Zufälliges Zitat

"Laufen muss man sowieso, schlechter geht's mit Marlboro (nicht wahr, Stephan...)"

Henning Köster

Nächster Ultramarathon

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Strohfiguren(Ultra)lauf
Alle zeigen - Bericht von Thomas Enck zum 50 km des RLT Rodgau:
Thomas Enck , 30.01.2005

Und es war doch schön

Zwei Dinge gefallen mir nicht am 50km Ultra Rodgau 2005.

Erstens, daß ich das Steppenhühner-Treffen vorher verpaßt habe und

Zweitens, daß ich sehr lange gebraucht habe.

Aber sonst zwar es eine sehr schöne Angelegenheit:

Da wir sowohl Verwandte als auch Freunde im Frankfurter Raum haben, haben wir aus dem Rodgau-Spektakel einen Familienausflug gemacht. Also sind wir am Freitag nachmittags aus NRW angereist und haben uns bei unseren Verwandten im Rodgau-nahen Heusenstamm einquartiert. Ein gemütlicher Abend dort lenkt mich von meinen Zweifeln für den kommenden Tag ab.

Denn vor zwei Wochen hatte ich mir eine Infektion der Atemwege eingefangen. Nach medikamentöser Behandlung schließlich am Donnerstag vor dem Lauf der entscheidende Besuch beim Arzt. Darf ich mit meiner "Restinfektion" einen sehr langen, langsamen Lauf machen? Ja, ich darf, sagt die Ärztin, selbst ehemalige Marathonläuferin. Schon vor dem Berlin-Marathon 2004 war mir ähnliches widererfahren, auch damals bekam ich Starterlaubnis.

Außerdem spürte ich mein Knie wieder, hier hatte ich zuletzt vor dem Berlin-Marathon 2003 Probleme und war mit orthopädischer Behandlung und ärztlicher Erlaubnis gestartet. Aber hierfür habe ich inzwischen eine Manschette, die das Knie bei langen Läufen schützt.

Und um meine Krankheitsgeschichte komplett zu machen (sind ja hier im VirtuTel einige Mediziner vertreten): auch meinem ersten und bisher einzigen Ultra Bottrop 2004 war eine Infektion vorausgegangen.

Bis auf ein gelegentliches Hüsteln, ein leichtes Kratzen im Hals und ein kleines Zipperlein am Knie wieder genesen, wollte ich es also wagen. Allein, in den letzten zwei Wochen war ich infektionsbedingt nicht gelaufen und die Infektion wird an meinen Kräften gezehrt haben. Zweifel also am Abend zuvor: wie steht's mit meiner Kondition, beeinträchtigt mich mein Halsweh bei den zu erwartenden Minustemperaturen, macht mein Knie mit?

Samstag morgen: Rechtzeitig aufgestanden und geduscht. Wie angenehm, muß ich mir sonst vor den Events immer das Frühstück bereiten, so werde ich heute bedient. Durch leider dauert alles etwas länger als geplant und ich komme erst spät von meinem Quartier weg. Im Auto der erste Schock: das Außenthermometer zeigt minus 7,5 statt der angekündigten minus 2 Grad an. Muß ich meine Kleiderordnung noch ändern: statt der relativ dünnen langen Tights eine dickere, die jedoch unbeweglicher macht? Statt der Weste eine Jacke? Nein, ich lasse alles so wie es ist, in der Hoffnung, daß es im Laufe des Vormittags wärmer wird. Eine Entscheidung, die sich später richtig erweisen wird, denn während das ganzen Lauf stimmte mein "Hautklima": kein übermäßiges Schwitzen, kein Frieren.

Jedenfalls habe ich den Treffpunkt der Steppenhühner verpaßt, als ich die Sporthalle am Start erreiche und meine Startnummer abgeholt habe. In der sehr vollen Halle nach Gesichtern zu suchen, die ich überwiegend nur von Fotos kenne, muß ich mir ersparen, um mich vor dem Start noch einmal zu entspannen. Aber es wird nicht mein letzter Ultra gewesen sein, und so werden sich noch weitere Treffgelegenheiten ergeben.

