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Arthur Blank, Runners World

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Elisabeth Herms-Lübbe , 28. Januar 2004

Die Krötenwanderung

Am Sonntag, den 25. Januar 2004, ist wieder weltweiter 50-km-Tag. Wer kann und mag, läuft auf Ehre und Gewissen 50 km und meldet es dann einer Organisation, die zu dieser Aktion mit dem Namen Yours Truly aufgerufen hat. Daraus wird eine weltweite Liste von Yours-Truly-Läufern zusammengestellt.

Stephan Isringhausen-Bley, bekannt als Steppenhahn und durch seine Ultramarathonseiten im Internet, hatte auf seiner Hausstrecke in Bochum zur Krötenwanderung eingeladen. Dort wandern manchmal auch echte Kröten, daher der Name.

Als ich früh morgens von Kassel aufbrechen will, liegen in unserem Badezimmer Kondome. Offensichtlich sind die Kinder so groß, dass sie meine Zuwendung nicht mehr so sehr brauchen. Also kann ich mit reinem Gewissen nach Bochum fahren.

Ungefähr 40 Läufer haben sich angemeldet, von denen aber etliche kürzer laufen wollen. Wie man sich denken kann, ist es sehr wuselig im Steppenhahnschen Haus und darum herum. Manche Läufer haben auch noch Familie oder Hunde dabei. ?Frau Steppenhahn? ist bewundernswert langmütig. Er selbst läuft diesmal nicht mit, sondern hat Küchendienst. Alle sind guter Dinge und voller Vorfreude, denn man kennt sich untereinander und freut sich, vertraute Gesichter wieder zu sehen. Und als Wettkampf für Ehrgeizige ist die Veranstaltung auch nicht so gedacht.

Die Strecke besteht aus einer waldigen Pendelstrecke, deren Scheitelpunkt die Steppenhahnsche Küche ist und die insgesamt dreimal zu durchlaufen ist, und drei Runden um den Kemnader See, eine große und zwei kleine. Start ist am Scheitelpunkt: ?Auf die Plätze, fertig, peng!? Verpflegung gibt es am See, wo eine junge Frau geduldig bei der Kälte ausharrt, und natürlich in der Küche. Dort kann man sich zwischendurch mal hinsetzten und sich bei Kaffee und Kuchen erholen.

Die Pendelstrecke hat deutliches Gefälle zum See hin, aber gleichmäßig, weil meist eine Straße daneben ist und Autos keine Ungleichmäßigkeiten zugemutet werden. Auch die Seerunde ist nicht nur flach. Da gibt es eine Stelle, vor deren Steilheit Radfahrer und Skater behördlich gewarnt werden: Bergab möge man sein Tempo drosseln! ?Bei Nichtbeachtung keine Haftung!!!? Was soll denn das heißen? Geht man hier vom Normalfall aus, dass trotz Warnung für jede Fahrlässigkeit Haftung übernommen wird? Ein schöner Satz, den sich Wichtigtuer merken sollten.

Es fängt schon früh an zu regnen. Da lösen sich unsere Startnummern allmählich auf. Das macht eigentlich nichts, aber nun kann man Wanderkröten nicht mehr von Normaljoggern unterscheiden. Als ich als Langsamste gerade die zweite Runde begonnen habe, überholt mich noch einer. Ich denke, er gehört zu uns. ?Du hast aber lange in der Küche gesessen?, sage ich zu ihm. Zuerst ist er betroffen und schuldbewusst, bevor er ?Wie bitte?? entgegnet.

Auf der Pendelstrecke kann man durch den kahlen Wald die Hochhäuser der Universität Bochum sehen. Meine Schwester hat mal ein Auto gekauft von einer Frau, deren Tochter sich aus ihrer studentischen Ein-Zimmer-Wohnung in einem dieser Bochumer Hochhäuser gestürzt hat. Sie war einsam und deprimiert. Seitdem haben Uni-Architekten gelernt. Als meine Tochter an der neuen Universität Potsdam ihr Studium begann, wies ihr das Studentenwerk ein Zimmer in einer Wohnung zu, in der schon ein fremder junger Mann wohnte. Da lagen wohl auch schon mal fremde Kondome im Bad. Aber wenn es denn gegen Depressionen hilft....

Etwas weiter zum See hinunter liegt der Botanische Garten. Hätte die Bushaltestelle nicht so gehießen, wäre ich nicht darauf gekommen. Wie sieht der hässlich aus! Sträucher mit Geländern aus Stahlrohren dazwischen. Eigentlich liebe ich Botanische Gärten, es gibt auf der Welt so viele zauberhafte. Diesen kann ich mir selbst im Sommer nicht hübsch vorstellen. Übrigens liegt einer mit besonderem Charme an der uns vertrauten Rennsteigstrecke, kurz vor Schmiedefeld. Der ist speziell für kleinwüchsige Gebirgspflanzen, sozusagen Steingartengewächse, die in der Blüte unspektakulär, aber rührend sind.

Als ich auf der letzten Seerunde bin, kommt an diesem sonst durchgehend trüben Tag doch noch mal die Sonne durch, kurz bevor sie untergeht. Das bemerke aber nur ich, denn die anderen Läufer sitzen wohl schon wieder in der Küche oder sind nach Haus gefahren. Es ist schon dunkel, als ich das Ziel erreiche.

Ich bin gelaufen wie ein Uhrwerk und, abgesehen von Trinkpausen, ohne Gehen. Dennoch war ich mächtig langsam. Da werde ich vielleicht auf der Liste Letzte. Aber ich hätte so weiterlaufen können bis ans Ende der Welt. Das war mir ein gutes Gefühl im Hinblick auf die längeren Strecken, die ich dieses Jahr noch vorhabe.

In der Küche ist es nicht mehr wuselig, sondern gemütlich. Man kann noch etwas plaudern und Kuchen und Salate essen. Das war ein gelungener Sonntag.

Und weil es so schön war: Am 22. Februar 2004 ist wieder Yours-Truly-Tag. Aber nicht beim Steppenhahn. Da müssen sich andere Läufer mal was einfallen lassen.


© Elisabeth Herms-Lübbe, 28. Januar 2004

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