Zufälliges Zitat

"Man muss das Unmögliche so lange anschauen, bis es eine leichte Angelegenheit wird. Das Wunder ist eine Frage des Trainings."

Albert Einstein

Nächster Ultramarathon

Alle zeigen - Bericht von Elisabeth Herms-Lübbe zum Lauftage 100 KM Biel-Bienne:
Elisabeth Herms-Lübbe , 27.06.2005

Fit für Biel! Biel auf der Siegerliste!

Biel lockt. Biel lockt die, die noch nicht da waren, und erst recht die, die schon mal mitgemacht haben.

Diesmal war für mich die Anreise luxuriös. Wir fuhren zu dritt mit dem ICE von Kassel, Dietrich, Heinrich aus Hessisch Lichtenau und ich. Sechs bequeme Stunden waren wir unterwegs. Die Zeit verging mit Unterhaltung und Schlaf, als der berufliche oder häusliche Stress allmählich von uns abfiel. Mein Schlaf wurde allerdings jäh unruhig, als mir gewahr wurde, dass ich keine Laufsocken eingepackt hatte. Und ich trug nur Füßlinge, diese zarten, abgeschnittenen Nylondinger. In denen sah ich mich schon auf der 100-km-Strecke. Würde es noch Socken zu kaufen geben? Ich hatte keine Händler in der Eishalle, dem Stützpunkt der Bieler Lauftage, in Erinnerung. Oder müsste ich im Damenumkleideraum betteln gehen? Die Ungewissheit überschattete die Vorfreude, überhaupt die Gedanken an den Lauf selbst.

In Biel hatten natürlich schon alle Geschäfte zwischen Bahnhof und Eishalle geschlossen. Da gibt es noch herkömmliche Ladenöffnungszeiten. Wehmütig blickte ich auf die bestrumpften Füße der Läufer, die uns entgegen kamen. Die hatten keine Probleme!

Gott sei Dank, wenigstens einen Händler gab es, und der hatte passende Socken. Da fühlte ich mich dann auch endlich fit für Biel.

Bei beginnender Abenddämmerung im Umkleideraum cremte ich mich dick mit Sonnenschutz ein. Der nächste Tag würde heiß werden. Dann trank ich viel Kaffee, um wieder auf Touren zu kommen, denn die Erleichterung beim Sockenkauf war so groß gewesen, dass mich danach gar nichts mehr aus der Fassung bringen konnte, schon gar nicht der bevorstehende Start und die lange Strecke. Ich traf viele Bekannte, die alle nervöser waren als ich. Eine kollektive Aufregung war das, die mich mit noch mehr Kaffee auch gepackt hätte. Jemand war barfuß am Start, der hat nie ein Sockenproblem, so wie auch Bernd, der Sandalenläufer, der dort mit einer Laufgefährtin stand, die ebenfalls Sandalen trug. Der Startschuss war mehr ein Kanonenschlag mit viel Rauch, und dann ging es los. Die Strecke geht zuerst durch die Stadt mit vielen Zuschauern, dann durch Kulturlandschaft: Wiesen, Felder, Dörfer, Kleinstädte, Gewerbegebiete, kleine Wälder und verschiedene Flussufer wechseln einander ab. Sie ist meist flach und der Untergrund unkompliziert, angenehm, nett und eigentlich unspektakulär bis auf die Alpen, die bei Sonnenaufgang in der Ferne rot leuchten. In den Genuss kommt man allerdings nur, wenn man langsam ist, man sieht sie nicht überall. Bemerkenswert sind auch die steinernen Wassertröge, groß wie Badewannen, die in den Dörfern und vor den Bauernhäusern stehen, mit frisch einlaufendem Wasser. Da hinein kann man zur Erfrischung seine Arme oder Kopf eintauchen, der ganze Mensch ginge auch hinein.

Zunächst war es Nacht. Der Holunder duftete, der fast schon volle Mond leuchtete so hell, dass ich im Mondschatten meine schweren Schritte verfolgen konnte, und trotzdem war die Milchstraße zu sehen. Da wurde ich müde. Die mit beiden Augen wahrgenommenen Bilder ließen sich im Kopf manchmal nicht mehr zur Deckung bringen. Auf der Autobahn ist ein solcher Zustand richtig gefährlich, hier war er einfach nur unangenehm. Also rechts ran, einige Minuten schlafen. Mit aufgehender Sonne wurde alles besser.

Irgendwann überholte mich leichten Fußes Werner Sonntag, mit 79 Jahren einer der ältesten Starter: einmal Biel, immer Biel.

