Zufälliges Zitat

"Mensch, Jens! Ich habe Frau und Kinder! Was tust du mir hier an?!?"

Rainer Wachsmann zum Veranstalter Jens Vieler bei der T

Nächster Ultramarathon

Sigi Bullig , 19. Mai 2003

24-Stunden-Lauf in Eppeville/F

Manch´ einer hatte uns mitleidig angeschaut, als Conny erzählte, dass sie so kurz nach dem 48er in Surgeres/F (siehe umbericht0048.html) schon wieder zum Laufen nach Frankreich will. „Was soll ich denn machen?“, hat sie dann gefragt, “die waren doch so nett im letzten Jahr und ich hatte doch schon zugesagt, bevor die Einladung nach Surgeres kam!“

„Ich werde nur ganz locker mitlaufen, völlig ohne Stress, einfach so, ohne Erwartung auf eine gute Leistung“, so erklärte sie mir noch auf der Fahrt nach Eppeville. Aber da hatte sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht!

Als habe man schon den ganzen Tag auf uns gewartet, ließen Gerard, der Präsident und Gabriel, der Vizepräsident alles stehen und liegen und begrüßten Conny und mich überschwänglich. Conny wurde sofort die Starterliste präsentiert. Man hatte ihr als Favoritin bei den Frauen die Startnummer „2“ zugeteilt, die „1“ hatte der Favorit auf den Gesamtsieg, ein Franzose. Wenn das kein Franzose gewesen wäre, hätte es mich nicht gewundert, wenn Conny die „1“ bekommen hätte. Das Nächste, was präsentiert wurde, war die Gedenktafel im Eingang der Halle, durch die die LäuferInnen in den „24 Stunden Nonstop dÉppeville“ auf jeder Runde laufen. Darauf steht der Streckenrekord für Damen, aufgestellt 1996, mit etwas mehr als194 km. Noch lachte Conny und versuchte sich dem Überschwang gegenüber verständlich zu machen und solch ein Ansinnen als undenkbar zurückzuweisen. Jedoch, sie hatte keine Chance. Zu allem Überfluss kramte Gerard nun noch eine Fotokopie eines Zeitungsartikels vom gleichen Tag hervor, der Conny großformatig im Portrait zeigte und in dem zu lesen war, dass sie eigens anreisen würde, um den Streckenrekord zu brechen.

Da war es nun passiert! „Am liebsten würde ich sofort wieder abreisen!“, war ihre erste Reaktion. „Wie soll ich das denn schaffen, so kurz nach Surgeres – und enttäuschen kann ich die doch auch nicht...!“

Eppeville 2003: Gedenktafel

Wir beschlossen, erst einmal nicht weiter darüber nachzudenken. Der Lauf würde schon zeigen, was am Ende dabei heraus kam. Zur Ablenkung wanderten wir ins Zentrum der kleinen Stadt Ham, zu der Eppeville gehört. Erst einmal von der Fahrt entspannen und den Abend vor dem Rennen genießen, war die Devise. Was wir erlebten, war Ehre und Verpflichtung zugleich. Als hätten sie alle es noch vom vergangenen Jahr im Gedächtnis, zeigten die Leute auf Conny und wünschten ihr einen guten Lauf. In einer kleinen Cafe-Bar, war sie schlichtweg die Attraktion. Wer es noch nicht wusste, wurde von den Wirtsleuten per aufgeschlagener Zeitung darüber informiert, wer da still im Eckchen seinen „Cafe au Lait“ schlürfte. Also – es gab kein Entrinnen, der Veranstalter hatte ganze Arbeit geleistet.

Beim Start am folgenden Nachmittag sprachen fast alle Mitstreiter Conny an und wünschten ihr bei ihrem Vorhaben, einen neuen Streckenrekord aufzustellen alles Gute. Der Strecken-/ respektive Hallensprecher tat ein Übriges. Wer es bis dahin noch nicht wusste, bekam es nun in gehöriger Phonstärke mitgeteilt: „Cornelia va battre le record de lépreuve!“, was nichts anderes bedeutet, als dass Conny den Rekord zu brechen hatte!!!

