Zufälliges Zitat

"you don't just take part in a Six Day event, you join a family"

Joseph "nutcase" Maartens (SA Six Day Circuit Race)

Nächster Ultramarathon

Alle zeigen - Bericht von Christiane Zehrer zum Georgsmarienhütter Null:
Christiane Zehrer , 20.07.2008

Legendäres Ver-Laufen im Osnabrücker Land

Es gibt Läufe, bei denen zählt das Drumherum genauso viel wie der Lauf selbst. Einer davon ist die Georgsmarienhütter Null, heuer im Juli ausgetragen zum 42. Mal. Doch was kann ein Lauf schon zu bieten haben, bei dem man als Erstabsolvent zum „Nuller“ gekürt wird und den eine „Obernull“ organisiert? Auf den ersten Blick zum Beispiel „besondere Aufstiegsmöglichkeiten“, die nur in zweiter Linie mit dem Gelände zu tun haben, und in erster Linie mit den Titeln „Berg- und Talführer“ sowie „Magister bergum et talum“, die für die 5. beziehungsweise 10. Teilnahme verliehen werden.
Doch fangen wir vorn an, mit dem vorabendlichen Nudelessen, bei dem alle so einhellig zusammen sitzen können, weil es keine Zeitnahme gibt außer der auf der eigenen Uhr, und wo alle in dem Geiste „dabei sein ist alles“ dem entgegensehen, was da kommen mag. Dass etwas hier „nicht stimmt“, vernimmt sogar der unbedarfte Läufer sofort, wenn er oder sie erst am selben Abend das moderate Startgeld für Übernachtung und Vollpension entrichten muss. „Von denen, die nicht kommen, will ich es nicht behalten“, kommentiert Obernull Georg Rollfing, und fährt dann damit fort, gestandenen „Nullern“ ein heldenhaftes Lächeln und Neulingen die Furcht ins Gesicht zu treiben. Die Wegmarkierungen nämlich, von denen der Lauf seinen Namen hat, seien nicht immer leicht zu finden, und außerdem bestünde Verwechslungsgefahr: „Die Null ist eine ovale, weiße Null auf schwarzem Grund. Sie ist immer da zu finden, wo man sie bräuchte. Aber Achtung, manchmal ist sie auf Bäumen angebracht oder direkt auf dem Weg, dann kann es schon mal sein, dass der schwarze Untergrund grau ausfällt - und es ist trotzdem eine „Null“. Wenn allerdings die Null orange ist, dann führt sie rund um Osnabrück, und wenn sie ganz rund ist, dann ist sie eine runde Null, aber ihr sucht die ovale Null, also seid ihr falsch.“ Jedenfalls sollen schon Leute jenseits von Osnabrück durchs Unterholz geschlichen sein, wofür regelmäßig das grüne Trikot für denjenigen vergeben wird, der sich am meisten verirrt…

Diplomierte und Philosophen

An dieser Stelle kommen nun die besonders „ausgezeichneten“ Teilnehmerinnen und Teilnehmer ins Spiel. Da auf deren gelbem oder rotem Trikot „Georg hat gesagt, ich kenn’ die Strecke“ steht, darf sich jeder Neuling getrost fragen, wie hoch denn der Wahrheitsgehalt dieser Aussage ist - und es dann entweder in den Spuren eines Berg- und Talführers oder Magisters versuchen oder sich selbst die orientierungsnotwendigen Nullen suchen. Mit so viel Eigenverantwortung gestärkt, ging’s dann nach einer unruhigen Nacht auf die Strecke. (Die einheimischen Teilnehmer hatten sich natürlich mit dem Wundermittel eigenes Bett gedopt!) Also nichts wie über den Marktplatz zur Halle Klosterstraße, wo das Ver-Laufen sonst immer startet, und dann auf einen Trail, der sich „finster wie im Bärenarsch“ (Zitat) zeigt. Das Wetter ist angenehm, nicht zu heiß, nicht zu kalt, und von den legendären Schlammfeldern sollten wir dieses Jahr auch verschont bleiben. Viel Zeit also, um sich mit diesem oder jenem zu unterhalten, während wir da so zwischen verstreuten Gehöften durch die Kornfelder gleiten. Thema ist, wie nicht anders zu erwarten, das Laufen selbst, Läufe und manchmal auch der Grund und die Motivation, warum einer läuft. Sollte einem da allerdings mal das Thema ausgehen, bleibt ja noch das diesmalige Nuller-Motto, das lautet „Was die Mathe lehrt, ist beim Nullen nicht verkehrt“. Bei all dem Diplomieren kommt einem hier ja wirklich in den Sinn, dass man als Neuling dazu abgeprüft wird, sobald der Zieleinlauf in annähernd passablem Zustand geschafft ist.

