Zufälliges Zitat

"Es kommt nicht so sehr auf die Zeit an, die ein Läufer läuft. Jeder, der das Ziel erreicht, ist ein Held."

Dr. Ernst van Aaken

Nächster Ultramarathon

Alle zeigen - Bericht von Silvan Basten zum Lauftage 100 KM Biel-Bienne:
Silvan Basten , 24.06.2010

Zu Fuss? Am Stück? Ohne Pause? ... Ja?! ... Du bist bekloppt!

Die 100km von Biel 2010 oder auch die Nacht der Nächte

„F..K!“ hallt es durch die rabenschwarze Nacht auf dem Ho-Chi-Minh Pfad. Ich liege am
Boden und erwarte jede Sekunde eine Schreckensmeldung meines Körpers an mein Hirn.
Bein gebrochen – Muskelriss – Knie verdreht? Check abgeschlossen – scheint nochmal
gut gegangen zu sein. Ich stehe wieder auf und laufe weiter – so wie ich es schon seit 6
Stunden mache und für mindestens 4 weitere Stunden vorhabe.
Wie kommt jemand auf die Idee mitten in der Nacht 100 km zu Fuss zu laufen? Nun ja –
alleine bin ich schon mal nicht. 1746 sind mit mir zu diesem Abenteuer gestartet.
Allerdings sind das alles keine normalen Menschen. Man merkt schon, dass sich hier eine
ganz spezielle Spezies Mensch zusammen gefunden hat. Nicht bezüglich des Alters oder
dem Äußerlichen. Von 20 bis 81(!) und von dürr bis vollschlank ist hier alles vertreten. Es
ist mehr die nicht übliche Bereitschaft bis an seine psychischen und physischen Grenzen
zu gehen um... ja um was? Weshalb? Diese Frage kann man meiner Ansicht nach
niemandem umfassend beantworten, der selbst noch nicht diese Erfahrung gemacht hat.
Vielleicht kann mein Laufbericht eine Ahnung davon vermitteln.
Ich schreibe diesen Bericht hauptsächlich für mich selbst, um mir dieses Erlebnis für
immer zu erhalten. Natürlich freut es mich aber auch, wenn ich dem Ein oder Anderen
etwas Kurzweile bieten oder sogar zum Nachahmen animieren kann.

Die Motivation
Bei mir kam der Gedanke ernsthaft einen 100 km Lauf angehen zu wollen, bereits nach
meinem ersten Marathon in Köln. Der Weg zu diesem ersten Meilenstein war schon etwas
Besonderes – eine Leistung von der ich nie geglaubt hätte sie aufbringen zu können.
Ausgehend von 120 kg Körpergewicht und einem Blutdruck von 180/120 bin ich nach 18
Monaten und 38 verlorenen Kilogramm zu einem Marathondebüt in 3:46 h gekommen.
Das war ein harter Weg auf dem sich das Laufen vom reinen Mittel zum Zweck zu etwas
Anderem wandelte. Durch eigene Leistung und Beharrlichkeit sich ständig zu steigern, mit
seinem Körper und Geist an die Grenzen zu gehen und dabei zum Wesentlichen zu finden
– bis hin zu dem Gefühl Eins zu werden mit der Natur.
Nun war meine Grenze anscheinend mit einem Marathon noch nicht erreicht. Ich wollte
mehr und habe mich informiert was es da so alles über den Marathon hinaus gibt. Wenn
man das tut, stößt man unweigerlich irgendwann auf den Satz „Irgendwann musst Du
nach Biel“. Das war der Titel eines Buchs des Biel-Veteranen Werner Sonntag, wurde aber
über die Jahre zum gefügeltem Wort in der Szene.