Kurz vor Zehn dann hinaus in die Kälte und über die Brücke über die Schnellstraße hinweg zum Start. Über 500 Läufer haben gemeldet, aber das Starterfeld schien mir doch kleiner zu sein. Frierend am Ende des Feldes auf- und abwärts gehend warte ich sehnsüchtig auf den Startschuß. Der erfolgte recht pünktlich und los gings. Zu absolvieren war eine Runde von 5km und dies genau zehn Mal. Die ersten beiden km verliefen durch den Wald, zunächst auf Asphalt, dann auf Waldwegen. Unangenehm war der zumindest auf den ersten Runden fast durchgängige Schneebelag, der zwar nicht sehr glatt war, aber auf jeden Fall einen festen Auftritt beeinträchtigt hat. Bei km 1,5 waren Waldarbeiter mit einer Baumfällaktion beschäftigt. Den Fortgang dieser Arbeiten zu beobachten war ein Fixpunkt der Runden, bei meiner letzten Passage waren auch die Arbeiter fertig. Nach 2 km verließen wir dann den Wald, und welche Wohltat, die Sonne meinte es gut mit uns. Überhaupt verwöhnte uns das Wetter, ein schöner klarer Wintertag, trocken, ein wenig kalt zwar mit bis zum Ende den Gefrierpunkt nicht übersteigenden Temparaturen, bis auf die letzten Runden fast windstill. Auch der angekündigte Schneefall blieb bis auf ein paar rieselnde Flöckchen aus. Nach 2,2 km das Schild "Marathon". Nur noch 8 Runden bis dahin. Bei km 2,7 gings dann wieder ein kurzes Stück durch den Wald, vorbei an duftenden frisch gefällten Baumstämmen. Später ist mir dann der Geruch immer weniger aufgefallen...

Bei km 3,3 wieder in die Sonne und über Asphalt an Feldern und später am Waldrand entlang zurück zum Start-/Zielpunkt. Dieser war in einer Schleife mit Gegenverkehr zu durchlaufen und beidseitig mit einer Verpflegungsstation versehen. Während ich am Anfang noch probierfreudig war (Banane, Müsliriegel) habe ich mich später nur auf Tee (auch nach 4,5 Stunden noch warm!) und Cola beschränkt. Denn so nach der vierten Runde machte mein Magen erste unangenehme Andeutungen. Zu Beginn der zweiten Runde kam mir Frau Werwolf entgegen, doch erst im letzten Moment gesehen, so blieb keine Zeit zum Grüßen. Bereits nach 7,5 km die erste Überrundung, doch der Läufer scheint sich übernommen zu haben, denn die zweite fand erst nach 18 km statt. Bei der letzten schließlich hatte der einstmeils führende Läufer bereits gut 500 m Rückstand auf einen anderen.
Schon war die zweite Runde zu Ende und ich fühlte mich gut. Kein Halsweh, kein Zipperlein am Knie und Müdigkeit schien auch fern. Tempomäßig war ich etwa auf Kurs meines Ultradebüts. Km 11: ich überhole einen Läufer mit Rucksack und erlaube mir mit ihm einen Scherz: "Hast Du heute noch mehr vor?". Eine noch launige Antwort zeigt mir, daß ihn bisher noch nicht viele Läufer mit so dummen Sprüchen genervt haben. Bei Km 14 beginne ich den heutigen Lauf zu assozieren: Mini-Mini-Minimal-Ziel ist 20 km, denn bei diesen sind im letzten Jahr laut Ergebnisliste die ersten ausgestiegen. Mini-Minimal-Ziel demzufolge 25km, Minimalziel aber 30km, eine Entschuldigung hätt ich ja. Dann verscheuche ich solche Gedanken aber wieder, denn bei der Zeitnahme stelle ich fest, daß ich, wenn's weiter so läuft, durchaus meine Debützeit (ca 5:05) unterbieten kann, und wenn ich noch eine schnelle letzte Runde schaffe, sogar die 5h unterbieten könnte.

