Zufälliges Zitat

"Ohne viel zu überlegen meinte ich, daß diese Strecke 'zu schaffen' sei."

Dr. Adolf Weidmann vor seinem ersten Lauf in Biel

Nächster Ultramarathon

Alle zeigen - Bericht von Joe Kelbel zum Lauftage 100 KM Biel-Bienne:
Joe Kelbel , 15.06.2009

Aus Vershen nach Biel

Aus Versehen nach Biel.

Es gibt euphorische Phasen im Leben des Marathonläufers, da meldet man sich bei allen möglichen Läufen an, teils um günstig an den Startplatz zu kommen, teils um gegen die drohende postmarathonale Depression anzukämpfen.
In so euphorischen Phasen schwätz man manchmal über Läufe, bei denen man noch nicht mal weiß, wo genau diese stattfinden, und sagt einfach : „Och ja, da kannste mich mal mit anmelden!“- Auch wenn es ein 100 km-Lauf ist.

So ist das wohl gewesen, denn als ich vor 2 Wochen mal nachsehe, wo dieses Biel eigentlich liegt, da schaue ich auch mal zufällig in die Starterliste, ich kenne ja schon so einige Freaks....da haut es mich doch gewaltig aus den Socken!
„Beim Belenus!“ Da ist ja mein Name in der Starterliste ! Wie das denn?

Schon oft habe ich diesen Schlachtruf bei Asterix gelesen.
Er gilt dem römisch-keltische Gott Belenus , dem Gott des Lichtes.
Der Name Biel/Bienne leitet sich von Belunus/Bel ab und beweist nichts anderes, als daß hier
der „Helle, der „Strahlende“ verehrt wurde und am 13.06.09 bei Zieleinlauf wieder verehrt wird.

„Beim Belenus!“ was mache ich jetzt? Nie zuvor bin ich nachts gelaufen, nie zuvor 100 km.Wie konnte das passieren? Kommt so der Vater zum Kind?

Der Gott Bel galt bei den Kelten als der omnipotenter Held. Es ist also kein Zufall, daß mein Nachname die Zusammensetzung von „Kelte“ und „Bel“ ist. Steht deswegen mein Name da?

Der Gott Bel wurde im Zuge der Christianisierung durch den ähnlich begabten Drachentöter Georg ersetzt. Die Fähigkeit, Drachen zu töten hatte ich zweifellos am Rennsteig und wenige Tage später beim Westerwald bewiesen. Also doch kein Versehen?
Eins steht außer Frage: „ Kel-bel steht in der Starterliste ! Beim Belenus!“

Vor dem Start
Da der Start am Freitag um 22 Uhr stattfindet, reise ich erst nachmittgas mit der Bahn an. Die Busverbindung vom HBF zum Eisstadion ist problemlos und schnell, der Fahrpreis im Startgeld enthalten.
Das Startgelände ist sehr übersichtlich, daß hier der älteste 100 km Lauf stattfindet glaubt man kaum.
In der Eissporthalle ist eine winzige Messe und die Startnummernausgabe. Jetzt um 17 Uhr ist es natürlich noch ruhig, aber auch nachher gibt es kein Gedränge und keinen Hektik.
Nebenan ist die Curlinghalle. Hier auf den vielen langen Bänken, oder am Rand auf Isomatten dösen zahlreiche Läufer. Am Hallenende ist die Massagestation, die schon rege genutzt wird.

Auf der angrenzenden Wiese liegen Läufer in der milden Sonne vor ihren Zelten. Ein bißchen mehr los ist vor dem Festzelt, direkt am Zieleinlauf. Hier gibt es bei Musik Spagetthi, Würsten und Getränke. Gut, daß ich Schweizer Franken dabei habe.

Um 20 Uhr mache ich mich in der Curlinghalle startklar. Viele Läufer sind hier, aber es herrscht kein Gedränge, es ist äußerst ruhig hier, leises Gemurmel, kein Lachen, konzentrierte Ruhe, von der Massagestation breiten sich angenehme ätherische Öle aus.
Das Gepäck lässt man einfach stehen. Für die Wertsachen gibt es eine wohlorganisierte Abgabestation.
Mann kann sich Gepäck nach Kilometer 56 transportieren lassen. Dafür packe ich eine extra Tasche mit Wechselsachen, Ersatzschuhen und Red Bull. Die Gepäcktransporter stehen vor der Halle. Die Organisation ist perfekt.

