich auf. Was für Schätze! Wahrscheinlich hatten sie sich in ihrem Läuferleben noch nie so langsam vorwärts bewegt wie jetzt mit mir.

Zurück am Sportplatz in Sibbesse wartete wieder ein Schatz auf mich: eine Krankenschwester, die sich meiner Füße annahm. Mir war es etwas peinlich, sie in diesem Zustand zu zeigen, da gab ich etwas Intimes preis, so wie seinerzeit die Chinesinnen mit eingebundenen Füßen diese auch nur in sehr seltenen und besonderen Momenten zeigten, aber was half es, sie mussten versorgt werden. „Dies ist kein Volkslauf, den Teilnehmern wird nicht der Hintern gepudert!“, hatte Hansi mal geäußert. Da hatte er aber gewaltig untertrieben. Welch eine Fürsorge! „Mittwoch ist alles wieder normal“, prognostizierte ich aus Erfahrung, was dann auch zutreffen sollte. Trotzdem, das ist ein kleines Problem. Aber auch hier gilt der Spruch von der Gefahr und dem Rettenden. Das Rettende in diesem Fall ist vorsorglich unter zarte Stellen des Fußes zu kleben und heißt Fixomull stretch. Was für ein Name! Wie aus einem Comic. Ich werde es probieren.

Mit freundlicher Begleitung sogar dreier Sibbesser Sportler bewältigte ich dann auch noch die Schlussrunde, den Endspurt. Sie berührt die ICE-Strecke. Der ICE verbindet den Sibbesser 100-Meiler mit dem Landwehrhagener. Wenn ich künftig darin sitze, kann ich gleich doppelt gefühlvolle Erinnerungen exquisite Veranstaltungen hegen.

Endlich war ich im Ziel. Ich war unter den acht Finishern. Die vorgegebenen 34 Stunden hatte ich etwas überschritten. Die beiden Schnellsten, Franz Häusler und Michael Haasche, hatten 22:17 gebraucht. Auf dem Sportplatz wurde gegrillt und gefeiert, ich wurde herzlich begrüßte und beglückwünscht. Viele Dorfbewohner waren neugierig geworden, sahen sich das ausgefallene Spektakel an und mischten sich unter Veranstalter und Läufer. Von denen waren auch noch etliche da, sie waren eher im Ziel gewesen waren als ich und hatten auf der Bahre geruht. Hansi sah mitgenommen aus. Auch er hatte in der Nacht kaum geschlafen, sich immer um alles gekümmert. Mit Erfolg, denn zusammen mit seinen Sportsfreunden hatte er eine überaus gelungene Premiere des STUNT 100 hingelegt. Da kann man mal sehen, mit welch vergleichsweise geringem Aufwand (verglichen mit dem Bau einer Reithalle für ein Reitturnier, zum Beispiel) man eine tolle Veranstaltung hinbekommt, wenn man begeistert ist und gute Freunde angesteckt hat. „Das machen wir wieder!“, meinten die Helfer. Sie können stolz sein, für ihr Dorf ein solch attraktives Ereignis auf die Beine gestellt zu haben. Es erinnerte mich an Biel, wo, in größerem Maßstab, die ganze Stadt und das berührte Umland stolz auf den 100-km-Lauf ist, der so nur in Biel stattfinden kann und auch etwas Einzigartiges ist.

Elisabeth Herms-Lübbe






© Elisabeth Herms-Lübbe, 13.08.2005

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