Zufälliges Zitat

"Jetzt ist eine ganz andere Landschaft"

Friedemann Hecke beim 6-Tage-Bahnlauf-Richtungswechsel

Nächster Ultramarathon

Elisabeth Herms-Lübbe , 04. Juni 2004

Promises to keep
100 Meilen von Landwehrhagen

"Auf jeden Fall ankommen, die Zeit spielt keine so große Rolle!" So redete Hans-Dieter Weisshaar jedem der 14 Starter des 100-Meilen-Laufes am 30. und 31. Mai 2004 gut zu. Ihm war als Gastgeber daran gelegen, dass bei dem so liebevoll, sorgfältig und aufwändig vorbereitetem und betreuten Lauf möglichst viele der Gäste, die er und seine Frau Susi eingeladen hatten, ins Ziel kämen. Dennoch gilt trotz aller günstiger Umstände: "Es gibt keinen einfachen 100-Meiler."

Ich versprach es. Das fiel mir auch nicht schwer, weil ich es mir ja selbst vorgenommen hatte. Ich hatte mich sorgfältig vorbereitet, war viele lange Strecken langsam gelaufen, auch auf dem 100-Meilen-Kurs, der ja bei mir in der Nähe ist. Im Winter, als noch Schnee lag, war ich ihn in Etappen abgelaufen und hatte mir Abzweigungen und Besonderheiten gemerkt. Ich hatte also den Heimvorteil, dass ich mich nicht verlaufen würde.

Die Strecke besteht aus vier Schleifen ("loops"), zwischen denen man immer wieder die Basisstation, die Garage, erreicht. Die erste geht 50 km zum Kaufunger Wald, die zweite 50 km nach Hannoversch Münden, die dritte 38 km nach Kassel, die vierte 22 km durch den Wald zwischen Landwehrhagen und Speele. Dann, zum Schluss, gibt es noch eine kleine Ehrenrunde, um die Strecke exakt voll zu machen. Die Schleifen sind natürlich nicht ganz gradlinig. Die 100 Meilen geht durch "Wälder, Wiesen, Berge, Täler und Flüsse" und zeichnen sich durch landschaftliche Schönheit, Abwechslungsreichtum und raffinierte Streckenführung aus, bei der die langsamen Läufer die schnellen von Zeit zu Zeit wieder sehen, sodass es für niemanden ganz einsam wird.

Die Strecke mitsamt der Veranstaltung muss schon etwas ganz Besonderes sein, denn sonst wären die Amerikaner aus Hawaii und Texas nicht ganz nach Nordhessen und Südniedersachsen gekommen. Wir, die wir hier leben, bemerken es vielleicht nicht so, dass wir hier endlos wunderschöne Laufwege haben: durch die Berge anspruchsvoll, aber nicht zu schwierig, viel schattiger Wald im Sommer, dann wieder freie Flächen für einen freien Blick, und nirgends ist die Zivilisation so fern, dass man mit der Versorgung Schwierigkeiten hätte oder dass bei einem Unfall Hilfe fern wäre.

Ich startete vor der Zeit, weil ich die Langsamste war. Der Tag versprach sonnig und angenehm warm zu werden, die Nacht sollte halbwegs klar sein und nicht allzu dunkel, weil der Mond fast voll war, und ich selbst fühlte mich auch gut. Der Beginn eines langen Laufes ist immer angenehm, weil man noch ausgeruht und kraftvoll ist. Alles war perfekt. Irgendwann überholte mich das Spitzenfeld, Markus, Franz, Hansi und Michael liefen gemeinsam. Es gab kein Gerenne um die Führung

"Patience is the key", bemerkte Al aus Hawaii, als er an mir vorbei zog und zur Langsamkeit mahnte.

Als ich die ersten 100 km abgelaufen hatte, war es tiefe Nacht. Wochen vorher hatte ich gedacht, ich würde nachts allein im Wald Angst bekommen. Das bin ich ja nicht gewohnt. Es war aber nicht so, nicht im geringsten. Es war einfach nur friedlich und angenehm, nicht Furcht erregend. Für Notfälle hatte ich mein Handy dabei, außerdem waren noch zwei Läuferinnen hinter mir.

Gegen 2.30 Uhr war ich sehr müde. Da setzte ich mich für eine kleine Schlafpause auf einen Baumstumpf im Wald und gönnte mir fünf Minuten Kurzschlaf, "Power napping", ein Gewitter von Traumfetzen, dann war der Kopf wieder halbwegs klar. Für einen längeren und festeren Schlaf wäre es auch zu kalt gewesen. Weil wir viel Englisch geredet hatten, fielen mir Zeilen aus einem Gedicht von Robert Frost ein:

The woods are lovely, dark and deep,
but I have promises to keep,
and miles to go before I sleep,
and miles to go before I sleep.