Der Lauf an sich
Die 100 km von Biel sind ein Ultramarathon, der in 2010 zum 52sten Mal durchgeführt wird
und somit zu den ältesten Laufveranstaltungen überhaupt zählt. Es wird eine einzige
große Runde durch das Berner Land gelaufen. Start und Ziel sind an der Eissporthalle in
Biel.
Wer mehr über den Lauf erfahren oder auch die Laufberichte anderer Läufer lesen möchte
sei an folgende Websites verwiesen:
www.100km.ch die offizielle Website des Veranstalters mit Ranglisten
www.99km.ch die offizielle inoffizielle Website mit allen Informationen rund um den Lauf
Mein Weg nach Biel

Das Training
Der Plan die 100 km anzugehen war schnell gefasst, aber ich war mir überhaupt nicht
sicher, ob ich es schaffen würde. Deshalb habe ich mir als nächstes Ziel die 50 km Distanz
vorgenommen. Da gibt es ganz in meiner Nähe einen anderen Kult-Ultramarathon: die 50
km in Rodgau-Dudenhofen im Januar. Eine perfekte Gelegenheit die Distanz zu erproben
und zugleich kein Winterspeck anzusetzen. Trotz Erkältung und extremer
Wetterbedingungen (es war von der „Hölle von Rodgau“ zu lesen...) habe ich den Lauf in
4:46 gefinished und wollte es danach erst recht wissen.
Zwei Monate später absolvierte ich dann den zweiten Lauf des 50 km DUV-Cups in
Eschollbrücken in 4:26.
Jetzt war ich mir sicher mehr leisten zu wollen und zu können. Ich habe mich in Biel
angemeldet. Bei der Anmeldung hat man die Möglichkeit für ein paar Franken eine
Rücktrittsversicherung abzuschließen – ich habe diese Möglichkeit nicht genutzt und das
nicht aus Geiz. Jetzt gab es kein Zurück mehr – der Weg hatte nur noch ein Ziel: Biel zu
finishen.
Nachdem ich alle meine bisherigen Trainingspläne aus dem „großen Laufbuch“ von
Herbert Steffny hatte und diese für mich perfekt funktioniert hatten, habe ich mich für Biel
dennoch für eine andere Quelle entschieden. Zur Auswahl standen Steffny, der 11h-Plan
von laufreport.de und der Trainingsplan von Wolfgang Olbrich von der Website des DUV
(Deutscher Ultramarathon Verband). Ich habe mich für letzteren entschieden, da er mir
sowohl ambitioniert wie auch realistisch erschien. Mit 5 bis 6 Trainingstagen und maximal
139 km in der Woche für eine Zielzeit von 10 Stunden konnte ich mich anfreunden.
Wie immer habe ich mich exakt an den Plan gehalten. Zumindest was das Laufen angeht.
Meinen Diätplan für ein optimales Wettkampfgewicht konnte ich weniger gut einhalten.
Wer mehr läuft hat nun mal auch mehr Hunger. Zumindest habe ich nicht zugenommen.
Das Training für einen 100 km Lauf unterscheidet sich von dem für einen Marathon
eigentlich nur in der reduzierten Intensität (langsamere, längere Intervalleinheiten /
Tempoläufe) und gesteigerten Umfängen (lange Läufe von 45 – 60 km). Hervorzuheben
sind aus dieser Zeit drei der langen Läufe:

Mannheim Marathon:
Es liegt nahe den im Trainingsplan vorgesehenen 45 km langen Trainingslauf mit einem
Marathon zu verbinden. Es war etwas ganz anderes einen Marathon ohne Leistungsdruck
in einem angenehmen 4 Stunden Zielzeit Tempo zu laufen. Man hat Zeit sich das
Drumherum anzuschauen, die Atmosphäre zu genießen und sich mit den anderen Läufern
zu unterhalten. Da hinten geht es um einiges lustiger und entspannter zu. So habe ich
mich blendend mit dem 4 Stunden Pacemaker unterhalten - seines Zeichens Biel-Finisher
und Ironman-Aspirant.
Er brachte mich auch auf die Idee Biel als Anlass zu nehmen, Spenden zu sammeln. Nach
dem Abklappern aller Verwandten, Freunde, Bekannten und Kollegen bin ich auf 17,85 €
pro Kilometer gekommen, die ich in Biel schaffen werde. Das sind 1785 € für „Ärzte ohne
Grenzen“.

