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"This isn't something you die for once. You die eighteen times, every single day"

Trishul Cherns, 1300-Mile-Race

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Alle zeigen - Bericht von Elisabeth Herms-Lübbe zum Waldhessen 6-Stunden-Lauf:
Elisabeth Herms-Lübbe , 30.03.2006

Als Beobachter beim 6-Stunden-Lauf in Rotenburg

In diesem Jahr bin ich nicht mitgelaufen. Mitgemacht habe ich trotzdem: als Rundenzählerin. Gäbe es keine Helfer, würde es all die guten Laufveranstaltungen nicht geben. Da sollte man mal ruhig den helfenden Teil übernehmen, für die Ausgewogenheit. Auch der Ultramarathon lebt vom Geben und Nehmen. Das habe ich mir gesagt, als ich dafür meldete. Und grundsätzlich unterstütze ich gern die Veranstaltungen, bei denen meinesgleichen gut teilnehmen können.

Um nicht zu kurz zu kommen und die nötige Ruhe und das richtige Sitzfleisch zu haben, war ich am Tag zuvor mit meinem Rucksäckchen auf dem Rücken von Kassel nach Rotenburg an der Fulda gelaufen, 67 km auf dem Radweg, zuerst vorbei an noch gerade schneebedeckten Bergen im Sonnenschein, was mir den ersten Sonnenbrand des Jahres bescherte, danach stundenlang im Regen. Ich habe nicht mehr gut ausgesehen, als ich in Rotenburg ankam, und als ich kurz vorm Ziel im Supermarkt noch einige notwendige Dinge einkaufte und ich mein Gewicht sparendes Portemonnaie in Form einer Plastiktüte herausholte, merkte ich an der Reaktion der Kassiererin, dass ich wohl einen etwas erbärmlichen und heruntergekommen Eindruck machte. Aber das war glücklicherweise nur äußerlich und vorübergehend.

Es war schon ein besonderes Erlebnis, denn von allen Läufen schätze ich die von A nach B ganz besonders, denn sie vermitteln das Gefühl zu reisen.

Harald Heyde, der als treibende Kraft hinter dem 6-Stunden-Lauf steht, hat viel Erfahrung in der Ausrichtung von Laufveranstaltungen. Bei ihm kommen immer nur die netten Leute, und es geht freundschaftlich und vertraut zu. Mit der Jugendherberge, frisch renoviert, hat er eine angemessene Basisstation für diesen Lauf. Da wird angemeldet, geschlafen, geduscht, gegessen, ausgewertet und die Siegerehrung gefeiert.

Die Laufstrecke, gut einen Kilometer lang, liegt im Schlosspark von Rotenburg. Sie erreicht das Maximum an Abwechslung, das möglich ist auf einer Strecke im Park. Denn der Park ist Monstrum an gestalterischer Planung. Da ist alles an Stilelementen hineingekramt, was die vergangenen Jahrhunderte zu bieten hatten. Und Ende März fehlt ja noch das abmildernde Laub an Bäumen und Büschen. Vor über 500 Jahren ist der Park mit einer Mauer umgeben worden und hat repräsentative Tore und eine gerade Allee auf den Ehrenhof des Schlosses zu bekommen. Diese alten und ehrwürdigen Elemente sind heute noch da, abgesehen von einigen Mauerstücken. Aber - Herrgott - was ist alles dazu gekommen! Pergolen neben Bruchsandsteinplatten, Minigolfplatz, liegende Baumruinen, vielleicht Mooreichen, die ähnlich wie Edelstahl der Verwitterung trotzen, ein Kinderspielplatz mit Sand und Höhen und Tiefen, in der Parkmitte ein Restaurantbau, die Fassaden von Landesfinanzschule, Feuerwehr und Jugendherberge, dann noch ein Denkmal für den Krieg 70/71 und eins für einen mythischen Brunnenbeschmutzer (Bornschisser), der bei seiner Namen gebenden Tätigkeit in Sandstein verewigt ist. Da störte es gar nicht das Bild, als die ca. 50 Teilnehmer des 6-Stunden-Laufes ihre Verpflegung auf Tischen oder auf Bänken neben der Strecke aufbauten, und als die Helfer ihre Zeltpavillons mit den Zählstationen auf dem gepflasterten Ehrenhof des Renaissanceschlosses errichteten, das passte schon hinein ins nicht vorhandene Parkkonzept.