Ab 21 Uhr versammelt man sich vor dem Festzelt und auf der Startgeraden. Die konzentrierte Ruhe ist faszinierend und unheimlich zugleich, eine würdevolle, respektable, kräftesparende Gelassenheit. Nur für Fotos zeigt man aufgesetzte Kampfesfreude.
Pünktlich 22 Uhr ist der Start.

Der Lauf

Die ersten Kilometer geht es durch die Stadt. Wenig Unterschied zu anderen Läufen, nur daß hier sämtliche Einwohner der Stadt versammelt sind. Viele Menschen am Streckenrand. Vor allem die vielen Kinder fallen auf. Sie dürfen anscheinend unbegrenzt wach bleiben und überbieten sich gegenseitig, wer die meisten Hände abklatscht. Es ist eine Festnacht, es wird gegrillt, getrunken und gefeiert, sowas muss man gesehen haben !

Nach etwa 8 Kilometern sind wir aus der Stadt raus, es geht steil bergauf. Meine Beinmuskel schmerzen schon. Bei km 15 überholen uns die schnellen Halbmarathonläufer, die um 22:30 Uhr gestartet waren.
Immer wieder dunkle Waldstücke. Im Schein der wenigen Strinlampen tanzen die langen Schatten der Läuferbeine wie Mikadostäbchen über den holprigen Weg.

23:48 Uhr: Ich komme am Halbmarathonziel vorbei, es ist viel los, der große Platz in Aarberg ist randvoll. Die Strecke der HM-Läufer ist nicht identisch mit unserer, denn wir haben noch einiges mehr zu laufen bis zu Kilometer 21. Es geht durch eine Häuserunterführung. Schöne Stadt hier.
Hinter Aarberg, nach der Holzbrücke gibt es eine Sprintwertung, doch ich sehe hier niemanden, der für 500 CHF einen Schritt schneller wird.

Der nächste Ort ist Lyss. Hier warten die Fahrradbegleiter, dick vermummte Gestalten, als ginge es um eine Antarktisexpedition. Suchende Blicke und Rufe, doch das Durcheinander hält sich in Grenzen. Es geht sehr steil aufwärts, auch hier warten immer noch zahlreiche Fahrradfahrer auf ihre Läufer.

Hinter der Steigung, bei km 25 gehts mir schlecht. Die Beine schmerzen und ich bin unterzuckert. So emotional so ein Nachtlauf ist, so hat er doch seinen eigene Schwierigkeiten, denn der Körper hat seinen Biorythmus, und der hat jetzt keinen Extremlauf vorgesehen.
Magen und Co schlafen und ich brauche dringend neue Energie! Mir ist schweinekalt.Um 0:45 Uhr bin ich am vierten Verpflegungspunkt, greife an Nahrungsmittel was ich halten kann und laufe weiter.

Hinter Ammerzwil, unter der letzten Straßenlaterne liegen halbverdaute Müsliriegelreste. Bei diesem Anblick landen meine Essensvorräte im Vorgarten. Ich zwinge meinen Magen zur Ruhe, bloß keine Mineralien loswerden! Mir geht es schlecht.

Nachts zu laufen, ist irgendwie so, als würdest du auf dem Laufband laufen und machst dann die Augen zu. Unter dir läuft das Band gleichmäßig weiter. Dir wird schwindlig, du dengst du bist in einem Tunnel. Dann schreckst du auf: Lichter, Rufe und viele Menschen. In den vielen Orten sind die Wirtshäuser die ganze Nacht geöffnet und die Biertrinker gröhlen dir zu, bis du wieder die Augen zu machst und die Stille mit diesem seltsamen Tap-Tap-Tap der Füße dich umhüllt.

Samstag, 1 Uhr: der ¾ Mond schiebt sich langsam über den Horizont. In den hohen Wiesen zirpen die kleinen grünen Hüpfer, Sterne sind am Himmel sichtbar. Helle Wolkenstreifen masern den Nachthimmel, ich friere erbärmlich in den nassen Klamotten.

Seltsam sehen die vereinzelten Stirnlampen über den Kornfeldern aus: Wie außerirdische Irrlichter schweben sie, nicht ruckartig, denn ein Langläufer bewegt den Kopf nicht, eher wie schwebende Gespenster ohne Körper.
Beim Verpflegungspunkt Scheunenberg kann ich erstmals einige Brotstücke essen.

