Zufälliges Zitat

"This isn't something you die for once. You die eighteen times, every single day"

Trishul Cherns, 1300-Mile-Race

Nächster Ultramarathon

Elisabeth Herms-Lübbe , 22. September 2004

When people run in circles....mad world

12-Stunden-Lauf in Köln

Das sollte mein erster 12-Stundenlauf werden, zu dem der 1. Rheinische DUV (Deutscher Ultramarathonverein)-Stammtisch für den 19. September 2004 nach Köln-Weiden eingeladen hatte. Auch für die Organisatoren war es die erste Veranstaltung dieser Art. Genau zwei Kilometer lang war eine Runde.

Das ist so ähnlich wie bei einer elektrischen Spielzeugeisenbahn. Man bewegt sich immer rundum in einem Mikrokosmos, in dem wie willkürlich allerhand Ausschnitte aus dem täglichen Leben vorhanden sind: bei diesem halb dicht bebautes Gebiet, halb Stadtrand-Landschaft mit abgeernteten Feldern und öffentlichem Grün, so eine Art Streuobstwiese mit Hundeauslaufmöglichkeit.

In diesem Mikrokosmos inklusive Kulisse gibt es, der Reihe nach, folgende Requisiten: eine Autobahnbaustelle mit 12-stündigem Kriechverkehr, ein Möbelhaus wie eine Felswand, große Wohnblocks mit spitzen Dächern, bei denen die Balkons den ganzen Tag in der Sonne liegen, ein Asylantenheim, ein marodes Hallenbad, Tennisplätze hinter Gebüsch, noch mehr Wohnanlagen, alle ziemlich neu, eine Baustelle für weitere Eigentumswohnungen, einen Sperrmüllhaufen mit rosa Matratze, ein riesiger Fitnessstudio, eine Mulde mit verrottetem Holz, die Verpflegungspavillons. Im Laufe des Tages ändert sich natürlich der menschliche Bestand im Mikrokosmos. Die vier Streckenposten werden alle zwei Stunden ausgewechselt, manchmal kehren aber ihre vertrauten Gesichter wieder. Und manchmal treten die Bewohner der verschiedenen Gebäude in Interaktion mit den Läufern. Über allem scheint die spätsommerliche Sonne.

Start ist um 7.00 Uhr, da ist es noch dämmerig. Ich habe mein kleines Radio dabei. Und da kommt es auch schon wieder, das Ohrwurmlied, passend zum Stundenlauf: "I find it hard to tell you, I find it hard to take, when people run in circles it's a very very mad world mad world." Der Rest des Liedes ist eine ziemlich trostlose und depressive Sicht auf die Welt, was eigentlich nicht so zutrifft auf die Veranstaltung, höchstens auf mich. Ich frage mich anfangs stundenlang, was mache ich hier? Alle Leute überholen mich ohne Ende, die schnellen Läufer sprachlos und wie im Trance. Ich fühle mich ziemlich lächerlich. Ich habe keine Lust mehr. Am Abend vorher hatte mir eine Läuferin von jemandem erzählt, der mal aus einem Rennen ausgestiegen sei, weil er keine Lust mehr hatte. Sie fand den Grund völlig unakzeptabel, ich eigentlich auch.

Mein Knie fängt an zu schmerzen, da habe ich ja etwas, was ich aufbauschen kann zum Aufgabegrund. Stunden denke ich darüber nach. Noch bis Marathon, dann gewaltige Knieschmerzen und aufgeben, so mein Trost. Als es dann soweit ist, ist das Knie schon fast wieder besser. Ich ziehe mich in die Damentoilette zurück, wasche mich und fragt mich, was ich denn besseres an diesem schönen Altweibersommertag vorhabe als weiterzulaufen? Will ich am Rand stehen und zusehen? Nein. Also wieder rauf auf die Piste.

Kinder und Jugendliche multikultureller Herkunft sehen interessiert bis belästigend dem Treiben zu. Ich erkläre öfter, was wir hier machen, dass wir Kräfte sparend unterwegs sind usw. Ich werde nach meinem Namen gefragt, ein kleines Mädchen will Titanic genannt werden. Na dann....Meine Tochter nannte sich in dem Alter Malaria, erinnere ich mich.

Etwas größere Jungs halten den Läufern Stöcke vor die Füße, bis einer sie anbrüllt und ihnen die Stöcke zerbricht.

Ein Junge will mir seinen Roller leihen. Ich sage, dass ich nicht mogeln will. Er kann nicht verstehen, dass jemand nicht mogelt, wenn er es doch kann. Täte ich es, wäre es dann, rein juristisch gesehen, Urkunden- und Medaillenerschleichung? Nein, lieber redlich im Schlurfschritt beides erschleichen.

An der Verpflegung ist nichts auszusetzen. Es gibt sogar Spaghettis als Mittagessen. Nur ist es leider nicht üblich auf Laufveranstaltungen, Kaffee oder Tee anzubieten. Coffeingenuss falle unter Doping. Na so was. Kaffee am Nachmittag ist doch tägliche deutsche Realität. Heute brauche ich ihn besonders. Ich bitte eine Frau, die mir von ihrem sonnigen Balkon herunter Runde für Runde gut zuredet, mir bis zur nächsten Runde einen zu kochen, was sie dann auch tut. Darauf steigt meine Stimmung.

Irgendwann übt jemand mit gehobenem Niveau auf der Geige. Da hat wohl ein Zigeuner im Heim Asyl gefunden. Schade, es fällt mir erst jetzt ein, man hätte ihn spontan bitten können, zur Aufheiterung der Läufer draußen an der Strecke zu spielen.

Ich werde nicht mehr so häufig überholt, die Helden sind müde. Es sind auch noch einige Bekannte dazu gekommen, die sechs Stunden laufen, und wir ermuntern uns gegenseitig. Noch einige Stunden die Runden drehen, dann kann ich sogar hier in Köln die Spielregel des Badwater-Ultramarathons (215 km durch sengend heiße Wüste) einhalten: Finish with a smile.

Es war eine liebevoll organisierte, gelungene, schwungvolle Veranstaltung. Alles war gut, bloß ich nicht so. Jedoch gemessen an den 400 Metern, die der Bundesbürger durchschnittlich am Tag zu Fuß zurücklegt, sind meine 76 km schon stattlich. Es kommt eben darauf an, mit wem man sich vergleicht. Die schnellste Frau hat knapp 130 km geschafft, der schnellste Mann knapp 135 km.


© Elisabeth Herms-Lübbe, 22. September 2004

Weitere Info's und Berichte zum Lauf: