Zufälliges Zitat

"Man kann gar nicht so viel Bier trinken, wie man jetzt heulen möchte..."

Ein Helfer nach dem Ende der 144h in Erkrath 2007

Nächster Ultramarathon

Alle zeigen - Bericht von uli schulte zum 60km Ultramarathon Ellerdorf:
uli schulte , 22.11.2005

„Ein graues November Wochenende“ oder „Es ist wieder Ellerdorfer Doppelultra Zeit“!

Während im November für viele Sportler sich die Saison dem Ende zuneigt und die regenerative Phase begonnen hat, trifft sich in Ellerdorf seit 4 Jahren ein harter Kern der (nicht nur) norddeutschen Ultramarathonszene. Am Samstag wird auf einem 15 km langen Rundkurs gelaufen. Bei 4 Runden sind das 60 km. Viele Läufer entscheiden sich aber für die Opition, nach 3 Runden mit 45 km gewertet zu werden – ein kleiner Ultra, meist im Hinblick auf den folgenden Sonntag - denn der zweite Teil des Doppelultras ist der 6 Stunden Plus Lauf auf einer 3,67 km langen Runde. „Plus“ heißt: wer nach 6 Stunden noch auf der Strecke ist, darf die Runde zu Ende laufen.

Ellerdorf ist ein kleiner Ort in Schleswig Holstein. 3 km entfernt liegt das Städtchen Nortorf, zwischen Neumünster und Kiel. Thorsten Themm, versierter Ultraläufer und Marathonsammler mit der Lieblingsdistanz 100 km und seine Frau Nicole wohnen in Nortorf und organisieren diese schöne Ultralaufveranstaltung mit viel Engagement und Herzblut.

Die Starterliste liest sich wie ein „who is who“ der Ultraszene. Zumindest ein bisschen. Für den Samstag haben gut 50 und für den Sontag etwa 30 Läuferinnen und Läufer gemeldet. Bei den Damen sind unter anderen bekannte Größen wie Marianne Dahl, Martina Hausmann (Weltrekordlerin beim 6 Tage Bahnlauf) und Sylvia Rehn (Siegerin des Deutschlandlaufes 2005) dabei. Bei den Herren ist die Namensliste nicht weniger illuster.

Nachdem ich am Freitag gegen 14.00 Uhr Feierabend machen kann, hole ich meinen langjährigen Freund Winnie in Bremen Lesum ab, und gemeinsam machen wir uns auf den Weg in den hohen Norden Deutschlands. Winnie ist ein recht erfahrender Marathon - und Ultramarathonläufer und war es schon lange vor meiner Zeit. Er hat mich vor 10 Jahren auf meinen ersten Marathon vorbereitet, hat mich damals in Hamburg ins Ziel gebracht und mich auch auf die Ultrastrecke geführt. Wir sind gemeinsam auf vielen Veranstaltungen gewesen. Bei 6, 12 und 24 Stundenrennen, bei Mehrtagesläufen und auch Untertage und in Tunneln haben wir Seite an Seite gekämpft. Da Winnie sich in den letzten Jahren aber weniger im Ultrabereich und wieder mehr im Verein und auf kurzen Strecken engagiert hat, freut er sich jetzt um so mehr auf das gemeinsame Abenteuer in Ellerdorf.

Gegen 19.00 Uhr erreichen wir nach einer entspannten Fahrt ohne Staus das Haus von Thorsten und Nicole in Nortorf. Unsere Freunde vom 100 Marathon Club versanstalten nicht nur den Lauf am Wochenende, sondern haben nun schon zum zweiten Mal auch für mich ihr Heim geöffnet. Es geht ganz einfach und unkompliziert zu: „Hier habt ihr einen Schlüssel. Dort steht ein Kasten Sprudel und ein Kasten Bier. Wenn ihr was braucht, geht einfach an den Schrank. Die Wäsche könnt ihr morgen im Heizungskeller aufhängen. Sucht euch einfach einen Platz zum schlafen.“ Bevor wir es uns mit 9 Besuchern in der liebevoll eingerichteten Wohnung auf unseren Isomatten bequem machen, fahren wir aber erst noch nach Ellerdorf zum Feuerwehrgerätehaus, wo morgen der Start stattfindet. Hier soll es was zu Essen geben, und hier treffen wir auch „Oma“, so eine Art Seele des Ellerdorfer Doppelultras. Von Oma wird noch zu reden sein. Oma hat Erbsensuppe gekocht. Eigentlich wollte sie für die Läufer einen Braten in die Röhre schieben, da im letzten Jahr im Scherz ein Läufer gesagt hatte: „Oma, hier fehlt nur noch ein Braten!“ Oma hatte das sehr ernst genommen, und es kostete Thorsten und Nicole sehr viel Überrredungskunst, um Oma wieder von diesem Gedanken abzubringen und sie auf Erbsensuppe zu reduzieren. Für mich war die Erbsensuppe ein klarer Wettberwerbsvorteil, da ich bekanntlich einen Kuhmagen habe. Andere mussten leiden und am nächsten Morgen mehrmals in die Büsche... Beim Abendessen gesellen sich einige mithelfende Dorfbewohner hinzu, trinken ihr Bier und rauchen ihre Pfeife. Wahrhaft gemütlich.