1:32 Uhr : Ein Typ kübelt mir vor die Füße, ich spüre wie warme Spritzer an meinen Beinen runterlaufen.
Ich will nicht meinen Senf dazugeben, unterdrücke den Würgreiz, und lausche noch meterweit seinem erbärmlichen Gewürge.

2:13 Uhr: In Oberramsern ist das Marathonziel, die Streckenführung ist nicht identisch mit unserer. Ich werde wach und registriere, daß ich über meinen Magen gesiegt habe.
Km 40: Eine Kontrollstation, es gibt einen Stempel auf die Startnummer. Das Licht macht mich entgültig wach, ich will laufen, doch es geht nicht. Irgendwas läuft hier nicht ! Niemand läuft, alle gehen. Es ist halb drei. Tatsächlich war dort eine Steigung, gesehen habe ich sie aber nicht.

Der Mond wirft jetzt angenehmes Licht. Links und rechts sind Kühe zu sehen. Kühe grunzen im Schlaf, ich vermute sie grunzen mit dem Magen, aber mit welchem ihrer 7 Mägen, das wissen wohl selbst die Kühe nicht. Solche Gedanken hat man beim Laufen. Ich vermute, ich habe dieselbe Überlegung auch bei den Schafen angestellt.

Km 45: es ist 3:02 Uhr . Ich bin zufrieden mit der Zeit . Wie ich gehofft hatte, hat mein Körper seinen Widerstand ab km 40 aufgegeben. Endlich kann ich frei laufen. Wie eine lange Reihe Friedhoflichter reihen sich die roten Rückleuchten der Fahrradbegleiter über zahlreiche Hügel, bis zum Horizont, das sieht sehr surrealistisch aus. Ich wehre mich gegen jede Gesprächsanbahnung, ich will nur meine Ruhe.

Bei Kirchberg, also Km 55 müsste irgendwo mein Gepäck mit den Ersatzklamotten und der Red Bull Dose sein. Doch es ist zuviel hier los. Viele Läufer geben hier auf. Helle Lichter und viele Menschen, Busse, voll mit Läufern.Überall offizielle Personen mit Leuchtschwertern die irgendwie in der Luft rumfuchteln. Ich greife mir schnell ein paar Müsliriegel und haue ab.

Jeder hat wohl schon mal etwas vom Ho-Chi-Ming-Pfad von Biel gehört. Als ich den Eingang zu dem mystischen, weil extrem schwierigen Pfad erreiche, ist es schon fast hell, doch in diesem von Gebüsch überwucherten Weg ist es stockdunkel. Große Kieselsteine, Wurzeln und Äste machen den Lauf schwierig. Wir sind totmüde aber müssen uns jetzt stark konzentrieren. Jeder Stein schmerzt an den Füßen. Jeder falsche Tritt erzeugt Schmerzensflüche. Ich bin froh meine Stirnlampe dabei zu haben, denn so kann ich hier wesentlich schneller laufen als meine Mitstreiter.

Die Büsche und Gräser schlagen um die Beine und ins Gesicht. Die Zecken kleben glücklicherweise schon längst an den schnellen Läufern. Ich vermute, daß die Biester schon längst ihren Lebenslauf an dieses jährliche Ereignis angepasst haben und schon rechtzeitig auf ihre Rampen geklettert sind. Wer würde sich schon das Blut der Spitzenläufer entgehen lassen?

5 Uhr. Kilometer 60 ! Das schlimmste Stück ist geschafft. Jetzt geht es kilometerweit über den Emmendamm. Uriger Nebel gibt der Morgenszenerie den Touch eines großartigen Abenteuerfilms, es ist unglaublich, ich bin jetzt schon seit 7 Stunden nahezu ununterbrochen am Laufen, und jetzt dieser übernatürliche Anblick!


Unter der Brücke ist eine Verpflegungsstation, doch ich kann den ganzen süßen Glibberkram nicht mehr sehen ! Ich möchte eine Bockwurst oder den guten Haferschleim vom Rennsteig, oder wenigstens einen Apfelsaft, aber es gibt nur trocken Brot und Powerriegel. Der künstliche Saft ist auch nicht mehr nach meinem Geschmack, das Wasser ist abgestanden. Einzig die Orangenstücke erfreuen mich noch.
Auf den Bänken hängen Gestalten und schlafen. Ich kann nicht erkennen ob Läufer ,Radbegleitung oder Zuschauer.

Es folgen verschlafene Ortschaften. Der Zeitungsausträger ist schon unterwegs, ein Mann kommt mit einer Brötchentüte aus dem Bäckerladen. Ein ganz normaler Morgen, wenn da nicht so ein paar Verrückte wären.

