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Weltenlauf

Eine Trainigsbeobachtung von Verena Liebers, irgendwann im Herbst 1999 oder so...

http://www.steppenhahn.de/ll/welt.html 12.2000

Das Buch ist da :-)

03.2008: Verena konnte sich jetzt endlich durchringen, den Pulsmesser und andere Geschichten in Buchform zu veröffentlichen :-)
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Der Pulsmesser und andere Anekdoten


Von weitem konnte man sie für Geschwister halten. Zwillingsgeschwister. Schlank, nicht mager, aber auch nicht übermäßig muskulös. Irgendeine Durchschnittsgröße zu der man nicht aufschauen und nicht herab sehen muß. Wirre blonde Kräusellocken. Vielleicht waren seine Haare eine Idee länger, so genau konnte man das nicht erkennen. Der Wind frisierte die Mähnen so oder so nach hinten. Ihre Beine liefen im Gleichtakt. Trommelwirbel. Schienenzugräder.

"Gestern war ich im Kabarett." sagte sie zwischen die gleichmäßigen Atemstöße.

"Da drüben steht ein Reiher.", antwortete er.

"Es war ziemlich langweilig.", erzählte sie.

"Das ist lustig, wie der Reiher da so neben der Kuh steht", ergänzte er.

Die Trommelwirbelbeine lösten sich einen Moment aus dem Gleichtakt und sein Solo schob ihn zwei Zentimeter nach vorne. Dann griffen die Zahnräder wieder ineinander und sie rollten nebeneinander.

"Ich habe Durst!" ratterte er den bierseligen Vorabend-Blues auf die Schienen.

"Oh!", dampfte es Kohlehydrat-leer aus ihrer Lok-Tür.

"Es ist noch viel zu früh für Durst.", studierte er seinen Fahrplan.

Sie umrollten den Biergarten, aber fanden ihn geschlossen. Der Kiosk war nur im Sommer geöffnet. Herbstlaubreisende sind zu selten. Sie kreuzten die Hauptstraße, rollten in den Park und wieder am Fluß entlang.

"Ich habe die Brille vergessen!", bemerkte er plötzlich. Fischmoderiges Säuseln landete auf ihrer Schäferhundnase und ihr dampfender Hunderücken drängte sich freundlich an seinen gelbumbänderten Arm. Die schwarzen Punkte fielen beim nächsten Anspannen seiner Oberarmmuskeln auf den Weg und kugelten nun vor ihnen her. Eine Amsel stieß Regenwurmlechzend danach. Enttäuscht schüttete sie ihr Granitsplitterkichern darüber.

"Ich glaube da vorne läuft eine Frau!", schleuderte er seine Pupillen rosarot bebrillt in die Herbstmorgenluft. Buchenlaubgeschmückte Ballerinas schwangen knisternd ihre Baumstarren Hüften. Beim ersten Windzug entkleideten sie sich graziös. Er schlüpfte durch ihre Rüschenhemden, und begann wieder zu trommeln. Trommel-Himmel-Wirbel. Sie spielte den Baß. Bidibidi Bumm. Bidibidi Bumm. Die Enten applaudierten mit lautem Wasserwellenplatschen. Der Baß rollte donnernd über die Böschung.

"Immer nur Frauen im Kopf!", fielen ihre Morsezeichen akurat in das Klöppeltrappelschwingen.

"Blöde Zippe...!" zischte es Ehekrisen-verdächtig. Er schlug den Taktstock gentleman-geübt und distanzierte seinen Oberlippenbart unter einen Zylinder. Graumeliert stützte sie sich auf ihren Krückstock und humpelte orthopädisch beschuht zu seinem Rhythmus. Festsaalathmosphäre. Die Kronleuchter schimmerten Girlanden-geschmückt.

"Guten morgen!", grüßte ein Herr freundlich.

"Es ist noch früh!", schloß der Zylinderbart messerscharf und schritt hoheitlich am gewöhnlichen Volk vorbei.

"Nö, wir laufen schon zwei Stunden!", torpedierte sie den Festsaalbesucher in seine irgendeine andere Welt.

"Hinter dem Hügel am Kiosk könnten wir etwas zu trinken kaufen", tröstete sie Madonnengleich und gab dem Ober ein kleines Zeichen. Das silberne Tablett schipperte Lackschuh-gestützt über die Gold-verzierten Teppiche.

"Nein, ich finde wir verzichten jetzt ganz auf die Pause, weil bis wir zu Hause sind haben wir immer noch Durst. Dann können wir genausogut dann etwas trinken!" schnupfte er freudig-arrogant in seine Schnupftabakdose.

Der Durst schubste den Zylinder von der Kräusellocken-entleerten Glatze und zwickte ihn ärgerlich in die Wange. Sie fing den Zylinder mit einer Hand auf und griff mit der anderen nach den Wolken. Pumpend und pressend verwandelte sie die Watte in Gebirgsbachsekt und erfrischte sich mit dem Zaubertrank. Er nahm auch einen Schluck und sie hakten die Trommelwirbel-Zahnräder wieder ineinander. Hinter dem Fußballplatz wurden sie ungeduldig und breiteten ihre Flügel aus. Wolkenbettentspannung. Schmetterlingsverführung. Schweißtropfen-Perlenkettenbehängt segelten sie Trommelflatterrollend durch den Park. Rechts kippten Menschenhäuser in die Vogelperspektive, links verabschiedeten sich Autos nach Lilliput.

"War ein schöner Lauf!", winkte er majestätisch von seinem Kranichrücken.

"Ja!", trommelte sie den letzten Akkord und schloß den Festsaal.


 © Verena Liebers - vigli@web.de - http://www.vigli.de/


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19916 Zugriffe seit dem 29.12.2000, © Stephan Isringhausen

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