Und weiter ging es, auch wenn die Füße schmerzten. Es wurde wieder hell, und die frühen Fischer an der Fulda sagten mir "Frohe Pfingsten".

Als ich nach der dritten Schleife und 138 km zu unserer Basisstation, der Garage, kam, hatte ich dicke, aufgeplatzte Blasen unter den Ballen. Hans-Dieter und Markus - beide waren schon im Ziel - zurrten die lockere Haut mit Textilklebeband fest, beobachtet von Hansis Kindern, in deren interessierten ernsten Gesichtern sich die Schwere der Verletzung spiegelte.

Das ist schon ein eigenartiges Gefühl, sehr erschöpft zu sein und noch viele Stunden vor sich zu haben. Natürlich fragte ich mich mit der klaren Hälfte meines Kopfes, wozu das gut sein sollte. Mir fiel kein Argument ein, kein einziges. Aber versprochen ist versprochen.

Ich konnte nicht mehr laufen, sondern nur noch wandern. Ruth und Heike wanderten mit. Ruth ging es offensichtlich nicht gut, sie sagte gar nichts mehr, aber Heike blieb bei ihr und motivierte sie durch bloße Anwesenheit. Beide haben längere Beine als ich, und ihr Wanderschritt war mir zu schnell, da konnte ich nicht mithalten. Sie machten aber bei den Verpflegungen länger Rast und wurden bergauf langsamer, sodass ich sie öfter wieder einholte. So war ich nicht allein.

Meine Vereinskameradin Helene hatte die letzte Verpflegungsstelle betreut, und bald nachdem wir dort vorbei waren, begleitete sie mich. Da ging ich schon an Stöcken, die ich mir im Wald gesucht hatte.

Irgendwann war dann auch die vierte Schleife zu Ende. Susi mit dem Hund kam auf der Ehrenrunde mit, und dann kam es, das Ziel , der weiße Punkt vor der Garage. Um ihn herum war schon Finisher-Party. Ich wurde freudig begrüßt, war aber selbst ein wenig abgestumpft vom Zusammenreißen, dass ich gar nicht so viel Freude spürte. Das kam erst später.

Hans-Dieter war stolz, dass alle Starter den Lauf auch beendet hatten. Das hat es das wohl noch nie in der Geschichte des Langlaufs gegeben, dass bei einem 100-Meiler alle Teilnehmer angekommen sind. Und das spricht sehr für die Qualität der Veranstaltung. Wäre das Umfeld nicht perfekt gewesen, hätte es nicht so unglaubliche zwischenmenschliche Harmonie gegeben sowohl bei den Läufern als auch bei den vielen aufopferungsvollen Helfern, wäre das nicht möglich gewesen. Einige der Helfer waren von weit angereist, um zum Gelingen der Veranstaltung beizutragen. Ein anderes Mal sind sie dann dran, liebevoll umsorgt zu werden. Ohne Gegenseitigkeit läuft nichts.

Die Sieger waren gleich zu dritt eingelaufen. Fünf der 14 Teilnehmer waren aus Amerika, fünf waren Frauen.

Mit Eiscreme und Sekt endete die Unternehmung. Hans-Dieter ist bald wieder in Mexiko, seiner neuen Wahlheimat. Nach Alexander von Humboldt sei Mexiko das schönste Land der Welt. Der große Gelehrte, der es ja wohl wissen musste, hat Hannoversch Münden zu den zehn schönsten Städten dieser Erde gezählt.

Später, nachdem ich ausgeschlafen war und die Füße zu heilen begannen, wusste ich auch, wozu das letzte Stück der Strecke gut war. Die ersten 100 km waren ja noch Sport, aber was dann kam, war kein Sport mehr. Das war Selbsterfahrung und Charakterschulung. Das war eine Erkenntnis darüber, dass oft noch ein bisschen mehr geht, wenn man nur will. Das war ein Erlebnis, an das ich mich in künftigen schweren Situationen - vor denen der Himmel mich bewahren möge - erinnern kann und mir sagen kann: "Wenn du 100 Meilen geschafft hast, schaffst du auch noch dies!"

Elisabeth Herms-Lübbe
32:53:18


© Elisabeth Herms-Lübbe, 04. Juni 2004