Km 70: Das sieht nicht gut aus. Am Rennsteig war ich schneller. Appetitlosigkeit und Müdigkeit, Frustration und Nahrungsmangel machen mir zu schaffen. Aber die Morgensonne verleitet mich stehenzubleiben um Fotos zu schießen, endlich sehen wir die schöne Landschaft.

Vor Km 80 kommt der Anstieg von Bibern. Wie der Name schon sagt, kein Läufer freut sich auf diesen Anstieg. Es ist 7:05 Uhr, wie die Zeittafel an der Verpflegungsstation sagt. Im offenen Stall sieht man Kühe vor riesigen Grünfutterbergen. Anlaß für mich wiederum über unsere langweilige Verpflegung nachzudenken. Ich will nicht mehr, es macht keinen Spaß! Eine warme Erbsensuppe oder wenigstens ein starker Kaffee würde mir helfen, aber doch nicht diese schale Kunstbrühe!

Wir sind am Arch der Welt, ja so heißt dieser Ort. Eine wunderschöne Streckenführung entlang der Aare beginnt. Es ist kurz nach 8 Uhr. Luxusboote liegen im Schilf. Schwäne dümpeln auf dem spiegelglatten Wasser, die Sonne wärmt, doch es läuft mir fröstelnd den Rücken runter.
Ich genieße die schöne Strecke und begehe einen schwerwiegenden Fehler: Ich träume von dem 99 km-Schild, welches ich bald fotografieren werde, von meinem Zieleinlauf mit 11 Stunden 30 und dem Finishershirt und einigen Glückstränen die ich in weniger als 1,5 Stunden vergießen werde. Da schnürt sich augenblicklich mein Hals zu, und ich fange an zu heulen.
Schluchzend schüttel ich mich.Tränen rinnen, ich muss stehen bleiben. Nach Luft schnappend laufe ich langssam weiter und zwinge mich zur Ruhe.

Das 90-Kilometer Schild will nicht kommen. Die Zeit rennt schneller als ich. An der Verpflegungsstation steht Kilometer 86,5. Das kann doch nicht Wahr sein! Demnach sind noch nicht mal die 12 Stunden mehr haltbar. Wenigstens gibt es so keine Heulerei mehr.

Es sind wirklich schlimme Kilometer. In Büren gibt es diese wunderschöne Holzbrücke. Zeit für Fotos und ein Armbad im Brunnen muss sein. Viele Leute sitzen an Kaffeetischen, genießen die -für sie angenehme Sonne- und sehen unserem absurden Kampf ungläubig zu.
Immer wieder gibt es kleine Steigungen. Brücken über die Kanäle rund um die Aare, Unterführungen oder Hügel. Um doch noch die 12 Stunden zu halten kämpfe ich wie besessen, ich kann mir nicht leisten zu Gehen. Ich lasse die letzten 3 Verpflegungsstationen aus, ohnehin habe ich keinen Appetit.

Es ist ein äußerst schmerzhafter Kampf, dann sehe ich das 95-Kilometer Schild. Ich habe noch 35 Minuten Zeit um unter 12 Stunden zu bleiben. Ich weiß, daß unter normalen Umständen dies locker drin ist, doch es geht nix mehr. Immer öfter kritisieren die Zuschauer offen meinen zombihaften Laufstil. Ein schwackköpfiger Mann erklärt sogar arrogant seiner blonden Begleitung seine eigene, elegante Laufhaltung.
Ab jetzt sind die Kilometer einzeln ausgewiesen. Ich rechne, kämpfe und stöhne. Die weitausladenden Schritte schmerzen höllisch, jede Armbewegung zieht ins Rückenmark. Die Lungen schmerzen, das hatte ich noch nie. Vorbei ist die Endspurt-Herrlichkeit vom Rennsteig, hier regiert der blanke Schmerz, die völlige Unlust.

Die Uhr über dem Zielbogen zeigt Sekunden über 12 an. Ich habe es geschafft! Die Nettozeit beträgt 11:59:10 Stunden. Ich bin die ganze Nacht gelaufen und habe 100 Kilometer hinter mir, ich habe alles gegeben, für Tränen ist keine Kraft mehr. Nein, ich bin nicht glücklich, Ich wäre glücklich, gäbe es da nicht noch einige Läufe jenseits der 100 ! .......



© Joe Kelbel, 15.06.2009

Weitere Info's und Berichte zum Lauf:


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