Zufälliges Zitat

"Das war kein Marathon - das war ein Maratyrium"

Bruno Schneiter, Helgoland 21. Mai 2005

Nächster Ultramarathon

Elisabeth Herms-Lübbe , 26. März 2004

Sechs-Stunden-Lauf in Rotenburg

Da wollte ich gern wieder hin, weil's letztes Jahr so schön war: am 21. März 2004 zum Marathonteam Waldhessen in den Schlosspark von Rotenburg. Deshalb sind wir während der Frühlingstage zuvor extra schnell den Elbradweg längs gefahren, damit ich rechtzeitig dorthin kam, 450 km in 4 1/2 Tagen, die Radwege auf langen Strecken weit entfernt vom Idealzustand, häufig Holperpiste bis Sandweg.

In Rotenburg in der Jugendherberge, unserem Stützpunkt an der Strecke, war die gewohnt lockere, freundliche Stimmung. Die meisten Teilnehmer und Helfer kannten sich und freuten sich, einander wieder zu sehen.

Die Zeit vor dem Start, in der es übrigens noch mal heftig regnete, hätte ruhig länger sein können wegen der vielen Gespräche. Meine Beine waren noch schwer von der Radtour, ich hätte auch ohne den Lauf gleich zum geselligen Teil hinterher übergehen können. "Ein Stundenlauf geht immer noch", heißt es in Ultramarathonkreisen, und so baute ich dann auch meine Verpflegung am Streckenrand auf. Für seine Verpflegung sorgte jeder Läufer selbst, dann kann keiner meckern. Und los ging's für die 54 Starter. Der Rundkurs durch den Schlosspark ist 1145 Meter lang und für die Kürze höchst abwechslungsreich: Allee, über Sandsteinplatten unter einer Pergola, durch Rabatten, auf denen die Frühlingsblüher noch nicht richtig in Schwung waren, letztes Jahr blühten hier Tulpen, vorbei an einem Restaurant, früher Grieche, heute dicht, unter verwachsenen Eiben hindurch, durch die Sandsteinmauer, die den Park zur Fulda begrenzt, außerhalb der Mauer durch eine Wiese mit Goldsternen, die letztes Jahr das Läuferauge blühend erfreuten, wieder durch die Mauer, auf Granit zum Renaissanceschloss hoch, heute Ausbildungsstätte für Finanzbeamte, vorbei am Schlaftrakt für die Finanzbeamten, Allee, Minigolfplatz, Jugendherberge mit Spielplatz und uralten Kopfweidenstümpfen. Das ist alles wunderbar für einen Sechs-Stunden-Lauf, aber dem Park fehlt das Gesamtkonzept, er ist ein Sammelsurium aus Stilelementen und Bauten aller Zeiten.

Das ist angenehm am Stundenlauf: Man trifft sich immer wieder, egal wie schnell oder langsam, und kann sich unterhalten. Ich erfahre zum Beispiel etwas über das Streaking. Das ist ein Konzept, nach dem jeden Tag, den der liebe Herrgott werden lässt, mindestens eine Meile gelaufen wird, Laufen als gute Gewohnheit wie Zähneputzen. Ein Tag mal nicht gelaufen, muss ein neuer Streak (Strähne) begonnen werden. Es soll Läufer geben, deren Streak schon Jahrzehnte andauert. Mit Ablauf der Stunden verstummten allerdings die Gespräche, auch die Überholer wurden seltener, die Helden wurden müde. Zum Schluss legte manch einer im Sichtschutz der Sandsteinmauer auch eine kleine Gehpause ein.

Ich war im Sparschritt unterwegs, gefühlte Geschwindigkeit beachtlich, reale Geschwindigkeit bescheiden. Aber wenn der 100-Marathon-Club dabei ist, sind mehr Leute mit müden Beinen unterwegs. Das Wetter war die ganze Zeit brauchbar. Einmal kam eine Sturmbö und warf meinen Plastikstuhl mit meiner Verpflegung um. Da lag mein Essen im Gras. Es war kein Spazierwetter, deshalb hatten wir nur wenig Zuschauer. Aber die hatten es in sich. Eigentlich wollte ich sie ja schnell vergessen, aber ist mir nicht gelungen. Eine Gruppe von ca. neunjährigen Kindern machte sich einen Spaß daraus, die Läufer zu verspotten, Nachwuchs-Mob. Ich schäme mich, es zu schreiben, aber in meiner Wahlheimat Nordhessen habe ich bisher das unangenehmste Publikum erlebt. Schon letztes Jahr riefen mir Jugendliche "Oma, Oma!" hinterher. Dieses Jahr waren es - da sträuben sich die Finger auf der Tastatur - Variationen zu "Schwabbelarsch" und "fette Sau". Auch andere Frauen hörten Kommentare zu körperlichen Eigenarten. Wie geht man damit um? "Wenn die so reden, was meinst du, wie es bei denen zu Hause zugeht? Die sind doch arm dran", meinte Uli Schulte in seiner Besonnenheit als Pastor. Andererseits, dachte ich, die testen ihre Grenzen aus, die müssen entschieden gezogen werden. Sonst fliegen eines Tages Steine gegen laufende Frauen, wie schon mal in Ägypten. So ist der Mob, das weiß man auch bei der Polizei, er geht zuerst auf die vermeintlich Schwächsten los. Nun trainiert man beim Ultralaufen nicht nur die Beine, sondern auch das dicke Fell. So war diese Störung nicht weiter bedeutsam.

In der Runde, in der er Marathondistanz erreichte, bekam jeder Läufer ein Fähnchen in die Hand, in den letzten Minuten ebenfalls. Das steckte jeder, als eine Fanfare den Ablauf der sechs Stunden verkündete, in den Boden, sodass seine zurückgelegte Strecke genau vermessen werden konnte.

Messen, rechnen, Urkunden drucken geschah, als die Läufer duschten. Mein BH-Verschluss hatte sich in meinen Rücken gefressen, hätte ich doch nur einen anderen angezogen. Ausdauersportler seien abhängig, egozentrisch und wenig schmerzempfindlich, lernt meine Tochter gerade in der Schule. Letztes kann ich für meine Person in dem Zusammenhang nicht bestätigen.

Ein gemeinsames Essen in der Jugendherberge mit anschließender Siegerehrung beschloss das Ereignis. Der Sieger hatte über 72 km geschafft. Er war zufrieden und zuversichtlich. "Das bedeutet neun Stunden Biel". Na, dann gutes Gelingen. Die Stimmung war wie bei einem Familientreffen. Der Sechs-Stunden-Lauf von Harald Heyde mit seinem Marathonteam Waldhessen ist eine Perle unter allen Laufveranstaltung. Nun war für mich mit meinen müden Beinen in diesem Jahr gewissermaßen die Perle vor die "fette Sau" geworfen.


© Elisabeth Herms-Lübbe, 26. März 2004

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