Ich hatte in Erinnerung, dass es erst ganz spät Cola geben würde. Das war aber nicht so. Schon in der Nacht stand sie überall auf den Tischen. Einmal gab es sogar, etwas um die Ecke herum, Kaffee. Wie überhaupt die Verpflegung großzügig und reichlich war, auch für spätere Läufer war das Buffet niemals abgeräumt. Sogar teure Energieriegel und Powergels, im Mund wie aufgelöster Sahnebonbon, waren aufgetischt.

Am Morgen schwor ich mir, nie wieder zu vergessen, wie anstrengend und auch etwas langweilig eine solch lange Strecke ist, und dass sie vielleicht auch gar nicht so mein Ding ist. Aber wie es so geht, diese negativen Seiten haben sich wieder einmal nicht so tief in die Erinnerung eingeprägt.

Zeitweise lief ich mit Bernhard zusammen. Er war ganz munter gestartet („Kurz vor Schluss fange ich an zu überholen!“), war aber nachher etwas erschöpft. Der Isarlauf saß ihm noch in den Knochen. Gut drei Wochen nach Biel will er beim Badwater-Ultramarathon mitmachen. Als ich ihn darauf anspreche, wird er fast traurig. Also ausblenden! Und erstmal in Biel ankommen! Was dann auch gelang. Bei km 94 traf ich die beiden Sandalenläufer wieder. Bernds Laufgefährtin war demotiviert. Ausblenden! Ignorieren! Und weiter ging es, Bernd nahm sie an die Hand, den ganzen Rest der Strecke, ein rührendes Bild.

Mit der Sonne wurde es heiß. Sonst mag ich nicht gern Bier, aber jetzt trieb mich der Gedanke an das kalte Bier, das ich im Ziel trinken würde, voran. Die Schilder 97 km und 98 km hatten wir am Vortag schon vom Zug aus gesehen, denn dort geht der Weg parallel zur Bahn, und wir hatten gedacht, wenn wir morgen erstmal da sind, ist alles gut. Die Eishalle sieht man schon aus der Ferne. Kurz vorm Zieleinlauf standen viele frisch gewaschene Läufer. Mein Mann wartete schon ungeduldig. Er hatte die Finisherlisten studiert, ob ich nicht doch schon angekommen wäre. Und ich hatte ihm doch gesagt, ich würde 16 Stunden brauchen, was ja auch genau eingetroffen war. Er hatte wohl nicht gut zugehört. „Ich dachte mit Duschen“. Dann gab es eine Medaille, darauf wieder ein Läufer unter gewaltigen Sonnenstrahlen, danach das Bier.

Laufen macht schön. Nur nicht die Füße. Ich entledigte mich meiner fast noch neuen Laufsocken: neun makellose Zehen und ein Radieschen. Ein kleiner Zeh war von einer Blutblase umhüllt. Schnell ein Pflaster über dies traurige Ergebnis einer erneuten Selbstverstümmelung.

Dietrich war über drei Stunden schneller gewesen als ich, Heinrich hatte bei 76,9 km aufgegeben und reglos und unansprechbar auf einem Plastikstuhl gesessen, als ich dort vorbei kam. Beide waren wohl schon längst wieder schlafend im ICE Richtung Kassel unterwegs.

Es gab auch ein Finisher-T-Shirt, zweisprachig wie die Stadt Biel, mit dem Aufdruck: Fit für Biel? Bienne au palmarès? Warum die Fragezeichen? Wer verdientermaßen ein T-Shirt bekam, war wohl fit genug. Und dass die Stadt Biel mit auf die Siegerliste gehört, daran besteht kein Zweifel. Die Bieler haben wieder eine wunderbare Veranstaltung ausgerichtet, also ganz nach oben auf die Siegerliste. Die ganze Region war begeistert auf den Beinen, entweder als Helfer oder laufend. Die Stadt liebt ihre Lauftage und ihre laufenden Gäste. Und die ganze Nacht über ist an der Strecke etwas los. Besonders nett finde ich, dass auch im Hinterfeld etliche Teilnehmer sind, die Bieler sind geduldig. Ursprünglich war es ja auch eine Marschveranstaltung, gehend kommt man auch heute noch ins Ziel, denn man hat maximal 20 Stunden Zeit. 1298 Männer und 211 Frauen haben den Hunderter in diesem Jahr geschafft.

© Elisabeth Herms-Lübbe, 27.06.2005

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