50km nachts:
Eine Art Generalprobe für Biel, die ich zusammen mit meiner Frau Katja absolviert habe.
Katja will mich auch in Biel auf dem Fahrrad – oder besser Velo – begleiten. Wie später in
Biel sind wir um 22 Uhr gestartet und 5 Stunden durch die südhessische Nacht gefahren.
Ich wurde vom Velo aus mit Getränken, Gels, Riegeln und Brot versorgt. Es ging alles gut,
allerdings hat sich ein theoretisches Problem von nächtlichen, extremen
Ausdauerleistungen bewahrheitet: Der Körper ist es nicht gewohnt nachts größere
Mengen von Kohlenhydraten aus der Nahrung zu gewinnen und den Muskeln zur
Verfügung zu stellen. Das nötige Blut dafür wird zudem gerade in den Beinen gebraucht,
die es auch nicht gewohnt sind nachts zu Laufen. Die Folge davon sind Übelkeit,
Magenkrämpfe und die Unfähigkeit die notwendige Menge an Nahrung zu sich zu
nehmen. Man läuft weiter ohne zu Essen und hofft auf Linderung. Wenn diese dann
eintrifft, kommt natürlich prombt die Quittung für die Nachschubeinstellung: ein
Leistungseinbruch. Den kann man aber auch „weglaufen“. Dazu später mehr in Biel.

60 km:
Es gibt eine Sache die der ambitionierte Freizeitläufer mehr fürchtet als den Tod – die
Verletzung. Auch ich blieb in der Vorbereitung nicht verschont. Wiederholten Problemen
mit dem Hüftgelenk, die ich aber erfolgreich durch Trainingsreduktion und
Voltaren/Wärme-Behandlung in den Griff bekommen hatte, folgte eine Muskelzerrung in
der rechten Wade. Diese war recht schmerzhaft. Trotzdem habe ich das Training nur
reduziert – eine Einstellung ca. 3 Wochen vor dem Lauf war mir zu riskant.
Ich hatte noch den längsten langen Lauf vor mir: 60 km durch den hügeligen Odenwald.
Ohne diesen wäre ich mir für Biel nicht sicher genug gewesen. So habe ich alles auf eine
Karte gesetzt und bin davor eben weniger gelaufen. Es ist gut gegangen. Die Wade
schmerzte zwar immer noch, hat aber die 60 km gehalten. Selbstmassage und
Kälte-/Wärmebehandlung haben gewirkt. Als Ultramarathonläufer lernt man seinen Körper
ganz gut kennen und weiß ziemlich genau was man ihm zutrauen kann und was nicht.
Am Ende der Vorbereitung war ich mir sicher gut für Biel gewappnet zu sein. Auf den
Punkt genau war ich schmerz- und verletzungsfrei und hochmotiviert.

Die Organisation
Als ich darüber nachdachte in Biel zu laufen, bin ich eigentlich davon ausgegangen dies
allein zu tun. Die Möglichkeit einer Fahrradbegleitung war mir zwar bekannt, ich dachte
aber nicht, dass ich zwingend jemand brauchte und wollte das auch niemandem zumuten.
100 km nachts mit dem Fahrrad langsam durch die Gegend zu fahren klingt nicht nach
Spass.
Da habe ich aber meine Frau unterschätzt! Genauso fasziniert von diesem Abenteuer Biel
wie ich, hat sie sofort angeboten mich zu begleiten. Ich war – zugegeben – erst skeptisch,
da die Belastung doch enorm ist und ich mit mir selbst genug zu kämpfen haben werde.
Wie gesagt – ich habe Katja unterschätzt – wie sich auch später bewahrheiten sollte.
Nach der Lektüre von bestimmt 30 Laufberichten und Internetforen zu dem Thema Biel,
kristalisierte sich bei mir langsam ein Bild von den notwendigen Dingen, die es
vorzubereiten, bzw. mitzunehmen gilt. Prinzipiell ist der sehr gut organisierte Lauf ohne
Velobegleitung machbar, allerdings kann diese zwei großen Unbekannten den Schrecken
nehmen: der Verträglichkeit der angebotenen Verpflegung und dem Wetter. In den
Packtaschen unseres Drahtesels befanden sich unzählige Powerbar Gels und Riegel
sowie Wechselklamotten und -schuhe sowie eine Regenjacke. Das gibt Sicherheit für den
ersten Versuch. Ganz zu schweigen von der ernorm positiven psychischen Komponente.