Glücklicherweise kachelten die 45 französischen Männer, die mehrheitlich angetreten waren um den Meister der Picardie zu ermitteln, dermaßen los, dass Conny für ein paar Stunden nicht weiter auffiel. Die übrigen weiblichen Teilnehmerinnen waren offensichtlich keine ernstzunehmende Konkurrenz, so dass sich wenigstens zu Beginn der Veranstaltung so etwas wie eine Ruhezone entwickelte. Zu Beginn!!!

Als klar wurde, dass Conny mit ihrem gleichmäßigen Tempo nach und nach die losgesprinteten Männer einsammelte, erwachte die Begeisterung für die Frau, die Rekord laufen wird von Neuem. Für Conny bedeutete das Stress ohne Ende. Dazu kam, dass ich ihr immer wieder signalisierte, dass der Rekord bei diesem Tempo fallen musste.

Eppeville 2003: Conny bei Gedenktafelfeier

Nach einer Stunde auf Platz 32, lief Conny durch das Feld. Zu Beginn des neuen Tages war sie bereits, wie im Vorjahr auf Platz drei des Gesamtklassements, die übrigen Damen waren jetzt schon deklassiert, aber trotzdem wünschten sie Conny bei jeder Überrundung auf der 2,7963 km langen Strecke mit zwei Steigungen Glück bei dem Vorhaben, den Rekord zu brechen.

Ca. zwei Stunden vor dem Ende der 24 Stunden war es dann soweit: der vor ihr liegende Franzose Pascal Vaury musste mit einer Verletzung aufgeben und Conny lag auf Platz zwei der Gesamtwertung. Jetzt wurde der Druck noch einmal höher. Zuschauer und Mitstreiter, Staffelläufer und Begleiter feierten Conny, so dass sie, die eigentlich gehen wollte, weil die 48 Stunden von Surgeres immer deutlicher wurden, immer weiter laufen musste. „Scheiß-Rekord“ fluchte sie, “normalerweise gehöre ich jetzt ins Bett! Was habe ich denen nur getan, dass die mich nicht in Ruhe lassen! Wenn ich das gewusst hätte, ich wäre sofort wieder nach Hause gefahren!“ Zu allem Überfluß bekam sie von mir regelmäßig die Information, dass sie nicht nur auf Rekordkurs für Eppeville war, sondern dass am Ende eine Leistung von über 200 km herausschauen würde, wenn sie ihr seit vielen Stunden völlig gleichmässiges, ruhiges Tempo weiter durchziehen würde. „Jetzt lässt du dich auch noch von denen beutzen, mich hier `rum zu hetzen!“ schimpfte sie – na, ja, als Betreuer ist man ja Kummer gewohnt, die Freude hinterher würde bestimmt größer sein, als der momentane Erschöpfungsfrust.

Eppeville 2003: Gedenktafelfeiertorte

Und so war es dann auch! 203,324 Kilometer bedeuteten den zweiten Gesamtrang hinter dem Franzosen Jean-Claude Le Gargasson, der es auf 225,694 km gebracht hatte. Rund 19 km hinter Conny dann der nächste Franzose, Bernard Coadou. Die nächste Dame hatte knapp 65 km Rückstand. Der Streckenrekord für Damen war also gefallen! Die Halle stand am Ende der Veranstaltung Kopf. Nicht enden wollender Applaus entschädigten Conny für den enormen Druck, den sie ausgehalten hatte. Eine Einladung des Bürgermeisters zur Übergabe der neuen Rekordtafel am Eingang der Halle rundeten eine grandiose Siegerehrung ab, bei der es, wie im Vorjahr, reichlich Geschenke der Sponsoren der Veranstaltung gab.

Unter anderem gab es einen gut bestückten Präsentkorb, dem wir die Flasche Champagner entnahmen, um in aller Stille auf die vergangenen turbulenten Stunden zu trinken. Am Ende war Conny mit dem Rekord versöhnt und die nötige Bettschwere zu einem erholsamen Schlaf war hergestellt. Das Frühstück am anderen Morgen war der gelungene Abschluß eines Wochenendes, wie es zwiegespaltener nicht mehr sein konnte.


(Alle Bilder von den Feierlichkeiten im November zur Enthüllung einer Gedenktafel für Connys Streckenrekord!

© Sigi Bullig , 19. Mai 2003
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