Einstmals, als der Park noch neuer und stilreiner und noch nicht solchen Gestalten wie den unsrigen zugänglich war, war er idyllischer Ort für bemerkenswerte Flitterwöchner. Im Schloss zu Rotenburg hatte Landgraf Phillip von Hessen 1540 in zweiter Ehe eine junge Frau, Margarete von der Saale, geheiratet, obgleich seine erste Ehe noch bestand. Mit seiner ersten Frau war er nämlich nicht glücklich, denn er spürte keine "Brunstlichkeit zu ir"; dennoch hatten sie viele Kinder miteinander. Bigamie war damals ebenso skandalös wie heute, sogar durch Gesetz bei Todesstrafe verboten. Nun war Landgraf Phillip ein wichtiger Fürst im Bund der protestantischen Fürsten, und im Bewusstsein seines politischen Gewichtes hat er diesen Schritt riskiert. Vorher hatte er noch ein ausschweifendes Leben geführt, was ihm die Syphilis bescherte hatte, von der er aber erstaunlicherweise auch schon zu damaligen Zeit vollständig geheilt werden konnte. In der Hinsicht war er auf seine zweite Ehe vorbereitet. Nun brauchte er noch eine offizielle Billigung. So bat er Luther, diese zweite Ehe ausnahmsweise zu erlauben, was Luther - da ist man wirklich verwundert - dann auch tat unter der Auflage, die Ehe geheim zu halten. Aber irgendwie muss Luther dabei nicht ganz wohl gewesen sein, denn, obgleich eingeladen, war er nicht unter den Hochzeitsgästen. Und mit der Geheimhaltung hat es auch nicht so geklappt. Die ganze damalige Welt hat es schnell erfahren und fand das Verhalten höchst verwerflich, und es hat der Sache der Protestanten sehr geschadet.

Also, das ist geschichtsträchtiger Boden, auf dem die Läufer ihre Runden gezogen haben.

An der Stelle, an der wir zählten, hatten vor zwei Jahren ungezogene Kinder gestanden und die Läufer verspottet. Wenn man selbst mitläuft, spürt man es ja nicht so, aber jetzt kann ich die Motivation der Kinder eher nachvollziehen: Ultramarathonlauf ist nicht gerade eine ästhetische Sportart, mal mehr, mal weniger, je nach Individuum, und je länger der Lauf dauert, umso weniger ansehnlich wird der Laufstil. Laufen fühlt sich besser an, als es aussieht. Wenn man am Rand sitzt, möchte man so manchem Schleicher zurufen "Mach hinne, Kerle!" (wir sind in Hessen). Jedoch die Kinder, die sich in diesem Jahr einfanden, waren aber nicht frech, sondern erfreut von der Abwechslung, sie wollten auch gern mit helfen. Sie verteilten dann voller Stolz die Marathon- und Schlussfähnchen und waren begeistert, am Abschlussessen und bei der Siegerehrung teilnehmen zu dürfen. Sonst war eigentlich nicht viel Publikum da.

Bei der Auswertung der gelaufenen Strecken zeigte sich auch in Rotenburg der Trend, der bei Marathonläufen registriert und häufig - von anderen Leuten als mir - beklagt wird: statistisch gesehen werden die Läufer langsamer.

In dem Zusammenhang dachte ich an einen Artikel in der Zeitung, die ich mir mit nasser Jacke und mit Geld aus der Plastiktüte am Abend im Supermarkt gekauft hatte. Da wurde beklagt, dass die durchschnittliche europäische Frau keine Taille mehr habe. Seit der letzten Konfektionsnormung habe sie um üppige 6 cm zugenommen. Nachgedacht über dieses Phänomen wurde auch hier nicht viel. Ob die Ursache ist, dass die Leute im Schnitt einfach älter sind?

Wie auch immer, in Rotenburg hatten sowohl die langsamen als auch die schnellen Läufer ein ansprechendes Umfeld.



© Elisabeth Herms-Lübbe, 30.03.2006

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