Anfänger zum Herrmannsturm

Doch vor den geistigen Müßiggang haben die Götter den Schweiß und die Konzentration gesetzt. Besonders die Kilometer zwischen (geschätzter) 5 und 15 sind nämlich gar nicht so wenig anspruchsvoll. Immer wieder steigen die Waldwege ziemlich steil an, und während man nicht über Wurzeln stolpern möchte, gilt es doch, die Null-Wegweiser im Blick zu behalten. Schließlich eine dunkle, kurvig-breite Teerstraße im Wald, von der Teilnehmer nach rechts verschwinden, nur um dann ihren Weg links im Gehölz fortzusetzen: die erste Verpflegungsstation ist erreicht. „Was, schon 10 Kilometer durch“, macht mein Läuferinnen-Herz einen Sprung, das es sonst gewohnt ist, eine schmerzlich herbei zu sehnen, bevor sie endlich kommt. Gestärkt mit Zitronentee und Banane geht es dann an den Anstieg zum Dörenberg, dem höchsten Punkt des Laufs und dem auch augenscheinlich steilsten Anstieg, neben dessen Wasserlauf zerfressener Lehmpiste eine Mondlandschaft aus umgefallenen Bäumen und Stümpfen an den Strum „Kyrill“ mahnt. Oben angekommen, werde ich meiner Anfängerinnen-Pflicht gerecht und erklimme die 108 Stufen des Herrmannsturms - kostet 8 Minuten oder schenkt sie, je nach Betrachtungweise, um nach dem Anstieg wieder zu Puste und Kräften zu kommen.

Der erste Verläufer

Kurz danach, wir haben Wald und Steigungen vorerst hinter uns gelassen, kommt es zum ersten „Verläufer“. Hinter zwei anderen her, lasse ich mich von einer runden Null täuschen, und während ich mich freue, auf Wiesen einzubiegen, werden wir glücklicherweise schnell von einem Mitläufer (ohne besonderes Trikot) auf den harten Asphalt der Strecken-Tatsachen zurück geholt. Dank Langeweile also erstmals Zeit, über das Lauf-Motto nachzusinnen, bei dem mir aus dem Unterbewusstsein sofort der Respekt einflößende 100er-Spruch aufsteigt „die Hälfte vom 100er ist 60, und darüber hinaus ist die zweite Hälfte länger als die erste“. Mein Mit-Läufer zu jenem Zeitpunkt ist noch nie mehr als Marathon gelaufen. Ihm gegenüber behaupte ich, dass es „auf die 8 mehr auch nicht mehr ankommt“, und apropos Thema, als Ultra entwickelt man früher oder später die Fähigkeit, sich die noch vor einem liegende Strecke durch geschicktes Bruchjonglieren (die Hälfte von der Hälfte…) irgendwie bewältigbar zu rechnen. Dann wieder Wald. An einer Weggabelung sehe ich die „Nullen“, doch zwei Läufer traben unbeeindruckt davon auf dem anderen Weg weiter, geben mir Zeichen, die ich nicht verstehe, weshalb ich zum ersten Mal den Rat beherzige, lieber stehen zu bleiben, als kilometerweit vom Kurs abzukommen. Berg- und Talführer Günter der II. hilft mir weiter, denn hier verlaufen zwei richtige Wege ausnahmsweise parallel, doch kaum habe ich ihn und sein Grüppchen mal kurz hinter mir gelassen, stellt sich dieselbe Frage angesichts eines Weges, der unmittelbar und steil ins Unterholz führt, schon wieder. Und ja: da müssen wir jetzt durch!

