Zufälliges Zitat

"I just sort of turn my mind off and look at the white lines, and see if I can keep between them."

Esmond Mah

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Alle zeigen - Bericht von Carsten Dietz zum Big Sur International Marathon:
Carsten Dietz , 17.08.2007

Good Job 681

Good Job 6-8-1
Wie kommt man als Deutscher dazu den Big Sur Marathon zu laufen ?
Wegen der einmaligen Szenerie dieser eindrucksvollen Landschaft ? Wegen der
Herausforderung den schwierigen Kurs mit seinen ups und downs am zerklüfteten Rand der
westlichen Welt zu meistern ? Oder wegen der Möglichkeit einen Urlaub in Kalifornien zu
verbringen ?
Ich habe 2004 mit dem Laufen begonnen. Als RW Leser habe ich mich immer für die
Laufberichte begeistern können. Irgendwann bin ich im Internet dann auf den Big Sur
Marathon aufmerksam geworden. Ich habe mich sofort in ihn verliebt und ihn auf die Liste
meine Lebens-Läufe gesetzt.
Der Big Sur Marathon startet 1 Kilometer südlich des Eingangs zum Big Sur Pfeiffer State Parks
und führt nordwärts auf dem zu diesen Anlass gesperrten Highway One ins 26,2 Meilen
entfernte Örtchen Carmel, in dem schon Clint Eastwood Bürgermeister war. Die Strecke ist ein
einziges auf und ab mit sanften aber auch einigen steilen Anstiegen. Dabei windet sich die
Strecke an der Pazifikküste entlang durch die Berge. Zunächst geht es windgeschützt durch
einen Wald riesiger Redwoods. Der Höhepunkt ist sicherlich das Überwinden des höchsten
Punktes, dem Hurrican Point auf der Hälfte der Strecke. Danach geht es der berühmten Bixby
Bridge entgegen. Hier sitzt der befrackte Pianoplayer Michael Martinez an seinem Klavier und
spielt exklusiv für die Läufer. Die Szenerie ist atemberaubend. In dieser unwirtlichen Gegend
gibt es keine Ansiedelungen, da sie zu schwer zu begehen ist. Hier ist die Natur noch so, wie
sie geschaffen wurde. Den besten Ausblick hat man von Rocky Point bei Meile15,6. Ein
weiterer hoher Anstieg ist Yankee Point bei Meile 22. Hier gibt es dann erste Anzeichen von
Zivilisation seit dem Start. Bei Meile 25 erhebt sich der letzte Anstieg, über eine halbe Meile,
die letzen Reserven fordernd.
Ich reise am Mittwoch vor dem Rennen an, um mich zu akklimatisieren und den
Zeitunterschied von 9 Stunden in den Griff zu bekommen. So gut wie diesmal habe ich mich
noch nie auf einen Marathon vorbereitet. Ich trainiere nach dem 3:15 Stunden Plan von H.
Steffny und laufe in der Vorbereitung unter anderem 4 mal die 36 Kilometer.
Auf der Marathonmesse am Samstag hole ich mir meine Startunterlagen ab. Jeder Teilnehmer
bekommt einen Leihchip, der idealerweise mit einer mitgelieferten Plastikmanschette am
Schuh befestigt wird. Der Chip wird im Ziel von einem Helfer von Schuh getrennt und
einkassiert. Wer mit eigenem Chip läuft oder nicht ins Ziel kommt sendet den Chip mit
beigefügten Umschlag an Eternal Timing zurück. So einfach kann das sein.
Die Marathonmesse findet im Portola Plaza Hotel in Monterey statt. Dort gibt es neben den
üblichen Ständen auch eine Reihe von Vorträgen. Ich höre Dean Karnazes, den
Ultramarathoner vor dem Herrn. Dean ist an 50 aufeinander folgenden Tagen 50 Marathons in
50 verschiedenen US Staaten gelaufen. Dabei bildete der New York Marathon den Abschluss,
den er in 3:00:30 Stunden meisterte.
Spätnachmittags findet die Pasta Party im großen Ballsaal des Marriott Hotels statt. Es ist eine
von den besseren Pasta Parties. Es gibt ein großes Buffet mit Spaghetti, Hühnerbruststreifen,
rohem und gekochtem Gemüse, Brot, Obst, Früchten und Kuchen. Zu trinken gibt es Wasser,
Saft und Bier. Die Stimmung ist gut. Ich bin hier als Ausländer ein Exot.
Insgesamt über 9000 Läufer nehmen an den verschieden Wettbewerben teil. Neben dem
Marathon gibt es einen Marathon Staffellauf, einen 21 Miler, einen 10,6 und 9 Mile Walk sowie
einen 5K Lauf. Alle Laufteilnehmer werden am frühen Sonntagmorgen zu ihren Startpunkten
gefahren. Dazu werden Schulbusse eingesetzt. Eine logistische Meisterleistung, die ohne
Hektik und mit viel Routine abläuft. Der ganze Event ist perfekt durchorganisiert. Das können
die Amerikaner wirklich.