Aber die fünfte Runde bringt die Wahrheit ans Licht. Zwar noch immer in der Bottropzeit merke ich den Beginn einer Müdigkeit. Und noch mehr als 25 km vor mir! Erst Gedanken ans vorzeitige aufhören machen sich breit. Aber eine Runde muß ich mindestens noch schaffen, denn um eins wollte meine Familie zur Strecke kommen. Zu Beginn der 6 Runde überholt mich dann eine Teilnehmerin mit den Worten: "Wettlauf der Banken". Sie lief nach eigenen Worten als Dresdner-Bankerin, während ich mich ausweislich meiner Sportbekleidung als Commerzbanker oute. Mein Respekt vor ihrer Schnelligkeit quittiert sie mit den freundlichen Worten "Aber Du läufst bestimmt zu Ende, während ich..." Woher weiß sie das nur?

Da auf meiner Weste nicht nur "Commerzbank", sondern "Commerzbank Berlin" steht, erfahre ich einige freundliche Zurufe von einigen ebenfalls startenden Berlinern. Nicht immer habe ich mir dann die Mühe gemacht, über meinen zwischenzeitlich Umzug nach NRW aufzuklären. Etwa in Runde Acht, dann weitere Berliner Überrundungen: zwei Läufer überholten mich grade, einer davon in Farben des SCC, während ein Dritter vorbeihastete. Darauf der SCCler zum seinem Mitläufer: "das war Ryan" und zu diesem gewand: "Welche Runde?" Doch Ryan bekam es wohl nicht mit und lief weiter ohne zu antworten. Auf diese etwas ungewöhnliche Weise hatte ich dann doch noch eine "Begegnung" mit Steppenhuhn "Windshopper", denn nur er kann es gewesen sein, wie ich aus den Merkmalen "Berlin" & "Ryan" logisch schließe. Wo wir gerade schon bei den Steppenhühnern sind. Auch Gerald "Smeagol" Baudek sichtete ich, und zwar gleich dreimal: zweimal, als er mich überrundete und das dritte Mal zu Beginn meiner achten Runde, als er zum Ziel eilte. Ins Ziel eilte auch ein anderer mit einem verrückten Schlußspurt, den ich zu Beginn meiner neunten Runde sah, es war laut Zielsprecher Rene Wallesch vom 100MC, von dem ich auch schon einiges gehört hatte.