Der große Tag
Dann war es soweit. Mit gepacktem Vectra Caravan gen Süden. Ich liebe unser
Mutterschiff! Mit umgeklappter Rücksitzbank entsteht eine völlig ebene Liegefläche auf der
es sich herrlich auch zu zweit schlafen läßt. So spart man das Zelt und ist bestens gegen
Regen geschützt. Das war eventuell notwendig. Der Wetterbericht hatte sich in den letzten
Tagen immer mehr auf ergiebige Regenschauer und Gewitter in der Nacht eingeschossen.
Angekommen in Biel hatten wir gehofft noch einen Platz auf der Wiese neben der
Curlinghalle zu ergattern. Aber um 14 Uhr war da nichts mehr zu machen. Wir fanden
dann aber etwa 200 Meter von der Halle entfernt einen Parkplatz und da wir kein Zelt
brauchten, ging das in Ordnung.
In dem nahen COOP konnte man sich noch mit Getränken und Essen eindecken – tolle
Sache.
Wir erkundeten das Gelände, spürten das erste Kribbeln etwas Besonderem beiwohnen
zu dürfen. Die Atmosphäre war zwar sehr entspannt – dösende Läufer auf der Wiese,
schlendernde Läufer in der Halle – aber es war spürbar, das etwas Großes erwartet
wurde.
Dann traff ich in der Curlinghalle ein bekanntes Gesicht: ein Mitstreiter des 50 km Laufs in
Eschollbrücken. Nach wenigen Worten war klar, dass er aus dem Odenwald kommt. Er tritt
dieses Jahr bereits zum fünften Mal in Biel an und hat mich etwas beruhigt. Danke dafür!
Meine Nervosität stieg nämlich langsam an.
Die Schlange an der Startnummernausgabe war zwar lang, es ging aber trotzdem recht
schnell und ich genoß jede Minute in der Eishalle. Diese Atmosphäre war besonders. Klar
- in Köln war es lauter und witziger. Aber hier waren nur genauso Verrückte wie ich
unterwegs. Hier fragt keiner „Warum machst Du das eigentlich?“ oder richtig schlimm:
„Gesund ist das aber nicht, oder?“ (Zum Mond fliegen ist auch nicht gesund!!!).
Hier stehen Frauen und Männer in der Schlange, die den lebendigen Beweis darstellen,
dass Ultramarathonlaufen nicht zwangsläufig zu Invalidität und frühem Herztod führen
muss. Wie gesagt - der älteste Finisher(!) ist 81 Jahre alt!
Man versteht sich und nickt sich schon vor dem Rennen anerkennend zu. Auch ich als
Neuling werde zwar erkannt, aber akzeptiert. Viele tragen die Finishershirts der
vergangenen Jahre. Gerne auch Finishershirts vom Swiss Alpin Lauf – K78 natürlich.
Vor dem obligatorischen Teller Spaghetti im Festzelt habe ich mich bereits mit
Studentenfutter und Rieglen voll gestopft. Ich ahnte schon, dass die Nudeln zuviel werden
würden, aber wer will schon nachts mitten in der Schweiz verhungern? Also rein damit.
Danach hatte ich die richtige Bettschwere und hoffte mein Magen würde das schon in den
Griff kriegen.
Nach einem kurzen Nickerchen im Mutterschiff machten wir uns daran das Fahrrad fertig
zu machen. Die Velos dürfen die ersten 22 km nicht mitfahren, da hier das Läuferfeld noch
zu dicht ist. Sie werden von der Polizei auf einer anderen Route nach Lyss eskortiert, wo
sie auf die Läufer warten. Ich verabschiedete mich also um etwa 21:30 Uhr von Katja und
machte mich auf den Weg zum Startbereich. Das Wetter war stabil geblieben: bedeckt,
windig aber trocken. Es sah aber auch irgendwie so aus, als könnte es jederzeit ein
Gewitter geben. Ich habe mich dennoch nur für ein kurzes Shirt entschieden, hatte aber
meine Kappe auf, die bei Regen das Gesicht regenfrei hält.