Die Sache mit den Guides

Am Waldesrand dann verlasse ich diesen Guide - der Lauf besteht aus einem ständigen Abwägen, wie viel Hilfestellung man beim Finden der Strecke benötigt und ob es nicht einfacher ist, allein das mir angenehme Tempo zu laufen. Glücklicherweise aber gibt es mehrere Berg- und Talführer, doch zunächst sind schon 20 Kilometer und damit der nächste Rotkreuz-Verpflegungsposten erreicht. Da die Ortsbewohner noch schlafen und sich (es ist Sonntag, noch vor acht) bereits über den freudig-kühnen Läufer-Radau beschwert haben, müssen wir uns etwas leiser ein Stelldichein geben, dann schnell links abbiegen und bald jagen wir wieder durchs Unterholz, wobei man wenigstens den (Trampel-)Pfad nicht so schnell verlieren kann.
Nach Durchquerung mehrerer Weiler und Längslaufen an verschiedenen Weiden treffe ich auf ein Trüppchen, dessen Kreativität auch vom Laufen der „Null“ angeregt wurde - eine Mit-Läuferin zitiert einen Limerick zum Thema Ver-Laufen, dann muss ich weiterziehen um nicht aus dem Tritt zu kommen. Vor Kilometer 30, wir sind kurz vor dem Einlauf nach Osnabrück und die Querung der Hauptstraße ist wirklich unzureichend beschildert, treffe ich auf den Trupp von Berg- und Talführer Detlef II. Einer seiner Mit-Läufer ist 72 und wünscht sich, 27 zu sein. „Das bin ich“, lasse ich vernehmen, und im Kopf vermerke ich, dass wir eigentlich „mit 99 nullen“ könnten. In Osnabrück tue ich dann auch dieser Gruppe den Gefallen, ihren Rhythmus nicht durch mein nicht dazu passendes Tempo zu stören. Hier ist auch die Beschilderung wieder gut, und dann taucht, mal wieder früher als erwartet, bereits Verpflegungspunkt 3 auf. Da neben den Gelb- auch nicht wenige Rothemden (Magister) mit mir dort sind, denke ich zum ersten Mal, dass ja alles wirklich gut läuft heute - nur um direkt hinter der offensichtlichen Wegbiegung eine weniger offensichtliche zwischen Bäumen und einen Wiesenweg hoch beinahe zu verpassen. Glücklicherweise ruft mich da aber Rolf, mit dem ich von Beginn an - wenn auch nicht ununterbrochen - das Gros der Strecke zurückgelegt habe, und der seines Zeichens trotz rot (wie ich) zum ersten Mal hier unterwegs ist.