Als wir dann zurück in unserem Quartier sind, sitzen wir noch bei Themms im Wohnzimmer „am Lagerfeuer“ und tauschen Geschichten und Abendteuer aus.

Martina, die als einziger Mensch der Welt 4 mal das 1300 Meilen Rennen in New York gefinisht hat, erzählt davon, wie sie im Herbst 2001 nach 7 Tagen und Nächten Laufen glaubte, an Halluzinationen zu leiden, als sie plötzlich 2 rauchende Schornsteine sah. Es war der 11. September, und sie hatte soeben den terroristischen Anschlag auf das World Trade Center erlebt. Man beschloss, das Rennen weiter zu laufen und damit ein Signal für den Frieden zu setzen. Die 12 folgenden Tage bis zum Ziel auf dem kleinen Rundkurs halfen, das dramiatische Erleben besser zu verarbeiten. Eine Geschichte, die alle sehr nachdenklich stimmt.

Marcel berichtet von einem Abenteuer, das er vor 3 Wochen erlebt hat. Am Sonnabend war er morgens von Berlin nach Basel geflogen, um gerade noch rechtzeitig am Start des Basel Marathons zu stehen. Nach dem Zieleinlauf schnell zum Bahnhof, um gegen 23.00 Uhr in Bremen anzukommen, wo nach kurzer Verschnaufpause um 1.00 Uhr der Start des Zeitsprungmarathons an der Weser ist. Gegen 6.00 Uhr morgens dann rasch zum Zug, um noch rechtzeitig beim Frankfurt Marathon zu starten. Nach dem Finish wiederum flott zum Flughafen, um nach Dublin zu jetten und den dortigen Marathon mit zu laufen und danach zurück nach Berlin zu fliegen.

Tom erzählt von seinen Laufabenteuern um den Mont Blanc bei Eis und Schnee im nördlichsten Kanada. Sein nächstes großes Ziel ist die Teilnahme am Deutschlandlaufe 2006.

Diese Ultras und Marathonsammler sind schon ein verrückter Haufen. Aber doch sehr liebenswert. Nach vielen weiteren Geschichten und Geschichtchen rund ums Laufen versuchen wir, endlich zur Ruhe zu kommen und noch einige Stunden zu schlafen, denn um 6.00 Uhr wird die Nacht zu Ende sein.

Das Aufstehen, Zähneputzen, fertig machen zum Laufen und enteisen der Autoscheiben klappt wie am Schnürchen. Um 7.00 Uhr ist Frühstück im Feuerwehrgerätehaus. Es gibt Kaffee, Brötchen mit Mett und Zwiebeln, Fleischsalat und Lachs – ein ideales Läuferbuffet. Oma hat für alles gesorgt.

Viele Bekannte, die heute Morgen angereist sind, werden begrüßt, so auch Helmut, unser Freund und dritter Nordbremer bei diesem Lauf. Nach Absprache mit Thorsten lege ich 20 Sportlerbibeln aus. Die Sportlerbibel ist ein „Neues Testament“ mit der guten Nachricht von Jesus Christus, angereichert mit vielen Statements von christlichen Spitzensportlern und wird immer wieder gerne entgegengenommen.

Um 8.00 Uhr ist dann endlich der Start. Bei 5 ° Minus laufen wir los in die traumhafte Winterlandschaft Schleswig – Holsteins. Zentimeterdick liegt der Rauhreif auf den Wiesen und sorgt für eine zauberhafte Stimmung. Das pastellgrün wirkende Gras geht in einen violett – rosanen Himmel über. Die Kühe schauen uns mit großen Augen an, einige knien nieder, um noch etwas Gras am Wegesrand zu erwischen. Winnie und ich laufen Stunde um Stunde gemeinsam, so dass es den anderen schon auffällt: „Na, Ihr beiden seid wohl unzertrennlich!“ Wir haben uns die 45 km vorgenommen und spulen jede der 3 Runden gleichmäßig in ca. 1.57 Stunden ab. Die Kräfte wollen eingeteilt sein, denn morgen soll noch mal das gleiche Pensum absolviert werden. Martina ist immer dicht hinter uns. Lag es an der Erbsensuppe oder an dem Schließen der Schranken kurz bevor sie den Bahnübergang queren wollte, dass sie uns nicht „versägte“?