Der Start
Die Atmosphäre am Start war unbeschreiblich. Es war bereits dunkel und die Laternen
tauchten alles in ein orangenes Licht. Es roch nach Franzbranntwein und Nervosität. Es
wurde nicht viel geredet. Mir schien es als wollte jeder diesen heiligen Moment aufnehmen
und festhalten. Jetzt gilt es – körperlich kann man nichts mehr machen – aber psychisch.
Konzentration auf das was kommen wird. Für mich noch unvorstellbar 100 km durch die
Nacht zu laufen. Was kommt auf mich zu? Freude und Angst zugleich.
Dann ist es soweit. Dieses Jahr auf französisch: cinq– quatre – trois – deux – un –
BOOOOM! Darauf war ich nicht vorbereitet. Eine Startpistole kann zuweilen recht laut
sein, aber meist stehe ich nicht soweit vorne. Die Schweizer nehmen aber keine Pistole,
sondern eine Kanone! Mit einem kapitalem Hörsturz mache ich mich auf den ersten von
100 Kilometern. Vorbei an Footballspielern, die uns vor den Verkehrsinseln schützen
sollen und gut Stimmung machen.
Jetzt bin ich wirklich dabei – auf den legendären 100 km von Biel in der Nacht der Nächte.
Unglaublich! Ich bekomme Gänsehaut und empfinde unbegrenzte Dankbarkeit und großen
Stolz hier dabei sein zu dürfen.

Die ersten Kilometer in Biel
Eine Szenerie, die an Mannheim am Ende erinnert. Eine Stadt in der Nacht mit Musik und
vielen Zuschauern. Der Unterschied sind die „hop, hop“-Rufe und die spürbare
Bewunderung - oder besser nur Wunderung - über diese Verrückten. Es hat ein wenig was
von einer Freakshow. Aber die Stimmung ist fantastisch.

Die Dunkelheit
Dann auf einen Schlag wird es dunkel. Der Schimmer der Stadt erhellt noch ein wenig den
Weg. Vom Himmel her ist nicht viel zu erwarten – Neumond und Wolken. Vereinzelt
schalten die Ersten ihre Stirnlampe an. Darüber beschweren sich einige Mitläufer. Mir geht
es ähnlich, wobei ich viel zu positiv motiviert bin um mich über irgend etwas wirklich
aufregen zu können. Ich möchte die Dunkelheit genießen - verbunden mit dem Zwitschern
der Vögel und dem mittlerweile sanften Wind, der die Gerüche der Nacht mit sich trägt.
Dazu das ewige „tapp – tapp – tapp“ der Läufer. So kann es ewig weiter gehen.
Die erste Steigung ist zu bewältigen. In der Gruppe in der ich mich befinde, fängt keiner an
zu gehen. Laufend wird der Anstieg genommen, aber nicht hektisch. Generell befinde ich
mich mit meinem angestrebten 5:50 Minuten/km Schnitt eher im vorderen Feld.
Meine Taktik war es diesen im Training dominierenden Schnitt so lange beizubehalten wie
möglich und an Steigungen nur soweit runter zu gehen wie ich meinen Puls unter Kontrolle
halten konnte.

Aarberg
Dann waren wir kurz vor Aarberg. Aus vielen Laufberichten war mir dieser markante Punkt
bekannt und ich hielt das Fotohandy bereit um zu filmen. Die wunderschöne überdachte
Holzbrücke empfing uns mit einem blauen Teppich und begeisterten Zuschauern. Dann
öffnet sich die Brücke hin zum Marktplatz auf dem einiges los war. Ich spürte wie die
Endorphine flossen und nicht nur die. Wie schon beim Start und noch einige Male später
ergriff mich dieses Gefühl von Stolz und Dankbarkeit und meine Augen blieben nicht
trocken. Dafür hatte ich solange gearbeitet.