„Ein Lauf - kein Geh!“

Zwischen Waldpassagen tauchen immer wieder Siedlungen auf und malerisch gelegene Häuser, an denen wir beide im Schein der nun durchgebrochenen Sonne einen gewissen Gefallen finden. Irgendwann gehen wir auch ein Stück zwischen Feldern auf einem grasüberwucherten Weg, setzen uns dann aber wieder in Bewegung. Ich habe den Eindruck, die Landschaft fließt an mir vorbei und selten wäre mir ein Lauf so leicht gefallen. Kilometer 40 und nächste Verpflegungsstation. Die eben gemachte Feststellung noch auf der Zunge, folgen wir einem breiten Feldweg bis… wir an der nächsten Kreuzung keine Kontroll-Nullen mehr finden. Rolf ordnet unsere Lage geistesgegenwärtig ein: wir haben uns verlaufen! Dumm nur, dass es bis hierher bergab ging und nun selbtsredend bergauf zurück geht. Einen knappen Kilometer, mehr haben wir uns wohl nicht „gegönnt“, als wir über eine Wiese abkürzend zu einem Trupp Läufer in einem recht dunklen Wald aufschließen. einer von ihnen bedeutet uns, dass wir „das jetzt nur überstehen können“ und erst ab 45 ginge es noch mal los. Zunächst nicht sicher, was das heißen soll, erkennen wir bald, dass Kyrill und weitere Launen des Wetters hier den Weg mit umgefallenen Bäumen zugelegt und die Strecke in ein mildes Matschloch verwandelt haben. Also gilt jeder zweite Blick dem eigenen Tritt und jeder andere weiterhin gewissenhaft den „Nullen“ - schließlich sind wir inzwischen gebrannte Kinder. Ich habe den Eindruck, dass wir tatsächlich etwas mühsamer vorankommen, aber was hilft da besser als anregende Gespräche. Rolf erzählt mir von Haruki Murakami, der auch auf 100 Kilometern immer „auf einem Lauf und nicht auf einem Geh“ sei - und deshalb bei Problemen zum Dehnen stehen bleibe, aber nicht über die Strecke marschiere. Obwohl es mir schwer fällt, mache ich mir dieses literarische Zitat zum Mantra, und als wir bei 45 an der Verpflegungsstation wieder antraben, habe ich seit langer Zeit mal wieder das Gefühl, „dass da noch was geht“.

Endspurt

Obwohl uns die Rotkreuz-Leute am Stand das nicht so genau sagen können und auch die Karte den Eindruck nicht bestätigt, glaube ich kaum, dass wir noch wesentlich mehr als 5 Kilometer zu bewältigen hatten. Jedenfalls sind wir jetzt auf dem freien Feld. Zwischen Gehöften rennen wir - und das im Wortsinn - zunächst auf einem grasüberwachsenen Trampelpfad und dann auf geteerten Feldwegen dem Ziel entgegen. Erstaunt ziehe ich an einer Reihe ehrenbehemdeter Herren vorbei, bin dann aber froh, an der noch zu überquerenden Bundesstraße noch einen zu treffen, der nach diesem Durchgang sein gelbes Trikot erhalten wird, und der die Null-Wegweiser sieht, an denen ich voller Übermut vorbei gerannt wäre. Und auf meine Frage hin erfahre ich, dass wir „zur alten Halle laufen, weil es da ja auch losging“. „Meinetwegen“, denke ich, und wir laufen zügig eine Strecke entlang, die ich von meiner gestrigen Ankunft mit dem Auto wieder erkenne. Dann sind wir im Ort Kloster Oesede und - unversehens wie so oft an diesem Tag - taucht der Zielpunkt auf. Nach 5:02 Stunden ist es vollbracht, und während wir zum Treffpunkt neue Turnhalle weitertraben, bemerke ich, wie viele andere Läufer inzwischen um uns herum sind.

Ehre, wem Ehre gebührt!

Die Ankunft ist unspektakulär, es gibt „Frühstücksbuffet“ mit Brötchen, Brotsorten, Marmelade, Honig, Nutella und Aufschnitt, dazu reichlich Kaffe und für die Nicht-Autofahrer Bier. Wie schön, wenn es bei so was ohne großen Pomp zugeht. Aber noch schöner, dass die großen Momente noch kommen. Um halb 1 setzt Ober-Null Georg zur ausführlichen Ehrung an, mitsamt eigens zusammengedichteter Kurz-Laudatio auf der Urkunde eines jeden Mehrfachtäters und Lobeshymne nach der Melodie „Lustig ist das Zigeunerleben“. Und das Mathe-Motto? Bei einem Lauf, wo man fürs Verlorengehen geehrt wird, muss es doch auch ok sein, einen Text am Thema vorbei zu schreiben, oder? Auf jeden Fall Danke, Georg, für eine mit so viel Elan und persönlichem Einsatz durchgeführte Laufveranstaltung!



© Christiane Zehrer, 20.07.2008

Weitere Info's und Berichte zum Lauf:


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