Mit 2000 freiwiligen Helfern, die ihr Wochenende für diese Veranstaltung opfern. Der Big Sur
Marathon ist eine Non-Profit Veranstaltung. Die Einnahmen kommen der Gemeinde in Form
von karitativen Zuwendungen zugute.
Mein Bus fährt um 4:30 Uhr ab und ist gut eine Stunde später am Startpunkt angekommen.
Die Fahrt im Dunkeln auf dem kurvenreichen Highway braucht seine Zeit. Weit über 3000
Marathonis tummeln sich bei idealen Temperaturen im niedrigen 2-stelligen Bereich und
warten auf den Start. Aufgrund der Schwere des Kurses kann laut Veranstalter eine Zeit von
20 Minuten auf die Endzeit eines flachen Marathons addiert werden.
Ich habe mir eine Durchschnittszeit von 7:27 Minuten pro Meile vorgenommen. Das entspricht
einer Endzeit von 3:15 Stunden, das Ziel das ich dieses Jahr anstrebe. Um 6:48 Uhr erfolgt der
Startschuss. Die erste Meile ist unheimlich schnell, da es bergab geht. Mit 6:51 bin ich viel zu
schnell. Ich nehme einen Gang raus und versuche in mein Lauftempo zu kommen. Die ersten
10 Meilen sind flach und es gibt nur sanfte Anstiege. Die Durchgangszeit von 45:15 Minuten
nach 10 Kilometern ist voll im Plan. An jeder Meile steht ein Zeitnehmer und ruft den aktuellen
Meilendurchschnitt sowie die voraussichtliche Endzeit aus.
Ab Meile 10 beginnt der 2 Meilen lange Anstieg auf den Hurrican Point.
Ich achte jetzt mehr auf meinen Puls damit ich mich nicht zu früh verausgabe. Unnötigerweise
kommt ein scharfer Wind von vorne und fordert zum kämpfen auf. Die Aussicht auf die
zerklüftete Küste wird streckenweise durch einen leichten Nebel verschleiert. Der Highway
schlängelt sich durch zahlreiche Kurven den Berg hinauf. Endlich, nach knapp 20 Minuten
aufwärts laufen ist es geschafft. Jetzt darf ich mich Hurrican Point Survivor nennen. Abwärts
rolle ich nun der Halbmarathonmarke auf der Bixby Bridge entgegen. Bald ertönen die ersten
Klänge des Pianoplayers. Die verlorene Zeit des steilen Anstieg werde ich nicht mehr aufholen.
Ich gehe mit 1:39:39 durch die Halbmarathonmarke.
Ich denke, das gröbste wäre geschafft und ich könnte erstmals eine schnellere zweite Hälfte
laufen. Dies stellt sich aber kurze Zeit später als Illusion heraus. Es warten weitere Brocken
mit Rocky Point und Yankee Point. Dazwischen geht es keinesfalls ständig flach oder bergab.
Vielmehr sind immer wieder leichte Steigungen zu bewältigen. Ab Meile 22 dem Anstieg zu
Yankee Point wird es schwer. Mental bin ich gut drauf. Ich denke an meinem Sohn, der morgen
eine Leistenoperation haben wird und laufe für ihn. Ich denke an die irdene Medaille, die ich im
Ziel erhalten werde. Ich denke an eine persönliche Bestzeit, die ich noch erreichen kann.
Nur nicht anhalten, immer weiter laufen. Die Walker, die ich überhole rufen: „Good Job six
eight one“. Das motiviert zusätzlich. Mein Tempo ist inzwischen auf über 8 Minuten pro Meile
zurückgegangen. Meine Oberschenkel fühlen sich noch ganz gut an aber meine Waden
brennen. Die letzte Meile, der letzte Anstieg. Es sieht gar nicht so steil aus, aber ich komme
nur noch im Schleichtempo voran. Endlich ist der letzte Hügel erklommen und es geht bergab
etwa ½ Meile bis zum Ziel. Ich pushe nochmal und finishe glücklich und erschöpft. Für die
letzte Meile benötige ich über 10 Minuten. Am Ende stehen 3:25:20 Stunden auf der Uhr –
meine persönliche Bestzeit.
Auf dem Gelände des Zielbereichs, dem Marathon Village nehme ich erst einmal Verpflegung
zu mir und trinke viel viel Wasser. Ich setze mich auf einen Strohballen und ruhe mich aus.
Jetzt kommen die Emotionen hoch und ich erlebe das Gefühl das man wohl als Runners High
bezeichnet. Tränen fließen und eine große Zufriedenheit und Stolz überfluten mich. Nun
kommt die Sonne raus und es wird richtig warm. Ich bedauere die Läufer, die jetzt noch
unterwegs sein müssen. Das kostet extra Anstrengung. Nach einiger Zeit bin ich erholt und
checke meinen Körper. Keine Blasen an den Füßen, keine Schürfwunden im Schritt, ich kann
gehen ohne zu humpeln, ich fühle mich gut. Das Leben ist schön.

© Carsten Dietz, 17.08.2007

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