Lyss
Wieder raus aus Aarberg ging es über Felder in Richtung Lyss, wo ich schon sehnlichst
Katja erwartet habe. Nicht, dass ich etwas aus den Taschen gebraucht hätte. Ich wollte
einfach mit ihr gemeinsam das Alles erleben und war schon jetzt sehr froh, dass sie mich
begleitet hat.
Dann war es soweit. Die Velos standen beidseitig an der Straße und musterten
aufmerksam jeden Läufer. Wir hatten ausgemacht, dass Katja in Laufrichtung links stehen
würde und hatten uns farbige Leuchstäbe angehängt um uns erkennen zu können. Aber
zum Einen hatte ich meinen Stab bereits kurz nach dem Start verloren und zum Anderen
war es durch die Laternen in Lyss hell genug um sich erkennen zu können. So haben wir
uns auch gleich gefunden.
Aber dann... . Hier der erste ausdrückliche Tipp für Alle, die auch vorhaben Biel mit
Velobegleitung anzugehen: Trefft Euch nach dem folgenden Anstieg! Direkt in Lyss beginnt
ein mörderischer, langer Anstieg, der auch einen geübten Radfahrer mit vollen
Packtaschen schnell an die Grenzen bringt! Ergebnis war, dass Katja und ich uns erst
nach etwa 10 Minuten wieder getroffen hatten. Ein Läufer ist nun mal schneller, wenn es
richtig steil wird.
Aber dann ging es gemeinsam weiter und wir berichteten uns gegenseitig von dem bislang
Erlebtem. Katja hatte eine andere Velobegleiterin aus Zürich kennengelernt, die wir aber
leider nicht mehr getroffen haben. Und einem anderen Velofahrer ist in Lyss die Kette
gerissen! Unvorstellbar... . Hoffentlich passiert an Katja's Fahrrad nichts.
Die folgenden 23 Kilometer liefen wunderbar. Ich hielt meinen 5:50 Schnitt trotz einiger
Anstiege bei, was vielleicht etwas zu schnell war.

Eine Bieler Besonderheit sind die Menschen in den kleinen Ortschaften und Höfen die
auch jetzt noch und noch viel später draußen sitzen und jeden Läufer anfeuern. Oft mit
einem kleinen Feuer dabei und auch Musik. Das tut wirklich gut.
Die Velos haben mich wenig gestört. Fast Alle haben sich sehr rücksichtsvoll und
vorsichtig verhalten und ich war dankbar für die gute Ausleuchtung der Strecke trotz der
guten Stirnlampe. Die Velobegleitung ist viel diskutiert. Sie ist meines Wissens nach
einmalig in Biel und macht vielleicht auch ein wenig das Besondere aus. Doch mehr als
momentan sollten es nicht sein – ich schätze mal 40% der 100km-Läufer hatte einen
Velobegleiter.
Zu den 100km-Läufern kamen jetzt auch die später startenden Marathon- und
Stafettenläufer hinzu. Dies brachte ein weinig Unruhe in das Feld. Sehr gut sind die neben
der Startnummer von diesen Läufern zu tragenden Rückenschilder mit der Beschriftung
„Marathon“ oder „Stafette“. Dies läßt uns 100km-Läufern die Gewissheit, keine Plätze zu
verlieren oder viel zu langsam unterwegs zu sein, wenn sie an uns vorbei fliegen.
Dann kam die Rechnung für die etwas flott angegangenen Steigungen. Ab der
Marathondistanz hat der Läufer mit der Umstellung des Körpers auf reine Fettverbrennung
zu kämpfen, sobald die Glykogenspeicher erschöpft sind. Dieser Moment wird auch oft als
„der Mann mit dem Hammer“ oder „die unsichtbare Wand“ bezeichnet. Auf einmal kann
man mit der gleichen Anstrengung nur noch deutlich langsamer laufen.
Durch mein bisheriges Training konnte ich diese Schwelle von etwa 30km auf 45km
steigern, aber das reicht natürlich nicht in Biel. Zudem wirkt sich diese Umstellung auch
nur extrem aus, wenn man zuvor zu flott war und/oder zu wenig Verpflegung zu sich
genommen hat oder auch sich gerade in der üblichen Zeit der Tiefschlafphase befindet.
Wie auch immer – bei 45 km war es so weit. Es ging mühsamer voran, aber es ging.
Bis Kirchberg bei km 56 zog sich diese Phase hin. Da war mir klar, dass die von mir
insgeheim angestrebte Traumzielzeit von unter 10 Stunden nicht zu schaffen war.
Nach kurzer Trauer darüber war mir schnell klar, dass dies auch beim ersten Mal etwas
viel verlangt wäre. Zudem waren die Steigungen doch um einiges anstrengender als es
das Höhenprofil zuvor vermuten ließ.

