Tritt ein, bring Glück herein

Stop, leider geschlassen!

 

Steffen Fennig zum Lauftage 100 KM Biel-Bienne (11.07.2008) - Ultramarathon beim Steppenhahn (10.2000)

Zufälliges Zitat

"Du merkst, dass Du ein Ultra bist, wenn Du Dich wachlaufen musst um frühstücken zu können."

Sarah und Frank Hildebrand, 24h Seilersee

Nächster Ultramarathon

Alle zeigen - Bericht von Steffen Fennig zum Lauftage 100 KM Biel-Bienne:
Steffen Fennig , 11.07.2008

Tagebuch eines Wahnsinnigen Teil II

Irgendwann in der Morgendämmerung
Der erste Ausstieg wäre möglich. Irgendwo bei km 56,1 oder so. Ich denke immer noch neidvoll an die Halbmarathon Läufer zurück. Man die liegen jetzt irgendwo, genießen ein Bier, einen Wein und ich laufe weiter durch die Bieler Gegend. Aussteiger rechts abbiegen, 100 km links. Ich rede gebetsartig auf mein Hirn ein: Links, Links, Links … Kurz danach übergibt mir Eva die neuen Schuhe, hilft mir beim Wechsel der Socken und bestaunt wieder einmal, wie ich es schaffe, mir im Stehen die Schnürsenkel zu binden. Ich bin echt froh, dass ich so einen guten Begleiter habe und dass sie Ihren Wecker im Auto hört. Sie findet es ganz schön kalt. Mir läuft der Schweiß herunter, so unterschiedlich kann man Temperatur empfinden. Noch ein Winke, Winke und weiter geht es. Langsam dem Sonnenaufgang entgegen. Die Nacht war irgendwie im Fluge vorbei. Waren das tatsächlich schon mehr als 6 Stunden? Keine Ahnung. Erst einmal mussten sich jetzt die Radbegleiter von Ihren Läufern trennen. Es kam das am meisten beschriebene, sagenumwobene Teilstück. Der Ho Chi Minh Pfad. Was ist das? Warum haben alle Angst davor. Langsam beginnt es eh weh zu tun, was soll da noch schlimmeres kommen? Es kann schlimmer kommen. Ein enger Pfad mit Pflastersteinen, matschig und morastig. Dazu Baumwurzeln, die aus der Erde ragen. An jedem anderen Tag hätte ich darüber gelacht, aber nach der Strecke musste man sich konzentrieren, um nicht zu stolpern. Sehr hoch konnte man die Füße eh nicht mehr heben, man wollte Kraft sparen. Oh doch, dieser Pfad hat es in sich. Endlich draussen angekommen aber dann eine schöne Episode. Man kommt aus dem Wald. Davor stehen die Fahrradbegleiter, die auf Ihre Läufer warten. Applaus. Jedem, der aus dem Wald auftaucht, wird Respekt gezollt. Das war eine wirklich schöne Geste und sorgte noch einmal für mehr Kraft. Ich dachte nur schade, dass die ganz letzten kaum noch Radler antreffen werden.

Irgendwo bei km 70 oder so
Es ist längst hell. Ich treffe meine kleine Pfadfinderin Eva. Ein letztes Mal wird der Tank gefüllt. Ab hier muss es allein gehen. Zwar könnte man sich irgendwo bei km 90 noch einmal treffen, aber ich denke die letzten 10 km wird es schon gehen. Wir unterhalten uns kurz, ich erzähle Ihr von dem Pfad und weiter geht es. Die Sonne geht richtig auf, es wird warm und wärmer. Morgens um 08:00 in irgendeinem Ort prosten uns Männer mit einem Bier zu. Ich wollte schon fragen, ob das der Frühschoppen ist oder ob sie noch von gestern übrig sind. An allen Verpflegungsständen geduldige Menschen, die unermüdlich den Dreck aufsammeln, den wir machen. Alle haben scheinbar Verständnis und einige erzählen sie sind auch schon seit Zwei Uhr nachts auf den Beinen. Ich habe bis hierhin Brühe getrunken, Wasser, Tee, Cola. An fester Nahrung trockenes Brot, meine Gels, Apfelscheiben. Inzwischen saufe ich an den Ständen immer Cola und sauge aus meinem Tank. Nach der Cola kann man so herrlich rülpsen, da fühlt man sich gleich wieder wacher. Obwohl man soviel reinschüttet, war ich erst einmal pinkeln.
Kilometer 80 ?

Keine Ahnung, aber laut Streckenprofil sollte hier ein Anstieg kommen und da hier ein Anstieg kommt, hoffe ich mal, dass ich schon bei 80 bin. Es geht über eine Asphalt Strasse. Bergauf gehen wir fast alle im Schritt. Bergab sind wir Läufer geteilter Meinung, einige gehen, einige laufen langsam, ich lasse es einfach schön rollen. Das tut den Muskeln irgendwie gut. Die Kilometer Hinweis Schilder sind alle 5 km aufgebaut. So hat man immer so ungefähr einen Überblick. Inzwischen tun mir sogar schon die Muskeln in den Armen weh, wenn ich aus dem Gehen in den Laufschritt wechsle. Hätte ich wohl doch ein paar Gewichte mehr stemmen sollen. Egal für heute. Die ersten Schuhe hatten am Ballen gedrückt. Die neu gewechselten drücken dafür jetzt vorn am Zeh. Das gibt sicher einen schönen blauen Nagel. Kann ich aber jetzt auch nicht mehr ändern, barfuss laufe ich nicht.

Kilometer 90

Eine Ahnung vom Ende kommt auf mich zu. Aber 100 km sind eben erst bei 100 km zu Ende. Darum geht es vorwärts. Der Untergrund hat wieder gewechselt, von der Strasse auf sandig bis steinigen Weg durch den Wald. Was ist das, da geht es ja noch einmal bergauf. Das war im Streckenprofil nicht zu erkennen. Ach du Grüne Neune. Wenn es zu steil wird gehen, sonst langsam laufen. Ich habe die ganze Zeit nicht eine Zwischenzeit gedrückt. Der Weg ist das Ziel. Von meinem Traumziel, den zwölf Stunden, habe ich mich schon lange verabschiedet. Ankommen ist wichtig. Jetzt steht da schon noch 9 km, noch 8 km. Die Sonne brennt auf den Pelz. Ich habe zwar seit dem Start die Sonnenbrille auf der Stirn und die Bügel drücken meinen Schädel ein, aber aus irgendeinem Grund setze ich sie bis zum Ziel nie auf? Vielleicht Energie sparen? Ich weiß es ehrlich nicht mehr. Wir Läufer haben jetzt ungefähr die gleiche Leistungsklasse. Mal werde ich überholt, nur um 5 Minuten später den gleichen Läufer wieder einzuholen, der dann wieder 5 Minuten später wieder an mir vorbei zieht. Es bringt ein wenig Abwechslung ins Laufen. Bei Kilometer 95 etwa, treffe ich auf einen Läufer, der von einem ganzen Tross begleitet wird. Ein Coach, eine Frau, zwei Kinder. Da der Weg eh etwas eng ist, finde ich das ziemlich lästig. Und ehrlich gesagt, bin ich froh, dass mich keiner stört und sieht. Ich ruhe in mir, leide mit mir und kämpfe mit mir. Ich finde die Entscheidung, dass Eva mich mit dem Auto begleitet im Nachhinein noch besser, als vorher. Das reicht völlig aus und ist Hilfe genug. Da es mich dann langsam nervt, beschließe ich, etwas zu tun.



© Steffen Fennig, 11.07.2008

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