Ich aber habe schon vorgegriffen und bin eigentlich erst am Ende meiner sechsten Runde, wo ich meine Familie erwarte. Doch diese ist noch nicht zu sehen, und so muß ich wenigstens noch eine Runde laufen. Zum jetzigen Zeitpunkt habe ich erhebliche Zweifel, ob ich den Lauf heute zu Ende bringe und beschließe, am Ende jeder Runde übers Weitermachen zu befinden. 32 km: nur noch 10 bis Marathon, das muß doch zu schaffen sein. 34km: zwei Läufer, die ich zu Beginn überholt haben, erkennen mich bei der Rücküberholung am Schriftzug meines Vereins wieder und sprechen mich an. "Du warst doch vorhin so gut drauf" "Magenkrämpfe" lautet meine Antwort, denn zur Ermüdung kommt nun ein erhebliches Unwohlsein hinzu. Wars die feste Verpflegung zu Beginn, oder der Frischkornbrei zum Frühstück? Jedenfalls bauen mich die beiden auf "Du hast einen guten Schritt drauf und siehst noch gut aus. Außerdem die Runde ist gleich zu Ende und nach der nächsten hast du schon fast Marathon" Danke. An der Zeitnahme dann auch meine Familie: Meine Frau meint - wahrscheinlich zurecht: "Du siehts aber nicht gut aus." Die Müdigkeit in meinen Beinen hatte sich ausgebreitet, die Waden wurden langsam hart. "Willst Du bist zu Ende laufen". Irgendwo hat sie recht, denn eigentlich ist es jetzt nur noch eine Quälerei, und es sind noch drei Runden zu laufen. Ich gehe aber dennoch auf die achte Runde, denn irgendwie hat mich das Ganze dennoch bestärkt. Auch meiner älterer Sohn Jonas, der mich anfeuerte. Km 37, wieder das Marathonschild. Noch eine Runde, das wirst Du doch noch schaffen. Ausgangs der achten Runde wurde meine Familie, die eigentlich schon wieder weg sein wollte, noch durch unsere Gastgeber verstärkt. Er: "Nur noch sechs Runden" Ha,ha. Jetzt kann ich natürlich nicht aufhören und bis Marathon sind's ja nur noch 2 km. Also beim erneuten Passieren meines Fanclubs zu Beginn der neunten Runde: Mein Gastgeber, diesmal ernsthaft: "Wieviel Runden noch?" "Zwei, aber ich weiß nicht, ob ich beide laufe". Nach 42,2 km dann Marathon erreicht. Stehenbleiben sinnlos, zurücklaufen auch, da nur wenig kürzer als die Runde zu beenden. Also diese Runde noch zu Ende. Schon seit drei km werde ich verfolgt, jemand schnauft direkt hinter mir. Werde ich einen Tic schneller, so mein Schatten auch, werde ich langsamer, dito. Ende der neunten Runde. Mal ehrlich: wer fährt 300 km zu einem Wettbewerb, läuft dann neun von zehn Runden und hört dann auf? Ich jedenfalls nicht, und so gehe ich sprichwörtlich in die letzte Runde. Konnte ich bisher Gehpausen vermeiden, so bin ich die letzte Runde zu Hälfte gegangen (mein Schatten nicht, ihm wurde ich dann wohl doch zu langsam). Ca 45 Minuten habe ich hierfür gebraucht. Km 48: ein Blick auf die Uhr: 5:23: so lange war bin ich noch nie am Stück gelaufen/gegangen. Km 49: ein Läufer läuft auf. Es war der Mann mit dem Rucksack aus Runde 3. Ihn hat ich schon auf den letzten Runden immer an den Wendepunkten gesehen, er muß also meine permanente Verlangsamung auf der zweiten Laufhälfte nachvollzogen haben. Er meinte zu mir: Laß uns zusammen ins Ziel laufen. Ich nehm also meine Beine nochmals in die Hand. Meine Frage nach dem Rucksack führt zur erwarteten Antwort: "Training für den MdS". Da ich es also mit Laufprominenz zu tan habe, frage ich nach seinem Namen und er entpuppt sich als Rudolf Mahlburg, Veranstalter des Eisweinlaufes. Diese Lauf habe ich auch schon auf meiner Wunschliste, und das Zusammentreffen mit dem netten Veranstalter ist ein weiterer Motivator für eine Teilnahme. Dieser Plausch verkürzt den letzten km ungemein - wär ich mal gleich bei km 11 bei ihm geblieben - Ein dritter Läufer, meinem neuen Begleiter bekannt, läuft ebenfalls noch auf. Und Hand-in-Hand laufen wir zu dritt in Ziel nach ca 5h43min.

Toll, diese familiäre Atmosphäre zwischen Veranstaltern, schnellen und weniger schnellen Ultramarathonis.

Jetzt schnell noch verabschiedet von Rudolf, die Startnummer abgebeben und dann zitternd ab ins Quartier. Jetzt gehts mir richtig schlecht, aber die heiße Dusche tut mir gut. Schon drei Stunden später gehts mir wieder so gut, Magenkrämpfe ade, daß wir einer Einladung zum "Thai" folgen können.

Mein Halsweh hat sich auch nicht verschlimmert, während des Laufes habe ich davon eh nichts mehr gespürt, und das Knie gibt seit Beginn des Laufes Ruh' (Toi, Toi, Toi) - Laufen als Therapeutikum.

Irgendwie bin ich richtig stolz auf mich.

© Thomas Enck, 30.01.2005

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