In Kirchberg war großer Bahnhof. Neben dem unspektakulärsten Marathonziel der Welt
gibt es hier eine große Verpflegungs- und Sanitätsstation. Wie bei allen Stationen zuvor
hielt ich mich auch hier nur kurz auf, wechselte aber das Shirt und klopfte mir mit den
flachen Händen auf die Beine um mich aufzuraffen und zu motivieren. Das haben einige
der umstehenden Zuschauer gesehen und mich spontan laut angefeuert. Das gab mir
einen richtigen Kick! Auf einmal lief es wieder.
Hoch motiviert und fit wie beim Start machte ich mich auf den Weg zum Ho-Chi-Minh Pfad.
Wie gesagt – auch wenn man es sich im Moment des Tiefs nicht vorstellen kann. Wenn
man weiter läuft, geht es irgendwann wieder besser. Auf einmal ist die Energie zurück und
man kann so schnell laufen wie vorher.
Der Ho-Chi-Minh Pfad ist eigentlich der Emmendamm - ein Stück der Strecke auf dem die
Velos die Läufer nicht begleiten dürfen, da es die Wegverhältnisse einfach nicht zulassen.
Auf dem größten Teil geht es einen schmalen Pfad entlang durch den Wald, auf dem
Steine und Wurzeln, teilwiese wie absichtlich durch Gras getarnt,den Läufer zu Fall
bringen wollen. Insbesondere diejenigen, welche so flott sind und hier noch in der
Dunkelheit laufen müssen.
„F..K!“ - trotz Stirnlampe hat es mich erwischt. Ziemlich genau am Anfang sogar. Ich liege
der Nase nach da, nachdem ich mich trotz der Müdigkeit und Erschöpfung einigermaßen
elegant abrollen konnte. Lediglich das Handgelenk hatte ich mir ein wenig gestaucht.
Weiter geht es. Und zwar unglaublich gut sogar. Im 5:40er Schnitt über den Pfad. Ich liebe
solche engen Pfade – da macht das schnelle Laufen erst richtig Spaß.
Diese hohe Pace konnte ich dann auch noch einige Kilometer nach dem Emmendamm
und der Wiedervereinigung mit Katja halten. Aber etwa bei Kilometer 70 kam der nächste
Einbruch. Nun mag jemand sagen „wärst Du halt nicht so schnell gelaufen...“ . Ich bin mir
da nicht so sicher. Bei der Strecke und den Steigungen ist es mit den normalen
Zusammenhängen nicht mehr so einfach. Ich habe eben gegeben, was in dem Moment
ging. Aber wie gesagt – sicher bin ich mir nicht ob das richtig war.
Dieser Einbruch war auch weitaus härter als der erste. Hinzu kommt, dass es ab hier auch
stetig bergauf ging, was ich aber erst später am Streckenprofil gesehen habe. Ich konnte
mir mal wieder nicht vorstellen, dass es nochmal besser gehen sollte, war mir aber in
diesem Moment schon sicher, dass ich finishen werde und sei es auch in 16 Stunden!