An den Verpflegungsständen gibt es leckere Sachen, zum Beispiel kleine Frikadellen und Marzipankugeln. Für was soll ich mich nur entscheiden? Also in die linke Backe eine Fridadelle und in die rechte eine Marzipankugel, und weiter geht's.

Einträchtig erreichen Winnie und ich das Ziel in 5 Stunden und 50 Minuten. Von dort geht's nach Oma zum Duschen. Oma stellt immer für alle ihre Dusche im Keller zur Verfügung – ganz große Klasse! Danach zum Abendessen und zur Siegerehrung. Rita, die Frau von „Weihnachtsmann Lothar“, sorgt dafür, dass keiner zu wenig isst. Bei Rita gibt es keinen Widerspruch. Wenn Rita dir was auf den Teller tut, dann musst du es essen!

Und schon ist der Nachmittag rum, und es geht zurück ins Quartier zu Thorsten und Nicole. Für uns als Gäste fängt jetzt der gemütliche Teil des Abends an. Marcel hat einen Kasten Schwarzbier aus seiner Heimat mitgebracht, und wir lassen es uns gut gehen. Unsere Gastgeber haben noch viel Arbeit und kommen erst später. Getrübt wird die Stimmung durch einen Anruf von Christian. Seine Lebensgefährtin Barbara ist ja seit längerem an Krebs erkrankt und ihr Zustand hat sich leider rapide verschlechtert. Wir denken ganz fest an die beiden und senden stille Gebete gen Himmel.

Wieder war die Nacht kurz, wieder sind wir rechtzeitg in Ellerdorf beim Frühstück, wieder starten wir pünktlich um 8.00 Uhr, um am heutigen Sonntag auf einem 3,67 km langen Kurs 6 Stunden lang zu laufen. Viele „Wiederholungstäter“ stehen so mit Winnie und mir an der Startlinie. Heute ist es 10 ° wärmer als gestern, und nach ein paar Regentropfen stabilisiert sich das Wetter, im Laufe des Tages wird der Himmel sogar wolkenlos. 12 Runden müssen wir mindestens zurücklegen, um die Marathondistanz zu bewältigen. Das ist für meinen Freund und mich das Minimalziel. Das heißt auch, dass wir pro Runde nicht mehr als 30 Minuten brauchen dürfen. Es gelingt uns, exakt das gleiche Tempo wie gestern zu laufen, immer unter 30 Minuten zu bleiben und am Schluss noch eine Runde drauf zu legen: „47,6 km!“ ruft uns der Rundenzähler im Ziel zu. Der 6 Stundenlauf findet ja immer auf einer relativ kurzen Runde statt. Das macht das Rennen interessant, man wird überholt und überrundet, überholt und überrundet auch andere. Um Platz 20 bei ca. 30 Startern – mit diesem Ergebnis sind wir sehr zufrieden.

Während das Startgeld am Samstag 15 Euro betrug, wird heute noch mal etwa die gleiche Summe fällig – diesmal jedoch ausschießlich für einen guten Zweck: das „Ronald Mc Donald Kinderhaus“ in Kiel, das es Eltern herzkranker Kinder ermöglicht, in der Nähe ihrer Kleinen zu übernachten.

Heute wollen wir nicht mehr bis zur Siegerehrung warten, denn wir müssen ja noch nach Bremen zurückfahren. Wir verabschieden uns herzlich von unseren Freunden und machen uns auf den Rückweg. Unsere Urkunden werden uns schon erreichen, da wir Marathonsammler uns ja immer wieder über den Weg laufen. Einmal noch geben wir der Versuchung nach, um an einem Autohof kurz Rast zu machen und in einer bekannten Schnellimbißkette zu speisen. Natürlich per „Mc. Drive“, was uns das das Aussteigen und die spöttelnden Blicke unserer Mitmenschen erspart. Omas Braten wäre uns sicher besser bekommen!

Gegen 19.00 Uhr erreichen wir platt, aber glücklich unser zu Hause und sind voller Freude über ein außergewöhnlich erlebnisreiches und schönes Wochenende! Vielen Dank an die Menschen, die uns das ermöglicht haben, an Thorsten, Nicole, Oma und an alle anderen Helferinnen und Helfer!

Uli Schulte
Bremen, 22.11.2005




© uli schulte, 22.11.2005

Weitere Info's und Berichte zum Lauf:


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