Dann kam Bibern. Ich muss schrecklich ausgesehen haben. Der nette Helfer am
Verpflegungsstand sah mich an und zeigte hinter mich: „Silvan, da kannst Du Dich
massieren lassen!“ Natürlich kannte er mich nicht, aber die Vornamen sind ja auf den
Startnummern abgedruckt. Trotzdem irritiert es Einen schon ewtas. Ich konnte nicht
widersprechen und setzte mich auf eine Bank um von einem Masseur die Beine
durchgeknetet zu bekommen. Katja sah mich nur da Sitzen und dachte schon ich würde
mir ein WM-Spiel im Fernsehen anschauen wollen.
Dann stand ich auf und fühlte mich wirklich deutlich besser. Bis ich nach vorne schaute.
Direkt nach Bibern ging die Straße steil bergauf. So steil, dass sogar die frischen
Stafettenläufer in einen schnellen Gehschritt verfielen.
Oben an der Höhe angekommen hat Katja auf mich eingeredet. „Lauf wieder!“ – „Du
kannst das auch schneller!“ – „Um so schneller Du läufst, desto schneller ist es vorbei!“
Immer nur schneller, schneller, schneller ...
Dann habe ich es einfach getan – schneller laufen. Aus reinem Trotz bin ich schneller
gelaufen. Und es ging! Das hat mich selbst überrascht und ich bekam ein richtiges
Runner's High. Die anderen Läufer flogen an mir vorbei und ich war so schnell wie nie im
Rennen zuvor – okay es ging auch etwas mehr bergab. Ich hatte ständig Tränen in den
Augen. Jetzt wurde mir bewußt, dass ich es schaffen werde! Biel zu finishen in unter 11
Stunden!
Nichts konnte mich mehr aufhalten – das Tempo halte ich – es sind nur noch 20 Kilometer.
Ein lächerlicher Halbmarathon! Sowas machst Du an einem normalen Wochentag nach 10
Stunden Büro!
Aber eben nicht, wenn man schon über 80 Kilometer in den Beinen hat, Herr Basten...
Bei Kilometer 88 wurde es dann kontinuierlich langsamer. Ab Kilometer 94 wurde es zur
Qual. Ich verfiel immer wieder ins Gehen. Der Sieg war mir anscheinend zu gewiss. Ich
wusste, dass ich unter 11 Stunden finishen würde und mein innerer Schweinehund hat es
überhaupt nicht einsehen wollen, jetzt noch Schmerzen zuzulassen nur um ein paar
Minuten raus zu holen. Natürlich überholten mich einige Läufer, aber das war mir jetzt
egal.

Dann kamen die Schilder der letzten Kilometer und wir machten das Foto an dem
legendären 99km Schild.
Ab hier lief ich alleine weiter, da die Velos im Zielkanal sowieso getrennt werden.
Nach 10 Stunden und 45 Minuten bin ich schließlich überglücklich im Ziel angekommen.
Ein wenig erschöpft war ich ja schon. Ehrlich gesagt war ich kurz vorm Umkippen. Ich
habe meine Grenze erreicht – für heute.
Biel war und ist das größte Abenteuer in meinem Leben und ich kann es immer noch nicht
richtig fassen, dass ich es geschafft habe.
Vielleicht ist es jetzt etwas klarer, was Verrückte wie mich dazu treibt diese Dinge zu tun –
vielleicht auch nicht. Ich weiß nur eins – das war nicht das letzte Mal Biel für mich.
Vielleicht werde ich auch einmal mit 81 Jahren hier finishen? Das wäre dann Biel 2057.
Schaun mer mal.

Biel 2010 Ergebnisse 100 km Lauf:
Starter gesamt: 1746
Finisher: 1260
DNF:486
Rang Silvan Basten mit 10:45h:
Gesamtwertung Männer:
Rang 231von 1059
Altersklasse M30:
Rang 21 von 59

© Silvan Basten, 24.06.2010

Weitere Info's und Berichte zum Lauf:


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